Wenn schon Kritik an ProstitutionsgegnerInnen – dann schon richtig – oder: Lasst euch doch mal was Neues einfallen

Zuganstüren in einem Bordell

By Usien (Own work) [GFDL or CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Dieser Tage geht es rund um die Frage zur Prostitution hoch her. Die Regierung aus CDU/SPD streitet um eine Neuregelung des Prostitutionsgesetz, doch schon jetzt macht die SPD deutlich, dass mit ihr nicht viele Veränderungen drin sein werden. Sie stellt sich quer beim Mindestalter für den Einstieg in die Prostitution sowie die Bestrafung von Freiern, die zu Zwangsprostituierten gehen. Immerhin, so heißt es aus SPD-Kreisen, habe die Erfahrung gezeigt, dass Freier oft mithelfen, um Zwangsprostituierten zu helfen.

An dieser Stelle sei nur kurz hinzugefügt, dass die Freier sich erst melden, nachdem sie sich an der Frau vergangen haben und dass es ihre Nachfrage ist, die Zwangsprostitution überhaupt notwendig macht. Vielleicht arbeiten wir demnächst auch unter Straffreiheit mit Liebhabern von Kinderpornografie zusammen – denn die kennen sich ja aus und können die Ermittler zu den Quellen führen.

Begleitet wird diese Possenspiel von neuen Beiträgen auf den bereits bekannten Debattenblogs der Rosa-Luxemburg-Stiftung – die sich Ende Juni zumindest dazu durchringen konnte, den Beitrag der prostitutionskritischen Manuela Schon abzudrucken, sowie die Stellungnahme der “Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt” pro Nordisches Model, und dem unsäglichen Blog der Böll-Stiftung.
Dort werden Klischees, tausendfach entkräftete Argumente und Vorurteile wiedergekaut, so langweilig und durchschaubar, dass man gähnen möchte.

Feministinnen? Böse und sexfeindlich, Hurenhasserinnen aus Überzeugung. Prostituierte? Sexuell befreite Frauen, von denen die Gesellschaft noch etwas lernen kann. Freier? Diskriminierte Randgruppe, die dringend mehr Akzeptanz braucht. So reden wir uns die schöne, neue Sexarbeitswelt schön!


Neoliberaler Neusprech der Grünen oder: Lest doch wenigstens mal, bevor ihr schreibt

Wenn man manche Beiträge dort liest, so kommt die Frage auf, ob die Autorin/der Autor sich überhaupt je mit den Argumenten der Gegenseite auseinandergesetzt hat oder nicht einfach ihren/seinen Sermon in das Netz gibt. Hauptsache Pro Prostituion, dann klappt das auch mit der Veröffentlichung auf dem Böll-Blog – ob fundierte Analyse oder nicht, alles was pro ist, ist willkommen.
So schreibt Gesine Agena in ihrem Beitrag vom 8. Juli 2014:

Politik hat nicht die Aufgabe moralisierend zu entscheiden, was Frauen tun sollen oder nicht. Sie sollte Frauen die Selbstbestimmung über ihren Körper ermöglichen und ihre Rechte stärken.

Nun kann sie natürlich als aufstrebende Grüne-Politikerin gar nicht anders, als den Blödsinn, den ihre Partei da verzapft hat, irgendwie schönreden, doch man will ihr zurufen, sich doch wenigstens mal anzusehen, wen oder war sie da kritisiert.
Die GegnerInnen der Prostitution lehnen diese nicht aus “moralisierenden” Gründen ab, weil sie Prostitution als “sittenwidrig” oder “anstößig” betrachten, sondern weil Prostitution ein Verbrechen an der Menschlichkeit ist.  Erst vor wenigen Tagen gaben die Mitarbeiter des Café Neustart in Berlin der Berliner Zeitung ein erschreckendes Interview zu den Verhältnissen auf dem Straßenstrich am Kurfürstendamm.

Zitat:

Von allen Frauen, die wir hier kennen, machen das ganz ganz wenige freiwillig. Und dann ist auch die Frage, was ist freiwillig? Viele Frauen hier sind Armutsprostituierte, die sich aus einer Not heraus dazu entschieden haben der Prostitution nachzugehen. Aber wenn wir ihnen irgendeine Chance auf etwas anderes bieten können, womit sie Geld verdienen, sind die weg von der Straße.

