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Das patriarchale Trauma: Warum Männer morden und Frauen Vergewaltigungsfantasien haben

Es ist schon wieder passiert. Ein junger Mann hat eine Waffe genommen und in einer Schule in den USA zehn Menschen erschossen. Das erste seiner Opfer ist nach Angaben von “Bild” ein Mädchen, dem er sich immer wieder versucht hatte zu nähern. “Tragische Liebesgeschichte” nennt die Bildzeitung das und bezieht sich auf Aussagen der Mutter. “Zurückgewiesene Liebe” wird immer wieder als Rachegrund genannt, wenn ein Mann gewalttätig wird. Statistisch gesehen stirbt in Deutschland jeden Tag eine Frau durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners aufgrund von “enttäuschter Liebe”. Hinter dem Euphemismus “enttäuschte Liebe” verbirgt sich nichts anderes als die auch mit Gewalt durchsetzbare männliche Anspruchshaltung, Frauen hätten ihnen zur Verfügung zu stehen. Die Frau als Dienerin, als Gefäß des Mannes, als sein Besitz und Anhängsel ist die Definition, die das Patriarchat Frauen zuweist. Lehnen Frauen diese Rolle ab und bewegen sich außerhalb der für ihr Geschlecht vorgegebenen Grenzen, etwa in dem sie alleinerziehend, selbstbestimmt, unabhängig leben, so setzen sie sich überall auf der Welt der Gefahr aus, dafür getötet zu werden. Es braucht kein frauenhassendes Regime, um diese misogyne Exekutive zu betreiben, vielmehr schwingen sich Männer auch im ach so liberalen und offenen Westen regelmäßig dazu auf, Frauen wieder auf ihre Plätze zu verweisen – mit Hasskommentaren, Drohungen und Gewalt, gegen fremde Frauen, aber vor allem gegen die Frauen, auf die sie glauben, ein “Anrecht” zu haben: Bekannte, Nachbarinnen, Kolleginnen, Partnerinnen, Ehefrauen, Töchter. Die Autorin Kate Manne hat in ihrem Buch “Down Girl” analysiert, dass der Anstieg dieser offenen, blutigen Gewalt gegen Frauen in direktem Zusammenhang mit dem Kampf gegen Frauenrechte steht. Je mehr Frauen, etwa wie bei #metoo, sich gegen sexuelle Gewalt wehren und auf ihre Selbstbestimmung auch in anderen Bereichen pochen, umso heftiger fällt der Pushback der patriarchalen Ordnung aus.

Das Gift der männlichen Erwartungshaltung

Als vor einem Monat Alek. M. in Toronto ein Massaker vor allem an Frauen verübte und sich dabei ausdrücklich auf einen anderen Massenmörder – Eliott Rodger – bezog, der ebenfalls aus Frauenhass tötete, wurden die Medien auf das Phänomen der Incels aufmerksam, der “unfreiwillig Zölibatären”, die sich in Foren wie 4chan oder Reddit austauschen und sich darüber beklagen, dass keine Frau mit ihnen Sex haben möchte. Das liegt, laut Incel-Logik, daran, dass Frauen nur auf Männer mit gutem Aussehen und/oder Geld stehen und deshalb werden sie an ihrem “Anrecht” auf Sex und Reproduktion gehindert. Nicht wenige fordern deshalb, dass es eine “Umverteilung” von Sex geben soll und Frauen dazu gebracht werden sollen, auch Sex mit Männern zu haben, auf die sie keine Lust haben.

