Schopenhauer für Feministinnen oder: Wie man Antifeministen rhetorisch besiegt

Feminismus im Alltag spielt sich häufig im Netz ab. Dort gibt es Diskussionen, die immer auch vor einer bestimmten Öffentlichkeit geführt werden, mal ganz öffentlich, mal vor einer Fanbase oder einer Gruppe. Feministinnen suchen solche Diskussionen manchmal, weil es wichtig ist, zu widersprechen, wenn Frauenhass relativiert oder sogar akzeptiert und gefördert wird, oft werden sie aber auch in solche Diskussionen gezwungen, weil es vielen Menschen – nicht nur Männern – große Freude bereitet, die Beweisführung zu versuchen, wie sehr der Feminismus falsch liegt, oder, wenn er nicht falsch liegt, alles ganz falsch angeht. Auf der Sachebene kann Mann gegen Feminismus wenig vorbringen, also wird entweder mit erfundenen oder nicht belegbaren Zahlen argumentiert – oder eben der sogenannten Schwarzen Rhetorik, die nur noch scheinbar auf der Sachebene diskutiert.

Neben der Sache geht es also ganz oft nur darum, wer die bessere Rhetorik an den Tag legt, also seine Argumente gut vorträgt, die der anderen entkräftet und manchmal auch schlicht schlagfertiger ist. Wozu das alles, kann man sich fragen. Überzeugte Maskulisten oder Antifeministen wird man damit kaum überzeugt bekommen. Das stimmt. Aber hier kommt ein weiterer wichtiger Punkt der Diskussionen online in das Spiel: Die Öffentlichkeit der anderen Mitleser. Andere, abweichende Meinungen anzubieten, ist zentral, wenn es darum geht, über bestimmte Zusammenhänge wie etwa die Auswirkungen der Prostitution aufzuzeigen. Mit dem „Recht haben“ (Prostitution ist Ausbeutung und institutionalisierter Frauenhass) ist aber noch nichts über das „Recht behalten“ gesagt.

Auch derjenige, der objektiv Recht hat, kann trotzdem eine Diskussion verlieren, das wusste schon Arthur Schopenhauer, als er 1830 „Die Kunst Recht zu behalten verfasste“ – bis heute ein Standardwerk zur Rhetorik – insbesondere der sogenannten „Schwarzen Rhetorik“. Arthur Schopenhauer gehört sicher nicht zur Standardlektüre von Feministinnen. Ein ganzes Buch – „Über die Weiber“ schrieb er einst darüber, warum Frauen eigentlich nur zur Kinderaufzucht oder der Haushaltspflege taugen. Was er über Frauen zu sagen hat, ist bestenfalls Ausdruck einer verängstigten Männerseele oder schlicht Frauenhass. Trotzdem gibt es ein paar Dinge, die wir von Schopenhauer lernen können – insbesondere wie man sich gegenüber schmutziger verbaler Kriegsführung anderer wehren kann. Die besten Rhetoriker der Geschichte waren, das wundert nicht, oft auch glühende Frauenhasser (Aristoteles, Augustinus, Schopenhauer, Nietzsche, die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen).

Arthur Schopenhauer. Ein echter Frauentyp

„Eristische Dialektik“ nannte Schopenhauer die Kunst, selbst dann Recht zu behalten, wenn sachlich die Argumente der anderen die besseren sind oder aber die eigenen Argumente gegen unsachliche Attacken zu verteidigen und knüpft damit an eine über 2500 Jahre alte Tradition an, die ein anderer Frauenhasser, Aristoteles, einst unter dem Begriff „Sophistische Widerlegungen“ formulierte. Sophismus ist der Sammelbegriff für sogenannte Scheinargumente, also Argumente, die aussehen, als seien sie welche, aber in Wirklichkeit gar keine sind. Gerade weil Frauenhasser so wenige Argumente haben, sind sie oft geschichte Rhetoriker – manchmal auch nur deshalb, weil sie sich auf den Rückhalt in der Gesellschaft verlassen können und weil etwas dazu gehört, den Anderen mit sprachlichen Mitteln manipulieren zu wollen, ein Herrschaftswille, der nur allzu gut zu männlichem Anspruchshaltung passt. „Weil ich ein Mann bin, muss ich Recht haben“ oder „weil sie eine Frau ist, kann sie nicht Recht haben.“ Damit kannte sich Schopenhauer prima aus, denn das behauptete er so ziemlich ständig und überall und bekam dafür auch jede Menge Zuspruch.

Was ist ein Argument?