Und weiter:

Die Polizei hat kaum Möglichkeiten durchzugreifen. Das Krasse dabei ist: Da stehen Frauen auf öffentlichen Straßen, die zur Prostitution gezwungen werden und Tausende fahren vorbei. Das ist ein unmöglicher Zustand. Aber nach der jetzigen Gesetzeslage liegt die ganze Beweislast bei den Frauen. Das Opfer müsste also gegen den Zuhälter aussagen.

Gerhard Schönborn, der Sozialarbeiter des Vereins Neustart, formuliert klar die Ausbeutungsverhältnisse, unter denen Prostitution in seinem Arbeitsbereich stattfindet:

Seit ich hier bin, hat sich die Straße vom fast reinen Drogenstrich gewandelt zu einer Anlaufstelle für osteuropäische Frauen. Armutsprostitution macht heute einen riesigen Teil aus. Die Ausbeutung von Frauen hat massiv zugenommen, gerade in den vergangenen drei Jahren, schlimmer als ich es je befürchtet hätte. Zudem hat sich das Gebiet ausgedehnt. Von der Kurfürstenstraße auf Bülow-, Lützow- und Potsdamer Straße.

Außerdem erklärt er, dass viele “Dienstleistungen” ohne Kondom anbieten, weil sie damit mehr Geld verdienen.

Seine Erfahrungen decken sich mit dem, was Sabine Constabel aus dem La Strada in Stuttgart seit Jahren berichtet:

Hätte man die Realität zugrunde ­gelegt, wäre das Prostitutionsgesetz nie ­verabschiedet worden.

bekräftigt Sabine Constabel.

Aber im Fernsehen sitzen ­Lobby­istinnen oder bezahlte Frauen: Die kriegen 500 Euro dafür, dass sie erzählen, wie geil sie Prostitution finden. Meine Frauen haben weder Kraft noch Zeit, sich in Talkshows zu ­setzen. Die sind damit beschäftigt zu überleben.

ProstitutionsgegnerInnen wird immer vorgeworfen, dass sie nicht mit Prostituierten selbst sprechen würden und außerdem nicht auf diejenigen hören würden, die seit Jahren mit ihnen zusammenarbeiten.

Zum einen gibt es in der abolitionistischen Bewegung genug Überlebende von Prostitution, die sehr drastisch erzählen, was Prostitution ihnen angetan hat und dass die Realität nur wenig mit dem romantisierenden Bild der “Happy Hooker”, der selbstbestimmten, glücklichen Prostituierten gemeinsam hat, zum anderen drücken mit Schönborn und Constabel zwei ExpertInnen, die seit Jahren Frauen in der Prostitution begleiten, aus, was Prostitution für die Betroffenen bedeutet: Ausbeutung, Rechtlosigkeit, Gewalt. Das Prostitutionsgesetz von 2002 war ein Fehler, an dem die Grünen ordentlich mitgebastelt haben und dass sie nun im Nachhinein mit blödsinnigen Pseudo-Diskursen zu rechtfertigen versuchen.

Wer Prostitution aus politischen Gründen kritisiert, ist weder verklemmt, noch sexfeindlich, noch Hurenhasser – sondern schlicht jemand, dessen Gerechtigkeitskompass noch funktioniert – was bei großen Teilen der Grünen sowie der SPD offensichtlich ausfällt.

Niemand, der klaren Verstandes ist, kann die Umstände, unter denen sich Frauen hier prostituieren, mit Selbstbestimmung und “Mein Körper gehört mir” rechtfertigen. Wie sehr können die Frauen denn über sich bestimmen, wenn sie keine Krankenversicherung haben, zum Teil horrende Zimmermieten bezahlen müssen und keinerlei soziale Absicherung kennen? Sie können schon aus existenziellen Ängsten nicht auswählen, welche Freier sie annehmen und die Preise selbst bestimmen schon gar nicht.

