Rachel Moran: Prostitution ist ein mentales und emotionales Massaker

Buchcover: Was vom Menschen übrig bleibt

Rachel Moran: Was vom Menschen übrig bleibt - Die Wahrheit über Prostitution, Tectum Verlag, 2015

Buchrezension:  Was vom Menschen übrig bleibt. Die Wahrheit über Prostitution

Endlich ist es soweit: Am Mittwoch, dem 11. März erscheint sie nun, die deutsche Ausgabe des Buches der wundervollen Prostitutionsüberlebenden Rachel Moran aus Irland (Originaltitel “Paid for – My journey through Prostitution”).

Für dieses Buch könnte man sie mit Adjektiven und Superlativen überschütten: wertvoll, augenöffnend, tief bewegend, brilliant analysierend, fesselnd, erschütternd, Mut machend …

Mich hat das Buch auch bei der zweiten Lektüre auf Deutsch so gepackt, dass ich es nicht aus der Hand legen konnte. Rachel Moran erlaubt uns nicht nur einen weitreichenden Blick in ihre Lebensgeschichte, sondern auch einen Blick bis ganz tief in ihre Seele. Sie hat nicht nur eine Autobiographie geschrieben, sondern ihre ganz eigene Geschichte in das “große Ganze” eingeordnet und es gelingt ihr sehr gut darzustellen wie all die Einzelschicksale zusammenhängen, die großen Mythen der internationalen Prostitutionslobby zu entschlüsseln und zu enttarnen, und schließlich zu vermitteln welchen Weg wir einschlagen müssen um zu einer humaneren Gesellschaft zu schaffen, in denen Frauen keine Objekte für den männlichen Konsum, sondern ebenbürtige Menschen sind. Es ist die Gesamtbetrachtung des Systems Prostitution durch eine, die in ihm gelebt hat.

Dabei bedient sie sich einer so bildhaften Sprache, die dazu geeignet ist die Leserin / den Leser zu berühren und an dem Schicksal der prostituierten Personen teilzuhaben und es nachfühlen zu können – auch dann wenn einem die Erfahrung am eigenen Leib zum Glück erspart geblieben ist.

Die Worte der Autorin dringen beim Lesen so in jede Pore des Körpers, das jede Störung beim Lesen als lästig empfunden wird, sei es das klingelende Telefon, das leise im Hintergrund laufende Radio oder jegliche Ansprache (oder Geräusch) von Menschen, die sich im gleichen Raum befinden. Auch fällt es schwer das Buch auch nur aus der Hand zu legen, so sehr saugt man die hier formulierten Wahrheiten in sich hinein. Ich glaube es ist kaum möglich beim Lesen nicht mit den Tränen zu kämpfen – Tränen über Rachels Erlebnisse, den Zustand unserer Gesellschaft, die Tatsache, dass die Wahrheit offen vor uns liegt und jedoch kaum jemand sie sehen will.

Dabei ist eine Differenzierung innerhalb der Prostitution nicht möglich, Rachel muss es wissen, denn sie sammelte persönliche Erfahrungen auf dem Straßenstrich, in Terminwohnungen, als Escort, als Domina:

Wer der Prostitution einen Touch von Glitzer und Glamour verleiht, stellt sich Prostituierte meist vor einer Kulisse nobler Hotelfoyers vor. […] Ich habe mehr solcher Hotels betreten, als ich zählen kann, und auch öfter als ich zählen kann. Dabei trug ich Designer-Outfits, High Heels und jede erdenkliche Nuance Lippenstift. Nichts davon änderte etwas daran, was sich in meinem Herzen oder in meinem Kopf abspielte, und nichts davon änderte etwas an der körperlichen Erfahrung, um die sich das Ganze drehte. Nichts davon hatte irgendeinen praktischen Vorteil für meinen Mund, meine Brüste oder meine Vagina. Hier passierte genau dasselbe wie in den Hintergassen, in denen ich meinen Rock nach oben geschoben hatte. Das Wesen der Prostitution ändert sich nicht mit der Umgebung. Es verwandelt sich nicht in etwas Besseres, nur weil der Hintern auf weißen Laken und nicht auf rauem Beton hoch und runter scheuert.

Rachel Moran gelingt es eindringlich zu erklären warum Prostitution als kommerzialisierte sexuelle Gewalt oder bezahlte Vergewaltigung anzusehen ist – und dies ganz unabhängig davon ob sie zum Zeitpunkt in dem diese ausgeübt wird von Betroffenen als Gewalt angesehen wird oder nicht.

Wenn jemand mit Peitschenhieben gefoltert wird und das Opfer dabei geknebelt ist, damit es still bleibt, brennen die Hiebe dann weniger auf der Haut? Wenn eine Frau sagt “Hier, peitsch mich für Geld aus”, die Peitsche überreicht und während der Auspeitschung keinen Ton von sich gibt, brennt es dann weniger auf der Haut? Und wenn sie glaubt (weil die Welt ihr das zu verstehen gibt), dass sie im Nachhinein kein Anspruch darauf erheben darf, Opfer einen Gewaltakts geworden zu sein, da sie schließlich Geld dafür akzeptiert hat, macht das ihren Angreifer, der Geld für das Vergnügen, sie zu verletzen, bezahlt hat, in irgendeiner Weise weniger zum Gewalttäter? Eine prostituierte Frau ist gezwungen, täglich zu verschweigen, wie ihr Unrecht angetan wird. Moderne, von der Gesellschaft akzeptierte Denkweisen halten sie geknebelt, und der psychologische Schaden, der dadurch entsteht, ist nicht nur weitverbreitet, sondern auch unvermeidlich. Unter Prostituierten wird das als einer der vielen Faktoren eines Lebens voller emotionaler Zumutungen hingenommen, und zwar meistens fraglos […] Die Kommerzialisierung sexuellen Missbrauchs hat eine Arena geschaffen, in er eben dieser Missbrauch ungehindert wüten kann, und zwar genau aus dem Grund, dass er weder erkannt noch richtig benannt wird.

