Pornland – wie die Pornoindustrie uns unserer Sexualität beraubt

Buchcover: Pornland

Gail Dines: Pornland - Wie die Pornoindustrie uns unserer Sexualität beraubt, VAT Verlag André Thiele, 2014

Gail Dines aufrüttelndes Buch “Pornland- wie die Pornoindustrie uns unserer Sexualität beraubt” ist in diesem Sommer auch auf Deutsch erschienen. Das Buch ist eine Pflichtlektüre für jeden, der sich kritisch mit Pornos beschäftigt. In acht Kapiteln setzt sich Gail Dines darin mit dem Einfluss der Pornoindustrie auf unseren Alltag auseinander. Mit klaren Worten beschreibt sie den Weg der fortschreitenden, subtilen Grenzüberschreitungen vom Playboy der 50er Jahre bis zum Hardcore-Gonzo-Porno der Gegenwart und zeigt dabei auf, wie die Frauen in den Pornos in immer drastischeren Schritten ihrer Menschlichkeit beraubt wurden und Sexualität mit Gewalt verknüpft wurde.

Dazu werden die Darstellerinnen konsequent als “Schlampen” oder “Fickstücke” degradiert, so dass der Pornokonsument kein Mitgefühl mehr für sie empfindet. Sie verdienen, was ihnen im Porno angetan wird, sie wollen es sogar, weil es ihnen Lust bereitet, gewürgt, dreifach penetriert und beschimpft zu werden. Das ist die große Erzählung des Porno, die an Frauenverachtung nicht zu überbieten ist. Frauen werden zu “Huren”, die eine Vergewaltigung genießen.

Gail Dines erklärt, dass die Gewalttätigkeit im Porno nichts mit einer generellen sadistischen Veranlagung von Männern zu tun hat, sondern dass die Sozialisation im Patriarchat Männer zu “Johns” – zu Sexkäufern macht, die die eigene Befriedigung auf Kosten anderer als selbstverständlich betrachten. Mit genau dieser Überzeugung lässt sich nämlich Geld verdienen- für eine 90 Milliarden Dollar Branche. Ein weiterer Clou der Pornobranche war, durch die Anleihen der Popkultur bei der Pornografie diese zu normalisieren. Wir alle sind permanent mit pornifizierten Bildern konfrontiert, die uns das Erschreckende am Porno nicht mehr sehen lassen.  Tatsächlich sind Pornos vorhersehbar und monoton. Den Nutzern kann nur wenig Neues geboten werden. Die fortschreitende Entwürdigung der Frauen ist der einzige Thrill, den die Pornobranche beisteuern kann – an den Kommentaren auf den Pornoportalen lässt sich das gut ablesen. Dort wird es regelrecht gefeiert, wenn man der Darstellerin ansieht, dass sie leidet oder Schmerzen hat oder solange mit einem Penis gewürgt wurde, bis sie ihr Mittagessen wieder von sich gegeben hat. Gail Dines hat mit Produzenten und Darstellern gesprochen, sie lässt den Hardcore Darsteller Max Hardcore zu Wort kommen, der sich seiner besonders sadistischen Techniken rühmt. Die Beliebtheit von Analverkehr im Porno erklärt sich aus der Gewalt und Überwältigung, die dieser im Porno für die Darstellerinnen bedeutet – die man ihnen auch unmittelbar ansieht.

Gerne wird behauptet, der Porno sei nur Fiktion und habe mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Gail Dines schreibt dazu:

Pornos, wie alle anderen Bilder auch, erzählen eine Geschichte über die Welt, aber diese Geschichten sind sehr intimer Natur, da sie von Sexualität und sexuellen Beziehungen handeln. Wenn Männer sich der Pornografie zuwenden, um sexuell erregt zu werden und einen Orgasmus zu bekommen, geben sie wesentlich mehr als nur eine Ejakulation, denn die vermittelten Geschichten sickern bis in den tiefesten Kern ihrer sexuellen Identität.” Und weiter: “In einer Welt, die von Frauen bevölkert wird, die roboterartige “Schlampen” , und von Männern, die roboterartige Hengste sind, wird der Sex vorhersehbar frei von Intimität. Pornosex handelt nicht davon, Liebe zu machen, da die Gefühle und Emotionen, die wir normalerweise mit einem solchen Akt assoziieren – Verbindung, Empathie, Sanftheit, Fürsorge, Zuneigung -, ersetzt werden durch solche, die eher mit Hass verbunden sind – Angst, Ekel, Wut, Abscheu und Verachtung. In Pornos macht der Mann Hass mit der Frau, jeder sexuelle Akt ist kreiert worden, um ein Maximum an Erniedrigung zu zeigen.