In Hamburg gibt es Häuser, wo die Frauen für eine “Entsaftung” 7,50 Eur bekommen. Das ist also Selbstbestimmung über den eigenen Körper? Der Aspekt der immer noch existierenden Zuhälter ist hier außen vor gelassen – es sei nur der Vollständigkeit halber noch einmal darauf hingewiesen, dass viele der “sauberen” Bordellbesitzer nur Strohmänner sind für die altbekannten Hintermänner aus dem organisierten Verbrechen. Sie sind es, die das Geld mit den Frauen machen, die auch Zwangsprostituierte in ihren Häusern arbeiten lassen, wenn gerade kein neues “Frischfleisch” verfügbar ist – und die aber aus Angst vor dem Finanzamt alle Steuern ordentlich abführen. Prima, SPD und Grüne – wenigstens dafür habt ihr gesorgt: Die Einnahmen aus der Ausbeutung sind zumindest legal.

Wenn ihr jetzt noch weiter den Menschenhandels-Paragraphen aufweicht, wie in der Vergangenheit bereits geschehen, dann seid ihr auch das lästige Problem mit der Zwangsprostitution los – ein Begriff, den die Pro-Prostitutionsseite ohnehin ablehnt, weil er ihnen zu polemisch besetzt ist. Wie soll man Prostitution, die erzwungen wird, denn sonst nennen? Gewaltprostitution würde es gut treffen. Aber nach Ansicht der Pro-Seite wären bestimmt Begriffe wie “eingeschränkt freiwillige Sexarbeit” denkbar, das klingt doch schon viel sanfter als das mit diesem drastischen Zwang. Schließlich sind doch alle happy in der schönen, neuen Sexarbeits-Welt. Was kümmert es da, dass seit Anfang der Nuller-Jahre nachweislich 37 Prostituierte ermordet, unzählige weitere verletzt und vergewaltigt wurden? Jüngstes Beispiel ist das Schicksal der 19jähirgen Alma aus Köln.
Prostitution ist Ausbeutung der allerschlimmsten Sorte und das mit verharmlosendem Sexworker-Sprech zu überdecken, zeigt nur, dass es offensichtlich inzwischen kaum ein Unrecht gibt, dass Politiker nicht schönreden können.

Leute, die sich noch nie eingehender mit der Realität von Prostitution befasst haben, lassen wohlklingend verlauten, sie unterstützen die Selbstbestimmung von Frauen. So lässt sich Agena am Anfang ihres Artikels darüber aus, dass Frauen ja nirgendwo so richtig über ihren Körper bestimmen können – Stichwort Pille danach oder die Verharmlosung von sexueller Gewalt – und deshalb solle man doch jetzt den Prostituierten nicht auch noch absprechen, dass sie “freiwillig” in die Prostitution gehen.

Über die Aspekte dieser “Freiwilligkeit”  wurde bereits mehrfach diskutiert. Alternativlosigkeit und existenzielle Not sind keine Freiwilligkeit. Außerdem ist es eine sehr merkwürdige Schlussfolgerung, die Agena da macht. Gerade weil Frauen in so vielen Bereichen noch nicht über ihren eigenen Körper bestimmen können, ist es so wichtig, Prostitution zu kritisieren.

Das nennt man Patriarchat. Sexuelle Gewalt gegen Frauen, das Bestimmen über den Zugang zu Abtreibung und Verhütungsmitteln und die Institution der Prostitution gehören im Patriarchat zusammen, sie sind alle Ausdruck ein und desselbens Urteils: Dass Frauen weniger wert sind und generell den sexuellen Interessen von Männern zur Verfügung zu stehen haben.

Nur weil es diese Urteile gibt, üben Männer sexuelle Gewalt aus – sie glauben, sie haben ein Anrecht darauf, eine Frau gegen ihren Willen zum Sex zu zwingen, nur deshalb gibt es die noch immer existierende Kontrolle über unsere Gebärmütter – weil Männer davon ausgehen, dass sie besser darüber entscheiden sollten, was damit geschieht und nur weil Männer den Anspruch darauf haben, ihre Triebe auch gegen den Willen von Frauen für Geld an der Frau ausleben zu können, sich also ihre existenzielle Not und ihr Angewiesensein auf das Einkommen zu Nutze machen, um ihre Triebe zu befriedigen, gibt es Prostitution. Dazu gehört auch die klischeehafte Aussage, dass, wenn es keine Prostituierten mehr gibt, die Vergewaltigungen ansteigen.

