Susi Kaplow: Wütend werden

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Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen bei uns regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der oder aller Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Der nachfolgende Beitrag erschien in englischer Sprache unter dem Titel “Getting Angry” in der Anthologie “Radical Feminism”, herausgegben von Anne Koedt, Ellen Levine und Anita Rapone im Jahr 1973. Es handelt sich hierbei um eine gekürzte, übersetzte Fassung.

Ein wütender Mann: Jemand hat seine Rechte verletzt, gegen seine Interessen gehandelt, oder jemandem, den er liebt, Schaden zugefügt. Vielleicht hat seine Wut auch soziale Ursachen – und richtet sich gegen Rassismus oder Militarismus. … Wir sehen ihn Schreien, seine wütenden Phrasen mit Selbstsicherheit und Zuversicht raushauen – oder seine Faust in den Bauch eines Opponenten rammen, mit der gleichen Überzeugung. Wie auch immer wird die Wut überwunden; unser Held hat sie raus gelassen. …

Einer Frau ist es in dieser Gesellschaft nicht erlaubt ihre gesunde Wut geradeheraus auszudrücken. … Eine Frau hat es gelernt ihren Ärger zurückzuhalten: Er geziemt sich nicht, ist ästhetisch anstößig, und wütend zu sein verstößt gegen das süße und weiche weibliche Bild. Die Frau fürchtet ihre eigene Wut auch … Was, wenn sie falsch liegt? Was, wenn die andere Person Recht hat? – Oder noch schlimmer(und das ist die größte Angst), was wenn sie erwidert „Du bist verrückt, ich weiß gar nicht worüber du dich aufregst.“

Warum können Frauen sich selbst nicht zugestehen ihre gesammelte Wut zu zeigen? … Gesunde Wut sagt: „Ich bin ein Mensch. Ich habe menschliche Rechte, die du mir nicht verwehren kannst. Ich habe ein Recht darauf fair und mit Mitgefühl behandelt zu werden. … Ich habe ein Recht darauf selbst voranzukommen, wenn ich niemand anderem damit schade. Und wenn du mir diese Rechte nicht zugestehst, dann werde ich es dir nicht danken, sondern ich werde „Fick dich“ sagen und dich bekämpfen, wenn es sein muss.“ Die Wut eines Menschen stellt ihn in den Mittelpunkt. Sie fordert Aufmerksamkeit ein und das Recht ernst genommen zu werden, sonst … (Sonst rede ich nicht mehr mit dir, arbeite ich nicht mehr mit dir zusammen oder bin nicht mehr freundlich zu dir, sonst ist unsere Verbindung ein für alle Mal gebrochen.)

Wut auszudrücken bedeutet Risiko. Risiko, dass die andere Person selbst wütend wird, dass die andere Person es missverstehen wird oder es ablehnt sich damit auseinanderzusetzen, oder dass die Wut deplatziert ist oder auf falschen Informationen beruht. Deshalb bedarf es Stärke zu sagen, dass man wütend ist – den Mut zu deiner Überzeugung zu stehen und die Fähigkeit zu akzeptieren, dass dein Ärger unerwünscht sein könnte.

Wut ist selbstbewusst und drückt die Absicht aus zu kämpfen, auch wenn dadurch der Status Quo gefährdet wird. Man muss fähig sein ein Risiko einzugehen, und wenn notwendig, eine Niederlage zu akzeptieren, ohne komplett zu kapitulieren. Wut ist darüber hinaus bestimmt. Die traditionelle Frau entspricht genau dem Gegenteil dieser Beschreibung. Sie hat kein Selbstvertrauen in sich und ihren Wahrnehmungen, sie geht Streit aus dem Weg oder folgt den Regeln der Ritterlichkeit und lässt jemand anderen für sie kämpfen. Ihr Selbstbild ist so wackelig, dass jegliche Kritik als Anklage an ihrer Person betrachtet wird. Sie ist eine lebendige und wandelnde Entschuldigung für ihre eigene Existenz.

Auch wenn die Realität sich inzwischen ein wenig geändert hat, werden sich die meisten Frauen irgendwo in dieser Beschreibung wiederfinden. Die Gesellschaft hält an diesem Modell als ihrem Ideal fest und nennt eine wütende Frau unweiblich. Wut nimmt die Frau aus ihrer Erde-Mutter-Rolle, einer Bastion des Friedens und der Ruhe, aus ihrer familiären Rolle als Friedensstifterin, aus ihrer politischen Rolle als Bewahrerin des Status Quo, aus ihrer ökonomischen Rolle als billige Arbeitskraft, aus ihrer sozialen Rolle als Mensch zweiter Klasse. Es nimmt sie komplett aus ihren Rollen und macht sie zu einer Person.

