Sex als Leistungssport: Ein Workshop für weibliche Ejakulation

Ein Pärchen

Robert Bejil [CC BY 2.0]

Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen bei uns regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der oder aller Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Ein Gastbeitrag von Simone

“Lustvoll den Harneingang entdecken”

Seit ich auf einem linken Festival einen Workshop zu weiblicher Ejakulation besucht habe, schwirrt mir diese Aussage im Kopf herum. Der Workshop war zwar mit „weiblicher Ejakulation“ betitelt, wurde aber von Queerfeministinnen abgehalten. Die beiden sind Expertinnen, wenn es um weibliche Ejakulation geht: eine von ihnen besuchte mal einen Workshop zu diesem Thema, bei dem sie praktische Erfahrung sammeln konnte. Dort saßen mehrere Frauen in der Hocke „ganz entspannt“, den Rücken an die Wand gelehnt, in einem Raum, führten zwei Finger ein und …. ejakulierten! Ja, das gibt es offenbar.

Erhofft hatte ich mir eine umfassende Patriarchatskritik, denn im Grunde ist „squirten“ eine Praktik, die wir aus Pornos kennen. Aber ganz in liberal feministischer Manier bestand der Workshop aus Tipps und Tricks wie wir denn nun alle Squirten lernen könnten. Man könne beispielsweise den Harneingang lustvoll entdecken. Aua und
hallo Blasenentzündung. Die weibliche Ejakulation als das wonach wir Frauen zu streben haben. Frei nach dem Motto: Wer für Männer attraktiv sein will, muss leiden.

Erregung? Fehlanzeige. Erregung ist aber der eigentliche Ursprung der weiblichen Ejakulation. Nicht so in Pornos: Dort ejakulieren Frauen durch Penetration am besten mehrmals in kürzester Zeit. Mit der Anzahl von weiblichen Ejakulationen pro Minute steigt auch der Anspruch an uns. „Kannst du squirten?“ ist keine seltene Frage von

Männern. Wird sie verneint, wird geübt. Wir, die Frauen, üben. In Workshops. Wir lernen in erniedrigender Weise squirten, reden uns ein, dass die Atmosphäre entspannt sei und bezahlen vermutlich auch noch Geld dafür. Wir üben zu Hause in der Badewanne, probieren alles Mögliche aus. Dass es Aufgabe der Männer wäre,
uns in den Zustand höchster Ekstase zu bringen verdrängen wir – und spielen demPatriarchat damit in die Hände. In den Pornos geht das ja schließlich wie von selbst.

Erniedrigung und Penetration statt echter weiblicher Lust

Die magischen Zutaten sind eine möglichst hohe Dosis Erniedrigung und Penetration. Wenn wir nur genug üben, klappt das auch. Oder nicht. Und dann machen wir uns Vorwürfe und suchen den Fehler bei uns. Solche Workshops sind darauf ausgelegt an unser Pflichtbewusstsein zu appellieren. Es ist unsere Aufgabe die Obsessionen der Männer zu befriedigen. Wir richten uns nach den Wünschen der Männer. Uns wird die sexuelle Lust aberkannt, während die männliche Lust zum Maß aller Lüste erkoren wird. Schmerzen während der Ejakulation werden als reine Kopfsache abgetan. Der Ursprung könne nur psychologisch sein – lösbar durch
Nachdenken und weiter probieren.

Workshops, die uns die weibliche Ejakulation beizubringen versuchen, bewirken, dass Männer sich nicht mehr mit ihr auseinander setzen müssen. Workshops, die uns die weibliche Ejakulation beizubringen versuchen, tragen zur Tabuisierung weiblicher Lust bei. Weibliche Lust wird unsichtbar gemacht, geradezu negiert. Das,
was Männer als Last empfinden, wird ihnen abgenommen – von Frauen, die uns beibringen wie wir die Wünsche der Männer erfüllen. Männer müssen sich nicht mehr mit der weiblichen Lust auseinander setzen, weil Frauen als verlängerter Arm des Patriarchats fungieren.

Was ist mit der weiblichen Lust?

Auf die Frage wie sich so eine Ejakulation denn anfühle, antwortete die Referentin, dass es eine enorme Erleichterung sei. Erleichterung es endlich geschafft zu haben? Erleichterung am Ziel angekommen zu sein? Erleichterung über eine erfüllte Anforderung?

