Schlagwort: Queerfeminismus

Queerfeminismus: Der Anfang vom Ende der Meinungsdiktatur

Wer sich außerhalb feministischer Kreise bewegt, wird wenig darüber wissen, wie zerstritten die Bewegung ist. Auf den ersten Blick mögen die Bruchlinien zwischen radikalem Feminismus, wie ihn die Störenfriedas vertreten, in Kanada zum Beispiel Feminist Current und in Australien Organisation wie Collective Shout, und dem Queerfeminismus unbedeutend erscheinen. Irgendwie wollen wir doch alle mehr Gerechtigkeit für Frauen, mag man naiverweise denken. Dem ist nicht so. Radikaler Feminismus hat seinen Ursprung in der sogenannten zweiten Welle des Feminismus ab den 1960er Jahren. Radikal weil er Unterdrückung von der Wurzel her denkt (= lat. radix) und die Wurzel unserer Unterdrückung ist unser Geschlecht. Radikaler Feminismus betrachtet Frauen in ihrer Gesamtheit als unterdrückte Klasse und analysiert alle gesellschaftlichen Zusammenhänge davon ausgehend. Ursache für die Unterdrückung sind patriarchale Strukturen, die Herrschaft einiger Männer über die Frauen, von der am Ende alle Männer profitieren.

Diese Strukturen zeigen sich darin, dass Frauen immer noch schlechter bezahlt werden, sie zeigen sich in Alltagssexismus und in der laschen Strafverfolgung von Vergewaltigern, in Vergewaltigungswitzen, im Abtreibungsverbot, in der Hexenjagd auf Mütter und der Glorifizierung der Väter durch Politik und Medien, im erlaubten Sexkauf und der geduldeten Ausbeutung von Frauen als Prostituierte, in der frauenfeindlichen Pornografie und in der wachsenden Akzeptanz von Leihmutterschaft. Das Menschsein wird nach wie vor vom Mann her gedacht, die Frau, die davon abweicht, ist geringer und wird auf ihre Verwertbarkeit für das Patriarchat reduziert. Feminismus, der das benennt, stört die gesellschaftliche Ordnung und wird gerade von Männern, die ihre patriarchalen Privilegien nicht verlieren möchten, auf das Schärfste bekämpft.

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Mein Weg zur Terre des Femmes–Mitgliedschaft: Eine Abrechnung mit dem akademischen Queerfeminismus

Ich befürchte, das hier wird ein Rundumschlag. Denn dieses Mal möchte ich mich endlich trauen, mich zu äußern.

Jedes Mal, wenn ich mit dem Gedanken spiele, mich (online) unter Klarnamen zu positionieren, ist eine gehörige Portion Angst mit von der Partie. Angst, die leider nicht irrational ist. Es gibt viel zu wenige Verbündete, die sich ebenfalls positionieren und einer den Rücken stärken – und leider kann ich das gut verstehen. Gerade in einschlägigen queerfeministischen Online-Foren ist der Gegenwind so heftig und verletzend, dass auch ich mich dort nur noch in Ausnahmefällen äußere – etwa als in einer Facebook-Gruppe kürzlich Frauen das Recht auf einen geschützten, geschlechtsspezifischen Toilettenraum abgesprochen wurde – und mir mein Feminismus dann gleich mit.

Nun gibt es einen neuen Konflikt, der die Wogen hochschlagen lässt: Die MV von Terre des Femmes im Mai und der daraus resultierende Brief einiger (Ex-) Mitfrauen, die Beschlüsse und grundlegende Positionierungen des Vereins scharf kritisieren. Ich habe die Diskussion so gut es geht verfolgt, und in mir ist immer mehr der Wunsch gewachsen, mich klar zu positionieren – für Terre des Femmes. Schon seit einiger Zeit überlege ich, Mitfrau zu werden; nun hat die jüngste Entwicklung dazu geführt, dass ich den Schritt gegangen bin.

