Sexuell inspiriert dank HIV und sexuell informiert dank Porno und Co

I Love Porn Graffiti

By Wrote from Göteborg, Sweden (porn & new yorkUploaded by sporti) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat zum Thema Prostitution einen Debattenblog eingerichtet – “Streitwert” – auf dem bisher allerdings ausschließlich Beiträge veröffentlicht wurden, die Prostitution und auch Pornos super finden – auf akademisch gerade noch so angemessenem Niveau, wir sind ja hier nicht in der Gosse, da wo die Prostitution stattfindet. Sehr gelehrte Menschen machen sich also theoretische Gedanken zur Prostitution und kommen auf verschiedenen, teils sehr kruden Wegen immer wieder zum Ergebnis: Eigentlich ist dagegen nichts einzuwenden. Das wiederum hat etwas damit zu tun, dass diese Menschen aufgrund ihrer Lebenswege niemals in die Situation kommen werden, sich prostituieren zu müssen und daher aus der wohligen Distanz ihrer Elfenbeintürme ein soziales Phänomen in vollkommener Herablassung abschließend bewerten können. In dieser Haltung steckt ein menschenverachtender Zynismus, den ich bereits an anderer Stelle kritisiert habe. Nun hat das Niveau des neusten Blogbeitrags allerdings einen Tiefpunkt erreicht, dass ich mich wirklich fragen muss, ob in diesem Land überhaupt noch jemand seine Doktortitel dank irgendeiner Anstrengung erreicht, oder ob die im Lotto – oder gegen Bezahlung oder Sex – verteilt werden. Da wird in unglaublicher Ignoranz mit Begriffen und Zusammenhängen um sich geworfen, die weder belegbar noch nachvollziehbar sind – und beides sollte man, wenn man einen Doktortitel hat und Expertin ist, zumindest hinkriegen. Oder nicht, Bildungs- und Prostitutionsmekka Deutschland?

Im Folgenden meine Auseinandersetzung mit dem neuesten Erguss auf dem Böll-Blog, in Anführungszeichen das Original, darunter meine Antwort.

Es ist nicht Aufgabe des Staates, Menschen vor den Folgen ihrer Lebensentscheidungen zu bewahren, die sie in freier Selbstverantwortung getroffen haben.

Wenn das nicht der Fall ist, warum sind dann Drogen illegal, Organhandel, Leihmutterschaft? Warum dürfen sie sich nicht selbst verletzen, wenn es ihnen nach eigenem Bekunden Erleichterung verschafft? Warum dürfen wir uns nicht umbringen, wenn wir es wollen? Warum werden auf Zigaretten so hohe Steuern erhoben und Warnungen und eklige Bilder geklebt?

Freiwilligkeit bedeutet im Zusammenhang mit dem sexuellen Selbstbestimmungsrecht, dass Individuen frei über das Ob, das Wann und das Wie einer sexuellen Begegnung entscheiden können.

Auch das können sie in Deutschland nicht, denn eine Vergewaltigung wird beispielsweise nur dann als solche erkannt, wenn eine heftige Gegenwehr des Opfers zu beweisen ist. Alles andere wird als Konsens bezeichnet. Der Begriff “Freiwilligkeit” ist also hier oft nicht mehr als purer Zynismus gegen die Opfer. Auch über das Ob, Wann, und Wie sexueller Begegnungen können Individuen nicht frei entscheiden. Sie können es ja mal an einem öffentlichen Ort versuchen, da erfüllen Sie den Tatbestand der Erregung öffentlichen Ärgernisses.

So heißt es im Bericht der Bundesregierung zum ProstG von 2007, der damit einen Leitgedanken des sex-positiven Feminismus aufgreift. Dieser entstand in den 70ern in der Auseinandersetzung mit der PorNo-Fraktion und bezieht sich auf alle Sexualitätsdebatten. Seine drei Grundsätze zur sexuellen Selbstbestimmung lauten:

1. Sexualität ist ein Grundbedürfnis und deren Entfaltung ist Teil der allgemeinen Befreiungsbestrebungen. Dazu gehört der freie Zugang aller zu sexuellen Informationen.

Hier liegt der Fehler vor, dass Sexualität mit Prostitution gleichgesetzt wird. Können Sie in ein Laufhaus gehen und sich den Mann mit dem knackigsten Popo aussuchen? Nein. Sie dürfen das Laufhaus noch nicht einmal betreten. Prostitution ist nicht Sexualität – denn diese, davon ist doch auszugehen – wird nur als freie und freiwillige Sexualität verstanden, in die beide Partner freiwillig einwilligen. Im Fall der Prostitution wird die Frau nicht mit Gewalt, sondern mit dem Geld vergewaltigt. Die Bezahlung umgeht ihren Consent. Das ist Vergewaltigung und hat mit Sexualität überhaut nichts zu tun.

