Shelley Lubben: Pornographie – Die größte Illusion der Welt

Shelley Lubben war einst ein bekannter Pornostar in den USA, bevor sie zu den Ersten gehörte, die laut auf die Gewalt in der Pornoszene hinwiesen. Ihre “Pink Cross Foundation” hilft ehemaligen Pornostars und Prostituierten, die Sexindustrie zu verlassen. Mit “Pornographie – Die größte Illusion der Welt” ist ihre Biografie nun beim Ruhland Verlag auf Deutsch erschienen.

Shelley Lubben lässt sich den Mund nicht verbieten. Laut und vehement kritisiert wieder und wieder, was die Sexindustrie den Menschen und insbesondere den Frauen antut. Dafür wird sie verleumdet, beschimpft und bedroht, doch für sie ist ihr Glaube ihr Kraftspender. “Jesus hat mich gerettet”, schreibt sie immer wieder in ihrem Buch. Der Glaube an Gott und ihre tiefe Religiosität sind der rote Faden, der sich durch ihr Buch zieht. Das mag für viele Nichtgläubige befremdlich sein, doch wer das Buch liest, erkennt schnell, dass sie ohne ihren Glauben nicht überlebt hätte.

Ich musste das Buch mehrfach zur Seite legen, weil ich kaum ertrug, was dort stand. Shelley Lubben war das Kind einer ganz normalen Familie, in der sich aber so recht niemand um sie kümmern wollte. Sie war klug und aufgeweckt, aber hatte niemand, der sie förderte. Ihre Biografie ist beispielhaft für die überwältigende Mehrzahl der Frauen in der Sexindustrie: Missbrauch in der Kindheit, der Wunsch nach Anerkennung und Liebe. Noch als Teenager landete sich nach sexuellen Gewalterfahrungen erst in der Prostitution und dann in einem Stripclub. Dort erlebte sie Gewalt durch Freier, Erniedrigung, Angst, aber auch die völlige Selbstentfremdung. Alkohol und Drogen halfen ihr, das zu ertragen, innerhalb kürzester Zeit wurde sie zweimal von einem Freier schwanger, das erste Kind verlor sie, das zweite, ihre Tochter, brachte sie gegen alle Widerstände zur Welt. Doch die Sexindustrie ließ sie nicht los, also landete sie im Porno, wo sie innerhalb kürzester Zeit immer härtere Szenen drehte. Ihr Selbsthass stieg in das Unermessliche. Vom Opfer wurde sie zur Täterin, beutete andere Frauen aus, misshandelte sie vor der Kamera, starb selbst fast bei einem Autounfall und steckte sich mit einer unheilbaren Krankheit an, bis sie auf ihren Mann traf und die Kraft fand, aus der Industrie auszusteigen.

Sehr klar führt sie auf, welche Risiken die Sexindustrie hat. Nirgendwo sind Mord- und Selbstmordrate höher, von HIV und anderen ansteckenden Krankheiten ganz zu schweigen. Ihr “Dead Porn Memorial” auf Youtube erinnert an all jene, die innerhalb weniger Jahre ihr Leben in der Sexindustrie ließen.

Sehr eindringlich beschreibt Shelley Lubben, was sie ertrug. Vergewaltigung vor der Kamera, Missbrauch, das Überschreiten von Grenzen und unaussprechliche Schmerzen durch Hardcore-Szenen. Wer verstehen will, warum die Sexindustrie zu dem Unmenschlichsten gehört, das unsere Gegenwart zu bieten hat, muss ihr Buch lesen, auch wenn ich eine fette Triggerwarnung davor setze. Viele der Szenen sind selbst beim Lesen schwer auszuhalten. Doch es wird auch deutlich: Was Lubben erlebt, ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel und deshalb ist ihre Stimme so wichtig. Es ist nur zu ahnen, wie schwer es für sie gewesen sein muss, dieses Buch zu schreiben und man möchte es allen jungen Frauen an das Herz legen, die darüber denken, in die Sexindustrie einzusteigen. Die Grenzen zwischen Prostitution, Strippen und Porno sind fließend und alle eint die sexuelle Ausbeutung. Sie beschreibt, wie sie glaubte, alles unter Kontrolle zu haben, während sich ihr Leben in Wirklichkeit in eine Hölle verwandelte, von der andere profitierten.

Hier berichtet Shelley Lubben auf Youtube von ihren Erfahrungen:

 

3 Kommentare

  1. Vermutlich werden so manche Libertinage-Feministinnen gar nicht verstehen, warum diese Frau gegen Prostitution und Porno ist, denn in deren Augen ist ja alles freiwillig und eine Art der Selbstverwirklichung. Das Freiwilligkeit ein sehr dehnbarer Begriff ist und dass das alles auch gar nichts mit Sex im eigentlichen Sinne zu tun hat, sondern nur mit Macht und Profit derjenigen, die bestimmen, was passiert, also vom Freier bis zum Produzenten und Verleih, verstehen sie nicht.

  2. Ja, irgendwie sind diese “Libertinage-Feministinnen” genau so ignorant wie Männer. Nur tut es mehr weh, weil sie ja Frauen sind und es “besser” wissen sollten. JA! es stimmt: Ich erwarte von Frauen tatsächlich mehr Verständnis und Einfühlungsvermögen. Ja, …. es stimmt, auch DAS ist eine Art von Sexismus. Sei’s drum!

  3. Wir müssen ja nicht “mehr” von ihnen erwarten, doch zumindest dass sie überhaupt Einfühlungsvermögen für Frauen haben, die keine freie Wahl haben …in puncto Prostitution, Verschleierung etc. Das Fatale ist ja, dass die Libertinage primär sich als Maß der Dinge sieht und dabei zugleich grandios die Zwänge übersieht, denen sie selbst unterliegt.

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