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Andrea Dworkin: Widerstand

Andrea Dworkin

By Open Media Ltd. (Uploaded by Open Media Ltd. (AnOpenMedium)) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Auszüge aus einer Rede, gehalten am 8. April 1987 an der New York University Law School, veröffentlicht im Sammelband “The Sexual Liberals and The Attack on Feminism“, herausgegeben von Dorchen Leidholdt und Janice G. Raymond im Jahr 1990. Vollständiger Text „Resistance, Andrea Dworkin“ (auf englisch) auf radfem.org.

Es hat sich wirklich so angefühlt, dass die Pornographen gewinnen würden. Und was so eigenartig dabei ist, ist, dass sie zum ersten Mal Angst haben. Und sie haben allen Grund dazu, denn wir haben ihr Geschäft gestört. Sie haben niemals geglaubt, dass wir das könnten. Sie sind die Kaiser des Profits und der Schmerzen. Sie sind unantastbar.

Ganz am Anfang, als die Frauenbewegung damit anfing die Pornoindustrie ins Visier zu nehmen, haben die Leute gesagt: „Es ist sinnlos. Es ist hoffnungslos. Gegen die kommt man nicht an. Es gibt’s nichts was wir ausrichten können.“ Ihre Macht schien so  unermesslich, weil ihr Geld unermesslich ist. Die Tatsache, dass die Medien ihnen gehören, machte sie zu einem respekteinflößenden Feind. Wir hatten nicht viel …

Wir nahmen unsere ziemlich zerlumpten kleinen Schilder und marschierten 10.000 Meilen im Kreis. Wir waren müde und tot und besiegt, und wir sagten „Wir erreichen nichts.“ Und am nächsten Tag gingen wir wieder raus, und marschierten weitere 10.000 Meilen, irgendwo in einem anderen Kreis. Überall in diesem Land, in den Städten und Dörfern, überall, waren Frauen Aktivistinnen gegen die Pornographie.

Die Medien haben davon niemals etwas berichtet. Eine ganze Menge von Leuten hat sich nicht dafür interessiert. Aber Feminismus lebte … und wir benutzten Pornographie um uns ein sehr anspruchsvolles, neues Verständnis von der Realität der sexuellen Gewalt anzueignen: Wie die verschiedenen Formen zusammenhängen um uns weh zu tun, uns unten zu halten und uns in Gebrauchsgegenstände zu verwandeln.

In Minneapolis haben wir ein Gesetz entwickelt, und plötzlich verstanden die Pornographen, dass wir ihnen ihr Geld nehmen wollten. Diese merkwürdigen kleinen Frauen liefen nicht mehr nur noch im Kreis und machten sich selbst schwindelig, sondern wir dachten tatsächlich, dass wir in diesen Gerichtssaal gehen und sagen würden: „Wir schlachten eure Sparschweine, wir nehmen euer ganzen Geld und verwenden es für Frauen. Genau das werden wir machen.“

Ihre Reaktion … war spektakulär. Und sie war nicht spektakulär weil sie dachten, dass dieses Gesetz nicht funktionieren würde. Ihr Ärger, ihre Feindseligkeit, ihre Frustration, ihre Aggression, kamen zustande, weil sie uns ernst nahmen, als eine politische Präsenz, die ihnen schaden kann.

Und, schrecklicherweise, genau in dem Moment, verlor die Frauenbewegung den Boden unter ihren Füßen. Alle wurden zu Feiglingen und rannten. Wir versuchen ihnen das nicht zu sagen. …

Aber die Wahrheit ist, dass der Wille sie zu besiegen aus der Mode gekommen ist, denn sie zu zerstören sei schlecht, denn sie zu zerstören sei Zensur. Und wenn der kleine Bob Guccione sagen will, was er sagen will – auch wenn er Frauenkörper braucht um das zu sagen – dann sei das Land ärmer an Ideen, an politischer Freiheit – unserer politische Freiheit, so sagt man uns. …

Und der Horror ist, dass Frauen dem auf den Leim gegangen sind, dass Frauen dem Glauben schenken, dass Frauen eingeschüchtert wurden, dass Frauen zum Schweigen gebracht wurden, mit der Verteidigung des First Amendment [erster Artikel der US-amerikanischen Verfassung], welcher nicht mal für uns gilt. …

Ich glaube, dass es in diesem System nicht überraschend ist, dass Frauen gelernt haben die Machtlosigkeit zu erotisieren. Es ist eine Tragödie, aber es ist keine Überraschung. …

Ich weiß nicht, warum wir nicht denken, dass wir ein Recht auf Existenz haben, einfach nur zu existieren. Die Pornographen können sich sicher fühlen, wenn sie die Straße entlang laufen. Ich weiß nicht, warum die Läden, die Pornographie verkaufen, sich Tag für Tag sicher fühlen können. Ich fühle mich nicht sicher, aber die schon. Die sorgen sich um nichts und niemanden. Wir könnten so viel tun, aber wir tun nichts.