Bei aller Kritik und Wortkraft verliert Gail Dines nie den persönlichen Zugang zu dem, was sie am Porno kritisiert – und verleiht den Bildern so das angemessene Entsetzen. Die von ihr angeführten Beispiele machen beim Lesen sprachlos.

So liest man zum Beispiel auf einer Seite, die zu Deutsch “Anale Leiden” heißt:

Jede Woche bringen wir euch eine neue leidende Schlampe. Schwach, zerstört, mit analen Schmerzen gequält und direkt in ihren Arsch gefickt. Und ihr werdet die Ehre haben, ihr zuzu sehen.

Kann das wirklich noch als “Spaß” verstanden werden, wenn jemand aus solchen Beschreibungen Lust gewinnt? Inzwischen gibt es zahlreiche Studien, die belegen, dass regelmäßiger Pornokonsum zu sinkender Empathiefähigkeit führt. Erschreckend wird es, wenn Gail Dines den Zusammenhang von Pornos, Kinderpornografie und sexualisierter Gewalt an Kindern aufzeigt: Teensex ist besonders beliebt, hier handelt es sich meist um Darstellerinnen, die bereits 18 sind, aber deutlich jünger aussehen. Auch Pornos mit computeranimierten Kindern sind in den USA erlaubt. Es ist die Suche nach dem immer neuen Kick, die schließlich dazu führt, dass sich auch Nicht-Pädophile irgendwann für Sex mit Kindern interessieren – durchschnittlich liegt die Spanne zwischen dem ersten Download von kinderpornografischem Material und dem Übergriff auf ein Kind bei einem Jahr. Sex mit Tieren, sadistische Folterszenen inklusive Waterboarding bis zur Verstümmelung sind inzwischen Normalität.

Deutlich zeigt Gail Dines auch den unwidersprochenen Rassismus der Pornobranche auf, der eigene Erzählungen von der unterwürfigen, “engen” asiatischen Frau und dem angeblich sexuell überaktiven schwarzen Mann wieder und wieder reproduziert. “Interracial” bedeutet eine zusätzliche, weil rassistische Erniedrigung der Darstellerinnen.

Die Pornobranche hat eine Hypersexualisierung unserer Kultur bewirkt. Sexy zu sein ist für viele Frauen der einzige Weg, überhaupt wahrgenommen zu werden – Musikstars machen es vor. Dabei reinszenieren sie die Geschichten der Pornobranche – Frauen sind immer willig, immer verfügbar, ihre Körper sind nach Pornomaßstäben getrimmt, aufgepumpt und enthaart. Die Pornifizierung verändert unser Bild von uns und unserer Sexualität. Junge Männer wollen im Bett mit ihren Freundinnen das nachspielen, was sie im Porno sehen, sie wachsen mit Pornografie auf und werden durch sie sexualisiert. Da ist kein Platz mehr für eigenes Entdecken. Junge Frauen bewerten ihr Aussehen nach den Maßstäben der Pornobranche, ihr Gefallen beim anderen Geschlecht bemisst sich an ihrem Umgang mit Sex – am besten ohne jede Verbindlichkeit, “dirty” und tabulos wie im Porno. Persönliche Beziehungen und emotionale Bindungen geraten dabei ins Hintertreffen – mit drastischen Folgen für die Frauen. Denn es ist gerade die Pornokultur, die dafür sorgt, dass diese Art von Sexualität sie nicht zu gleichberechtigten Sexualpartnern macht, sondern nur zu den “willigen Schlampen” aus dem Porno.

Solange wir Pornografie haben, werden wir nie als vollständige menschliche Wesen angesehen werden, die alle Rechte verdienen, die Männer haben,

schließt Gail Dines in ihrem Fazit und ruft zu einer breiten, gesamtgesellschaftlichen Bewegung gegen den Porno und seine Porno-Monokultur auf. Ein Buch, das die Augen öffnet und den Blick frei macht auf die zerstörerische Kraft des Pornos auf unsere Gesellschaft.

Gail Dines ist die Initiatorin der Stop Porn Culture Bewegung, die auch einen Ableger in Deutschland hat.

Gail Dines: “Pornland – Wie die Pornoindustrie uns unserer Sexualität beraubt”, erschienen im VAT Verlag 2014 ist erhältlich bei Fembooks.

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