Schlagwort: lesbische sichtbarkeit

Politisch und sexuell? Lesbisch!

Meinen ersten und bisher einzigen Freund hatte ich mit 16. Er war deutlich älter als ich und die Beziehung war eine durch und durch hierarchische. Auch meine Schulfreundinnen waren zu dem Zeitpunkt größtenteils in ihren ersten Beziehungen und tauschten sich fleißig darüber aus. Damals hatte ich zum ersten Mal den Gedanken, dass bei mir etwas anders sein musste, denn diese Gefühle des Verliebtseins, Schmetterlinge im Bauch, all diese Beschreibungen meiner Schulfreundinnen empfand ich nicht.
Nun kann das sehr viele Gründe haben und es ist vermutlich weder möglich noch sinnvoll, hier zu versuchen, einen kausalen Zusammenhang herzustellen. Jedenfalls hatte ich zu dem Zeitpunkt oft den Gedanken, dass ich ja vielleicht lesbisch sein könnte. Es gab Frauen, die mich faszinierten und mir schlaflose Nächte bereiteten. Frauen, die ich bewunderte, anhimmelte, toll fand.
Trotzdem war ich mir immer wieder unsicher. So ein Outing ist ja eine ernste Sache. Vielleicht doch bisexuell? Da könnte ja noch der eine Mann kommen, der mich umhaut. Und es wäre ja ziemlich peinlich, dann allen sagen zu müssen, ich hätte mich getäuscht, ja sorry, doch nicht lesbisch.

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Ein Plädoyer für die feministische Aufmüpfigkeit

Woman Power Symbol, Feminist Fist

Public Domain C00

Oder: Der Tag, an dem ich meine eigene Heldin wurde

November 2017. Ein sozialpädagogisches Masterseminar an einer norddeutschen Hochschule. Es geht um Interventionsmöglichkeiten bei sexualisierter Gewalt. Ich bin Studentin, die an diesem Seminar teilnimmt, und habe dort etwas erlebt, was ich nicht für möglich gehalten hätte, zumindest nicht an diesem Ort.

In der vorletzten Seminarsitzung hielt ein Kommilitone ein Referat, in dem er eine Statistik vorstellte, wonach Lesben, Schwule, Trans- und Inter-Personen besonders häufig von sexueller Gewalt und Diskriminierung betroffen wären. Er merkte daraufhin an, dass es nicht richtig wäre, diese Personengruppen immer nur als Opfer zu stilisieren, denn sie wären meist auch die Täter. In seinem Studiengang hätten „alle Homosexuellen“ Heterosexuelle gestalked, und dieses Verhalten könne er auch erklären: Aids-Medikamente würden nämlich Borderline verursachen, und da ja alle Schwulen Aids-Medikamente nehmen, wären das eben alles Narzissten. Und man dürfe auch nicht vergessen, Schwule würden nicht auf Schwule stehen, sondern auf Männer, und Lesben auf Frauen, nicht auf Lesben.

Ich war im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos und durchlief innerhalb weniger Minuten mehrere Gefühlslagen. Nachdem ich erst dachte, ich hätte mich sicher verhört oder etwas falsch verstanden, wurde ich dann immer ungläubiger und saß irgendwann einfach völlig fassungslos da und habe gewartet, dass endlich jemand interveniert- wenn niemand der Studierenden, dann doch wenigstens die Dozentin. Aber es passierte- nichts. Ein paar wenige Richtigstellungen am Ende des Referates, dann kam der Übergang zum nächsten Vortrag. Ein Übergang, den alle mühelos zu bewerkstelligen schienen. Ich nicht. Homophobe Verschwörungstheorien in einem Master-Seminar und niemand sagt etwas dagegen?

Danach begann es in mir zu arbeiten. Ich sprach die Dozentin nochmal an, ob der Vorfall nun so stehengelassen würde. Daraufhin bot sie mir an, etwas vorzubereiten und in der nächsten Seminarsitzung vorzustellen. Das war immerhin etwas, aber nicht das, was ich mir gewünscht hätte. Ich fühlte mich in meiner Wahrnehmung nicht ernst genommen. Wieder einmal war ich die hysterische Studentin, die alles problematisiert und dramatisiert. Die, die immer das nervige generische Femininum benutzt und für die alle Männer unter Generalverdacht stehen. Die Feministin eben.

Und dann habe ich das getan, was ich immer mache, wenn ich aufgebracht, wütend, durcheinander, alles zusammen bin: Ich habe geschrieben. Einen Text, den ich eigentlich für mich behalten wollte, weil er doch so persönlich geworden ist, dass ich ihn nicht mit dem gesamten Seminar teilen wollte- einem großen Seminar, in dem ich mit kaum einer Kommilitonin bisher ein Wort gewechselt hatte. Aber dann reifte in mir der Entschluss, gerade diesen Text vorzulesen. Weil persönliche Texte eben nochmal ganz anders aufrütteln und berühren als Statistiken.
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Facebook und das D-Wort…

… oder die Kompatibilität des Wortes “Dyke”. Ich habe es dann ausprobiert. Immerhin ist ja der Juni internationaler „Pride Month“, also ein Monat für Schwule und Lesben, die LGBTQ*+ Community, und da kann ja mal gratuliert werden.


Bild 1 „Stonewall“

Weniger als eine Minute, nachdem ich es gepostet hatte, meldete facebook mich ab und bei der Wiederanmeldung erschien dies:

Bild 2 – „removed“

Das Wort „Dyke“ (1) verstößt gegen Facebook-Community Standards? Seit wann? Und vor allem: In welchem Kontext? Mein Bild war auf „Freunde“ (Facebook nennt das so) gesetzt – eine größere Öffentlichkeit wurde also gar nicht tangiert.

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Mehr Feminismus in der L-Community (und umgekehrt) – ein Plädoyer

Anlass für diesen Text: Die Ankündigung einer „European Lesbian* Conference 2017“ (1) mit folgender Erläuterung:

“Our aim is to hold an inclusive European Lesbian* Conference. We insist on calling it a lesbian conference although we recognize that, as with any category or label, it may be contested and insufficient to describe the diversity of our communities. We are aware that many previous lesbian gatherings have struggled with issues about who should or should not be included at the conference. However, using the word “lesbian” is part of the political struggle for visibility, empowerment and representation.
Therefore we will use “lesbian*” with an asterisk, so as to include anyone who identifies as lesbian, feminist, bi or queer, and all those who feel connected to lesbian* activism.”

Soweit.

Trotz des Instant-Dementi mit dem * und der dazugehörigen Erläuterung war der erste Kommentar, der mir auf einer größeren englischsprachigen Facebookseite zu der Konferenz begegnete und auf der ich die Konferenz gefunden hatte, ein Wutgeheul darüber, dass „gay women“ – also „schwule Frauen“ hier eine Konferenz hätten, ohne sich im geringsten zu bemühen „Transpersons“ einzubeziehen und wieso ihnen dies gestattet würde.

Was mich zu „Beißreflexe“ von Patsy L’Amour LaLove bringt, und zu der Hoffnung, dass sich die Queer-Community endlich ihren inneren Problemen widmet anstatt immer wieder ausgerechnet und fast ausschließlich auf Feministinnen oder Lesben loszugehen.

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