Deshalb bitte ich euch, bitte ich euch inständig, um einen konsistenten und militanten Aktivismus gegen jene Institutionen und Systeme der Ausbeutung, die Frauen Leid zufügen. Ich bitte euch in der Pornographie, die primäre Institution, die das tut, zu sehen. Aber wo auch immer ihr euch einbringen wollte, euer Herz, euren Geist und eure Körper im Kampf für die Befreiung der Frau einsetzen wollt, müsst ihr anderen davon erzählen, müsst ihr es anderen zeigen. Ihr könnt das nicht in eurem Kopf behalten und ein gutes Herz beweisen. Ihr müsst  den Willen dazu haben ein wenig heroisch zu sein, und den Gegenwind zu ertragen, der kommen wird wenn ihr das seid, und die Bestrafungen akzeptieren – ihr werdet so oder so dafür bestraft eine Frau zu sein, euch wird so oder so Leid zugefügt werden.

Der Unterschied ist, dass wenn ihr politisch aktiv werdet, dann werden sie euren Namen lernen, wie viele von euch wissen. Und dann werden sie sagen: „Schnapp sie dir. Nimm sie. Schnapp dir die da.  Stell sie sicher.“ Sie schreiben deinen Namen auf. Sie verstehen. Sie haben eine Liste von Prioritäten. Und wenn sie deinen Namen kennen, dann stehst du ganz oben auf dieser Liste, und nicht an deren Ende. Und damit riskierst du was, denn du wirst mehr bestraft als andere.

Ich bitte euch, dass wir nicht vergessen, was wir in den letzten 15 Jahren gewonnen haben, einen Versuch sexuelle Gewalt zu verstehen, einen Versuch zu verstehen, wie sexuelle Gewalt in dieser Gesellschaft zur Norm wird, jeden Versuch, den wir unternommen haben jene Leute zu bekämpfen, die uns ganz bewusst Leid zufügen wollen. Darüber gibt es keine Unklarheit. Sie lügen darüber nicht. Sie wollen einfach nur nicht, dass ihr euch darüber Gedanken macht, oder etwas dagegen tut, oder denkt ihr könntet etwas dagegen tun.

Wir haben gewaltige Fortschritte gemacht. Wenn es keine Frauenbewegung gibt – keinen echten, politischen, organisierten Widerstand, aktiv und militant – dann werden wir keine weiteren Fortschritte machen. … Ich bitte euch darum euren Kampf neu zu beleben, gegen Frauenhass, gegen sexuelle Gewalt gegen Frauen – und nicht ein Teil der Frauenbewegung zu sein, die als Schutzschild dient für all die sexuellen Praktiken, die Frauen ganz klar Leid zufügen.

Andrea Dworkin: Rechter und linker Frauenhass

Andrea Dworkin

By Open Media Ltd. (Uploaded by Open Media Ltd. (AnOpenMedium)) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Auszüge aus einer Rede, gehalten am 8. April 1987 an der New York University Law School, veröffentlicht im Sammelband “The Sexual Liberals and The Attack on Feminism“, herausgegeben von Dorchen Leidholdt und Janice G. Raymond im Jahr 1990. Vollständiger Text „Woman-Hating Right and Left, Andrea Dworkin“ (auf englisch) auf radfem.org.

Es ist lange her, dass wir zusammengekommen sind, um zu sagen, was wir meinen, was Feminismus ist und warum der Kampf für die Freiheit der Frau so bedeutsam für uns ist, dass wir ihm unser ganzes Leben widmen: nicht drei Stunden am Samstagnachmittag; nicht ein gelegentlicher Brief hier und da; nicht ein empörtes „Oh mein Gott, das meinst du nicht wirklich!“. Wir denken tatsächlich nicht, dass unsere Leben trivial sind. Stellt euch das vor. Und wir denken nicht, dass die Verbrechen, die an uns begangen werden, unbedeutend und klein sind. Das bedeutet, dass wir einen phänomenalen Fortschritt darin gemacht haben zu verstehen, dass wir menschliche Wesen sind, die Rechte haben; dass niemand uns diese Rechte nehmen darf; dass wir geschädigt werden durch eine systematischen Unterordnung von Frauen und dadurch, dass wir systematisch sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Wir haben uns politisch organisiert um zurückzuschlagen und die Gesellschaft, in der wir leben, von Grund auf zu verändern.