Wer eine Behauptung aufstellt, muss sie belegen und am Ende auch beweisen, so sagt es die Logik – Behauptung, Beweis, Beispiel das macht ein Argument aus. Ein Argument kann aufgestellt und/oder hergeleitet werden. Deduktion wird die Herleitung genannt, Apagoge das Schema selbst, wenn wir etwas über eine übergeordnete Sache wissen, etwa „Nahrungsmittel kostet Geld“, und Brot ist ein Nahrungsmittel, dann ist der Satz „Brot kostet Geld“ automatisch richtig. Die Logik geht davon aus, dass aus zwei wahren Aussagen immer auch nur eine weitere wahre folgen kann, ein bisschen wie Mathematik, und genau deshalb wird die klassische Logik auch gern und viel kritisiert, denn Sprache und Denken funktioniert eben ein wenig anders. Trotzdem ist die Forderung, ein Argument angemessen zu belegen, die Grundlage jeder sachlichen Auseinandersetzung. Dem zu folgen, gilt als gute Rhetorik und klingt so einfach, allerdings bietet genau das ganz viel Möglichkeiten zur Manipulation – mit Scheinargumenten, kognitiven Verzerrungen und verbalen Taschenspielertricks.

Grund genug, sich die häufigsten dieser Art einmal anzuschauen, um sie leichter erkennen zu können. „Know your enemy“ – und vor allem dessen Taktiken zur Kriegsführung.

Logikfehler aufdecken: reduction ad absurdum

Deduktion, also die Herleitung, kann sehr hilfreich sein, wenn es darum geht, aufzuzeigen, dass der andere mindestens eine falsche Prämisse für seine Aussage verwendet und damit eine unsaubere Beweisführung hat. „Menschliche Grundbedürfnisse lassen sich nicht ändern“ ist eine Aussage, die korrekt ist. „Prostitution befriedigt ein menschliches Bedürfnis“ ist falsch, denn sie befriedigt fast ausschließlich Männer und ist damit kein „menschliches“ Bedürfnis, zumal es eben auch Gesellschaften gab und gibt, in denen keine Prostitution stattfindet. Daraus zu folgern „Prostitution lässt sich nicht abschaffen“ kann deshalb nur falsch sein.

Ad hominem oder: Was du sagst, kann nur falsch sein

Das argumentum ad hominem gehört zu den einfachsten und leider auch wirksamsten Methoden, ein sachlich gutes Argument vermeintlich zu „entkräften“. Wenn Radfems in einer Diskussion sagen: „Prostitution ist scheiße, wer sie unterstützt, ignoriert Gewalt und Ausbeutung, 90 Prozent der Frauen wollen aussteigen, der Großteil ist arm, es gibt täglich Berichte über Gewalt“, dann dauert es oft gar nicht lange bis irgendwer etwas aus dem Hut zaubert, warum man den Aussagen einer oder speziell dieser Radfem nicht glaubend darf. Meistens heißt es dann „Du bist rassistisch“, „du bist transphob“, „du bist prüde“. Diese Aussagen haben mit dem vorgetragenen Argument zur Prostitution gar nichts zu tun, gerade vor einer Öffentlichkeit wie Mitlesern auf Facebook, Twitter und Co. kann damit aber wirkungsvoll die Glaubwürdigkeit der Gegnerin herabgesetzt werden. Ad hominem ist es immer dann, wenn von der Sachebene auf die persönliche Ebene gewechselt wird. Beste Strategie – von uns für euch oft genug getestet – das ad hominem Argument klar benennen und auf die Sachebene verweisen. Nicht anfangen, sich zu rechtfertigen nach dem Motto „Ich bin aber gar keine Rassistin, weil…“ – diese Beweisführung könnt ihr nur verlieren, sondern an das Thema erinnern und zu Argumenten dazu auffordern. Ad rem nennt man es, wenn zur Sache diskutiert wird. Teil des ad hominem Arguments ist es auch, zu behaupten, der andere habe unlautere Motive. „Du willst dich doch nur wichtig machen“ oder „Dir geht es doch nur um das Geld.“

Übrigens ist es sachlich auch nicht korrekt, in einer Angelegenheit nur „pro hominem“ zu argumentieren, also zu erklären: „XYZ ist ein guter Analytiker, deshalb darf man ihn nicht wegen seines Sexismus angreifen.“

Eng mit dem ad hominem Argument verwandt ist das argumentum ad personam, das dem anderen Ahnungslosigkeit und mangelnde Kenntnisse unterstellt – „Du hast doch keine Ahnung von Prostitution, du warst doch noch nie in einem Puff“ etwa oder „Du kennst dich mit Politik gar nicht aus.“ Ebenfalls ähnlich ist das tu quoque – „du auch“. Das hat ein bisschen was von Sandkasten: Wenn man den Gegner bei etwas überführt, Verharmlosung sexueller Gewalt etwa oder Sexismus, dann sagt dieser: „Aber du hast doch auch schon über den netten Hintern des Kollegen geredet.“ Tu quoque ist aber ebenfalls kein Argument und in der Klärung der Sache nicht hilfreich. Was irgendwer an anderer Stelle schon einmal gemacht hat, hat mit der Sache, um die es gerade geht, nichts zu tun.

