Sexualerziehung durch die Sexindustrie? Keine gute Idee!

Pornos sind überall. Wir haben Foodporn und Bookporn und Porno Rap und überhaupt ist alles Porno. Das große Ziel der Sexindustrie, endlich im Mainstream anzukommen, ist fast erreicht. Pornos sind nichts Schmutziges mehr, im Gegenteil. Pornos sind cool. Wer die in in ihnen dargestellte Gewalt gegen Frauen, der immer weiter eskalierende Hass und die Gefahren anspricht, die die Sexindustrie mit sich bringt, gilt als prüde. In keiner Industrie ist die Selbstmordrate höher, sind eindeutiger Rassismus und sexistische Gewalt nicht nur geduldet, sondern sogar gewünscht und können „Produkte“ nur durch massiven Drogenkonsum der Darsteller erstellt werden. In Pornos werden Frauen systematisch entmenschlicht, sie sind austauschbare Ressourcen, deren Gefühle und Körper nichts zählen.

Immer wieder wird dann darauf verwiesen, dass es ja auch alternative Pornos gibt, und insbesondere „feministische“ Pornos. Die prominenteste Vertreterin des feministischen Pornos ist die Schwedin und Pornoproduzentin Erika Lust, die in Spanien wirkt und mit dem Label des feministischen Pornos bereits einige Millionen verdient hat.  Von sich selbst sagt sie, sie wolle Pornos schaffen, die Frauen ansprechen. Nachdem die TV-Serie „Hot Girls Wanted“ in ihrer ersten Staffel schonungslos aufzeigte, wie die Sexindustrie in Amerika junge Mädchen innerhalb weniger Monate regelrecht verbrennt, sie wie Frischfleisch ausbeutet und dann wieder ausspuckt (oder sie zu immer extremeren Szenen zwingt), sollte es in Staffel 2 ein wenig mehr „Kontext“ geben. In einer der ersten Folgen wird Erika Lust beim Filmdreh begleitet. Sie wirkt so locker und fröhlich und betont immer wieder, wie wichtig es ihr sei, dass es den Darstellerinnen gut gehe. Bei ihr sei alles ganz anders, Wohlfühlporno für die selbstbestimmte Frau. Kein Fake, keine Gewalt, keine Beschimpfungen, keine Grenzüberschreitungen. Eine zierliche Frau ist diesmal die Hauptdarstellerin, sie ist Pianistin. Es ist ihr erster Dreh. Sie lächelt bezaubernd und offen. Ihr Partner ist ein Profidarsteller. Erika Lust erklärt ihm zwar, dass er nicht wie bei seinen sonstigen Drehs rücksichtslos sein kann, doch dem Darsteller gelingt das nicht. In der finalen Szene unterbricht die Darstellerin den Dreh. „Es tut weh“, sagt sie. Sie bekommt ein wenig Wasser, und dann fordert Erika Lust knallhart „Weitermachen!“. Sie brauche nur noch ein paar Einstellungen. „Du kannst einfach so tun, als ob es dir gefällt. Spiel den Orgasmus einfach vor“, sagt sie zu der sichtlich mitgenommenen Frau. Diese tut, was von ihr verlangt wird. Als alles vorbei ist, ist das bezaubernde Lächeln von ihrem Gesicht verschwunden, sie flieht verstört vom Set, doch Erika Lust ruft sie zurück, umarmt sie demonstrativ vor der Kamera des Hot Girls Wanted Teams. Die Frau lässt es über sich ergehen.

Die Szene zeigt sehr deutlich einen Zusammenhang, den Pornokritikerinnen seit Jahren ansprechen. Es gibt keinen „alternativen“ Porno, an Pornos ist auch nichts feministisch. Es ist immer ein knallhartes Business, das in einigen Nischen vielleicht wenig weniger offen frauenverachtend ist, das aber letztlich immer den gleichen Regeln und Mechanismen folgt.