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Vorwurf Trans*feindlichkeit. Der Ausschluss von Lesben an Hochschulen

Frau mit Tierschädel

CC0

Von Anonyma

Ich hatte kürzlich ein Vorstellungsgespräch für einen Job im Referat für Öffentlichkeitsarbeit im AStA meiner Hochschule. Bereits im Vorstellungsgespräch nahm ich meinen Mut zusammen und erklärte den beiden Mitgliedern des AStA Vorstandes, dass das Autonome Feministische Referat (FemRef) meine Einstellung nicht gutheißen wird. Ich stellte die Bedingung, dass sie hinter mir stehen müssten, sollten sie sich für mich entscheiden. Mir wurde daraufhin eine Entscheidung aufgrund von Qualifikationen zugesichert. Stattdessen wurde die Entscheidung jedoch anhand der Anschuldigung des FemRefs getroffen: Trans*Feindlichkeit.

Wie kam es dazu?

Im November wurde ich gewählte Referentin des Autonomen Feministischen Referats meiner Hochschule. Ich wusste, dass ich mit einigen Ansichten nicht konform war, dachte damals aber noch, dass sich da sicherlich Kompromisse finden ließen. Nur einen Monat später wurde ich gegangen. Ich hatte Aspekte eines Vortrags kritisiert, der von einer der Referent*innen im FemRef gehalten wurde. Ich hatte meine Kritik auf Twitter geäußert – anonym und ohne den Namen der Referent*in oder den Titel des Vortrags zu nennen. Offenbar stand mein Account schon unter Beobachtung, denn in der folgenden FemRef-Sitzung wurde ich mit ausgedruckten Screenshots konfrontiert. Die anderen Referent*innen hatten das Profil mittels fragwürdiger Methoden zu mir zurück verfolgt. Es waren acht Personen anwesend, die mir alle mal ins Gesicht sagen durften wie scheiße sie mich finden. Ich durfte mich nicht äußern.

Auf dem Twitter-Account vertrat ich überwiegend radikalfeministische Ansichten. Wenn ich also sage, dass ich Menschen mit Penissen und/oder männlicher Sozialisation also damit auch trans* Frauen kategorisch als Sexualpartner*innen ausschließe, dann bin ich nicht trans*feindlich sondern einfach lesbisch. Das kann hier sehr schön nachgelesen werden. Ich schränke damit niemandes Rechte ein, sondern verteidige meine eigenen. Transsexuelle Personen selbst, wie beispielsweise Miranda Yardley, vertreten ebenfalls diese Ansicht.

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Verque(e)re Logiken: Die Gesetze, an denen nicht gerüttelt werden darf

Woman Power Symbol, Feminist Fist

Public Domain C00

Inhaltshinweis: In diesem Artikel werden (sexuelle) Gewaltschilderungen thematisiert.

Nicht, dass wir nicht geahnt hätten, dass dieser Artikel kontroverse Reaktionen auslösen würde, die Heftigkeit dieser hat uns dennoch schockiert – und wir sind einiges gewöhnt.

Über simple Beschimpfungen und krude Thesen zuckten wir nur noch reglos mit den Achseln, denn sie waren nichts im Gegensatz zu den Mord-, Gewalt- und Vergewaltigungs(an)drohungen, die wir von Männern und Trans-Aktivisten erhielten und deren Gangart erstaunliche Parallelen zu den Methoden der Männerrechtsaktivisten aufwies, bei denen alles erlaubt zu sein scheint. Doch dazu später mehr.

Bevor der Artikel veröffentlicht wurde, war uns klar, dass es im Grunde unerheblich ist, wie ein Artikel aus diesem Themenkomplex aufgebaut ist, ob als Erfahrungsbericht, als Polemik, Satire oder als dezidiert feministische Analyse – wer gegen die Gebote des Queerfeminismus verstößt oder das Gender-Konstrukt kritisiert, sticht in ein Wespennest, das den Dialog qua der Unverfrorenheit, dies einfach zu tun, von vornherein ausschließt.