2. Einvernehmliche Sexualität zwischen Erwachsenen, deren es eine unendliche Vielzahl gibt, bedarf keiner Einmischung von außen, auch keiner staatlichen.

Dieser Satz ist vollkommen richtig. Er hat aber überhaut nichts mit Prostitution zu tun, die ein Geschäftsmodell mit der Ware Frau/Mann ist. Sie setzen, ohne weitere Erklärung, einfach Prostitution mit Sexualität gleich. Sexualität ist Lust und Freiwilligkeit. Prostitution ist Sex gegen Geld, ohne den Consent des zu benutzenden Körpers. Deshalb hat dieser Satz im Zusammenhang mit Prostitution überhaupt nichts zu suchen.

3. Sexualität, Identität und auch Anatomie sind konstruiert.

Ja. Wir sind alle postkonstruiert, postgender, postfeministisch.

Sex-positive Bewegung

Unterstützung fand die Bewegung durch diverse Gruppen: Zensur-Gegner_innen wiesen darauf hin, dass Verbote sich gegen eigene Freiheitsbestrebungen richten können. Die BDSM-Fraktion, die sich lange gegen Gewalt-Vorwürfe wehren musste und ihr Recht auf Selbstbestimmung einforderte, gesellte sich zu den Sexarbeiter_innen und betonte die Vergleichbarkeit bei Verhandlungspraktiken und dem Aspekt der Eigenverantwortung. Auch LGBTIQA*- Subkulturen, die oftmals von gesetzlichen wie gesellschaftlichen Repressionen betroffen sind, sind Teil der sex-positiven Bewegung. Allen gemeinsam ist die Ausrichtung auf sexuelle Bildung und sex-positive Angebote sowie eine kritische Haltung gegenüber Normen und Definitionen von Sexualität, die vor dem Hintergrund einer gesellschaftlichen Machtanalyse begriffen werden. Daraus resultiert das Eintreten für Vielfalt und gegen Verbote und repressive Tendenzen.

Es geht also um die Angst vor Zensur, wenn sich Frauen und Familien dagegen wehren, dass im Internet frei verfügbar Pornos zu sehen sind, in denen Frauen erkennbar vor der Kamera vergewaltigt, bepinkelt, ihnen in den Mund gekackt wird, Waterboarding mit ihnen gemacht wird, sie verletzt und beschmutzt werden und der Großteil der Pornografie (die Sie ja oben vermeintlich mit sexueller Information meinten) zutiefst frauenverachtend und gewaltverherrlichend ist. Ich möchte nicht, dass Pornografie die Sexualerziehung meiner Kinder übernimmt und in einer freien Gesellschaft habe ich das Recht, mich dagegen zu wehren, dass sie zu sehen bekommen, wie Frauen ihre eigene Kotze aus einem Hundenapf trinken, eine Seite, die aus Deutschland 3 Millionen Klicks bekommt. Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der diese Art von Sexualität zur Normalität wird? Ich sage nein, und ich bin mir sicher, hinter mir stehen einige Millionen, die das auch so sehen, trotz Ihrer schönfärberischen Sprache. Ich bin sexpositiv, ich finde Sex richtig geil und super – und deshalb will ich nicht mit lauter Männern schlafen, die gerne mal einen “Creampie” ausprobieren möchten und so dermaßen vom Pornokonsum verwirrt sind, dass eine freie und selbstbestimmte Sexualität überhaupt nicht mehr möglich ist. Die Zensur – die betreibt die Pornoindustrie, die uns unsere eigene Intimität wegnimmt und sie uns als ein widerliches, menschenverachtendes Produkt zurückverkauft und Sie als Frau spielen mit Ihrem PorYes-Gedönse noch den Türöffner. Sie haben noch vergessen zu erwähnen, dass das alles im Übrigen ja eigentlich Kunst ist.  Im Übrigen befinden sich unter den Submissive-Frauen ein exorbitant hoher Anteil von Frauen, die unter Borderline oder PTBS leiden und die nach eigenen Aussagen BDSM als eine Art von Selbstverletzung ausüben – ich wette, auch darauf antworten Sie wieder ganz zynisch mit der Freiwilligkeit. Gewalt, egal welcher Form, mit Freiheit zu legitimieren ist pervers und jeder der etwas anderes sagt, sollte mal dringend an seinem Wertesystem schrauben.