Eine ganze Gesellschaft in der Geiselhaft von Männertrieben? Geht es noch? Wie kann eine Frau diesen Zusammenhang aus Gewalt und Unterdrückung, der nicht nur die Menschen in der Prostitution betrifft, sondern uns alle, damit rechtfertigen, dass man das ja nun nicht so moralisierend sehen soll?

Was ist moralisierend daran, auf die Ausbeutung, die Gewalt und die Geschlechterungerechtigkeit in der Prostituion hinzuweisen, ihre diskriminierenden Aspekte, von denen nicht nur Frauen, sondern alle Menschen in der Prostitution betroffen sind?
Es ist vielmehr zynisch, den bereits oben entlarvten Freiwilligkeitsdiskurs reinen Gewissens noch zu unterstützen. Aber wer Auslandseinsätze gut heißt, der kann sich vielleicht auch mit anderen Formen von Gewalt anfreunden…

Menschenwürde ist, was ihr draus macht

Der nächste Beitrag stammt von der Rechtswissenschaftlerin Anja Schmidt aus Leipzig. Sie argumentiert, dass die Sittenwidrigkeit von Prostitution zwar 2002 bereits abgeschafft wurde, jedoch immer noch Eingang in die Rechtssprechung findet.
So kann man nur argumentieren, wenn man ein großes Stück der Geschichte seit 2002 ausblendet. So ergab die Evaluierung des Prostitutionsgesetzes 2005, dass die Ziele des Prostitutionsgesetzes verfehlt worden sind: Prostituierte haben weder mehr sozialversicherungspflichtige Anstellungen gefunden noch haben sie eine Krankenversicherung. Das Einzige, was richtig gut läuft, sind die Steuereinnahmen, denn mit dem Finanzamt legt sich niemand an.

Die Ergebnisse von 2005 konnten die Zuwanderung aus Rumänien, Bulgarien und anderen osteuropäischen Staaten noch nicht berücksichtigen, da diese erst nach der Auswertung an Bedeutung gewannen. Dagegen belegt die vielfach zitierte Studie des DIW eindeutig, dass legale Prostituion zu einem Anstieg von Menschenhandel führt und die Dissertation der Rechtswissenschaftlerin Rachel Gugel kommt 2010 eindeutig zu dem Ergebnis, dass legale Prostitution gegen den Gleichstellungsgrundsatz im Grundgesetz verstößt.
All das wischt Schmidt zur Seite und erklärt, Menschenwürde ist individuell und wenn die Einzelne es mit ihrer Menschenwürde vereinbaren kann, sich zu prostituieren, dann ist das ok.

Die Idee von Werten wie der “Menschenwürde” ist ja gerade, dass sie durch niemand relativiert, reduziert oder eingeschränkt werden kann – auch nicht im Bezug auf die eigene Menschenwürde. Sonst wären wir ja ganz schnell dabei, Hierarchien von Menschenwürden aufzubauen – oder um es mit bekannten Worten zu sagen: “All men are equal. Some are more equal.” Das genau ist ja eben nicht die Idee von Menschenwürde – sondern vielmehr ihre “Unveräußerlichkeit” – da liegt schon drin, dass man sie nicht veräußern kann, selbst wenn man will oder die Existenznot uns dazu treibt. Deshalb können wir auch nicht unsere Organe verkaufen, selbst wenn wir es nötig haben oder unsere Gebärmutter verleihen – der Staat verbietet uns diese “Selbstbestimmung” über den eigenen Körper, aus gutem Grund – denn die Erlaubnis dazu würde uns ausbeutbar und erpressbar machen.

Nicht wenige Frauen berichten, dass sie sich nie zur Prostituion entschlossen hätten, wenn diese nicht legal wäre. Die Legalität vermittelt den Eindruck, mit diesem “Job” sei alles in Ordnung – dabei ist er eben kein “Job wie jeder andere” – und steht unter keinerlei staatlichem Schutz oder Kontrolle. Die Frauen (und Männer) da draußen sind auf sich allein gestellt – Legalität hin oder her.

