Schlagwort: Männerbünde

Männer, Gewalt und kollektive Verleugnung

"Take rape seriously" - Protester with Placard Reproductive rights activist Shelby Knox.

by Women's eNews via Flickr, [CC BY 2.0]

Die Störenfriedas sind ein Projekt von Frauen für Frauen. Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen an dieser Stelle regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Dieses Jahr habe ich das erste Mal wieder nach vielen Jahren Silvester außerhalb meiner Wohnung gefeiert. Warum ich das Jahre lang nicht tat, hat Gründe. Der eine Grund ist, dass ich salopp formuliert, meine Couch lieber mag als Party-Locations, der zweite meine Gesundheit, die in den letzten Jahren in einem Zustand war, der mir Feiern überwiegend unmöglich machte. Der dritte Grund und in den meisten Fällen ausschlaggebender Faktor bei der Entscheidung, das Haus zu verlassen, ist die Anwesenheit von Männern oder sagen wir es ein wenig netter, die Anwesenheit der meisten Männer:

Irgendwann hatte ich einfach die Nase voll. Die Nase voll von Grenzüberschreitungen, die Nase voll von Respektlosigkeiten, die Nase voll von “Hab-dich-nicht-so” und Hinterngegrabsche. Die Nase voll davon, dennoch darüber zu schweigen. Oder die Bitterkeit ganz be-like-the-boys-mäßig wegzulachen, während ich eigentlich heulen möchte oder innerlich erstarre.

Jahrelang haben irgendwelche Therapeuten an mir rumgedoktert, in dem sie mir verklickert haben, dass meine Menschenangst ein einzig pathologischer Faktor ist, den ich mittels Training, Training und nochmal Training überwinden können muss. Niemand – bis auf 2 Ausnahmen – dieser Helfer kam auf die Idee, mir zu sagen: Deine Angst ist berechtigt, es gibt einen Grund, als Frau Angst zu haben. Alles wurde verklärt, erklärt, analysiert, meine Kindheit und Jugend zum Erklärmuster Nummer eins erklärt, verantwortlich dafür, wie krank im Kopf ich bin, dass ich grenzüberschreitende Menschen nicht mag (wer mag die eigentlich?). Gesellschaftliche Analyse: Fehlanzeige. In der Psychotherapie herrschen mehrheitlich Individualschauplätze. Wenn du was nicht erträgst oder nicht funktionierst: selbst schuld, nicht genug angestrengt, so ganz Neoliberalismus-like. Jetzt habe ich eine Therapeutin, die Feministin ist und es geht mir besser. Weil sie das Wegwisch-Spielchen von gesellschaftlichen Hierarchien genauso wenig mitmacht wie ich.

An der chronischen und kollektiven Verleugnung männlicher Gewalt wird stur und hartnäckig festgehalten und zwar immer und fast überall und gerade in diesen Tagen. Auf Teufel komm raus, darf die nicht benannt werden. Male tears und not-all-men-Gerufe dominieren die Debatten. Silvester in Köln ist auch dieses Jahr wieder richtig schön praktisch: sowohl für die rechte als auch – und jetzt alle Luft anhalten –  für die linke Männerbande.

Es sind Männer. Die dürfen sexuelle Gewalt negieren, verharmlosen, sich darüber lustig machen, dass man allen Frauen überall auf der ganzen Welt seit Jahrhunderten Gewalt antut. Männer fahren auf Weihnachtsmärkten in Menschenmengen, zünden Bomben, töten Menschen, führen Kriege, beuten die Menschheit und die Natur aus. Niemand ermahnt sie der Wichtigkeit, dass Antisexismus und Antirassismus nicht gegeneinander auszuspielen sind (davon mal abgesehen, dass das keine getrennten Dimensionen sind). Ihnen wird das durchgelassen und wir kapieren es nicht einmal. Frauen und Feministinnen wird auf die Flossen gehauen, weil einige mehr sich entschlossen haben, nicht mehr weg-ignoriert werden zu wollen. Und klar, irgendwie haben die ja auch das universelle Kümmer-Gen in sich. Männer überschlagen sich mit fadenscheinigen Argumenten und verfallen in kollektive Schnappatmung, weil Frauen ihnen erklären, dass sie es schlichtweg nicht mehr einsehen, permanent unter die Räder zu geraten. Frauenrechte sind in ihren Augen (oder besser Taten) aber lediglich temporäre Symbolpolitik. Den Artikel 3 des Grundgesetzes können sie runterbeten, nur, dass sie die Benachteiligung aufgrund des Geschlechts irgendwie immer vergessen beim Zitieren. Die Ignoranz, Arroganz und Verlogenheit dieser ganzen Debatte ist jedenfalls mindestens bemerkenswert.

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