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“Es muss sich ganz viel ändern” – im Interview mit Gerhard Schönborn von Neustart e.V.

Die Störenfriedas: Du arbeitest seit vielen Jahren als Streetworker für den Verein Neustart e.V. an einem Straßenstrich in Berlin. Was hat sich in der Prostitution in den letzten Jahren verändert?

Gerhard Schönborn: Ich kenne den Straßenstrich Kurfürstenstraße seit über zehn Jahren. Als ich als Streetworker angefangen habe, standen dort überwiegend Frauen, die sich mit dem Geld ihre Drogen finanzierten. Dann gab es in einigen Straßenabschnitten und Seitenstraßen deutsche Frauen mit Zuhältern sowie deutsche Frauen, für die sich in manchen Kreisen der Begriff „Sexarbeiterin“ eingebürgert hat. Vor meiner Zeit wurde dieser Drogenstrich vor allem durch „Christiane F.“ bekannt. Früher war die Straße als „Babystrich“ berüchtigt, weil sehr viele Minderjährige dort standen. In meiner Anfangszeit gab es zwar auch immer wieder mal ganz junge Mädchen, aber nicht in dem Maße, wie in den 1980er und 90er Jahren.

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Neustart e.V.: Engagement für Prostituierte, Drogenabhängige und Straffällige in Berlin

Logo Neustart e. V.

ist ein christlicher Verein, der sich in Berlin für Prostituierte, Drogenabhängige und Straffällige einsetzt. Der Verein betreibt ein Café als Anlaufstelle, macht Beratung und aufsuchende Streetwork sowie Gefängnisarbeit. Schwerpunkte sind der Straßenstrich Kurfürstenstraße, der durch das Buch “Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhofzoo” traurige Berühmtheit erlangte und der Straßenstrich an der Oranienburger Straße. In Berlin gehen laut Angaben des Vereins zwischen 6000 und 8000 Frauen der Prostitution nach, zwischen 8000 und 10.000 Menschen sind heroinabhängig. Neustart e.V. Sozialarbeiter Gerhard Schönborn sprach sich jüngst in einem Streitgespräch der taz für das Schwedische Modell aus:

Ich möchte, dass sich das Bewusstsein der Männer wandelt: Freier kaufen sich die Verfügungsgewalt über den Körper einer Frau, die sich aus einer Not heraus prostituiert oder schlimmstenfalls sogar dazu gezwungen wird. Das ist meine Erfahrung aus zehn Jahren Streetwork auf dem Straßenstrich in der Kurfürstenstraße in Berlin. Mein Ideal wäre, dass keine Frau sich prostituieren muss. Ich finde das „schwedische Modell“ sympathisch, das nicht Frauen bestraft, sondern den Sexkauf. Es sind die Männer, die gegen Moralvorstellungen verstoßen und meiner Ansicht nach die Würde der Frauen verletzen.

Er wies weiter darauf hin, dass die meisten Frauen aus Osteuropa kommen, unter extremen ökonomischen Druck stehen und der Begriff Freiwilligkeit an der Lebensrealität der Frauen vorbeiginge. Für Neustart e.V. ist das eigene Engagement ein Ausdruck der christlichen Nächstenliebe. Der Verein kann auf vielfältige Weise unterstützt werden. Auch Praktikas sind möglich.