Porno im Web 2.0

Im Jahr 2010 hat die niedersächische Landesmedienanstalt (NLM) eine Studie in Auftrag gegeben, um herauszufinden, welchen Einfluss pornografische Inhalte und ihre Verfügbarkeit auf Jugendliche haben. Unterstützt wurde sie dabei vom Bayrischen Landeszentrale für Neue Medien (BLM).

Auf Platz vier der häufigsten Suchanfragen von Kindern liegt “Sex”, auf dem sechsten Platz “Porn”. Untersuchungen zeigen, dass sie über die Bild- und Videosuche von gängigen Suchmaschinen auf diese Weise sehr schnell an frei verfügbares pornografisches Material gelangen, das nicht für Kinder bestimmt ist. Für die Studie “Porno im Web 2.0” wurden 35 Jugendliche im Alter von 13 bis 19 Jahren zu ihrem Pornokonsum und dessen Auswirkungen befragt.

Die befragten wurden in verschiedene Gruppen eingeteilt. Es zeigte sich, dass es unter den Jugendlichen, auch unter denen, die Pornografie explizit ablehnten, keine gab, die nicht bereits trotzdem mit Pornografie in Verbindung gekommen sind. Darüber hinaus wurde eine ganze Gruppe von Experten zu Jugendlichen und Pornokonsum befragt.

Vorangegangene Studien

In Deutschland gibt es nur sehr wenige Langzeitstudien, die die Wirkung von Pornografie untersuchen – und keine, die sich mit der Wirkung auf Jugendliche und Kinder beschäftigt. 1990 zeigte eine Studie mit 6000 Erwachsenen, dass die Annahme, dass bei anhaltendem Pornokonsum der Wunsch nach immer härterem Material entsteht, weil ein Gewöhnungsprozess = Habituation eintritt, nicht auf jeden Pornokonsumenten zutrifft, allerdings bei vielen tatsächlich eine Gewöhnungsspirale in Gang gesetzt wird. Je früher Jugendliche mit Pornos in Kontakt treten, um so intensiver ist die Nutzung auch im Erwachsenenalter. Klar zeigte allerdings eine andere Studie, dass Pornokonsum bei Männern zu einer frauenfeindlichen Haltung und der Relativierung von Vergewaltigungen führt.  Nicht bei allen Männern führt Pornokonsum zu einem Anstieg von zu vor nicht existierenden Aggressionen – allerdings steigert Pornokonsum Aggressionen, wenn diese bereits vorher vorhanden waren.
Eine Umfrage aus dem Jahr 2008 zeigt, dass die Hälfte aller 16-19jährigen Jungen regelmäßig Pornos konsumiere. Mädchen geraten häufiger ungeplant in die Situation, einen Porno anzusehen. Pornokonsum gilt unter Jugendlichen als “cool”, wer ihn ablehnt, wird als “verklemmt” bezeichnet. Befragungen zeigen, dass Jugendliche, die regelmäßig Pornos konsumieren, früher Sex haben. Große Beliebtheit erfreut sich das Sexting – das Versenden von Nacktbildern über Whatsapp und soziale Netzwerke.

Porno im Web 2.0

Die Studie “Porno im Web 2.0”  zeigte, dass alle Jugendliche Seiten wie youporn und andere Pornokanäle kannten und benennen konnten.  Pornokonsum wird als “normal” betrachtet, auch wenn ihn einzelne Jugendliche ablehnen, zum Beispiel, weil sie aus einem streng christlichen Hintergrund stammen. Als Grund für das Ansehen wurde von allen zunächst eigener Erregungsgewinn genannt, aber auch Interesse an Sex und Wissen darüber, also, dass die Jugendlichen durch Pornos etwas über Sex lernen. Videos mit sexuellen Inhalten, auch extremen, werden auf die Smartphones geladen und in der Schule und im Freundeskreis herumgezeigt, als eine Art Gag oder Mutprobe, die zu mehr Ansehen führt. Das hat mit sexueller Lustgewinnung zunächst nichts zu tun, sondern hier geht es darum, mit Pornomaterial den Status in der Gruppe zu verbessern. Die Jugendlichen berichten, wenn sie aus Versehen in Kontakt mit extremen Hardcore-Matieral mit Gewalt oder Sex mit Tieren geraten – Inhalte, die alle zum Beispiel vom Herumschicken kannten – von einer Traumatisierung. Einige erklären deutlich, dass sie wissen, dass der Pornokonsum sie verändert hat und dass sie wünschen, sie wären nicht so früh (zwischen 10 und 12) damit in Berührung gekommen. Durchgehend positiv berwerteten die Jungen “Porno-Rap” – dessen frauenverachtende Inhalte nur ein “Stilmittel” seien und nicht wirklich so gemeint seien. Allen Jugendlichen war bewusst, dass Pornografie keine Abbildung der Realität ist. Eine schädliche Wirkung vermuteten viele – so fanden sie Forderung, solche Inhalte strikt nur ab 18 zugänglich zu machen, gut.

