“Ganz normal” – sexuelle Gewalt und ihre Verleugnung in unserer Gesellschaft

No More Rape

by chrisjtse via Flickr, [CC BY-ND 2.0] (modified)

In den letzten Tagen haben sich hier und auf anderen Blogs zahlreiche Frauen geäußert und ihre Geschichten erzählt, sie haben erzählt, wie ihnen im Laufe ihres Lebens grenzüberschreitende Dinge geschehen sind und sie bis jetzt brauchten, um sie als das zu erkennen, was sie sind: Sexuelle Übergriffe. In der Auseinandersetzung mit dem Thema erkennen viele Frauen, wie sehr sie jeden Tag dieser Art von Übergriffen ausgesetzt sind – sie gehören zum gemeinsamen Erfahrungsschatz aller Frauen – und sie bedeuten, dass wir uns, ob bewusst, oder unbewusst, auch so verhalten. Denn in dieser Gesellschaft ist es wahrscheinlicher, dass ein Opfer sexueller Gewalt als “Schlampe” beschimpft wird, als dass der Täter irgendetwas zu befürchten hat. Viele Männer leben in dem Bewusstsein, dass sie ein Recht dazu haben, Frauen zu betatschen, zu bedrängen, zu belästigen und ihre Grenzen zu überschreiten – ein Verhalten, das sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht und sich nur in der Ausübung unterscheidet.

Bis in die Werbung und in den Film geschafft hat es das Klischee der pfeifenden Bauarbeiter, die einer Frau hinterherrufen. Tatsächlich ist diese Szene weder lustig noch dazu geeignet, irgendeine Art von “Lebensgefühl” auszudrücken – sie macht nur deutlich, wie hoch die Akzeptanz für ein solches Verhalten ist. Keine Frau fühlt sich toll oder begehrt, wenn sie zufällig an einer Gruppe von Männern, die sie nicht kennt, vorbeiläuft und diese sie mit obszönen Gesten und Zurufen bedenken. Sie fühlt sich bedrängt.

Ich gehöre zu den Mädchen, die sehr “frühreif” waren – das bedeutete, mein Körper sah schon sehr jung sehr viel älter aus, als ich war. Das schleuderte mich vollkommen unvorbereitet in die Welt männlicher Aufmerksamkeit. Schon mit 12 erhielt ich Avancen von älteren Männern, Bekannten meiner Eltern. Ich habe mich in diesen Situationen immer sehr unwohl gefühlt – doch viele andere Erwachsene, die das mitbekamen, gaben mir das Gefühl, dass ich mich geschmeichelt fühlen sollte. Meine Oberweite wurde zur Zielscheibe von Sprüchen von meinem Vater, der mir klar machte: “Wenn du so aussiehst, musst du dich nicht wundern, dass die Männer so reagieren.” Aber ich konnte ja für mein Aussehen gar nichts. Ich konnte nichts dafür, dass mein Körper meiner Kindheit früher ein Ende setzte, als ich wollte.

Mich irritierten die Flirtversuche älterer und erwachsener Männer, ich war in einen noch vollkommen vorpubertären Jungen in meiner Klasse ganz kindisch verliebt. Ich wusste nichts von Sex und sexueller Anziehungskraft und bemerkenswerter Weise änderten sie ihr Verhalten auch nicht, wenn ich klar machte, wie alt ich war.

Dabei sollte es aber nicht bleiben. Auf einer Klassenfahrt packte mich einer der begleitenden Lehrer bei einer Schneeschlacht und “seifte” mich ein. Die Art und Weise, wie er mir dabei zu nahe kam, war definitiv grenzüberschreitend – aber niemand, auch von den anderen Lehrkräften schritt ein. Sie fanden das “lustig”. Ich nicht.

Als ich am ersten Tag meiner Ausbildung sehr unsicher auf meinem Stuhl saß, kam mein damaliger Chef von hinten an mich heran und massierte mir die Schultern. Ich erstarrte vor Schreck. Ich wusste überhaupt nicht, wie ich damit umgehen sollte. Immerhin war das mein Chef – und ich wollte ihn nicht vor den Kopf stoßen – und eigentlich war das doch ganz harmlos, oder? Nein. Das war es nicht. Es war eine Machtgeste, eine eindeutige Bedrohung.