Das Ablenkungsmanöver: Red Herring

Das Ablenkungsmanöver ist kein Scheinargument, sondern eine rhetorische Taktik, die immer dann angewendet wird, wenn der Gegenüber an Boden verliert: Es wird versucht, das Thema zu wechseln, hin zu einem Terrain, wo er wieder gewinnen kann. Gerade in hitzigen Diskussionen geht so etwas sehr schnell, ohne, dass die ursprüngliche Sache geklärt werden konnte. Deshalb ist es immer wichtig: Ruhe bewahren, durchatmen, ein paar Minuten warten, das Geschriebene lesen und sich Zeit für eine Antwort nehmen. Der Begriff Red Herring stammt übrigens aus dem Englischen. Ein roter Hering ist so etwas wie unsere Nebelkerze und wurde 1807 von dem Journalisten William Cobbett benutzt, der die Presse mit einem Hund verglich, der sich von einem roten Hering ablenken ließ.

Das Strohmann-Argument

Das Strohmann-Argument ist im Grunde ein Red Herring. Statt auf die richtigen Argumente der Anderen einzugehen, werden Argumente widerlegt, die diese gar nicht aufgeführt hat oder die höchstens nebensächlich zum Hauptargument sind. Ein klassisches Strohmann-Argument ist: „Wenn ihr gegen Prostitution seid, dann wollt ihr, dass Prostituierte bestraft werden und das ist nicht feministisch.“ Die Absicht ist klar: Mit so einer Behauptung kann man Empörung hervorrufen und prima von dem eigentlichen Problem – nämlich staatlich regulierter und institutionalisierter Prostitution ablenken.

Reductio ad Hitlerum, Godwin’s Law oder warum Nazi-Vergleiche kein Argument sind

Das ad hominem Argument kennt eine besondere Ausführung, die mit der reductio ad absurdum zusammenhängt. „Auch unter Hitler wurden Gesetze zur Regulierung der Prostitution erlassen, deshalb kann jede Regulierung der Prostitution nur falsch sein“ ist so eine reductio ad hitlerum. Damit wird erklärt, dass ein Argument nur deshalb falsch ist, weil es auf irgendeine Weise mit Hitler oder den Nazis in Verbindung gebracht werden kann, über das Argument selbst ist aber noch gar nichts gesagt. Mit Nazis möchte nichts und niemand in Verbindung gebracht werden, deshalb ist dieses Scheinargument gerade in deutschen Online-Diskussionen sehr beliebt, dicht gefolgt vom sogenannten „Goebbels-Vergleich“, mit dem die Rhetorik des Gegners durch den Vergleich zu Goebbels Propagandamethoden in Misskredit gebracht werden soll.

Damit verknüpft, aber nicht identisch ist „Godwin’s Law“ nach dem Autor und Anwalt Mike Godwin, der die These aufstellte, dass sich, je länger eine Diskussion andauert, die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass irgendeiner das Nazi- bzw. Hitlerargument bringt. Laut Godwin hat aber genau derjenige dann die Diskussion verloren, denn er greift auf das letzte aller Mittel zurück, um die Diskussion zumindest in der Sympathie durch die Zuschauer zu gewinnen, wenn er in der Sache schon verliert.

Der Autoritätsverweis: argumentum ad verecundiam

Autoritäten werden immer gerne angeführt, auch in innerfeministischen Diskussionen. Mit dem Verweis „XYZ hat zu dem Thema Folgendes gesagt“ möchte man die Argumente der anderen mit einer anerkannten Autorität erschlagen, ohne aber deren Argumente selbst vorzutragen, sondern schlicht mit der Nennung des Namens. Ein gutes Beispiel ist: „Frauen, die keine Kinder haben, werden hysterisch und unglücklich, das hat schon Sigmund Freud gesagt“. Nun ist Sigmund Freud natürlich eine Autorität – seine Aussage aber ist trotzdem falsch und mehrfach widerlegt.