Die Grammatik des angeblichen “Hurenhasses” oder: Wie konstruiert man ein Feindbild?

Im nächsten Beitrag versucht die Journalistin Mithu Sanyal, dem Hurenhass in der Prostituionskritik auf die Spur zu kommen – und gerät dabei vollkommen auf die falsche Fährte.

Sie versucht zu konstruieren, dass die gegenwärtige Prostitutionskritik in das Horn des Abolitionismus der Jahrhundertwende stößt und Prostituierte stigmatisiert und ihnen die eigene Beurteilungsfähigkeit abspricht. Was aber ist dann mit den Ehemaligen, die sich auf der Seite der Prostitutionsgegner finden? Leiden die dann alle unter Schwachsinn und können ihre eigenen Erfahrungen nicht richtig interpretieren, wenn sie Prostituion ablehnen? Oder ist es nicht vielmehr so, dass wir alle dazu neigen, uns die eigenen Lebensumstände, wenn wir sie schon nicht ändern können, doch zumindest schön zu reden? Niemand gesteht sich selbst ein, dass die Situation, in die sich er oder sie vermeintlich “freiwillig” gebracht hat, total beschissen ist, vor allem, wenn es, wie in der Prostitution meistens, keine Alternative gibt.

Den Absprung zu schaffen ist so schwer – und wird durch die Legalität noch erschwert, dass es für viele kein Entkommen gibt. Hurenhass ist ein Konstrukt der Sexarbeiter-Lobby – und so albern, als würde man Gegnern von Hartz IV unterstellen, sie würden die Hartz IV Empfänger diskriminieren.

Die bösen Radikalfeministinnen sind zu blöd zum Selberdenken

Stefanie Lohaus argumentiert in ihrem Artikel, die “pösen” Radikalfeministinnen würden Prostitution ja nur aus einem veralteten Diskurs der 1970er Jahre heraus kritisieren. Man möchte ihr gerne ein Geschichtsbuch in die Hand drücken oder “Setzen, sechs!” brüllen. Falsch! Die Solidarität von Feministinnen mit der Prostitution stammt aus der Debatte der 1970er Jahre, als Prostitution als ein Weg der Selbstermächtigung von Frauen betrachtet wurde, ja gar als ein Weg zur sexuellen Befreiung der Frau und als es schick war, gegen die staatliche Reglementierung zu protestieren, zu Recht, weil diese sexfeindliche Motive hatte.

Man kann den heutigen Radikalfeministinnen durchaus zutrauen, dass sie ihre Kritik an der Prostitution aus eigener intellektueller Leistung herausformulieren – und sich gerade von diesem fehlgeleiteten Diskurs der sexuellen Befreiung abgrenzen wollen.

Wer denkt hier in Schubladen?

Nora Fritzsche versucht in ihrem Beitrag, den Bogen von Fremdbestimmung von Frauen zum EMMA-Appell zu ziehen. Es sei entmündigend, allen Prostituierten zu unterstellen, sie seien traumatisiert und Opfer von sexueller Gewalt.
Es ist vor allem ermüdend, sich gegen diesen Vorwurf immer wieder rechtfertigen müssen. Die ProstitutionsgegnerInnen behaupten keineswegs ALLE Menschen in der Prostitution seien traumatisierte Opfer. Sie weisen lediglich auf die vielfach begründete Tatsache hin, dass der Anteil von Frauen, die bereits vor dem Einstieg in die Prostitution sexuelle Gewalt erfahren haben, überdurchschnittlich hoch ist. Weiter ist ebenso bewiesen, dass Prostitution einen traumatisierenden Effekt auf die Betroffenen haben kann. Tatsächlich gibt es wohl Frauen, die mit der Prostitution prima zurecht kommen – doch, und das zeigen die Berichte, Studien, Recherschen – sind sie eine absolute Minderheit. 89 Prozent würden sofort aussteigen, wenn sie könnten. Das bedeutet, sie haben mehrmals am Tag Sex mit Freiern, obwohl sie eigentlich lieber etwas anderes tun würden. Das sind schon ziemlich eindeutige Rahmenbedingungen für eine Traumatisierung – und vor allem ein Beleg dafür, dass Frauen in der Prostituion eben nicht über sich selbst bestimmen – sonst würden sie ja aufhören, wenn sie wollten.