Wir sollten uns vor Augen halten, was wirklich erleichternd wäre: Unsere Lust ausleben zu können und Befriedigung zu erhalten. Abseits von pornografischen Klischees.

8 Kommentare

  1. 1975 wurde im “1.Frauendruck vom Frauenzentrum Berlin” zusammen mit “Frauenstaat und Männerstaat” von Mathilde Vaerting, die damals noch lebte, “Der Mythos vom vaginalen Orgasmus” von Anne Koedt veröffentlicht.
    Das war revolutionär, denn bis dahin hatten alle Frauen, zumindest die Genossinnen der Studentenbewegung versucht beim Geschlechtsverkehr so schnell wie möglich, oder besser so schnell wie nötig, zum Orgasmus zu kommen. Schnell nötig bevor ER kam und abschlaffte. Falls das nicht gelang, weil viele Genossen schon kamen, wenn sie ihn reinsteckten, dann spielten die meisten Genossinnen den Orgasmus vor. Damit ER nicht frustriert war. Und sie nicht von IHM als verklemmt und neurotisch abqualifiziert wurden. Von den “bürgerlichen Spiesserinnen” wusste man, dass sie gar nicht orgasmusfähig waren. Wer nicht orgasmusfähig war, war spiessig und verklemmt. Darüber gab es in den damals “revolutionären” ersten Kommunen und Wohngemeinschaften eine Art Podiumsdiskussionen in denen Genossen über die Orgasmusfähigkeit der Genossinnen diskutierten. Bis der Mythos vom vaginalen Orgasmus die Runde machte. Danach kamen die Genossen in Zugzwang.

    Offenbar hat sich einerseits vieles andererseits wenig geändert. Jetzt sollen Frauen “squirten”. Aber es geht wieder um männliche Lust und Bequemlichkeit. Und um die Unterwerfung von Frauen. Nur diesmal helfen Frauen nicht Frauen beim Widerstand sondern bei der Unterwerfung unter männliche Wünsche. Muss ja auch sein. Sonst geht er zu einer Prostituierten mit der er machen kann was er will. Und das ist heute viel billiger als früher.

  2. Also, ich finde, das kann man so oder so auslegen. Squirten kann durchaus auch emanzipatorisch betrachtet werden. Es gibt nämlich sehr viele Männer, die es gar nicht so “geil” finden, wenn sie plötzlich nicht mehr die einzigen sind, die das Vorrecht auf Ejakulation besitzen. Und weibliche Ejakulation wurde und wird traditionell gerade in der Frauen- und Lesbenbewegung positiv besetzt (schon vor über 30 Jahren) und als Zeichen weiblicher Emanzipation angesehen. Da gerade Frauen beigebracht wird, daß ihre Körperflüssigkeiten ekelerregend/unrein/unsexy sind (s. Stichwort Panty Challenge) finde ich es durchaus empowernd, weibliche Körperflüssigkeiten positiv zu besetzen und Frauen die Scheu davor zu nehmen. Ich weiß auch nicht, woher die Autorin (oder die Workshopleiterinnen, falls diese die Ansicht tatsäxhlixh vertreten) nimmt, squirten sei (nur) durch Penetration oder schmerzhafte Harnröhrenstimulation zu erzielen. Meines Wissens nach gibt es einfach Frauen, die bei intensiven Orgasmen ejakulieren, unabhängig von etwaiger Penetration. “Dass es Aufgabe der Männer wäre,
    uns in den Zustand höchster Ekstase zu bringen verdrängen wir – und spielen demPatriarchat damit in die Hände”. Eine solche Aussage finde ich wirklich schwierig, sie ignoriert nicht-heterosexuelle Lebensweisen und vor allem wertet sie die Selbstentdeckung des weiblichen Körpers ab, was ich tatsächlich nicht nur unfeministisch, sondern auch falsch finde, denn eines schließt das andere nicht aus, im Gegenteil. Ich finde, die Autorin denkt da zu schwarz-weiß und reduziert die Intention hinter solchen Workshops auf eine Erfüllung männlicher Phantasien, wo viele andere Deutungen möglich wären.