Das Traditionsargument: argumentum ad antiquitatem

Auch das ist ein sehr häufiges Argument. Weil etwas schon immer so gemacht wurde, muss es auch so bleiben. Dabei wird auf die Tradition verwiesen. Ein typischer Satz ist: „Frauen haben sich schon immer um Haushalt und Kinder gekümmert“ oder auch „Prostitution ist das älteste Gewerbe der Welt“. Eine Tradition ist aber weder eine Begründung für ein Argument noch ein Beispiel dafür. Früher war es auch üblich, Verdächte zu foltern, um ein Geständnis zu bekommen, doch das hat man aus guten Gründen wieder abgeschafft. Das Traditionsargument wird übrigens auch schnell zu einem Zirkelschluss: Etwas ist so, weil es schon immer so war. Logisch ist das falsch.

Der Mitläufereffekt: argumentum ad populum

Das populistische Scheinargument zielt darauf ab, ein Argument damit zu bekräftigen, dass es in der Gesellschaft oder der Zuhörerschaft mehrheitlicher Unterstützung sicher sein kann und wird gerade in Online-Diskussionen besonders oft benutzt. Ein typischer Satz wäre hier: „Ohne Prostituierte gäbe es vielmehr Vergewaltigungen.“ Diesem Irrglauben hängen tatsächlich viele Menschen an, aber Statistiken und Untersuchungen zeigen, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Wo es viel Prostitution gibt, steigen auch die Zahlen sexueller Gewalt. das ist dann sogar ein klassische Umkehrschluss, ein argumentum e contrario. Trotzdem kann man mit der Behauptung, Prostitution schütze vor Vergewaltigern gerade bei in der Materie unbewanderten Lesern immer auf Zustimmung hoffen, das ist dann laut Schopenhauer ein sogenanntes argumentum ad auditores. Beliebt ist das populistische Scheinargument übrigens – der Name verrät es bereits – bei Populisten. Populisten arbeiten zusätzlich oft mit einer Verkürzung oder unzulässigen Deduktion: „Viele Kriminelle sind Ausländer“ bedeutet nicht „Ausländer sind kriminell.“

Labeln und Diskreditieren: Euphemismen und Dysphemismen

Dieser rhetorische Trick basiert nicht auf einem Scheinargument, sondern darauf, Sachverhalte und Personen neu- oder umzubenennen. In diesem Bereich hat es die Libfem/Queerfem-Szene zu einigem Erfolg gebracht. Sachverhalten werden einfach umbenannt und damit sprachlich verharmlost. So wird aus Prostitution „Sexarbeit“, aus einer Vergewaltigung ein „Erlebnis“, aus einem Vergewaltiger ein „Sextäter“. Gewalt und Machtverhältnisse verschwinden hinter neutralen bis positiven Bezeichnungen, den Euphemismen. Das Gegenteil davon sind Dysphemismen. „Feminazi“ ist so ein Dysphemismus. Labeln bedeutet aber noch etwas anderes: Indem man einer Sache einen Namen gibt, ist es einfacher, sie anzugreifen, das zeigt die Verwendung des Begriffs Terfs. Komplexe Zusammenhänge werden auf einen einprägsamen Kampfbegriff heruntergebrochen.

Das Mitleidsargument: argumentum ad misericordiam

Soziale Netzwerke sind empfänglich für Emotionen und wer an Mitleid und Empathie appelliert, kann oft Punkte gewinnen. Ein typisches Mitleidsargument wäre: „Wegen ihrer Anzeige hat er einen wichtigen Job verloren“. Das ist noch dazu ein Fehlschluss: Wenn ein Mann wegen sexueller Belästigung seinen Job verliert, ist nicht die Kritik daran schuld – sondern er selbst. Davon abzugrenzen ist das sogenannte moralische Argument, dass an grundlegende moralische Übereinkünfte appelliert wie „das wollen wir als Gesellschaft doch nicht zulassen.“

Hypothesen, Nichtwissen und Scheinkausalität

Bei einem hypothetischen Argument wird eine reale Prämisse mit einer hypothetischen verbunden, etwa: „Prostitution ist schädlich, deshalb würde ich, wenn ich arm wäre, nie der Prostitution nachgehen.“ Das argumentum ad ignoratiam funktioniert ähnlich: weil wir etwas nicht wissen, ist die Schlussfolgerung daraus nicht wahr, etwa: „Wenn Männer Frauen nicht unterdrücken würden, wären Frauen unzufrieden.“ Das Scheinargument arbeitet mit einer nur behaupteten Kausalität, etwa: „Je emanzipierter Frauen werden, umso mehr stehen sie auf BDSM.“ Hier gibt es zwar vielleicht einen chronologischen Zusammenhang, aber eben keinen kausalen (eher ist das Gegenteil der Fall. Weil Frauen immer emanzipierter werden, wird Sadismus als sexuelle Spielart propagiert, um sie weiter zu unterdrücken, wie es Kathleen Barry ausführt).