Ich denke, als Feministinnen schauen wir auf eine Art und Weise auf Probleme, die andere Menschen nicht zu verstehen scheinen. Um Namen zu nennen, die Rechten und die Linken scheinen nicht zu verstehen, was wir Feministinnen zu tun versuchen. Wir versuchen eine Geschlechterhierarchie zu zerstören, eine Rassenhierarchie (race hierarchy), eine ökonomische Hierarchie, in der Frauen geschädigt werden, entmachtet sind und in der die Gesellschaft eine Brutalität an uns zelebriert und uns die körperliche Integrität und unsere Würde verweigert.

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Die Göttliche Ordnung – DER feministische Film dieses Sommers

Es ist der Anfang der wilden 70er, Hippiebewegung und Frauenbefreiung erschüttern weltweit die Grundfesten der Gesellschaftsordnung, nur in der Schweiz steht die Zeit still. Seit Jahrzehnten kämpfen Feministinnen für das Frauenstimmrecht, nun, am 07. Februar 1971, sollen die Männer darüber abstimmen.
“Die Göttliche Ordnung” ist ein Film von der Schweizerin Petra Biondina Volpe, der mit starken Darstellerinnen, gelungenen Dialogen und wunderbaren Bild- und Tonkompositionen von der ersten Minute an mitreißt. Seit März lief er in der Deutschschweiz und kommt am 3. August auch zu uns in die Kinos.

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Die Geschichte der Frauenbewegung: Deutschland

100 Jahre Frauenpower

By Haeferl (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, ist, wie sollte es anders sein, eine besondere. Sie ist eng verbunden mit der Geschichte des Deutschen Kaiserreiches, der gescheiterten Revolution von 1848, den Weltkriegen, dem Nationalsozialismus und schließlich der 68er Revolution. Sie erzählt nicht nur von den Konflikten mit dem bürgerlichen Patriarchat, sondern auch von internen Auseinandersetzungen zwischen bürgerlichen, proletarischen, sozialistischen und radikalen Feministinnen, deren Spuren bis in die Gegenwart des Feminismus reichen. Umso wichtiger, sich diese Geschichte einmal anzusehen. Kritik und Forderungen unterschieden sich bereits in den Anfängen der Frauenbewegung oftmals so sehr, dass ein gemeinsamer Kampf unmöglich wurde, ein Problem, das den Feminismus bis heute kennzeichnet. Offenbar verstehen Frauen schon immer unter den Ideen der Freiheit und Gleichberechtigung unterschiedliche Dinge.

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Unsere Störenfrieda der Woche: Erika Wisselinck

Woman Power Emblem Red

Public Domain

Die Feministin und Übersetzerin Erika Wisselinck wurde 1984 mit “Frauen denken anders” in Deutschland bekannt. Das Buch gilt als eine der wichtigsten Einführungen in feministisches Denken im 21. Jahrhundert. Darüber hinaus machte Erika Wisselinck sich einen Namen, weil sie die bis dato als unübersetzbar geltenden Werke der US-amerikanischen Radikalfeministin Mary Daly ins Deutsche übersetzte. 1926 im preußischen Görlitz geboren, protestierte sie schon als junges Mädchen gegen das Frauenbild der Nazis, nannte das Klima eine “geistige Ödnis”.  In den 50er Jahren kritisierte sie den Mantel des Schweigens, der in der Adenauer-Zeit über die Vergangenheit im 3. Reich gelegt wurde, arbeitete als Journalistin und Kommunalpolitikerin und später beim Rundfunk. Dabei lernte sie, was es bedeutete, sich in einer “Männerdomäne” Gehör zu verschaffen. Sie setzte sich bereits in den 1950er Jahren für die Emanzipation ein – lange bevor das Thema wieder gesamtgesellschaftliche Relevanz bekam. Als Ende der 1960er Jahre die Neue Frauenbewegung entstand, schloss sich Wisselinck ihr an und gründete unter anderem die “Frauenstudien München”.  Ihr Engagement brachte ihr von männlichen Kollegen beim Rundfunk den Titel “männermordende Emanze” ein. 1973 gründete sie die feministische Monatszeitschaft “Korrenspondenz die frau”, deren Inhalt kostenlos weitergegeben werden durfte – um so die Verbreitung feministischer Diskurse zu erhöhen. Ab 1978 schrieb sie eine zeitlang für die neugegründete Zeitschrift EMMA, doch ein Zerwürfnis mit Alice Schwarzer beendete die Zusammenarbeit. Wisselinck war eine Vertreterin des Differenzfeminismus. Für sie gab es wesenartige Unterschiede zwischen Mann und Frau, die sich ihrer Meinung nach jedoch aus den unterschiedlichen Erfahrungen ergaben. Der Kampf gegen die Natur der Frau war für sie gleichbedeutend mit dem Weg zur Zerstörung von Natur und Umwelt.  Auch beschäftigte sie sich mit der Hexenverfolgung in der Frühen Neuzeit, in deren Gynozid sie Parallelen zum Holocaust beschrieb. Sie starb 2001 auf Madeira.