Guter Ruf oder doch eine Schlampe?

Die Mädchen standen dem Pornokonsum deutlich kritischer gegenüber – Mädchen, die Pornos konsumieren oder sogar selbst welche drehen, sind für sie eindeutig “Schlampen” – also Mädchen mit einem schlechten Ruf, mit denen sie sich nicht gemein machen wollten. Viele erklärten, dass sie Pornos eklig fanden. Andere “tolerierten” ihn oder zeigten eigenes Interesse, das aber nicht so ausgeprägt und selbstverständlich ist wie bei den Jungen. Porno-Rap kannten die Mädchen zwar, kritisierten die frauenfeindlichen Inhalte aber sehr viel deutlicher als die Jungen, waren aber auch der Meinung, dass das nur “Show” ist, und man die Musik unabhängig davon gut finden kann.
Die Mädchen erklärten außerdem, dass sie es gut fanden, so früh in der Schule Sexualunterricht zu haben, da dieser ihnen geholfen habe, die oft für sie verstörenden und verwirrenden Pornobilder einzuordnen und zu verstehen. Die Interviews mit den Jugendlichen zeigten, dass diese kaum über eigene sexuelle Erfahrungen verfügten, dank des Pornokonsum aber ein großes “Theoriewissen” hatten.

Expertenmeinung

Die befragten Experten – Sexualpädagogen, Psychologen usw. – waren sich einig darin, dass Jugendliche zwischen Porno und Realität unterscheiden konnten, allerdings äußerten fast alle Bedenken, ob diese Trennung dauerhaft aufrecht erhalten werden kann.
Es zeigte sich, dass viele Jugendliche, noch bevor sie eigene sexuell Erfahrungen machen, durch Pornos lernten oder zu lernen hoffen, wie man Sex hat – was ihnen den Raum für eigene Experimente nimmt.  Der Zeitpunkt für den ersten Sex hat sich seit den 70er Jahren nur minimal nach unten verschoben – allerdings ist der Einfluss des pornografischen Pornoideals auf Jugendliche unübersehbar: Genitalrasur, große Brüste usw. spielen eine wichtige Rolle auch bei Jugendlichen. Die Experten waren sich auch darüber einig, dass Pornokonsum das Verhalten und die Einschätzung von Jugendlichen verändern konnte. Die Studie zeigte außerdem, dass viele Jugendliche die Gefahr, die zum Beispiel durch das Sexting entsteht, als viel zu gering einschätzen. Hier wäre dringend mehr Aufklärungsarbeit über die Risiken und Folgen notwendig.

