Schlagwort: missbrauch

Feministische Praxis nicht nur für die, die wir mögen

Zugegeben: Als ich die Schlagzeile las, dass die Betreiberin einer Escort-Agentur und “Sexarbeiterin” Salome Balthus von der Zeitung die Welt in der sie seit einigen Monaten eine Kolumne unter dem Titel “Das Kanarienvögelchen” schrieb, gefeuert wurde, dachte ich mir “Das wurde aber auch Zeit”. War es mir doch völlig schleierhaft, warum sie diese Möglichkeit überhaupt erst bekommen hatte. Ob einer die Inhalte oder der Schreibstil einer anderen Person gefallen oder nicht, ist ja eher subjektiv und Geschmackssache.

Politisch jedoch hatte ich in mehrfacher Hinsicht ein Problem mit dem Podium, welches ihr dort geboten wurde: Zum einen halte ich es nach wie vor für unerträglich, wie viel Raum Mainstream-Medien jenen Menschen einräumen, die sich für die Erhaltung einer der patriachalsten und frauenfeindlichsten Institutionen unserer Gesellschaft, der Prostitution, stark machen – ohne gleichermaßen auch jenen Frauen in und außerhalb der Prostitution diesen Raum zuzugestehen, die Prostitution als kommerzialisierte sexuelle Gewalt empfinden und für eine Welt ohne Prostitution und Frauenverachtung kämpfen. Dem Netzwerk Ella beispielsweise kommt dieses Privileg nicht zu. Dies ist jedoch den jeweiligen Medien und einer Gesellschaft anzulasten, die natürlich lieber jenen ein Sprachrohr verleiht, welche die gegebenen Machthierarchien stärken – und eben nicht jenen, die diese in Frage stellen.

Unklar ist, ob Balthus an der Prostitution der auf ihrer Agentur-Seite angebotenen Frauen verdient. Ist dem so, dann wäre dies in meinen Augen moralisch verwerflich und nach dem von mir und uns vertretenen Nordischen Modell kriminell und strafbar. Dass sie sich, ihre Agentur und ihre “Hetären”-Kolleginen angesichts des Bewerbungsfragebogens auf der Seite offensichtlich für besonders elitär und intellektuell hält: geschenkt.

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Die alltägliche Wut – 26 Jahre später

In der letzten Zeit ist es schwer in Mode gekommen, den Feminismus entweder für alles, was in dieser Gesellschaft so schief läuft verantwortlich zu machen, weil der feministische Diskurs angeblich alles beherrsche und keinen Widerspruch zulasse. Das läuft der Wahrnehmung der feministisch orientierten Frauen zuwider, die ganz im Gegenteil die Wahrnehmung haben, dass Alltagssexismus und patriarchale Unterdrückung wieder auf dem Vormarsch sind. Feminismus ist entweder Lifestyle, den man wählt, oder etwas, das man verächtlich kritisiert. Kapieren tun ihn beide Seiten nicht. Geld damit verdienen zumindest ein Teil der ersten Kategorie.
Mir ist vor ein paar Tagen zufällig das Buch „Die alltägliche Wut – Gewalt – Pornografie – Feminismus“ aus dem Jahre 1987 in die Hände gefallen, laut Klappentext ein BilderLeseBuch über „Männergewalt“, über „Mißbrauch an Mädchen“, über „Prostitution“, „verschwänzte Ästhetik“ und „Pornografie im Zetgeist“, das „den wagemutigen Versuch unternimmt, diese unterschiedlichen Formen von sexistischer und struktureller Gewalt gegen Frauen nicht in 16 Textbeiträgen zu analysieren und zu beschreiben, sondern auch in über 250 Illustrationen und Dokumentationen sichtbar zu machen“. Ein Buch also, das 26 Jahre alt ist. 26 Jahre, in denen die Gleichberechtigung angeblich verwirklicht wurde, wir leben doch, so wird uns doch erklärt, im Postfeminismus und wir Feministinnen sollen endlich aufhören zu nerven.
Ich habe dieses Buch zum Anlass genommen, einmal zu vergleichen, was sich denn verändert und verbessert hat von dem, was die Frauen, die dieses Buch damals schrieben, zu heute, zum Jahr 2014.

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