Die Goldene Mitte: argumentum ad temparantiam

Es klingt so schön demokratisch, jeder gibt ein bisschen was zu und ab und schon kann man sich einigen. Wahr ist, dass Kompromisse bei Fragen der Logik oder Wahrheit eben keine gute Idee sind. „Du kritisierst, dass Männer Frauen schlagen. Ich sage, Frauen schlagen Männer genauso oft. Einigen wir uns doch darauf, dass beide Geschlechter gleich oft Gewalt anwenden.“ – klingt wie ein guter Kompromiss, ist es aber nicht. Häusliche Gewalt durch Männer ist die mit Abstand häufigere Form mit schweren Verletzungen. Das gleichzusetzen, verharmlost das Problem. Bei der Wahrheit gibt es keine Kompromisse, nur weil sich das Gegenüber dann eben besser fühlt.

Totschlagargumente, Killerphrasen und Drohungen

Das Auftreten eines Totschlagarguments ist ein sicheres Zeichen dafür, dass der andere keine Argumente mehr hat und mit dem Rücken an der Wand steht. „Mit männerhassenden Feminstinnen diskutiere ich nicht“ ist so ein Totschlagargument, dass das gern noch mit einer Killerphrase unterstrichen wird: „Das sind Luxusprobleme, haben wir gerade keine anderen Sorgen?“. Totschlagargumente und Killerphrasen sind keine Argumente, sie sind verzweifelte Versuch, mit einer vermeintlich anschlussfähigen Äußerungen die eigene argumentative Niederlage zu verbergen. Wenn dann gar nichts mehr hilft, kommt das argumentum ad baculum, die Drohung: „Dich sollte man mal vergewaltigen.“ An diesem Punkt kann frau getrost aus der Diskussion aussteigen – die Niederlage des Anderen ist offensichtlich.

Doppeldeutigkeit, falsche Verallgemeinerung und die Sache mit den Folgen

Ein häufig angewendeter sprachlicher Trick ist die Doppeldeutigkeit oder Ungenauigkeit. Man kennt das aus dem Alltag, wenn man sich nicht festlegen möchte und Worte wie „demnächst“ oder „zeitnah“ verwendet. Man zieht sich darauf zurück, dass diese Worte eben nicht exakt festgelegt sind, sondern eine Art kulturelle und kommunikative Übereinkunft darstellen. Im Zweifel kann man dann immer sagen, dass die Anwendung ja Interpretationssache ist. Das lässt viel Raum, um sich um die Wahrheit herumzumogeln. Die Doppeldeutigkeit begleitete lange unser Strafrecht im Zusammenhang mit Vergewaltigungen: Nein kann ja auch ja heißen und nur Nein ohne Gewalt oder Lebensgefahr ergibt auch noch keine Vergewaltigung. Damit blieb der Begriff Vergewaltigung schwammig, die Täter kamen davon. Das neue Sexualstrafrecht soll das eigentlich verhindern, aber auch da gibt es findige Richter, die den Spieß dann einfach umdrehen: Aus Tätern werden Opfer, aus Opfer Verführerinnen. Die falsche Verallgemeinerung passt dazu ganz gut: „Wenn du sagst, Pornografie sei sexuelle Gewalt behauptest du damit, alle Männer seien Vergewaltiger.“

Metaphern, Paraphrasieren und Suggestionen

Jede Sprache kennt sprachliche Bilder und wir alle benutzen sie ständig. Sie sind uns in Fleisch und Blut übergegangen und wir hinterfragen sie selten. Gerade deshalb sind sie machtvolle Mittel in einer sprachlichen Auseinandersetzung. Die „Rabenmutter“ ist so eine Metapher, oder auch die „gläserne Decke“, an die Frauen stoßen, oder auch das „Strohfeuer“. Wenn wir diese Begriffe hören, können wir gar nicht anders, als ein Bild vor Augen zu haben, und dieses Bild beeinflusst unterbewusst, wie wir eine Sache sehen.

