Prozac Nation: Mein Leben mit der Psychopille

"Hello Marijuana - Good-Bye Prozac" - Sticker

wackystuff via Flickr, [CC BY-SA 2.0]

Mitte der 90er Jahre schrieb die junge Journalistin und Harvard-Studentin Elizabeth “Lizzie” Wurtzel ihre Autobiographie “Prozac Nation. Young and depressed in America. A Memoir.” Es wurde 1994 veröffentlicht und 1996 unter dem Titel “Verdammte schöne Welt. Mein Leben mit der Psychopille“, erschienen im Byblos Verlag, auch auf Deutsch veröffentlicht. Es erzählt die Geschichte der jungen Lizzie, die als vielversprechendes Schreibtalent nach Harvard kommt und begeisternde Musikkritiken schreibt, doch an ihrer Depression beinahe zugrunde geht. Die Wende in ihrem Leben bringt Prozac, ein neues Antidepressivum, das in Amerika bald zum zweithäufigst verschriebenen Medikament wird.

Lizzie ist ein begabtes, schönes Mädchen aus Manhattan, das mit einem Journalistik-Stipendium nach Harvard kommt. Sie schreibt einen brillianten Artikel über Lou Reed und zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie Freunde, feiert Partys, hat Sex. Ihre neurotische Mutter, die Scheidung ihrer Eltern, der ständig abwesende Vater, all das scheint vergessen. Doch plötzlich bekommt das Bild Risse – Lizzie schläft nicht mehr, sie sagt gemeine Dinge zu ihren Freunden, stößt die, die sie doch eigentlich liebt weg.

Hemingway has his classic moment in “The Sun Also Rises” when someone asks Mike Campbell how he went bankrupt. All he can say is, “Gradually, then suddenly.” That’s how depression hits. You wake up one morning, afraid that you’re gonna live.

Sie ist nicht in der Lage, normale Beziehungen zu führen, ihre Gefühle zu kontrollieren. Seit sie ein kleines Mädchen ist, verletzt sie sich selbst, fügt sich mit Rasierklingen tiefe Schnitte zu. Schmerzhaft beschreibt die Autorin die Ausweglosigkeit der Depression, die Sprachlosigkeit, die Hilflosigkeit dieses Zustands der völligen Erschöpfung und Verzweiflung und vor allem das Unverständnis all jener, die ihn nicht kennen, obwohl er doch zugleich symptomatisch ist für eine Gesellschaft voller Leistungsdruck und zwanghaftem Glück.

That’s the thing I want to make clear about depression: It’s got nothing at all to do with life. In the course of life, there is sadness and pain and sorror, all of which, in their right time and season, are normal—unpleasant, but normal. Depression is an altogether different zone because it involves a complete absence: absence of affect, absence of feeling, absence of response, absence of interest. The pain you feel in the course of a major clinical depression is an attempt on nature’s part (nature, after all, abhors a vacuum) to fill up the empty space. But for all intents and purposes, the deeply depressed are just the walking, waking dead.

Schließlich begibt sich Lizzie in Behandlung bei einer Psychiaterin, die ihr Prozac verschreibt. Prozac verändert Lizzie. Ihre unkontrollierbaren, negativen Gefühle verschwinden. Sie ist nicht mehr sie selbst – aber sie ist auch nicht länger unglücklich.

That’s the thing about depression: A human being can survive almost anything, as long as she sees the end in sight. But depression is so insidious, and its compounds daily, that it’s impossible to ever see the end. The fog is like a cage without a key.

Elizabeth Wurtzels Buch ist ein eindringliches Gesellschaftsbild jener jungen Menschen um die 20, der “twentynothings”, von denen jede/r zweite geschiedene Eltern hat, die Drogen probieren und alle Freiheiten haben – und doch tief unglücklich sind. Sie packt das Lebensgefühl von Nirvana Songs in ein Buch, in ihre Lebensgeschichte. Ist es richtig, diese Pille zu nehmen – die auch ihre Studienkollegen nehmen, einfach so, um besser drauf zu sein, nicht mehr traurig zu sein. Doch wer Prozac nimmt, der fühlt auch nicht mehr, wie er vorher fühlte. Ein bisschen ist es, wie in Aldous Huxleys Brave New World, auf das der Titel anspielt, eine Psychopille, die die Menschen ruhig stellt, sie zufrieden macht und nicht länger aufbegehren lässt, nicht zweifeln lässt, sie vielleicht auch gefügsam macht.

Sometimes it feels like we’re all living in a Prozac nation. The United States of Depression.

Oder ist Prozac, das in Deutschland unter dem Namen Fluctin verkauft wird, nicht doch ein Medikament gegen eine schreckliche Krankheit, die im schlimmsten Falle tödlich verläuft? Aber ist auch wirklich jeder, der das Medikament nimmt, depressiv? Oder liegen die Ursachen nicht vielleicht an einer ganz anderen Stelle? Sind es nicht die gesellschaftlichen Umstände, die Widersprüche, die Menschen depressiv werden lassen? Wurtzels Geschichte wurde 2001 mit Christina Ricci in der Hauptrolle verfilmt – der jüngst verstorbene Lou Reed hat darin einen wundervollen Auftritt während des Ecstasy-Trips von Lizzie. Ein lesenswertes Buch und ein sehenswerter Film.

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