Angst vor weiblicher Potenz

Gesellschaftlich besteht das Bedürfnis, Sexualität zu kontrollieren bzw. im Sinne der Bevölkerungspolitik und der meist patriarchalen Machtverhältnisse zu regeln. Vor allem – aber nicht nur – weibliche Sexualität wird zu diesem Zwecke gemaßregelt bzw. normiert und gerne mit einem moralischen Diskurs bedeckt, der Frauen die Selbstbestimmung abspricht. Das fängt bei der Anatomie an, die ideologische Bezeichnungen wie „Jungfernhäutchen“ verwendet und den Körper mit sog. (dys-)funktionalen Körperteilen entsprechend dem Weiblichkeitsbild versieht. Lange wurde auch die weibliche Prostata oder die weibliche Ejakulation als nicht existent oder nicht funktional bezeichnet, die weibliche Lust als minder ausgeprägt angesehen. Die Aufteilung in Heilige, die fortpflanzungs- und bindungsorientiert und weniger sexuell sind, und Huren, die entweder frigide oder omnipotent sind, gehört in dieses Muster. Dem entspricht die Aufklärungspolitik, die über Fortpflanzung informiert und weniger über Sex oder Lustgewinn. Konsequenterweise sind Abbildungen der männlichen Genitalien in all ihrer Potenz zu sehen, während weibliche Sexualorgane auf Vagina und „Schamlippen“ reduziert sind. Die konsequente Unterdrückung von sexuellem und „geheimen“ [sic] Wissen der Frauen, was Kenntnis und Selbstbestimmung über ihren Körper bedeutet, ist historisches Erbe und mit der „Aufklärung“ und der Etablierung der Wissenschaften im 19. Jahrhundert abgeschlossen. Sexuell aktive Frauen wurden zunehmend stigmatisiert, die Geschlechter in Opposition und komplementär zueinander definiert, Ehe und Konsum der Romantik im Zuge des Kapitalismus eingeführt. Diese lange Tradition und Kultur des Beschämens von außerehelichen wie eigenständigen sexuellen Aktivitäten von Frauen sitzt sehr tief und beschert uns heute noch Probleme, die es in unserm Leben innerlich wie äußerlich abzuarbeiten gilt.

Sie glauben, die haben Angst vor uns? Und legale Prostitution wird etwas daran ändern? Die lachen sich kaputt darüber und reiben sich die Hände, dass studierte Frauen wie Sie hier kluge Blogbeiträge bei der ach so kritischen Böllstiftung schreiben und aus Prostitution und Porno auf einmal Frauenbefreiung machen. Ja, am besten sind wir den Bordellbetreibern, den Pornoproduzenten noch dankbar für ihre Befreiung, für die uns geschenkte Chance, endlich für richtig wenig Geld, von richtig vielen Männern ordentlich gefickt zu werden. Haben Sie es auch schon mal ausprobiert, diese sexuelle Freiheit? Es geht in dieser Debatte nicht um unsere Lust, die spielt überhaupt keine Rolle, machen Sie mal die Augen auf. Da draußen ist alles von Sexismus, von Frauenverachtung, von Männern, die in der Werbung auf Frauenpopos hauen, die Prostituierten, die an der Straße stehen, die sind doch nicht frei, die gehören erst dem nächsten Freier und dann wieder ihrem Zuhälter. Jede von uns ist tagtäglich den sexistischen Kommentaren, den Grapschereien, dem ganzen widerlichen Kram ausgesetzt und Sie glauben, Prostitution, die Käuflichkeit von Frauen, macht das besser? Glauben Sie, Kollege X hat vor Ihnen mehr Respekt, wenn er in der Mittagspause die dralle Blonde so richtig schön anal durchgenommen hat für 30 Euro? Im Ernst? Wenn wir sexuell frei sein wollen, dann müssen wir als Erstes dafür sorgen, dass uns in Meetings keine Männer mehr gegenüber sitzen, uns herablassend ansehen und denken: “Der Nutte gestern, der habe ich es für die 20 Euro so richtig besorgt.” Dann müssen wir für eine Kultur des Respekts und der Gleichberechtigung eintreten – und wie soll das gehen, so lange eine von uns noch käuflich ist? Sie wollen Freiheit? Holen wir sie uns – treten wir denen in den Hintern, die Frauen Schlampen nennen, wehren wir uns gegen Alltagssexismus, reden wir über unseren Sex und unsere Wünsche, reden wir drüber, wie man richtigen Oralverkehr macht, wie das mit dem weiblichen Orgasmus ist, man richtig fickt, wie man uns richtig fickt, wie man Lust entfacht, aber machen wir nicht aus unseren Unterdrückern durch so eine gequirlte Scheiße wie diesen Blogbeitrag noch unsere Befreier.