Wenn man von 400.000 Prostituierten ausgeht und den Anteil der wirklich frei und selbstbestimmten, also vermutlich im Escort-Bereich arbeitenden Frauen und Männer, auf rund 20.000 schätzt – dann sind das immer noch 380.000, die in einem Job feststecken, der sie zum Sex mit Männern zwingt, um zu überleben. Bei den männlichen Prostituierten kommt außerdem hinzu, dass eine Vielzahl von ihnen überhaupt nicht homosexuell ist – also keinerlei “Lustgewinn” aus der Tätigkeit ziehen kann.

Prostitution ist scheiße – aber irgendwie kriegen wir das schon noch schön angemalt

Den bisherigen Abschluss der Debattenbeiträge auf dem Böll-Blog macht Udo Gerheim, der sich in seiner Dissertation mit dem Kontext von Freiern beschäftigt hat.
Er legt zunächst mit ein paar guten Analysen los – er ist auch der Einzige, der sich überhaupt je “wissenschaftlich” mit Prostitution befasst hat – offensichtlich kein ausschlaggebendes Merkmal, um auf dem Blog veröffentlichen zu dürfen.

Strukturell betrachtet ist die Prostitution in ihrer eindeutigen, geschlechtsspezifischen und geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung eine überhistorisch einmalige patriarchale Institution, die dem männlichen Kollektiv einen weitgehend unbeschränkten und institutionell garantierten Zugriff auf den weiblichen Körper und die weibliche Sexualität ermöglicht,

schreibt er. Dann aber führt er aus, dass es die Kriminalisierung von Prostitution ein Werkzeug des Patriarchats ist, um Frauen in Heilige und Huren einzuteilen. Soweit, so richtig. Doch das schwedische Model setzt ja genau dort an: Es kriminalisiert nicht die Frauen, sondern die Freier, es setzt an der Nachfrage an und nicht bei den Frauen. Gründe, sich zu prostituieren gibt es vermutlich immer – aber den Männern muss klar gemacht werden, dass sie die Grenze zur Illegalität überschreiten, wenn sie diese Gründe ausnutzen, um sich Sex zu kaufen. Das nennt man auch: Geschlechterfrieden.

Ganz dunkel wird es in den nächsten Absätzen: Prostituierte könnten angeblich selbst bestimmen, welche Freier sie wählen, den Kontakt mit ihnen ablehnen und überhaupt die Umstände ihrer Prostitution selbst gestalten.

Man möchte ihn an der Hand nehmen und ihn in das nächste Bordell oder Laufhaus schleifen, jene Orte, die Frauen zum Beispiel vorschreiben, dass sie den ganzen Tag nackt herumzulaufen haben, die ihnen Praktiken wie Gang-Bang-Parties oder Flatrate-Modelle vorschreiben, die Besitzer, die sich dahinter zurückziehen, dass sie den Frauen ja nur die Zimmer vermieten – in denen die Frauen dann aber häufig auch wohnen und bei denen nicht selten Monatsmieten von 5000 Euro auflaufen. Freier abzulehnen bedeutet für die Frauen einen Verlust von Einnahmen, sie haben kein Regelgehalt, das sie bekommen, egal wie viel los ist. Um es kurz zu sagen: Sie müssen nehmen, was kommt.