Das Paraphrasieren und die Suggestivfragen empfahl schon Schopenhauer. Indem das, was der andere sagt, mit anderen Wörtern wiederholt wird, ergeben sich viele Möglichkeiten. Man kann das Gegenüber verunsichern oder nur einzelne Wörter immer wieder austauschen, bis die Bedeutung der eigentlichen Aussage verschwindet. Wenn die Aussage ist: „Kinder müssen vor sexuellen Übergriffen geschützt werden“ kann durch ein paar paraphrasierende Wiederholungen und Suggestivfragen aus diesem Satz schnell werden: „Pädophile sollten vorbeugend und für immer weggesperrt werden.“

Auch das Framing, in dem es Donald Trump zu einiger Meisterschaft gebracht hat, gehört in die Trickkiste der sprachlichen Manipulation. Die Aussage „Stockholm ist die Hauptstadt mit den häufigsten Vergewaltigungen“ klingt erschreckend, wahr ist aber, dass in Stockholm aufgrund entsprechender Gesetze nur die Bereitschaft höher ist, Vergewaltigungen auch anzuzeigen. Das Framing, der Rahmen, in den etwas gesetzt wird, entscheidet, wie es rezipiert wird.

Hass-, Neid- Angst- und Erfolgsargumente: Gefühle sind kein Beweis

Grundsätzlich ist es immer ein argumentativ schwaches Signal, an Gefühle zu appellieren, etwa an Angstgefühle. Das argumentum ad metum appelliert an die Ängste. „Wollt ihr etwa lauter Vergewaltiger in den Innenstädten herumlaufen lassen? Denkt doch mal an eure Kinder!“ Hass- und Neidargumente – argumentum ad odium und argumentum ad invidiam – spielen mit genau diesen Gefühlen. „Muslimische Männer können gar nicht anders, als Frauen belästigen“, wäre so ein Hassargument, das zugleich natürlich auch ein populistisches Argument ist, ein Neidargument wäre: „Findest du nicht, dass deine Freundin immer bestimmt, wo es lang geht und sich in den Vordergrund drängt?“. Das argumentum ad crumenam wiederum geht davon aus, dass Erfolg allein als Beweis für etwas gilt. „Pornografie kann gar nicht so übel für die Darstellerinnen sein, immerhin gibt es einige, die damit reich und berühmt geworden sind.“ Das ist aber kein Widerspruch zu der Aussage, dass Pornografie Gewalt für die Seele und den Körper bedeutet und Frauen zu Objekten degradiert.

Ex concessis, nego majorem und nego minorem und per nego consequentiam

Nun kann es natürlich durchaus vorkommen, dass das Gegenüber nicht nur die besseren rhetorischen Tricks drauf hat, sondern tatsächlich sachlich wichtige und richtige Argumente vorträgt. Leider sind nur die wenigsten Menschen in der Lage, dann zu sagen: „Ja, ich habe mich geirrt, du hast Recht“, sondern, und gerade, wenn ein rhetorischer Schlagabtausch vor Zuschauern geführt wird, versuchen sie, ihren Ansatz zu retten, was vielleicht dem Ego, nicht aber der Sache dient. Ex concessis heißt es, wenn man dem anderen zugesteht, teilweise oder gar ganz Recht zu haben. Beim Recht geben gibt es nämlich verschiedene Abstufungen, etwa das nego majorem, das Argument mehrheitlich bestreiten „Es mag ja sein, dass es Prostituierte gibt, die darunter leiden, aber das trifft nicht auf die Mehrheit zu“ ist so ein Argument, dass eigentlich ja schon einräumt, dass die Sache richtig ist, nur eben nicht in ihrer Absolutheit, das nego minorem konzentriert sich dann auf einen eher unwichtigen Teil des Behauptung „Tägliche Gewalt ist eine Übertreibung“. Bei Schopenhauer heißt das Homonymie – „ich habe heute in die Zeitung geschaut, da steht nichts über eine Gewalttat an einer Prostituierten, also hast du Unrecht und dein gesamtes Argument ist falsch“, oder auch ignoration elenchi – die Behauptung, der andere kenne den Gegenbeweis nicht (weil sie heute noch nicht in die Zeitung geschaut hat). Es ist wichtig, sich zu Augen zu führen, dass derjenige, der so argumentiert, die Diskussion eigentlich schon verloren hat, und sich jetzt nur noch an den letzten Strohhalm klammert, um sein Gesicht zu bewahren.

Am Ende kann man dann noch nego consequentiam – die Schlussfolgerung bestreiten. „Mag ja sein, dass Prostitution schlecht ist, aber was wollt ihr jetzt machen? Sie verbieten?“ oder auch „In der Theorie mögt ihr ja Recht haben, aber praktisch ist das nicht umzusetzen.“ Man nennt das auch das Folgenargument oder das argumentum ad consequentium.