Nun hat aber der Deutschlandfunk, der bereits seit einer Weile mit seiner undifferenzierten Verherrlichung der Sexindustrie, besonders der Prostitution auffällt, entdeckt, dass Erika Lust, die in PR und Marketing Sachen ein kaum zu übertrumpfender Profi ist, einen Aufklärungsfilm für Kinder gemacht hat, um Kindern und Jugendlichen den richtigen Umgang mit Pornografie zu erklären. „Sollten wir mit unseren Kindern über Pornos reden?“, fragt die Überschrift. Eine Website gibt es auch dazu, auf der Erika Lust die Kinder aufklärt:

– Pornografie ist kein echter Sex. Menschen führen etwas vor und das hat nichts mit echtem Sex zu tun.
– Männer und Frauen haben Intimbehaarung und das ist normal und okay.
– Rassismus ist allgegenwärtig in Mainstreampornografie. Wenn man allein über die Hautfarbe definiert, ob man etwas gerne ansieht oder nicht. (zitiert nach Deutschlandfunk)

Falsch. Pornografie ist echter Sex. Es sind echte Menschen, echte Frauen, die Schmerzen erleiden, die sagen „es tut weh“. Und wenn jemand sagt, „es tut weh“ und es wird weiter gemacht, dann ist es mindestens eine massive Grenzüberschreitung und hart an der Grenze zur Vergewaltigung, ganz sicher aber ist es nicht „feministisch“. Ja, echte Menschen haben Intimbehaarung, aber auch sie zu zeigen macht einen Porno noch nicht feministisch. Und ja, Pornos sind rassistisch. Aber zu erklären, was Rassismus ist, reicht nicht. Kritik muss her und daran fehlt es.

Der Deutschlandfunk findet also, wir sollen mit unseren Kindern über Pornos reden, und dazu das Material der Sexindustrie nutzen, das Material einer Frau, die es in Ordnung findet, Frauen zum weiter machen zu überreden, die Schmerzen haben. Ist das die Botschaft, die wir unseren Kindern vermitteln? Unseren Töchtern vor allem? Dass sie den Orgasmus einfach spielen sollen, damit es schnell vorbei geht, wenn es weh tut?

Ja, wir sollten mit unseren Kindern über die Sexindustrie reden, so wie wir mit ihnen über Alkohol, Sex und Drogen reden. Wir sollten ihnen die Illusionen und Gefahren dieser Branche und des Konsums erklären, doch genauso wie wir die Drogenaufklärung nicht den Bierbrauern und Zigarettenfirmen überlassen, dürfen wir den PR Maschen der Sexindustrie auf den Leim gehen. Die Sexindustrie verdient an sexueller Gewalt an Frauen und Erika Lust ist eine ihrer Profiteurinnen.

2 Kommentare

  1. Herzlichen Dank, Mira, für diesen immens wichtigen Text.

    Porno-„Sex“ ist eben kein „guter Sex“, sondern Fick – Gewaltfick, bei dem es einzig darum geht, die Frau zu erniedrigen, zu demütigen, Macht über sie auszuüben – und ihr dabei sowohl psychisch-emotionale als auch gerade physische SCHMERZEN absichtsvoll (!) zuzufügen. D a s: ist Porno-„Sex“. Und ja: Das ist GEWALT – VERGEWALTIGUNG.

    Ja: Porno bleibt Porno – Erniedrigung, Ausbeutung, Demütigung, E n t w e r t u n g der Frau. Darum geht es – sowohl in Pornographie als auch Prostitution.
    Und ja: darüber sollten wir in dieser klaren, unmissverständlichen Weise mit unseren Kindern sprechen.

  2. Die ganze Pornographisierung, Sexualisierung, Fixierung auf Sex und die Frau als Lustobjekt und Ware Frau hat die Möglichkeit zur Liebe (ja, auch platonischer Liebe oder Agape) eingeschränkt wenn nicht verunmöglicht. Eine der Folgen ist der massive Verlust von Humor und Einfühlungsvermögen. Auch die weibliche Energie, Liebesfähigkeit und Mütterlichkeit wird kaputt gemacht und durch tote und sexuelle Plastikgefühle ersetzt. Jetzt muss man sich für die Liebesfähigkeit schämen, aber nicht für Nacktheit oder Sex. Was für eine öde, grausame und dumme Welt, wo alles auf die Sexualität reduziert wird. Die zunehmende Hassbereitschaft und die Infantilisierung sind m.E. eine Folge davon.
    Der backlash des Patriarchats ist diesmal zu weit gegangen.

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