Kultur des Beschämens

Das Hurenstigma trifft dabei alle, es ist sexistisch und per se frauenfeindlich. Huren werden alle möglichen Zuschreibungen aufgedrückt, von sexuellem Missbrauch über milieugeschädigte Kindheit, Drogenabhängigkeit und Beziehungsunfähigkeit. Als handlungsunfähige Opfer werden sie erneut entmündigt und verachtet. Üben Frauen selbstbestimmt Sex und Sexarbeit aus, gelten sie als nicht repräsentativ oder privilegiert. Immer sind sie in der Rechtfertigung und unter Erklärungsdruck. Das Stigma trifft auch Trans*personen sowie schwule und bisexuelle Cis-Männer, die aufgrund ihrer Sexualität unterdrückt und darauf reduziert werden. Dem gegenüber werden die ökonomisch mächtigen Kunden aufgebaut, die von männlichem Sexualtrieb geleitet als bösartige Patriarchen auftreten. Das biologistische Modell der Geschlechter wird hier ewig fortgeschrieben und durch sog. „Sex- und Pornosucht“ der Männer ergänzt. Schließlich werden alle verurteilt, die sich nicht den (sexuellen) Rollen entsprechend verhalten und nicht normierte Sexualität ausleben wollen. Das Modell „gesunder“ und „idealer“ Sexualität propagiert eine konservative Anti-Porn- und Anti-Prostitution-Liga.

Haben Sie in den vergangenen Wochen und Monaten auf einem anderen Stern gelebt? Konservativ? Soll heißen “prüde” und “sexfeindlich” – also, dann schreibe ich es nochmal: “Ich ficke gerne und es ist mir egal, wer mit wem wie oft fickt, ich finde Ficken geil” – sexpositiv genug? Das Hurenstigma ist eine Erfindung des Patriarchats und wurde durch die Legalisierung der Prostitution nicht gelöst, die Devianz blieb bestehen und sie wird auch immer bestehen bleiben, denn sie ist ein genuines Element des Patriarchats. Es gibt die Mutter, Ehefrau, Heilige und es gibt die Hure, die man fickt. Da können Sie noch so viele Hurentage veranstalten, das wird nichts daran ändern – nicht wir sind die “Hurenhasserinnen” – warum sollten wir die Frauen, die in dieser Scheiße drinstecken hassen, wir sind ihre Verbündeten, wir wollen, dass sie nicht länger die Opfer einer zutiefst patriarchalen Institution sind, in der Männer eine ganze Gesellschaft für ihre angeblich unkontrollierbaren Triebkräfte in Geiselhaft nehmen (von wegen, ohne Prostitution gäbe es mehr Vergewaltigung usw.)

Sexuelle Bewusstseinsstärkung

Der sex-positive Feminismus entlarvt solche Mythen und unterstützt das Bewusstmachen von Sexualität. Es gilt, die Realität der Geschlechter- und sexuellen Vielfalt öffentlich zu machen. Auch die Erfahrungen in der Sexarbeit sind so vielfältig wie die gesellschaftlichen Umstände und Positionen von Personen. Sowohl in der Pornografie als auch in der Prostitution existieren sex-positive Ansätze, die Inspiration, sexuelle Bildung, Erholung und Energie vermitteln. Eine vielfältige, sexuelle Kultur weiß diese zu schätzen.

Welche Mythen haben Sie denn entlarvt? Sie haben eine Aneinanderreihung von Blödsinn, halbgarem Argumenten und PR aneinandergereiht. Damit Sie es auch verstehen, hier nochmal als Übersicht:

Warum ist Sexualität gleich Prostitution?
Warum sind Prostitutionsgegner konservativ?
Was genau ist sexpositiv? Pornos gut finden? Oder an einem Gang Bang teilnehmen und drüber bloggen?
Was genau ist “sexuelle Bildung”? Pornos? Vielleicht für Drittklässler? Ist das Ihr neues Geschäftsmodell?
Prostitution dient der “Inspiration”? Meinen Sie damit vielleicht die Ansteckung mit HIV und anderen STDI durch all die AO-Angebote?
Und glauben Sie nicht, dass Menschen selbst genug Kreativität aufbringen, ihre eigene Sexualität zu entdecken, ohne dass eine 9-Milliarden-Dollar-Industrie damit ihr Geld verdient und Sie damit Ihre akademischen Würden – die Sie im Übrigen mit Ihrem Blogbeitrag ein weiteres Mal ums Niveau gesenkt haben, zur Schau stellen?

Das ist eine Polemik gegen diesen Beitrag auf dem “Debattenblog” der Böllstiftung. Die Textzeilen in Anführungszeichen sind Zitate aus dem genannten Beitrag.

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