Es ist deshalb kein Zufall, dass die Emotion, die für die meisten Frauen mit dem ersten Schritt der Befreiung einhergeht, Wut ist. Wie viel Selbstwert auch immer du in 20-30 Jahren, in denen dein Verstand durcheinandergebracht wurde, entwickeln konntest, gibt dieser dir ein vages Gefühl dafür, dass deine Situation nicht so ist wie sie sein sollte und sorgt dafür, dass wir uns zaghaft nach möglichen Erklärungen umsehen. Erkenntnisse sind zunächst zögerlich, aber dann fangen sie an, dich unerbittlich wie ein Vorschlaghammer zu treffen, und treiben deine Wut mit jedem Hieb tiefer in dein Bewusstsein.

Deine Rage konzentriert sich auf die Gruppe jener Individuen, die dir den meisten Schaden zugefügt haben. Du bist wütend auf deine Eltern, die lieber einen Jungen gehabt hätten; auf deine Mutter (kombiniert mit Migefühl), weil sie sich selbst hat unterdrücken lassen und es versäumt hat dir ein anderes Vorbild für weibliches Verhalten vorzuleben; auf deinen Vater, der ein günstiges Ego-Polster erhalten hat, auf Kosten von dir und deiner Mutter.

Du bist wütend auf die, die dich auf deine schäbige Rolle vorbereitet haben. Auf die Lehrer, die weniger von dir erwartet haben, weil du ein Mädchen warst. Auf die Ärzte, die dir gesagt haben, dass Empfängnisverhütung Frauensache ist und dir eine Wahl zwischen gefährlichen und ineffektiven Instrumenten gelassen haben, dir dann eine Abtreibung versagt haben, als sie versagten. Auf den Psychologen, der dich frigide genannt hat, weil du keine vaginalen Orgasmen hast und der dich neurotisch genannt hat, weil du mehr willst als die unbezahlte und ungewünschte Rolle eines Dienstmädchens, Krankenpflegerin oder ähnliches…  Auf Arbeitgeber, die dir weniger bezahlt haben und dich in miserablen Jobs gehalten haben. Auf die Botschaft der Medien, die du vorher nie verstanden hast: „Baby, du hast es weit gebracht“ – in eine Sackgasse, eine Straße, die wie für dich vorgezeichnet haben.

Wütend, vor allem, auf Männer. Für den Verkäufer, der dich immer „Schatz“ genannt hat, hast du jetzt ein barsches, knappes: „Nenn mich nicht Schatz“. Für die Männer auf der Straße, die ihre täglichen Erniedrigungen an deinem Körper begehen, hast du ein „Fick dich“, oder, wenn du mutig bist, ein Knie zwischen die Beine. Deine männlichen Freunde (die immer weniger werden), die „total für die Frauenbefreiung“ sind, belegst du mit einem zynischen Blick … .Und für deinen Mann (sollte der noch da sein), hast du eine Menge feindseliger und wütender Fragen. Unterscheidet er sich von anderen Männern? Wenn ja, wie? …

Dies ist eine sehr unbequeme Zeit, die es zu überstehen gilt. Du bist grob mit deiner Wut, die ein Eigenleben zu haben scheint. Deine FreundInnen, von denen die meisten nicht mit dir übereinstimmen, finden dich schrill und schwierig. Und aus Angst sie könnten Recht haben, dass du einfach verrückt bist, verstärkt sich das noch. Du ermüdest dich selbst mit dieser Wut – es ist verdammt anstrengend immer wütend zu sein – die dich nicht mal in Ruhe einen Film gucken oder ein Gespräch führen lässt.

Aber aus deiner Wut gewinnst du an Stärke. Das Erproben deiner Wut gibt dir ein Gefühl für dich selbst und Selbstwert. Je mehr dieses Gefühl wächst, desto wütender wirst du … Du wirst feststellen, dass du wütend werden kannst und dass du damit niemanden tötest, niemand dich tötet, und das die Welt nicht auseinanderbricht.

