Schlagwort: EMMA

Queerfeminismus: Der Anfang vom Ende der Meinungsdiktatur

Wer sich außerhalb feministischer Kreise bewegt, wird wenig darüber wissen, wie zerstritten die Bewegung ist. Auf den ersten Blick mögen die Bruchlinien zwischen radikalem Feminismus, wie ihn die Störenfriedas vertreten, in Kanada zum Beispiel Feminist Current und in Australien Organisation wie Collective Shout, und dem Queerfeminismus unbedeutend erscheinen. Irgendwie wollen wir doch alle mehr Gerechtigkeit für Frauen, mag man naiverweise denken. Dem ist nicht so. Radikaler Feminismus hat seinen Ursprung in der sogenannten zweiten Welle des Feminismus ab den 1960er Jahren. Radikal weil er Unterdrückung von der Wurzel her denkt (= lat. radix) und die Wurzel unserer Unterdrückung ist unser Geschlecht. Radikaler Feminismus betrachtet Frauen in ihrer Gesamtheit als unterdrückte Klasse und analysiert alle gesellschaftlichen Zusammenhänge davon ausgehend. Ursache für die Unterdrückung sind patriarchale Strukturen, die Herrschaft einiger Männer über die Frauen, von der am Ende alle Männer profitieren.

Diese Strukturen zeigen sich darin, dass Frauen immer noch schlechter bezahlt werden, sie zeigen sich in Alltagssexismus und in der laschen Strafverfolgung von Vergewaltigern, in Vergewaltigungswitzen, im Abtreibungsverbot, in der Hexenjagd auf Mütter und der Glorifizierung der Väter durch Politik und Medien, im erlaubten Sexkauf und der geduldeten Ausbeutung von Frauen als Prostituierte, in der frauenfeindlichen Pornografie und in der wachsenden Akzeptanz von Leihmutterschaft. Das Menschsein wird nach wie vor vom Mann her gedacht, die Frau, die davon abweicht, ist geringer und wird auf ihre Verwertbarkeit für das Patriarchat reduziert. Feminismus, der das benennt, stört die gesellschaftliche Ordnung und wird gerade von Männern, die ihre patriarchalen Privilegien nicht verlieren möchten, auf das Schärfste bekämpft.

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Wir bleiben kritisch!

The Evolution of Fly

PhOtOnQuAnTiQuE via Flickr, [CC-SA-2.0 ]

In den letzten Tagen haben sich hier und auf unserem Facebook-Profil heftige Debatten entwickelt, weil wir in einem Artikel Alice Schwarzers Äußerungen zum Islam kritisiert haben. Eine ganze Reihe weißer, christlich geprägter Feministinnen zeigte sich entrüstet, dass wir ihre Ikone des Feminismus angriffen. Von Neid war die Rede, davon, dass wir den Terror unterstützen und “falsche” Toleranz zeigten. Zunächst: Wir zeigen keine Toleranz. Denn Toleranz ist ein gewalttätiges Konzept, es beinhaltet, dass man dem Anderen seine Andersartigkeit “zugesteht” und beinhaltet schon die Alternative, das eben nicht zu tun, wenn man will. Damit bezieht man sich auf den Anderen als jemand, dem etwas zugestehen kann oder nicht – also in einer hierarchischen, mindestens aber paternalistischen Beziehung. Gläubige Muslimas können keine Feministinnen sein, das ist so ein Ausdruck von Intoleranz, oder auch: ich tolererie nur muslimische Frauen als Feministinnen, wenn sie sich vom Islam distanzieren. Auf diese Weise wird das Privileg deutscher, weißer Frauen gegenüber diesen Frauen deutlich: Ich bestimme, was du bist. Das ist eine Betrachtungsweise, die wir ablehnen.

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Unsere Störenfrieda der Woche: Erika Wisselinck

Woman Power Emblem Red

Public Domain

Die Feministin und Übersetzerin Erika Wisselinck wurde 1984 mit “Frauen denken anders” in Deutschland bekannt. Das Buch gilt als eine der wichtigsten Einführungen in feministisches Denken im 21. Jahrhundert. Darüber hinaus machte Erika Wisselinck sich einen Namen, weil sie die bis dato als unübersetzbar geltenden Werke der US-amerikanischen Radikalfeministin Mary Daly ins Deutsche übersetzte. 1926 im preußischen Görlitz geboren, protestierte sie schon als junges Mädchen gegen das Frauenbild der Nazis, nannte das Klima eine “geistige Ödnis”.  In den 50er Jahren kritisierte sie den Mantel des Schweigens, der in der Adenauer-Zeit über die Vergangenheit im 3. Reich gelegt wurde, arbeitete als Journalistin und Kommunalpolitikerin und später beim Rundfunk. Dabei lernte sie, was es bedeutete, sich in einer “Männerdomäne” Gehör zu verschaffen. Sie setzte sich bereits in den 1950er Jahren für die Emanzipation ein – lange bevor das Thema wieder gesamtgesellschaftliche Relevanz bekam. Als Ende der 1960er Jahre die Neue Frauenbewegung entstand, schloss sich Wisselinck ihr an und gründete unter anderem die “Frauenstudien München”.  Ihr Engagement brachte ihr von männlichen Kollegen beim Rundfunk den Titel “männermordende Emanze” ein. 1973 gründete sie die feministische Monatszeitschaft “Korrenspondenz die frau”, deren Inhalt kostenlos weitergegeben werden durfte – um so die Verbreitung feministischer Diskurse zu erhöhen. Ab 1978 schrieb sie eine zeitlang für die neugegründete Zeitschrift EMMA, doch ein Zerwürfnis mit Alice Schwarzer beendete die Zusammenarbeit. Wisselinck war eine Vertreterin des Differenzfeminismus. Für sie gab es wesenartige Unterschiede zwischen Mann und Frau, die sich ihrer Meinung nach jedoch aus den unterschiedlichen Erfahrungen ergaben. Der Kampf gegen die Natur der Frau war für sie gleichbedeutend mit dem Weg zur Zerstörung von Natur und Umwelt.  Auch beschäftigte sie sich mit der Hexenverfolgung in der Frühen Neuzeit, in deren Gynozid sie Parallelen zum Holocaust beschrieb. Sie starb 2001 auf Madeira.

Gabriele Meixner: „Wir dachten alles neu“. Die Feministin Erika Wisselinck und ihre Zeit. Göttert, Rüsselsheim 2010