Sexuelle Gewalt als zentrales Thema des Radikalfeminismus

Warum es wichtig war, dass dieser Text erschien, ergibt sich aus der Tatsache, dass wir Feministinnen und Frauen sind und sexuelle Gewalt (ähnlich wie das System, in dem sie geschieht und ihre Folgen) ein zentrales Thema des radikalen Feminismus ist. Radikaler Feminismus (nein, nicht der liberale und auch nicht der Queerfeminismus) ebnete Frauen den Weg, ihre Geschichte/n zu erzählen und sexuelle Gewalt auf die Agenda einer Gesellschaft zu setzen, die verstehen muss, dass Frauenrechte Menschenrechte sind – allen voran aber auf die Agenda des Feminismus.

Wie fragil es um diese zentralen Themen und das Private, das das Politische ist, bestellt ist, wurde uns in den letzten Tagen plausibel vor Augen geführt.

Der Artikel wollte von den “KritikerInnen” offensichtlich nicht gelesen werden oder wollte bewusst falsch verstanden werden. Anders können wir uns die teils doch recht konfusen (um es mal diplomatisch auszudrücken) Reaktionen nicht erklären.

Wir haben kein Bedürfnis, uns zu rechtfertigen und sehen auch keine Notwendigkeit, dies zu tun. Davon einmal abgesehen, dass uns weitere detaillierte Erklärungen hinsichtlich der – zumeist – gescheiterten Versuche, tatsächlich in einen argumentativen Austausch zu kommen, relativ sinnlos erscheinen. Aber Tatsachen sind ja dennoch ganz hilfreich:

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Warum das Gender-Konstrukt toxisch ist – ein Beitrag zur Trans*-Debatte

Wordle

Wordle erstellt mit WordItOut

Vorbemerkung

In den vergangenen Tagen gab es auf der Facebook-Seite des von uns eigentlich hochgeschätzten Blogs Indyvegan eine heftige Diskussion, die sich um das Konglomerat „Transphobie“, „Cis-Sexismus“, Gender, biologisches Geschlecht und die Legitimation vermeintlich „neutraler“ Fremdbezeichnungen wie T(W)ERF (TERF = Trans Excluding Radical Feminist, TWERF = Trans Woman Erasing Radical Feminists) – analog zu SWERF (Sex Worker Excluding Radical Feminists) – drehte.

Zunächst einmal ist es sehr begrüßenswert, dass Indyvegan hier zunächst keine vorschnellen Schlüsse gezogen hat, sondern sich interessiert gezeigt hat an der Ebnung einer Debattenkultur, die eine – weitgehend – sachliche Auseinandersetzung ermöglichen soll. Das ist im hiesigen Feminismus, der vom Queerfeminismus und dem liberalen – oder auch postmodernen – Feminismus dominiert wird, äußerst selten.

Im Laufe der Debatte änderte sich diese Haltung jedoch zusehends. Während die Menschen von Indyvegan zunächst noch „mangelnde Fachkompetenz“ ihrerseits proklamierten (dessen öffentliches Eingeständnis von Größe zeugt und damit unseren Respekt verdient) und um niedrigschwellige ErklärbärInnentexte von beiden Seiten baten, bezog die Seite dann jedoch schnell Position für die „Betroffenenseite“. Sich erklären durften nur noch Trans*personen und den an der Diskussion beteiligten RadikalfeministInnen wurde die Betroffenenposition im Patriarchat abgesprochen. Später wurde ihnen mit dem – auch auf Nachfragen nicht näher erläuterten – Vorwurf von „Transfeindlichkeit“, unter Androhung von der Seite gebannt zu werden, das Wort verboten. Lediglich das Recht „Verständnisfragen“ an die Betroffenen zu stellen, wurde eingeräumt.

Ironischerweise wurde dieses Vorgehen als „emanzipativ“ bezeichnet, denn den irregeleiteten „TERFS“ solle ja die Möglichkeit gegeben werden sich fortzubilden und ihre Meinung zu ändern. Realsatirisch wurde es, als eine Kommentatorin einen Beitrag postete, mit dem sie durch Zitate von Trans*personen mit eindeutigen Hassbotschaften und Morddrohungen gegen „TERFS“ belegen wollte, dass „TERF“ eben keine „neutrale Bezeichnung“ sei, sondern in der Tat eine Beleidigung, die eigentlich nicht mit den Diskussionsregeln von Indyvegan im Einklang steht. Begründung: Die Webseite („Terf is a Slur“), der diese Zitate entnommen wurden, habe „transfeindliche Inhalte“ beinhaltet. Spannend: Sind diese zitierten Trans*personen selbst „transfeindlich“ oder wie soll das verstanden werden? Offenbar konnte Indyvegan das selbst nicht so genau erklären: Auch hier wurden entsprechende Nachfragen nicht beantwortet.