Rachel Moran gelingt es auch sehr gut darzustellen wie die Existenz von Prostitution die gesamte Gesellschaft negativ beeinträchtigt und nicht zuletzt deshalb uns alle angeht und unseren entschiedenen Widerspruch erfordert, denn

ganz egal wie sehr die Gesellschaft auch wegsieht, die Scham, die im Kern sexueller Ausbeutung sitzt, wird sich durch Wegsehen nie tilgen lassen.

Und:

Wenn eine Frau toleriert, dass ihre Geschlechtsgenossinnen so behandelt werden […] dann muss sie ebenfalls hinnehmen, dass sie selbst lediglich durch die fehlenden Umstände von der Prostitution getrennt ist, die nötig wären, um sie dieser auszusetzen […] Für die allgemeine Bevölkerung macht die Billigung der Prostitution aus allen Frauen potenzielle Prostituierte, denn es gibt nur zwei Bedingungen dafür, dass eine Frau in einem Bordell arbeitet: Erstens müssen die Umstände sie dorthin manövriert haben (und wer kann sagen, wann das passieren kann, und zwar jeder von uns?), zweitens muss sie eine Vagina haben. Alle Frauen erfüllen von Geburt an mindestens eine dieser Bedingungen. Man kann es nicht oft genug sagen: Wenn gebilligt wird, dass Frauen zur Ware werden, dann fallen potenziell alle Frauen in diesen Zuständigkeitsbereich.

Großen Respekt ist der Übersetzerin Maria Heydel zu zollen, der es sehr gut gelungen ist, die Botschaft von Rachel Moran ins Deutsche zu übertragen. Nicht selten sind Übersetzungen ja mit einem nicht unwesentlichen Verlust von Authenzität verbunden – dies ist hier eindeutig nicht der Fall.

Eine Motivation für das Verfassen dieses Buches ist die Hoffnung von Moran, dass sie mit ihren Worten die Gesellschaft wachrütteln kann. Das die Veröffentlichung dazu beiträgt, dass ihr Leid und ihr Schmerz gehört werden, auf dass dieser anderen erspart werden kann:

Ich weiß, wenn man selbst das Glück hat, aus einem brennenden Gebäude zu entkommen, dann ist es nur richtig, andere zu alarmieren und ihnen klarzumachen, dass in dem Haus ein Feuer tobt. So besteht für die, die noch im Inneren festsitzen, eine gewisse Hoffnung.

Auch ich hege Hoffnung in dieses Buch: Die Hoffnung, dass sich an der festgefahrenen Meinung zur Prostitution auch in Deutschland – wo es inzwischen so normal ist eine Frau zu kaufen wie eine Packung Zigaretten am Kiosk – etwas ändern lässt. Ich wünsche mir, dass dieses Buch in Schulen zur Pflichtlektüre wird. Ich wünsche mir, dass alle politischen Verantwortungsträger*innen ein Exemplar dieses Buches auf ihre Schreibtische bekommen (und es dann auch lesen!). Dieses Buch gehört in jede Bibliothek, sei es eine öffentliche oder die private. Denn dieses Buch hat das Potenzial Mentalitäten und Einstellungen fundamental zu verändern. Es strahlt die Hoffnung aus, dass nicht alles bleiben muss wie es heute ist und wir künftigen Generationen einen besseren Ort zm Leben bieten können.

“Was vom Menschen übrig bleibt” ist bei Fembooks erhältlich.

Rachel Moran wurde 1976 geboren und wuchs in Dublin auf. Aus einer Familie kommend, in der beide Elternteile mit psychischer Krankheit, Drogenabhängigkeit und Suizidgefährdung zu kämpfen hatten, gelangte sie im Alter von 14 Jahren unter staatliche Obhut. Ein Jahr später geriet sie als obdachlose Jugendliche in die Prostitution, aus der sie sich im Alter von 22 Jahren befreien konnte. Sie nahm daraufhin ihre schulische Ausbildung wieder auf und erwarb einen Universitätsabschluss in Journalismus an der Dublin City University. Seitdem engagiert sie sich als Bloggerin, Referentin, Autorin und Europa-Koordinatorin von SPACE (Survivors of Prostitution-Abuse Calling for Enlightenment) auf internationaler Ebene gegen die Verharmlosung und Legalisierung von Prostitution und für eine Kriminalisierung der Prostitutionsnachfrage, sowie Ausstiegsprogramme für Betroffene. Das bewegende Vorwort schrieb Sabine Constabel, die seit mehr als 20 Jahren Betroffene im Cafe La Strada in Stuttgart unterstützt.

1 Kommentare

  1. Ich hab danach zum ersten Mal verstanden, was mit den Frauen in der Prositution passiert. Man schiebt das ja immer soweit von sich weg.

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