Vor kurzem hat uns ein männlicher Nutzer gefragt, ob denn Frauen auch oft Opfer von nicht sexualisierter Gewalt werden – weil auch Männer häufig Gewalt oder Gewaltandrohungen von anderen Männern ausgesetzt sind, doch diese eben nicht sexuell konnotiert sind. Ich habe darüber eine Weile nachgedacht. Und tatsächlich ist fast alle Gewalt, die Frauen erleben, in irgendeiner Form sexuell konnotiert. Ich erinnere mich daran, mich mit einem anderen Mädchen auf dem Schulhof gestritten zu haben. Ihr Vorwurf an mich war, dass ich eine “Schlampe” sei, weil sich ihr Freund ein wenig zu sehr für mich interessierte. Die Bezeichnung “Schlampe” sollte bedeuten, dass ich ihn durch aufreizende oder einladende Gesten dazu gebracht hatte, dieses Interesse zu zeigen. Eine Schlampe ist eine Frau oder ein Mädchen, dass es mit “zu vielen” Männern macht, die leicht zu haben ist. In der Schulzeit war das so ziemlich die schlimmste Beleidigung für ein Mädchen, die es gab, sie bedeutete, dass der “gute Ruf” eines Mädchens zerstört war. Jungs kennen diese Art von Einordnung gar nicht, im Gegenteil gelten sie bei gleichem Verhalten als “Mädchenschwarm” oder “Draufgänger”. Das Mädchen und ihre Freundinnen gingen dann auf mich los, sie fingen mich regelrecht nach der Schule ab. Letztendlich war aber auch diese Gewalt sexuell motiviert – mein Verhalten als Frau und als Sexobjekt empfanden sie als unpassend oder bedrohlich und rechtfertigte für sie den Einsatz von Gewalt.

Eine andere Form von Gewalt, die Frauen erleben, ist häusliche Gewalt. Auch diese Art von Übergriffen ist sehr viel weiter verbreitet, als viele annehmen.

Ich erinnere mich an eine Begebenheit, als ich mit einer Freundin von mir unterwegs war. Wir besuchten samstags einen Club. Ihr Freund war mit uns unterwegs und schon sehr betrunken. Die Folge war, dass er und sein Kumpel nicht am Türsteher vorbeikamen. Auf uns wartete drinnen aber schon eine ganze Gruppe. Sie entscheid, ohne ihn hineinzugehen. Daraufhin rief er sie so lange auf ihrem Handy an, bis sie einwilligte, wieder nach draußen auf den Parkplatz zu gehen. Ich ging mit ihr. Draußen angekommen, holte er vollkommen unvermittelt aus und ohrfeigte sie. Auch er beschimpfte sie als “dreckige Hure”. Niemand von den umstehenden Leuten ging dazwischen. Alle schienen sich einig zu sein, dass es sich hier  um eine Privatsache handelte. Ich zog sie weg und sie erzählte mir vollkommen aufgelöst, dass das nicht das erste Mal war, dass er sich so verhielt, vor allem, wenn er betrunken war. Natürlich erklärte ich ihr entsetzt, dass sie ihn am besten anzeigen sollte. Das tat sie aber nicht. Sie erfüllte jedes Klischee – denn als er sich am nächsten Tag wortreich bei ihr entschuldigte, blieb sie bei ihm und es brauchte noch viele weitere hässliche Szenen dieser Art, bis sie endlich bereit war, sich von ihm zu trennen.

Auch als erwachsene Frau hörten für mich die Belästigungen nicht auf. Da ist der Mann in der vollen U-Bahn, der die Situation dafür ausnutzt, sich an mich zu drängen. Da ist der zweite Chef, der mich auf einer Feier auf dem Weg zur Toilette abfängt und versucht, mir seine Zunge in den Mund zu pressen. Da ist der Kollege, der mir erst Avancen macht, und als ich diese abblocke, mich so lange mobbt, bis ich das Unternehmen verlasse. Da ist der nette alte Mann auf dem Campingplatz, bei dem ich mir etwas ausleihe, und der versucht, meine Brust zu begrapschen. Da ist mein Freund, der, obwohl ich betrunken einschlafe, trotzdem “mit mir schläft” – und nicht versteht, wie aufgebracht ich bin, als ich am nächsten Morgen nur an meinem wundgescheuerten Körper feststelle, was geschehen ist.
Da ist der verheiratete Freund eines Freundes auf einer Party, der so zudringlich wird, dass ich ihn lauthals anschreien muss, damit er aufhört.

Frauen, besonders alleinstehende Frauen, sind in dieser Gesellschaft noch immer so etwas wie Freiwild. Sie stehen nicht unter dem Schutz von irgendjemandem, deshalb respektieren viele ihre Grenzen nicht.
Für mich war meine Pubertät die schreckliche Erfahrung, auf einmal zur sexuell verfügbaren Masse gezählt zu werden – und anstatt dass mein Umfeld die Männer auf ihr unpassendes Verhalten hingewiesen und mich davor beschützt haben, gaben sie mir zu verstehen, dass ich damit eben klar kommen musste, wenn meinem Körper schon mit 12 Körbchengröße C passte, so als sei das eine Bürde, die zum Erwachsenwerden einer Frau einfach dazu gehört.
Das Ergebnis war, dass ich mir meine Haare ganz kurz schnitt und Jungenkleidung trug. Darin fühlte ich mich sicherer. Die Möglichkeit, mich und meinen Körper, mein Erwachsenwerden unbefangen zu erleben, wurde mir dadurch genommen.
Erschreckend ist für mich auch die Erfahrung, wie oft es ältere Männer in einer eindeutigen Machtposition mir gegenüber waren, die sich so verhielten: Lehrer und Vorgesetzte. Natürlich war das, was sie taten, subtil, und dennoch überschritt es Grenzen und brachte mich in einen Konflikt: Ich war von ihnen abhängig. Ihr Wort hatte mehr Gewicht als meins. Hätte ich mich über sie beschwert, hätte ich als “hysterisch” oder “Zicke” gegolten. Diese Zuschreibungen, ebenso wie die Bezeichnung “Schlampe” oder “Hure” beziehen sich alle auf mein Verhalten als sexuell verfügbares Objekt, egal, ob sie von einem Freund oder einer anderen Frau getroffen werden. Für Männer gibt es keine vergleichbaren Bezeichnungen.

