Schlagwort: beruf und familie

Alleinerziehend, nicht unvollständig #singlenotless

“Wo ist denn dein Papa?”, fragt die nette Lehrerin meine Tochter beim Sprachtest und sie antwortet, sichtlich irritiert,: “Ich habe keinen Papa.” Augenbrauen gehen nach oben, ich bekomme diesen Blick. Der Vater meiner Tochter kümmert sich nicht um sie, obwohl er jede Gelegenheit dazu hätte – aber Schuld daran bin, nach dem Verständnis der Lehrerin um die 60, ich. Ich bin alleinerziehend. Ich arbeite zwei Jobs. Mein Tag ist von morgens bis abends angefüllt und ich kann die Kommentare der anderen: “Ich weiß gar nicht, wie du das schaffst” nicht mehr hören. Als gäbe es die Option “es nicht zu schaffen”. Ich muss es schaffen. Jeden Tag. Das Erstaunliche daran ist: meistens ist das gar nicht anstrengend, sondern macht mich glücklich. Ich habe mir Kinder und eine Familie gewünscht und klar, früher war da der Wunsch, das mit einem Partner zu haben. Doch zehn Jahre später, nach Lügen, Gewalt, Tränen, habe ich mich ohne Bitterkeit von diesem Traum verabschiedet. Wir sind eine Familie. Nur ohne Vater. Was für uns selbstverständlich ist, stellt aber viele andere vor ein Problem.

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Die Alles ist möglich Lüge – wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind

Buchcover: Die Alles ist möglich-Lüge

Susanne Garsoffky, Britta Sembach: Die Alles ist möglich-Lüge - Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind, Random House, 2014

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gibt es nicht! Allein das Wort ist eine Beschönigung und ab sofort wollen wir es am liebsten gar nicht mehr hören. Weil es die Wahrheit verschleiert. Weil es etwas vorgaukelt. Denn es gibt nur ein Nebeneinander zweier völlig unterschiedlicher Lebensbereiche, die sich, wenn man sie gleichzeitig ausübt, einfach nur addieren. Wer das nicht so sagt, belügt sich, uns und alle nachfolgenden Generationen. Diese Addition hat ihren Preis, den alle auf die eine oder andere Weise zahlen. Über diesen Preis redet aber keiner. Es hat letztlich nur mit den Lebensumständen, dem Umfeld und der individuellen Leidensfähigkeit eines jeden Einzelnen zu tun, wann der Preis zu hoch wird, wann das Fass überläuft.

Das schreiben Susanne Garsoffky und Britta Sembach in der Einleitung zu “Die Alles ist möglich Lüge – wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind” – insbesondere von Frauen wird erwartet, einfach alles unter einen Hut zu bekommen: Ausbildung, Job, Kinder, Ehe, Haushalt. Uns wird ständig suggeriert, dass es nur eine Frage des Wollens ist, alles gleichzeitig auf die Reihe zu bekommen und dass kein Lebensbereich darunter leiden muss. Genau das ist aber eine Lüge, wie die beiden Autorinnen mit Verve darlegen. Wer im Beruf alles gibt, verpasst wichtige Momente mit den Kindern und das schlechte Gewissen und die Sehnsucht nagen ständig, wer sich zu sehr auf die Kinder konzentriert, verliert im Berufsleben den Anschluss und im Zweifelsfalle gibt man in beiden Lebensbereichen so viel, dass man selbst zu kurz kommt und der Burn-Out nur noch eine Frage der Zeit ist. Beruf und Familie lassen sich in unserer Gesellschaft nicht vereinbaren – es sind Lebensbereiche, die streng getrennt voneinander agieren, was man nicht nur an den unflexiblen Betreuungs- und Arbeitszeiten ablesen kann, sondern auch in der generellen Erwartungshaltung, mit der sich Frauen konfrontiert sehen. Frauen wie Ursula von der Leyen oder Victoria Beckham machen vor, wie leicht es sein kann, allem gerecht zu werden – aber diese Frauen verfügen im Gegensatz zur Mehrzahl anderer berufstätiger Mütter über die finanziellen Mittel, sich optimale Rahmenbedingungen zu schaffen und taugen daher als Rollenmodell nur sehr bedingt.

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