Dann wird diese Wut … sich rumdrehen und sich gegen dich selbst richten. Sicherlich, sie haben dir immer und immer wieder übel mitgespielt, sicherlich, sie haben dich unterdrückt, sicherlich, sie erniedrigen und benutzen dich immerfort. Aber – warum hast du das geschehen lassen? Warum lässt du es immer noch geschehen? Plötzlich bist du böse auf deinen Anteil an deiner eigenen Unterdrückung. Du wart eine unverzichtbare Komplizin in diesem Verbrechen. Du hast deine eigene Unterlegenheit internalisiert, die drückende Notwendigkeit schön und  verführerisch zu sein, den Glauben, dass Männer wichtiger sind als Frauen, die Überzeugung, dass Ehe das ultimative Ziel ist. Weil du das siehst, bist du gewalttätig gegen dich selbst für jedes Mal bei dem du etwas nicht getan hast aus Angst vor dem Scheitern, für all die Stunden die du an Make-Up und Einkauf verschwendet hast, für jede Frau die dir entgangen ist, weil da ein Mann im Raum war, dafür, dass du als Hausfrau oder in einem Job gefangen bist, weil „die Ehe deine Karriere“ ist.

Diese Phase der Wut gegen dich selbst ist furchteinflößend. Du bist alleine mit deiner fehlerhaften Verantwortung gegenüber dir selbst … . Es handelt sich um die Phase, die viele Frauen nicht ertragen und vor der sie fliehen, in der sie zur ersten Stufe zurückkehren oder alles hin schmeißen. Denn diese, nach innen gerichtete Wut, verlangt Taten – Veränderung – und wird dich nicht loslassen, bis dieses Verlangen gestillt ist. Du kannst zurückfallen auf deine Unfähigkeit andere und ihr Verhalten dir gegenüber zu kontrollieren. Aber du kannst dich nicht mehr bequem darauf zurückziehen, dass du machtlos in Bezug auf dein eigenes Verhalten bist. Auch kannst du nicht, zumindest nicht lange, wütend auf andere sein (ein 45-Jähriger, der noch sauer auf Mami ist, gerät ins Schwimmen), wenn du nicht zumindest versuchst dich zusammenzureißen.

Diese nach innen gerichtete Wut ist entweder ein konstruktiver oder wiederaufbauender Katalysator. … Du kannst dich selbst restrukturieren, die alten Bilder, Verhaltensweisen und Erwartungen mit neuen ersetzen. … Wenn du deine Wut benutzt, kannst du sie zügeln. Wut wird zu einem Werkzeug, welches du kontrollieren kannst, nicht nur in Bezug auf persönliche Veränderungen, sondern auch in Bezug auf die Welt da draußen. Du kannst deine Wut mobilisieren, um andere zu warnen, dass du nicht noch mehr Bullshit akzeptierst … .

Durch diese Übung mit deiner Wut wirst du ihre Effektivität feststellen und deine eigene, du gewinnst an Stärke. Das wachsende Gefühl, dass du deine Wut kontrollierst und nicht anders herum, trägt dazu bei. Mit dem Wachstum dieser Kontrolle wirst du selbstsicherer, weniger ängstlich verrückt genannt zu werden, deine Wut ist weniger rasend und, auf eine Art und Weise, ruhiger. Sie wird anspruchsvoller. Du behältst sie zurück für jene Individuen und Gruppen, die mit deinem Verstand spielen – seien es Männer oder andere Frauen.

Diese Weiterentwicklung von Wut findet ihre endgültige Bestimmung als eine Erfahrung, die mit anderen Frauen geteilt wird. Wenn alle danach streben ihre kollektive Situation zu verstehen, können sich Frauen gegenseitig durch die erste, schmerzhafte Phase der nach außen gerichteten Wut tragen. Durch „Consciousness-Raising“ kann jede Frau (zumindest ideell)  ausreichend Bestätigung finden für ihre Wahrnehmung, die sie ihrer eigenen geistigen Gesundheit  versichern – und wachsende Stärke finden dies wenn notwendig ohne Bestätigung zu tun.

In der zweiten Phase der nach innen gerichteten Wut, können Frauen sich gegenseitig unterstützen in ihren Versuchen der Selbstdefinition und Veränderung … . Gleichzeitig, können sie gemeinsam neue soziale Formen und Strukturen erarbeiten, in denen individuelle Veränderungen Früchte tragen können. Kontrolliert, gelenkt, aber nicht weniger leidenschaftlich, verschiebt sich die Wut vom Privaten zum Politischen und wird zu einer Kraft, mit der wir unser neues Schicksal formen.

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