Das Ganze wäre absurd, lächerlich und bemitleidenswert, wenn die Incel-Ideologie nicht immer wieder wie bei den letzten Massakern Grundlage für Übergriffe und Gewalt gegen Frauen werden würde. Es handelt sich bei den Incels nicht nur um ein paar verirrte Männer, wie in den Medien gerne suggeriert wird, sondern um ein heterogenes Gemisch von hunderttausenden Männern vor allem aus den USA und Europa mit Überschneidungen zur Männerrechtsszene (MRA’s) und den Pick-Up-Artists. Es sind keine verwirrten Hinterwäldler, keine rückständigen Religionsfanatiker, sondern vielfach gut ausgebildete Männer, die sich an anderen Stellen für Demokratie, Fortschritt und Liberalisierung einsetzen. Sie sind für Fortschritt und für Technik, doch die Unterwerfung der Frau wollen sie aufrecht erhalten. Sie protestieren gegen zu viel Überwachung und laschen Datenschutz und geben sich gern besonders innovativ und zukunftsorientiert. Ihr Frauenbild aber ist in seinem Kern so reaktionär wie das religiöser Fundamentalisten, nur wird ihr Frauenhass nicht durch eine religiöse Schrift, sondern vor allem durch Pornos und sexistisch eingefärbte wissenschaftliche Schlussfolgerungen beflügelt. Incels verkörpern eine neue Generation von Frauenhassern, nicht länger religiös oder moralisch motiviert hassen und Gewalt verüben, sondern auf Grundlage vermeintlich rationaler Überlegungen und wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Die Freiheit von Frauen erleben Incels und ihre Sympathisanten als Bedrohung ihrer männlichen Privilegien und als Hindernis beim Zugriff auf Frauenkörper, die sie mit Hass im Netz, Hass auf der Straße und notfalls auch mit Gewalt bekämpfen. Ihr Frauenhass hat Schnittmengen mit den hasserfüllten Äußerungen der Väterrechtsszene, in der Morde und Gewalt an Frauen regelmäßig von einzelnen Mitgliedern – unberichtigt vom Rest der Community – als natürliche Reaktion auf das Verhalten von Frauen erklärt werden. Frauen, die nicht gehorchen, Frauen, die sich nicht unterordnen, Frauen, die sich nicht zur Verfügung stellen und Frauen, die über ihr Leben selbst bestimmen möchten – auch nach einer Ehe oder einer Beziehung, aus der Kinder hervorgegangen sind. Incels und die Gruppen, mit denen sie Schnittmengen haben, sind ein noch sehr junges Phänomen des alten Patriarchats, ein neuer Weg, die bekannten männlichen Vorrechte zu proklamieren und durchzusetzen. Der Shitstorm im Internet, mit dem jede Feministin irgendwann überzogen wird, sobald sie eine gewisse Reichweite hat, ist ein Arm dieser Bewegung, die frauenmordenden Attentäter ein anderer. Sie eint die gemeinsame Ideologie.

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Auf die Straße gegen Rape Coaches

Rape is not legal?

Fabio Venni via Flickr, [CC BY-SA 2.0]

Für den kommenden Samstag haben Pick-Up-Artists weltweit in 165 Städten dazu aufgerufen, sich an öffentlichen Plätzen unter geheimen Erkennungsmerkmalen zu treffen und ihre Techniken an wehrlosen Frauen auszuprobieren. In den sozialen Netzwerken schlagen die Wellen hoch, auch die ersten Printmedien reagieren langsam. Das ist auch bitter nötig, denn diese Ableger der Pick-Up-Artists finden, man sollte Vergewaltigung im Generellen legalisieren.

Roosh V. (Daryush Valizadeh), der Initiator, verfasste im Februar 2015 einen Blogbeitrag mit dem Titel “How to Stop Rape”. Darin formulierte er die These, dass man das Problem sexueller Übergriffe ganz einfach damit beenden könnte, in dem man Vergewaltigung auf privatem Gelände ganz einfach legal macht. Auf Twitter erklärte er jüngst, das sei Satire gewesen und nicht ernst gemeint.

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Julian Blanc wird zu Recht verurteilt – aber wer kritisiert die globale Wirtschaft für ihren Frauenhass?

Brass Rail Toronto

von Hard Seat Sleeper (The Brass Rail) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

Es ist einfach, einen globalen und systematisch organisierten Zusammenhang auf „einige wenige böse Jungs” zu reduzieren. Das wird deutlich an Fällen wie dem „Dating-Ratgeber“ Julien Blanc. Blanc tourt durch die Welt, um Männern die Pick-Up-Kunst, (zu Deutsch etwa „Die Kunst des Abschleppens“) beizubringen. Er zeigt die Misogynie, die der Pick-Up-Szene innewohnt, indem er andere Männer in seinen Techniken aus Gewalt und emotionalem Missbrauch gegenüber Frauen unterrichtet. Nachdem es einen öffentlichen Aufschrei gegeben hatte, wurde Blanc aus Australien ausgewiesen, bevor er sein in Melbourne geplantes Seminar halten konnte. Seine Methoden beinhalten das Würgen von Frauen und ihre Gesichter gewaltsam in den Schoß zu ziehen – Verhalten, das typisch für Pornographie ist. Aber während Blanc zu Recht kritisiert wird, bleiben jene Institutionen, die von solchen Bildern profitieren, verschont.