  3. Seit ca. 15 Jahren (erste Finanzkrise????) rennen die Frauen wieder den Männern und deren abartigen sexuellen Bedürfnissen hinterher. Sie wollen IHM gefallen und nehmen deshalb allerlei schmerzhafte und teure “Optimierungsbehandlungen” auf sich. Pole-Dance, Vagina-Verkleinerung, Busen und Lippen-Vergrösserung, Waxing, Fiesting, Stalking, Aussehen wie eine Pornoqueen, und andere Abartigkeiten mehr. Hat sich mein “Mitleid” mit Männern schon vor Jahren relativiert, ist es jetzt auch bei den Frauen soweit. Bei Vielen muss man tatsächlich am Verstand zweifeln und dann einfach “loslassen”, seufzen und denken: Selber schuld!

  4. so weit ich weiß gibt es keine weibliche “ejakulation”, das “zeug”, was da aus der harnröhre rauskommt, ist urin und keineswegs ein pendant zu sperma. beim squirten wird dieser in hohem druck ausgeschieden, wenn beim orgasmus (oder auch ohne orgasmus) die beckenmuskulatur zu sehr auf die blase drückt. und das ist laut pornos dann geil, sich vollzupissen. klar, manche machen das von natur aus, man kann sich wenn man kommt ja schlecht kontrollieren, aber dass einem extra antrainiert wird sich mit hochruck vollzupinkeln, weil mann das so will, ist echt einfach nur lächerlich.

  5. Ps: Wie kommt es eigentlich, dass Männer definieren und vor allem “Wissen”??? (?) was Frauen wollen (sollen) und dies dann auch noch durchsetzen (können) . Wie in Nordkorea funktioniert leider auch bei uns die Programmierung und der Brainwash!
    Über Angst vor Liebesentzug und Mangeldenken! Alles wie immer und gehabt. Und die Frauen machen leider mit!

    Wenn nämlich Frauen mal wirklich authentisch und solidarisch, statt patriarchal abgerichtet wären, würde sich sehr schnell sehr viel ändern. Aber auf diesen Tag können wir genau so lange warten, wie auf den Tag, an dem männliche Gewalt gegen Frauen aufhört. Wahrscheinlich lange, sehr lange. Solange Frauen Bücher und Filme wie “50 shades of grey” konsumieren, zu den IS nach Syrien reisen und sich freiwillig den Tschader -oder die Vagina Verkleinerung antun, hält sich meine Hoffnung auf eine Verbesserung der Umstände doch sehr in Grenzen.

  6. Der Artikel ist mir etwas zu wirr. Klar, Workshops zur Leistungssteigerung im Bett, mit dem Ziel, den Männern mehr Lust zu verschaffen, sind überflüssig. Die Entdeckung des eigenen Körpers, seiner Fähigkeiten und Reaktionen, ist es aber keineswegs. Die weibliche Ejakulation wird immerhin von einem Drittel der in Studien befragten Frauen erlebt (von Nieden, 1993) und ist normalerweise auch ein Zeichen von Loslassen -können. In so fern wären es also eigentlich die PartnerInnen der Frauen, die Aufklärung und Anleitung benötigen.
    Verantwortlich für die Flüssigkeitsproduktion sind die Skene- und Bartholinschen Drüsen, die in bzw. vor der Harnröhre in die Vulva münden. Das Sekret ist sauer und kaliumhaltig und unterscheidet sich schon in der Farbe deutlich von Urin. Ich finde es sehr problematisch Frauen, die es absondern, zu sagen, sie “pissen sich voll”. Gibt es nicht schon genug Dinge, für die wir uns angeblich schämen müssen?

  7. Naja,vielleicht gibt es ja wirklich Frauen,die das von sich aus tun…Den Frauen,die das tun,um Männern zu gefallen,kann ich nur raten,sich wieder auf sich selbst zu konzentrieren,statt auf das,was uns von außen so eingetrichtert wird.
    Es tut einem nie gut,egal um was es geht,wenn man sich ausschließlich auf das konzentriert,was andere erwarten!

  8. Nachdenklich und belustigt, lese ich Eure Kommentare. Das Frauen sich unterwerfen,operieren und wer weiß was machen, finde ich sehr bedenklich….kenne aber im meinem Umkreis keine dieser Damen. Leider muss sich noch in vielen Bereichen sehr viel ändern, vor allem in den Köfpen von Frauen und Männern, bis eine Gleichstellung erreicht wird. Was diese Flüssigkeitsproduktion betrifft, finde ich sie nicht besonders erstrebenswert, wer findest es schon spannend während und nach dem Sex in einer Lache zu liegen. Vor allem, wenn Frau weiß, dass dieses mit Ihrem Orgasmus einhergeht, ist es schwer los zu lassen….

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