Schlagwort: Privilegien

Marilyn Frye: Wer will ein Stück vom Kuchen?

Quelle: https://alchetron.com

Übersetzung von Passagen aus dem Text „Who Wants a Piece of the Pie“ aus „Willful Virgin: Essays in Feminism (1992, The Crossing Press). Den vollständigen Text findet ihr hier.

1976

Für Feministinnen besteht das allgegenwärtige moralische Problem in Bezug darauf wie man leben sollte darin, das eigene Leben mit den feministischen Werten in Einklang zu bringen. […] Kurz gefasst: Wir müssen uns um unsere Existenzsicherung und etwas darüber hinaus kümmern, wir wollen diese auf eine gesunde Art und Weise verdienen, und all das müssen wir in einer uns feindlich gesinnten, sexistischen Gesellschaft schaffen. Wenn wir uns die Leben von Menschen allgemein mal anschauen, dann scheint es fast schon ein Luxus zu sein, mehr als die Existenzsicherung zu verlangen, und es könnte naheliegend sein zu sagen, dass in einer feministischen Ethik Luxus fast schon elitär erscheint. Da ist etwas dran, aber das ist nicht alles. Zum einen kann es schon sein, dass Revolution so etwas wie Luxus ist – denn man findet ihr Momentum nicht unter den richtig Bettelarmen. Auf der anderen Seite: Wenn es als Luxus angesehen wird, Ressourcen über dem Existenzminimum zu haben, dann wurden wohl viele von uns in den Luxus hineingeboren, genauso sicher wie wir in unsere Unterdrückung als Frauen hineingeboren wurden […].

Für manche von uns ergibt sich dieses Dilemma konkret in Bezug auf Arbeit und Privilegien. Einige Feministinnen haben Zugang zu Positionen im Establishment oder einer Profession, oder streben dies an. […] Es gibt Feministinnen, die demgegenüber misstrauisch sind und die geneigt sind, solche Möglichkeiten oder Hoffnungen aufzugeben, als Teil ihrer Ablehnung von Klassenprivilegien.

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Warum eine Bundespräsidentin kein Sieg des Feminismus ist

Hände

Exchanges Photos via flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Joachim Gauck will nicht mehr Bundespräsident sein. Die Spekulationen laufen auch Hochtouren und schon gibt es eine fleißig auf Facebook beworbene Seite, die 68 Kandidatinnen für das Amt der Bundespräsidentin vorschlägt, alle samt hochgebildet und hochdekoriert. In den USA behauptet Hillary Clinton gerade, sie würde als erfolgreiche Präsidentschaftskandidatin der Demokraten Geschichte schreiben. Frauen, so sagt sie, sollten sie wählen. Weil sie eine Frau ist. “Gender Identity Politics” nennt man das. Frausein wird in die Waagschale geworfen, um Frauen als Unterstützerinnen zu mobilisieren. Was aber bringt es den Frauen in Deutschland, in den USA wirklich, wenn Frauen die höchsten Ämter bekleiden? Dass das mit feministischem Siegestaumel nur wenig zu tun hat, zeigt ein ernüchternder Blick auf die Lage der Frauen unter zehn Jahren Kanzlerschaft von Angela Merkel. Wir kämpfen noch immer verzweifelt darum, dass “Nein” endlich “Nein” (oder konkret: Nur “Ja” auch wirklich “Ja”) heißt und sexuelle Gewalt konsequent bestraft wird. Frauen werden nach wie vor schlechter bezahlt, Prostitution ist in Deutschland legal, sexistische Werbung allgegenwärtig und Frauen werden nach wie vor auf vielfältige Weise diskriminiert. Um “Frauenthemen” machte Angela Merkel in ihrer Kanzlerschaft bislang erfolgreich einen Bogen – weil es ihrer Macht Abbruch getan hätte. Hillary Clinton verriet andere Frauen, als sie sie unter Druck setzte, die sexuellen Übergriffe ihres Mannes zu vertuschen. Und was wissen die Frauen, die jetzt als Kandidatinnen für das BundespräsidentInnenamt gefeiert werden, wirklich über Frauenalltag in Deutschland – und sind sie, nur weil sie auch Frauen sind, dazu geeignet, ihn zu verbessern?

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“Affektive Arbeit” – der neue Pelzmantel für Prostitution

Prostitution is Human Trafficking

Markus Walker via Flickr [CC BY-NC-SA 2.0]

Ab und an habe ich das Bedürfnis, mir anzuschauen, was der deutsche Wissenschaftsbetrieb mehr oder weniger aktuell zum Thema “Prostitution” zu sagen hat.

Mein Meinungsbild hat sich auf Erfahrungen von Überlebenden sowie Erkenntnissen essentieller Studien wie die von Melissa Farley et al. aufgebaut. Insofern gehe ich in diesem Bestreben, im aktuellen Wissenschaftsapparat zu lesen, nicht davon aus, dass mich irgendwelche “neuen” Erkenntnisse von meiner Ansicht, dass Prostitution nichts anderes als kommerzielle sexuelle Ausbeutung und damit sexuelle Gewalt ist, abbringen können. Aber es interessiert mich, wie und in welcher Weise zum Themenkomplex “Prostitution” Wissenschaft in die Geschichte hineingeschrieben wird. Zugegeben, es schwingt auch immer ein wenig Hoffnung mit, Hoffnung, die aus der Tatsache der vielfach gesilencten Stimmen, die die Hölle von innen gesehen haben, entspringt. Das innige Bedürfnis, auf Wissenschaftlerinnen oder Menschen allgemein zu stoßen, die sich allumfassend und ganzheitlich dem Thema gewidmet haben. Dazu gehört eben auch, die Gewalt anzuerkennen und zu benennen, die dem System Prostitution inhärent ist.

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