Unsere Wahrnehmung lässt sich durch Rhetorik manipulieren

Uns gefällt das zwar nicht, aber unzählige Studien haben genau das belegt: Sprache und Kommunikation verändern, wie wir etwas erleben und wie wir es erinnern. Wir sind alle sehr viel manipulationsanfälliger, als wir uns eingestehen möchten – und jede von uns manipuliert auch selbst. Das geschieht manchmal unbewusst, manchmal mit Absicht, aber nur wer sich diese Manipulationen bewusst macht, kann sie auch außer Kraft setzen. Wir sind anfällig für Komplimente, folgen dem Herdentrieb („Wenn alle 50 Shades of Grey schauen, sollte ich es vielleicht auch tun“), wir bauen uns unsere eigenen Filterbubbles, in denen wir nur noch das wahrnehmen, was unsere Meinung bestätigt und neigen dazu, Menschen, die eine gute Eigenschaft haben, zu verklären, etwa jemand, der gut tanzen kann, auch gleich zur Feministin zu erklären. Wir fallen auf die Kontrastfalle herein, „In Saudi-Arabien werden Frauen ausgepeitscht, wenn sie Auto fahren und du regst dich auf, weil dein Chef einen sexistischen Spruch gemacht hat?“ und vor allem, und das ist meiner Ansicht nach die stärkste kognitive Verzerrung, der wir alle unterliegen, lernen wir, Widersprüche auszuhalten, die sogenannte kognitive Dissonanz. Nur so ist es möglich, dass einige Feministinnen für sich in Anspruch nehmen, sexistische Werbung zu kritisieren, bei Puffwerbung aber etwas von sexueller Selbstbestimmung faseln. Wir reden uns Dinge schön, um sie auszuhalten oder um darüber hinwegzutäuschen, dass wir ihnen gar nicht wirklich auf den Grund gehen möchten. Das ist ein beinahe unüberwindbarer Impuls. Kritik und Diskussionen aber rütteln genau an diesen Dissonanzen und deshalb brauchen wir sie. Solange wir in unseren Wahrnehmungskäfigen feststecken, ändern wir nämlich nichts.

Warum Diskussionen wichtig sind

Diskussionen über sexuelle Gewalt, Diskriminierung und Frauenhass zu führen, ist wichtig, auch online. Nicht wegen der Antifeministen, sondern wegen der Leser. Bleiben bestimmte Aussagen wie „Frauen machen oft Falschbeschuldigungen bei Vergewaltigungen“ unwidersprochen stehen, brennen sie sich irgendwann regelrecht in das Gedächtnis und werden als „wahr“ akzeptiert – das Beispiel mit dem „ältesten Gewerbe der Welt“ zeigt das sehr gut. Überhaupt sind ständige Wiederholungen ein sehr gutes Mittel, um die Allgemeinheit von den eigenen Ansichten zu überzeugen, das nennt man dann übrigens argumentam ad nauseam – das Wiederholen bis zum Erbrechen. Widerspruch durchbricht die Schweigespirale, ein Phänomen, das bedeutet, je eindeutiger das Meinungsklima ist („Pornografie ist Teil der sexuellen Freiheit, wer sie kritisiert, ist prüde“), umso weniger sind Menschen bereit, zu widersprechen, weil sich damit selbst aus einer Gruppe ausschließen würden. Mutig Gegenargumente liefern durchbricht die Schweigespirale und wir haben schon sehr oft erlebt, dass wenn sich eine traut, zu widersprechen, trauen es sich auch andere.

Die Psychologie der Massen

Gustave Le Bon schrieb vor langer Zeit sein noch heute viel gelesenes Buch „Die Psychologie der Massen“. Man kann sich darüber streiten, was eine Masse ist, aber oft erfüllen die Follower einer Seite genau die Kritierien, die für eine Masse notwendig sind und verhalten sich auch so. Le Bon nannte das das „Gesetz der psychologischen Einheit der Masse“ oder die „psychologische Masse“, an vielen Stellen sogar „Rassenseele“. Le Bon war besessen von Rassen, allerdings nicht den biologischen, sondern den „kulturellen“. Wohlmeinend kann man zugestehen, dass das, was er in Bezug auf die Psychologie der Massen formulierte, wohl dem entsprach, was man in der Ethnologie unter „cultural common sense“ versteht, also grundlegende kulturelle Übereinkünfte, die alle Angehörigen einer Gesellschaft teilen.