Wichtige Studie

“Porno im Web 2.0” ist für alle Eltern, Lehrer und sonstigen Menschen im Umgang mit Jugendlichen eine höchst lesenswerte und wichtige Studie, die Innenansichten zum Pornokonsum mit Jugendlichen vermittelt und diese mit den Erkenntnissen von Experten und Forschern abgleicht. Dabei zeigt sich, dass Pornokonsum und die Reproduzierung von pornografischen Bildern im “Porno-Rap” für alle Jugendlichen als selbstverständlich angesehen wird und dass alle Jugendlichen Zugang und Wissen zu und über Hardcore-Pornografie haben – sogar zu Inhalten, die sie traumatisieren oder unangenehm berühren.
Mädchen reagieren auf Pornografie mit einer strikten Trennung von “Schlampen” und “anständigen Mädchen” – wer sich zu letzteren zählen will, hat mit Pornos und Sex möglichst wenig zu tun, während bei den Jungen Pornomaterial auf dem Handy ein gewisses “Draufgängertum” zeigt. Über die problematischen Folgen – Missbrauch, Kinderpornografie, Illegalität – sind sich die Jugendlichen wenn überhaupt nur am Rande im Klaren. Die freie Verfügbarkeit von pornografischen Inhalten im Internet hat den Umgang von Jugendlichen mit Pornografie deutlich verändert. Viele von ihnen kommen noch vor der Sexualaufklärung mit ihm in Kontakt oder kommen auch ungewollt mit Inhalten in Kontakt, die sie gar nicht sehen wollen. Alle erklären zwar, dass sie wissen, dass Pornos nicht die Realität darstellen – als zweitwichtigster Grund neben der eigenen Erregbarkeit wird allerdings Wissensdrang rund um Sex angegeben, so dass Pornos sehr wohl als Vorbilder für eigene Erfahrungen herangezogen werden.
Wer Pornos und ihren Einfluss auf Gesellschaft und Jugendliche kritisieren oder beurteilen will, dem ist mit “Porno im Web 2.0” gutes wissenschaftliches und aktuelles Material an die Hand gegeben, mit zahlreichen Verweisen auf andere Studien und einem langen Literaturanhang. Dadurch, dass viele der Interviews in dem Buch abgedruckt wurden, bekommt man einen guten Zugang zur Lebenswelt der Jugendlichen und ihrer Selbstwahrnehmung. Klar wird auch, dass das Thema noch nicht einmal ansatzweise erschöpfen behandelt wurde.

Petra Grimm, Stefanie Rhein und Michael Müller: Porno im Web 2.0. Die Bedeutung sexualisierter Web-Inhalte in der Lebenswelt von Jugendlichen Vistas, 2011

2 Kommentare

  1. Ich bin sicher, dass Pornographie und der frühe Konsum von Pornos zu der Objektivierung von Mädchen, Frauen aber auch Sex beigetragen hat. In meinen Augen tötet es den gegenseitigen Respekt zwischen den Geschlechtern, aber auch die Sinnlichkeit und letztendlich die Erotik, wenn man Erotik weiter fasst als wie bekannt reine Sexualität. Erotik ist eine starke Liebes- und Lebenskraft, die eben gerade nicht auf das mechanistische und lieblose “Ficken” oder Rein-Raus beschränkt ist. Wo lernen denn die Jugendlichen, wie man mit dem andern Geschlecht umgeht, wenn sie alles nur aus Pornos haben? Auf alle Fälle ist es eine grässlich Abstumpfung aller Sinne, und ich denke auch, dass diese Fixierung auf Jugendlichkeit und die Verweigerung zur Reifung in der Gesellschaft zu einem nicht unerheblichen Teil auf genau diesen Pornokonsum zurückzuführen ist. Sex und Liebe sollte viel mehr beinhalten, als diese pubertäre Sex- und Porno-Manie, der ja auch erwachsene Männer frönen. Kein Wunder mutet die Gesellschaft so oberflächlich-infantil an.

  2. Ich beziehe ich auf den Kommentar über mir:
    Da sind wir Eltern gefragt und gefordert- vor allem den Mut zu haben genau über dieses Thema mit den Kids zu sprechen.
    Vorleben und offen drüber sprechen. Drauf ansprechen, und gerne auch mal von Mutter zu Sohn aus Frauensicht! Und umgekehrt.
    Diese Verantwortung haben WIR als Eltern, wenn wir eine andere, vielleicht komplementäre Sichtweise zum Thema Sex und Liebe in unserer Gesellschaft aufbauen wollen.
    Z.B. hab ich meinem Sohn klipp und klar gesagt, dass das was er da sieht, Fake, Zwang, Geldgeschäft ist, je schlimmer desto besser die Bezahlung bzw je höher der Zwang. Dass *n*l KEIN Standard ist für einen Teenager. Dass er bei seinen ersten Versuchen vor Aufregung durchaus zu früh kommen könnte. Die Dauerständer nicht normal sondern geschnitten bzw durch V**g** gepimpt werden. Und dass echter lustvoller Sex gelernt werden wird….dass es eine Entwicklung im Leben gibt.
    Und: ihm fiel selbst auf, dass seine Kumpels niemals mit den Eltern darüber reden. Dass er damit alleine auf weiter Flur steht- keiner redet drüber aber überall sehen wir sexualisierte Werbung.
    Schärft die Sinne Eurer Kinder!

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