Gabriele Meixner: „Wir dachten alles neu“. Die Feministin Erika Wisselinck und ihre Zeit. Göttert, Rüsselsheim 2010

Unsere Störenfrieda der Woche: Helene Stöcker

Helene Stöcker wurde am 13. November 1869 im heutigen Wuppertal geboren. Sie gehörte wie Minna Cauer und Hedwig Dohm zum radikalen Flügel der ersten Frauenbewegung. Bereits mit 20 zog sie alleine nach Berlin, um sich der dortigen Frauenbewegung anzuschließen. Das Studium war Frauen zu diesem Zeitpunkt noch verboten, sie durften nur als Gasthörerinnen mit ausdrücklicher Erlaubnis des Professors an Vorlesungen teilnehmen, jedoch keine Abschlüss machen. Helene Stöcker besuchte Vorlesungen zu Literatur, Philosophie und Wirtschaftslehre. Wie unzählige andere Frauen machte sie ihren Abschluss schließlich an der Universität in Bern – in der Schweiz durften Frauen nämlich bereits studieren.
In zahlreichen Schriften kritisierte sie die Doppelmoral der bürgerlich-patriarchalen Gesellschaft, die die Sexualität von Frauen systematisch unterdrückte. Sie forderte, dass Frauen auch außerhalb der Ehe sexuelle Kontakte pflegen durften, ohne dafür bestraft zu werden. Sie kämpfte für das Recht auf Abtreibung und die Entkriminalisierung der männlichen Homosexualität und gründete den Bund für Mutterschutz und Sexualreform, der sich um ledige Mütter und ihre Kinder, aber auch Prostituierte kümmerte. Dieses radikal-feministische Engagement machte sie in den Augen der bürgerlichen Frauenbewegung suspekt.
Zum Bruch kam es auch, weil Helene Stöcker sich aktiv in der Friedensbewegung gegen den Krieg einsetzte.
Sie floh vor den Nazis in die USA und starb 1943 allein und verarmt in New York.

Unsere Störenfrieda der Woche: Lida Gustava Heymann

Lida Gustava Heymann

Bundesarchiv, Bild 146-1987-143-05 / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons

Die am 15. März 1868 in Hamburg geborene Lida Gustava Heymann war in der bürgerlichen Frauenbewegung eine Vertreterin des radikalen Flügels. Wohlhabend geboren, veranstaltete sie Armenspeisungen für Prostituierte und gründete Mädchenschulen, um die umstrittene Frauenbildung voranzubringen.
Sie war eine Mitbegründerin der abolitionistischen Bewegung in Deutschland und setzte sich früh und energisch gegen Prostitution und ihre zerstörerische Wirkung für die Frauen ein. Vor allem verlangte sie, dass die willkürlichen polizeilichen Kontrollen der Prostituierten und die Einweisung in Gesundheitsheime ein Ende fanden. 1902 gründete sie den Deutschen Verein für ein Frauenstimmrecht und forderte 1923 die Ausweisung Adolf Hitlers aus Deutschland. Bereits nach dem 1. Weltkrieg erkannte sie die gefährlichen Auswüchse des nationalistischen Wahns und schrieb entschieden gegen ihn an. Während der Machtergreifung der Nazis 1933 befand sie sich mit ihrer Lebensgefährtin zufällig auf einer Auslandsreise, von der sie nicht mehr zurückkehrte. Sie kritisierte schon früh die Kolonialkriege und die Vergewaltigung von Frauen im Krieg. Sie war eine überzeugte Pazifistin und starb 1943 in Zürich.