Le Bon hatte aufgrund persönlicher Erfahrungen schreckliche Angst vor Revolutionen und vor dem Volk, deshalb verfasste er seine Analyse der „Psychologie der Massen“ und vieles von dem, was er beschreibt, ist, trotz oder gerade wegen des schwierigen Kontexts, heute noch erschreckend aktuell: Er beschreibt das Machtgefühl der Masse und die gefährliche Einschätzung des Individuums, als Teil der Masse straflos mit etwas davonzukommen, was er sich als Einzelner niemals trauen würde. Wer schon einmal einen Shitstorm erlebt hat, kennt dieses Gefühl sehr genau, zumal die von ihm beschriebene Anonymität in der Masse durch die im Internet mögliche Anonymität noch verstärkt wird.

Abweichende Meinungen anbieten

Im Internet finden sich psychologische Massen, die einer großen Suggestionskraft unterliegen, sich als Masse irrational und leicht erregbar verhalten und auf Bilder statt Argumente reagieren. Eine klare Beweisführung, das wusste schon Le Bon, reicht nicht, um die Massen für sich zu gewinnen, vielmehr braucht diese Emotionen und ist sehr empfänglich für Suggestionen und Vereinfachungen, wie sie schon oben ausgeführt wurden. Das bedeutet, dass die oben beschriebenen rhetorischen Tricks und sprachlichen Manipulationen durch die Masse, die sie im Internet mit Leichtigkeit erreichen, eine besonders verheerende Wirkung haben und es deshalb umso wichtiger ist, ihnen entgegenzutreten. Gerade beweislose, aber emotionsträchtige Behauptungen und ständige Wiederholungen fürchtete er als Mittel, um die Massen aufzuwiegeln. Bestimmte Aussagen werden gottgleich „angebetet“ und nicht mehr hinterfragt, bis einer kommt und eine andere Meinung anbietet. Dann, so Le Bon, kann es, langsam, dann auf einmal auch plötzlich, zu einem Meinungsumschwung kommen.

Le Bon war sich nämlich sicher, dass die Masse nicht nur äußerst blutrünstig, sondern auch sehr „tugendhaft“ und moralisch gut handeln kann, wenn sie die entsprechenden Impulse bekommt. Es lohnt sich also gerade bei Seiten mit großen Fan- und Followerzahlen, zu widersprechen. Überhaupt ist Diskutieren nützlich:

Das Disputieren ist als Reibung der Köpfe allerdings oft von gegenseitigem Nutzen, zur Berichtung der eigenen Gedanken und zur Erzeugung neuer Ansichten„, schrieb Schopenhauer, der alte Frauenhasser. Damit hat er Recht.

 

4 Kommentare

  1. Diese unfairen Diskussions- und Argumentationsmethoden werden noch verstärkt durch die grosse Anzahl und die Lautstärke dieser antifeministischen Trolle und Trollinnen. Viele Radfems haben sich deshalb aus den Diskussionen verabschiedet und schweigen wieder….. einmal.
    Weil: Auf diesem Niveau kann frau gar nicht diskutieren. Wie sie sich auch äussert, sie wird an die Wand argumentiert. -Eben WEIL sie Recht hat, nicht andersrum. Um in der gleichen Art zu „kämpfen“ müsste sie sich sehr weit herablassen, was sie eben auch nicht will. Ein typisches „doublebind“….. einmal mehr.

  2. Anonymous

    War mir ein Vergnügen Deinen Artikel zu lesen. Danke. 🙂
    Irmgard Klammer

  3. Ich erinnere mich mit Grauen an die vielen Diskussionen mit Maskulinisten und sonstigen Antifeminist*innen (ja, aller Geschlecht) im Netz.

    Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass sie allein dadurch siegten, dass sie meine Zeit und Aufmerksamkeit banden. Es war oft völlig sinnlos mit denen zu diskutieren.

    Im Netz ernsthafte oder langwierige Diskussionen zu führen, kommt mir inzwischen vor, wie Lebenszeit ohne Wirkung oder Sinn zu verschwenden. Im Netz sind Menschen oft anders und Leute verstehen einander nicht. Reden aneinander vorbei.

    Sicherlich ist es aber gut, wenn es noch genügend Leute gibt, die bereit sind, ihre Zeit dafür zu opfern netzsüchtigen Meinungsmachern in entsprechend hoch freqentierten Netzspots Paroli zu bieten.

    Ich jedenfalls, ertrage diese Orte und Typen und deren „Argumente“ nicht mehr.

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