Je älter ich wurde, umso selbstbewusster und bewusster wurde ich auch. Ich erkannte Situationen früher, ich lernte, “Gefahr” zu wittern. Das bringt aber auch eine große Portion Misstrauen gegenüber Männern mit sich und bedeutet, sich einen ganzen Schutzpanzer an Reserviertheit und Verschlossenheit zuzulegen. Dann gilt frau schnell als “arrogant”.  Aber leider habe ich zu oft die Erfahrung gemacht, was verletzter Stolz bei einem Mann auslösen kann. Wenn ein Mann einer Frau Avancen macht, egal wie unpassend und zudringlich diese sind, dann hat sie sich geehrt zu fühlen. Eine Zurückweisung wird nicht akzeptiert. Lässt sie sich hingegen darauf ein oder bleibt zu lange zu freundlich, dann ist sie für andere Frauen eine “Schlampe” oder ein “Flittchen”. Egal wie, die Männer sind nie schuld, die Frauen immer. Man möchte meinen, dass diese Art von Bewertung in der nächsten und den anderen jüngeren Generationen besser wurden – doch wer sich heute die Berichte ansieht, wie Mädchen für Nacktfotos im Internet beschimpft werden, der weiß, dass auch diejenigen, die heute jung sind, vielleicht sogar noch schlimmer drauf sind, als wir es waren. Zuletzt wurde ich in der Stadt ungewollt Zeuge einer Unterhaltung, in der ein Junge seinen Freunden unentwegt von einer “Hure” erzählte, die er “gefickt” habe und die er jetzt auch unter dieser Bezeichnung in seinem Handy eingespeichert habe. Ich bin mir sicher, dass das Mädchen davon nichts weiß. Und warum ist sie eine “Hure”, wenn er Sex mit ihr hatte? Immerhin war es doch das, was er von ihr wollte, oder?

Das Ausmaß sexueller Gewalt wird in unserer Gesellschaft konsequent verharmlost und heruntergespielt. “Einzelfälle” wird es genannt. Aber tatsächlich gehören Erlebnisse dieser Art zum gemeinsamen Erfahrungsschatz von uns Frauen, es ist fast ein Initiatonsritus in unserer Gesellschaft: Wenn du das erste Mal belästigt wurdest, sei stolz darauf, denn es zeigt, du bist eine Frau, ob du willst oder nicht.
Das sind keine Ausnahmen. Sie sind die Folge eines gesellschaftlichen Konsens, in dem Frauen als “Freiwild” betrachtet werden und einer sehr viel stärkeren sozialen Kontrolle unterworfen sind als Männer, denen im Gegenteil beigebracht wird, sie hätten ein sexuelles Anrecht auf Frauen. Ein paar freundliche Worte oder ein gekaufter Drink sind aber noch keine Einladung zum Sex – und die Ablehnung davon keine Berechtigung, die Frau zu beschimpfen oder abzuwerten. Aber auch wenn sie sich auf den Sex einlässt – wer gibt dem Mann das Recht, sie im Nachgang als “Hure” zu bezeichnen?

Die gesellschaftliche Haltung muss an diesem Punkt noch viel mehr geschärft werden – und die kollektive Verleugnung beendet werden. Sexismus und sexuelle Gewalt sind Teil des Erfahrungsschatzes jeder Frau, nur in unterschiedlichem Maße. Damit muss endlich Schluss sein. Kein Mann, egal in welcher Position, hat ein Anrecht auf eine Frau und es liegt an der Gesellschaft im Ganzen, Verhalten dieser Art sehr viel stärker zu ächten.

1 Kommentare

  1. Seit 7000 Jahren, dh. seit Entstehung des Patriarchats scheint “Frau” eine Ressource (Ware) für den Mann zu sein. Denn “seine Triebe” sind allemal wichtiger als das Menschsein und die Selbstbestimmung der Frau. Wer gibt diesen Männern eigentlich das Recht, über den Körper und die Selbstbestimmung der Frau zu verfügen, und sich dann auch noch über sie lustig zu machen, resp. sie als Hure oder Schlampe abzuwerten? Nicht nur vor Gericht, sonder Überall und Allezeit herrscht Täter-Opfer-Umkehr.
    Kleiner Wink an alle Herren: Ob ihr es glaubt oder nicht, wir sind NICHT für Euch und für euren abartigen sexuellen Ge- und Missbrauch auf die Welt gekommen. Geht und kauft Euch eine Plastikpuppe, wenn ihrs nicht besser wisst.

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