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Von Devianz und Solidarität – oder: um welche Opfer kümmern wir uns?

Wer sich mit Prostitution beschäftigt, kennt den Begriff der Devianz. Devianz bedeutet „Abweichen“ vom bürgerlichen Lebensentwurf. Deviante, das sind Kriminelle, Drogenabhängige und eben auch Prostituierte. Bis in die 1980er Jahre war die Devianztheorie in den Sozialwissenschaften weit verbreitet und auch in vielen linken Kreisen anerkennt, beinhaltete sie doch eine immanente Herrschaftskritik. Der Dieb, der stiehlt, tut das, weil er keine andere Wahl hat, die Prostituierte prostituiert sich, weil das alles ist, was die kapitalistische Gesellschaft ihr zum Leben lässt. Die Devianztheorie geht davon aus, dass es hier eben keine richtigen Opfer gibt, bzw. die Opfer die Devianten selbst sind. Indem wir beschreiben, wer deviant ist – eben auch Behinderte und psychisch Kranke – wird wie in einem Spiegel ein Bild auf uns zurückgeworfen. In bester Focault’scher Tradition erkennen wir, dass die Gesellschaft in einem Diskurs festlegt, wer denn „solide“, „normal“ oder „vertrauenswürdig“ ist und dass dieser Diskurs mehr über die Gesellschaft aussagt als über die Devianten selbst. Die bürgerliche Gesellschaft braucht die Devianz, um sich ihrer selbst zu versichern. Menschen, die trotz Armut nicht stehlen, haben zumindest den moralischen Gewinn, sich als „anständig“ zu empfinden, Frauen, die sich trotz Not oder Gelegenheit nicht prostituieren, sehen sich ebenfalls so. Verlogen ist das alles bis in das Mark, denn genau auf diese Weise bleiben die Gewaltverhältnisse eben wie sie sind: Die Reichen werden reicher, die Armen immer ärmer, aber wenigstens bleiben sie anständig.

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Ein Aufruf an Feministinnen, sich an das historische und geschlechterbasierte Wesen ihrer Unterdrückung zu erinnern

Das wirklich Brillante am Patriarchat…es verwandelt Unterdrückung nicht nur in etwas Natürliches, es sexualisiert den Unterdrückungsakt. Es erotisiert Dominanz und Unterwerfung. Es institutionalisiert sie als Maskulinität und Feminität. Also normalisiert, erotisiert und institutionalisiert Unterwerfung. Das Brillante am Feminismus ist, dass wir das erkannt haben.
– Lierre Keith

In den vergangenen Monaten wurden in den USA und anderswo so viele Gesetze erlassen oder vorgeschlagen, die eine Eskalation des Kriegs – ja, es ist Krieg – gegen Frauen anzeigen. Das Russische Parlament hat gerade mit 380 zu 3 Stimmen die Entkriminalisierung häuslicher Gewalt entschieden. Es ist ein Land, in dem durchschnittlich 40 Frauen pro Tag – 14.000 Frauen pro Jahr – von ihren männlichen Partnern ermordet werden.

Die Vereinigten Staaten, wo über 1000 Frauen pro Jahr von ihren Partnern ermordet werden, haben gerade einen Präsident gewählt, der damit prahlt, dass „wenn du ein Star bist, lassen sie es dich einfach tun, pack sie an der Pussy“ und in Pornografie und Menschenhandel verwickelt ist. Sein Plan ist es, die finanzielle Unterstützung für 25 Programme gegen häusliche Gewalt zu eliminieren und weiblichen Angestellten zu befehlen, sich „wie Frauen anzuziehen“. Texas denkt darüber nach, Frauen, die eine Abtreibung hatten, ihr Wahlrecht zu entziehen; Arkansas möchte Vergewaltiger in die Lage versetzen, Frauen zu verklagen, die abtreiben.

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Unsere Störenfrieda der Woche: Mary Daly

Woman Power Symbol, Feminist Fist

Public Domain C00

Mary Daly wurde am 16. Oktober 1928 geboren. Sie war eine der maßgeblichen Gründerinnen des radikalen Feminismus, dessen Ziel die Abschaffung des Patriarchats war. Die radikale Feministin, Philosophin, Kirchenkritikerin und Professorin am Jesuitenkolleg kritisierte in ihren Werken die systematische Gewalt des Patriarchats an den Frauen, die sich in Witwenverbrennung in Indien, Füßeeinbinden in China, Genitalverstümmelung in Afrika, Hexenverbrennung in Europa, Gynäkologie in den USA im Gefolge der Nazimedizin zeigte. Ihr bekanntestes Werk ist Gyn/ökologie. Sie protestierte gegen weibliche Genitalverstümmelung, lange bevor das Thema in der Öffentlichkeit bekannt wurde. Als Professorin für Theologie kritisierte sie das Kirchenpatriarchat und lehnte den Vatergott zugunsten einer Göttin ab. Die patriarchale Sprachstruktur blieb ihr ganzes Leben lang ihr Thema. Sie starb am 03. Januar 2010 in Massachusetts. Mary Daly wurde von ihren Gegnern in mehrer Skandale verwickelt, doch sie blieb ihr Leben lang eine streitbare und entschlossene Kämpferin für Frauenrechte. Ihre Arbeit beeinflusst Generationen von Feministinnen bis heute weltweit.