Gerheim meint, “Prostitution forever” sei ok, wenn man eben an ein paar Schräubchen dreht, also die Zwangsprostitution abschafft, einen Mindestlohn einführt und die gesamtverklemmte Gesellschaft endlich das Lustpotenzial entdeckt, das in der Prostitution steckt.
Lieber Herr Gerheim – Ihnen ist schon bewusst, dass Prostitution sich auf die Nachfrage von Männern ausrichtet? Das war doch genau Ihre Fragestellung. Wie genau sollen also Frauen da jetzt Lustgewinn draus ziehen? Die Zahlen von Frauen, die sich einen Gigolo nehmen, sind so gering, dass keiner der sich prostituierenden Männer davon in Deutschland leben kann. Wie stellen Sie sich das vor? Sollen wir vielleicht alle Mal ein Praktikum im Puff machen, um uns daran zu gewöhnen, mit Männern Sex zu haben, auf die wir gar keine Lust haben – vielleicht tut dann auch die nächste Vergewaltigung nicht mehr so weh – frau gewöhnt sich ja schließlich an alles? Oder sollen uns Prostituierte Tipps geben, wie man beim Sex am besten dissoziert, um auszuhalten, was da am eigenen Körper geschieht? Aus Prinzip verlinke ich an dieser Stelle nicht auf Freierforen – doch diese sind mit einer einfachen Google-Anfrage zu finden.

Lesen Sie, was die Männer, die Freier, die Sie für so geheimnisvoll halten, dort schreiben, wie sie die Frauen abwerten, filmen, fertig machen. Lustgewinn? Wenn dann nur für Sadisten und Frauenhasser.

Eigentlich sind wir doch als Gesellschaft gerade dabei, den jahrtausendealten Frauenhass und seine Rechtfertigung von Gewalt gegen Frauen zu überwinden. Mit der legalen Prostitution wird gewaltliebender Frauenhass geradezu institutionalisiert. Und alle reden es sich schön.

3 Kommentare

  1. RICHTIGSTELLUNG Nicht ich spreche von bösen Radikalfeministinnen, sondern ihr unterstellt, mir, dass ich das tun würde. Tue ich aber gar nicht. Ich schätze sehr wohl radikalfeministische Analysen, z.B. wie die von Andrea Dworkin. In ihnen steckt durchaus Wahrheit, ich finde sie nur pauschalisierend, weil eben immer die Annahme drinsteckt, alle Frauen würden dasselbe über Sex denken und fühlen. Zweitens: ich schreibe nirgendwo, der Diskurs um Sexarbeit wurde von Radikalfeministinnen angezettelt und der liberale Diskurs sei darauf eine Erwiderung, in meinem Text stelle ich lediglich den einen vor den anderen, man muss sich ja in einem Fließtext entscheiden, worauf man zuerst eingeht. Tatsächlich sind die Debatte um Prostitution und Menschenhandel viel älter, schon um die Jahrhundertwende wurden faktisch dieselben Argumente ausgetauscht, da gab es keinen Radikalfeminismus nicht. Um die Jahrhundertwende wurden diese radikalfeministischen Argumente im Übrigen von den Vertreterinnen des bürgerlichen Feminismus vertreten, während Anarchistinnen wie Emma Goldman sich für eine liberale Sichtweise stark gemacht haben. Darauf gehe ich aber in meinem Text auf der Seite der Böll-Stiftung nicht ein, weil ich mich, wie ich dort ja auch angegeben habe, auf einen Text aus den 1980ern beziehe. Es geht um die Gegenüberstellung von verschiedenen Ansichten zur Sexualmoral, nicht um die Genese des Sexarbeiter-Diskurses.

  2. Tschuldige mal bitte, aber Emma Goldman war keine Prostitutionsbefürworterin. Sie hat sich (völlig zu Recht) gegen die bürgerliche Doppelmoral gewandt die sexuelle Ausbeutung in der Ehe und in der Prostitution unterschiedlich bewertete, das ist richtig, aber ihre Vorstellung von sexueller Befreiung entsprach nicht der, dass sich Männer gegen Geld Zugang zu Frauenkörpern erkaufen können. Sie hat sich sehr genau mit ökonomischen Zwängen, die Frauen in die Prostitution treiben, auseinandergesetzt, ganz im Gegenteil zu den Vertreter*innen des Sexarbeitsansatzes die diese ausblenden oder gar “Survival Sex” als empowernd bewerten (hast du dich nicht auch mal so komisch auf die Roma Frauen bezogen?). Ich finde es absolut daneben Emma Goldman auch nur im Zusammenhang mit dem Sexarbeitsansatz zu nennen.

    By the way: Anarchafeministinnen gegen das System der Prostitution, ganz aktuell: http://www.schattenblick.de/infopool/medien/altern/gras1376.html

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