Dieser Beitrag ist ein Versuch, einen Beitrag zu dieser Debatte zu leisten und Standpunkte zu den Kernthemen, an denen die „Diskussion“ chronisch eskaliert, beizusteuern. Er ist auch ein Versuch, die Differenz zwischen Radikal- und Queerfeminismus, die im hiesigen Feminismus kaum Raum bekommt oder bekommen soll, zu beleuchten. Es ist eine Einladung an Indyvegan und alle anderen Interessierten zur Diskussion und Aufarbeitung der Geschehnisse der letzten Woche.
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Prostitution und Abolition – (M)eine Historie und ein Standpunkt

Johannessen - Zur Prostitution gezwungen

Aksel Waldemar Johannessen [Public domain], via Wikimedia Commons

Vor einigen Jahren begann relativ unvorhergesehen meine “feministische Sozialisation”. Ich las “Mädchenmannschaft”, zahlreiche Blogs von feministischen Einzelpersonen, abonnierte die Zeitschriften “Missy Magazin”, “an.schläge” und “Wir Frauen”, kaufte den Unrast- und den Orlanda-Verlag leer und eignete mir sukzessive Wissen an.

In meiner Familie spielten Frauenthemen und Feminismus keine oder eine untergeordnete Rolle. Ganz im Gegenteil wurde ich sehr geschlechtsspezifisch sozialisiert, meine Familie hielt trotz aller Bemühungen an alten und tradierten Rollenbildern fest und war insgesamt sehr konservativ. Wir Mädchen mussten putzen, die Jungs mussten das nicht. Uns Mädchen wurde bestenfalls ein Job in der Care-Arbeit1 zugetraut, die Jungs wurden schon früh auf Wissenschaftswettbewerben für Jugendliche und auf dem Gymnasium gesehen. Mein Großvater war strikter Gegner der gesetzlichen Änderung, dass Vergewaltigung in der Ehe strafbar wurde und propagierte dies entsprechend, meine Mutter übernahm diese Haltung und negierte, dass Vergewaltigungen in der Ehe überhaupt stattfinden. Zugang zu einer akademischen Laufbahn für mich: diese Möglichkeit fand niemals Erwähnung.

Es ist wichtig für mich, diesen Hintergrund zu erwähnen, weil er deutlich macht, dass das feministische Netz und diese “jungen” Medien mein Nährboden waren und ich als sozusagen Spät-Feministin keineswegs selbstverständlich (durch Familie/soziales Umfeld und/oder anderweitiges Empowerment) in diesen Themenkomplex reinwuchs und ganz im Gegenteil viel Auseinandersetzung und Aneignung von Wissen über feministische Bewegungen und Kämpfe nachholen musste.

Zur “EMMA” hatte ich kein Verhältnis (erst vor einigen Wochen habe ich mir mein erstes Exemplar als eMagazin gekauft). Das liegt einerseits daran, dass die “EMMA” und Alice Schwarzer in der feministischen Netz-Community weitgehend als “Geht-Garnicht-Feminismus” gehandelt werden (und ich das unkritisch übernommen habe), andererseits aber auch daran, dass ich mit einem Teil ihrer Herangehensweisen an bestimmte Themenschwerpunkte nicht d’accord gehe. Es spielt in diesem Artikel keine Rolle, worum es dabei geht.

Der EMMA-Appell

Im Herbst 2013 in Deutschland veröffentlichte die feministische Zeitschrift “EMMA” ihren Appell gegen Prostitution. Die Thematik zog zunächst weitgehend an mir vorbei, obwohl mich von da an ein permanenentes und untergründig florierendes Unwohlsein begleitete (retrospektiv betrachtet war dies der Vermutung geschuldet, in dieser Debatte irgendetwas Essentielles übersehen zu haben). Weiterlesen