Global betrachtet hat sexuelle Gewalt epische Ausmaße erreicht. Eine von drei Frauen ist betroffen. Während die sozialen Zusammenhänge häufig angesprochen werden, bleiben die ökonomischen und politischen Hintergründe unerwähnt. Diese Gewalt muss im Kontext der globalen Wirtschaft betrachtet werden. Bis die Betreiber sexueller Gewalt gestellt werden, werden uns Männer wie Blanc immer wieder begegnen. Tatsächlich ist Blanc nicht die Ausnahme der Regel, in einer globalisierten und misogynen Gesellschaft ist er eher die Normalität.

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Pick-Up-Artists – oder: Frankensteins Monster

Graffiti Berlin Monster

By Jotquadrat (Own work) [GFDL or CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Julien Blanc, selbst ernannter Guru der Pick-Up-Artist-Szene soll am Wochenende ein Seminar in Berlin halten, wo er Männern beibringt, wie sie mit Psychotricks Frauen zum Sex bringen können. Bis letzte Woche kursierte von ihm noch ein Video, in dem er damit prahlt, eine Frau vergewaltigt zu haben. Pick-Up-Artists haben nur ein Ziel: das Vertrauen von Frauen zu gewinnen und sie möglichst schnell ins Bett zu bekommen. Für sie ist das ein Spiel, bei dem auch vor Gewalt nicht zurückgeschreckt wird: Würgen, Festhalten, Überwältigen. Es regt sich Widerstand, vor allem Terre des Femmes macht auf das Treiben der Pick-Up-Artists aufmerksam und verlangt vom Berliner Bürgermeister und den Hotels, die Veranstaltung abzusagen – wo das Seminar stattfinden soll, ist nämlich bislang unklar. Obwohl Pick-Up-Artists keine neue Erscheinung sind, wird das Thema in der Presse ordentlich hochgekocht – die Medien sind empört, die Wurzeln der Pick-Up-Szene in Patriarchat und Sexismus will aber so wirklich niemand bennenen. Herrscht in den Artikeln noch eine Mischung aus Mitleid und politisch wohldosierter Entrüstung, gärt in den Kommentarspalten der Frauenhass. Frauen seien selbst schuld, wenn sie sich auf so einen einließen, heißt es und weiter Frauen wollten es ja gar nicht anders, sie stünden ja auf solche Typen. Das schreiben erstaunlicherweise nicht nur Männer, sondern auch andere Frauen. Wieder andere betonen, dass man die Techniken der Pick-Up-Artists ja nicht generell mit Vergewaltigung gleichsetzen könnte. Pick-Up-Artists sind, ebenso wie Vergewaltiger und Stalker, Monster, die das Patriarchat erschaffen hat, sie sind nicht die Ausnahme, sondern die Konsequenz einer Gesellschaft, die Frauen zu Objekten degradiert.

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Pick-Up-Artists – die gezielte Manipulation von Frauen

Couple in Love

via Pixabay, Public Domain CC0

Auf Facebook haben wir bereits über die Pick-Up-Artists berichtet – seither hat uns das Thema nicht mehr losgelassen. Viele Kommentare haben uns erreicht – und auch Erfahrungsgeschichten. Das Phänomen ist offenbar verbreiteter, als sich annehmen lässt – Grund genug, um darüber noch einmal in einem eigenen Blogpost zu berichten.

Pick-Up-Artists sind Männer, die mit gezielten Manipulationsversuchen Frauen so schnell wie möglich ins Bett bekommen wollen. Das einzige Merkmal bei der Auswahl ihrer Opfer ist das Aussehen – dafür werden auf einer Skala von 1-10 Punkte vergeben. Dann folgen verschiedene Schritte – “Number-Close” – “Lay” bedeutet, die Frau ins Bett bekommen zu haben. Um das zu erreichen, geben sich die Männer am Anfang besonders verständnisvoll, um rasch eine emotionale Bindung aufzubauen und das Vertrauen der Frau zu gewinnen. Diese Masche wird abgewechselt mit gezielten Sticheleien auf das Selbstwertgefühl der Frauen – totale Nähe wird abgewechselt mit Rückzug, bis die Frauen ihren eigenen Gefühlen nicht mehr vertrauen.  Das heißt in der Community “Push and Pull”. Die Frau gerät so in eine zunehmend schwächere und abhängige Position, sie wird gezielt verunsichert. Lehnen die Frauen den Sex ab, wird jedes vorangegangene Interesse geleugnet, die Frauen werden sogar beleidigt und verbal herabgewürdigt, bis sie nicht mehr wissen, ob sie sich die zuvor gefühlte Zuneigung nur eingebildet haben.

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