Schlagwort: Radikalfeminismus

Unsere Störenfrieda des Monats: Kate Millett

Buchcover: Sexual Politics

„Die Welt befand sich im Tiefschlaf, und Kate Millett hat sie aufgeweckt.“

Das sagte Andrea Dworkin vor einiger Zeit über die gestern nur wenige Tage vor ihrem 83. Geburtstag verstorbene Kate Millett.

Eine Freundin schreibt:

„Als ich damals Kate Millett`s „Sexual Politics“ gelesen habe, hatte ich einen dieser Momente, in denen mir schwante, dass vielleicht nicht ich es bin, die durchgeknallt ist, sondern alles andere.“

Katherine Murray Millett wurde am 14. September 1934 in St. Paul, Minnesota, geboren. Ihr Vater, ein Alkoholiker, verließ die Familie als Kate 14 war, woraufhin die Mutter mit ihren drei Töchtern in Armut zurückblieb. Eine Tante finanzierte die Ausbildung, die in einer Professur für Englische und Vergleichende Literatur resultierte. Kate Millett gilt als eine der Vordenkerinnen des Radikalfeminismus. Ihre Dissertation trug den Titel „Die Tyrannei des Mannes in unserer Gesellschaft“.

Kate Millett hat in ihrem 1969 erschienen Buch „Sexual Politics“ –  das von Dworkin „das Alpha und Omega der Frauenbewegung“ genannt wird – eindrucksvoll erläutert, warum Geschlecht (sex) mit politischen Implikationen verbunden ist. Sie beschrieb die männliche Dominanz, die sich überall, auch im Geschlechtsverkehr, bemerkbar macht – und brach damit gesellschaftliche Tabus. Das Buch wurde ein Bestseller und 1971 auch ins Deutsche übersetzt („Sexus und Herrschaft“).  Ihre Analysen bezogen – und das war neu – anthropologische, soziologische, ökonomische und geschichtliche Methoden mit ein, und auch vor den Werken der Sexualliberalen, den Autoritäten der liberalen Linken, machte sie nicht halt und nahm sie gnadenlos auseinander.

Ihre Ausführungen zu „Konsens“ und die Rolle von weiblicher Sozialisation und innerer Kolonisation, sind in den heutigen Debatten zu „Freiwilligkeit“ und „Selbstbestimmung“ in Bezug auf die Prostitution aktueller denn je.

Kate Millett gründete 1978 das „Millett Center for Arts“ auf ihrer Farm in Poughkeepsie. Ihre Illustrationen, Zeichnungen und Fotografien wurden weltweit ausgestellt.  Nach der gescheiterten Ehe mit dem japanischen Künstlerkollegen Fumio Yoshimura erfolgte ihr lesbisches Coming Out. Zum Zeitpunkt ihres Todes war sie bereits viele Jahre mit Sopie Keir liiert, die sie erst kürzlich geheiratet hat.

Millett war Aktivistin bei Redstockings und den New York Radical Feminists. Nach der Buchveröffentlichung von “Sexual Politics” sprachen sie alle von Millett: Sie tingelte durch die Talkshows, sprach auf Podien und Demonstrationen und machte, wie sie sagte, „ein kleines Vermögen“. Die ganze Aufmerksamkeit machte ihr psychisch jedoch schwer zu schaffen: Sie sah sich selbst nicht als Sprecherin der Frauenbewegung und nicht als Politikerin. Sie fühlte sich überwältigt. Eine manisch-depressive Erkrankung wurde diagnostiziert, stellte sich jedoch viele Jahre später als falsch heraus. In „The Loony Bin Trip“ (1990) schilderte Millett ihre Psychiatrie-Erfahrungen, und engagierte sich in Folge in der Anti-Psychiatrie-Bewegung.

2001 nannte die Zeitung Guardian Millett „troublemaker“ – zweifellos war Kate Millett eine echte Störenfrieda. Ihr politischer Einfluss war bahnbrechend für die radikalfeministische Bewegung. Kate selbst sagte:

„Ich liebe es Ärger zu machen. Es ist ein wundervoller Job. Er wird zwar nicht bezahlt, aber er garantiert dir viele Abenteuer“

Danke für alles, Kate – neben dem verdienten Platz in den Geschichtsbüchern hast du einen Platz in unseren Herzen!

Susi Kaplow: Wütend werden

Bild einer Katze

CCO Public Domain, Pixabay

Der nachfolgende Beitrag erschien in englischer Sprache unter dem Titel “Getting Angry” in der Anthologie “Radical Feminism”, herausgegben von Anne Koedt, Ellen Levine und Anita Rapone im Jahr 1973. Es handelt sich hierbei um eine gekürzte, übersetzte Fassung.

Ein wütender Mann: Jemand hat seine Rechte verletzt, gegen seine Interessen gehandelt, oder jemandem, den er liebt, Schaden zugefügt. Vielleicht hat seine Wut auch soziale Ursachen – und richtet sich gegen Rassismus oder Militarismus. … Wir sehen ihn Schreien, seine wütenden Phrasen mit Selbstsicherheit und Zuversicht raushauen – oder seine Faust in den Bauch eines Opponenten rammen, mit der gleichen Überzeugung. Wie auch immer wird die Wut überwunden; unser Held hat sie raus gelassen. …

Einer Frau ist es in dieser Gesellschaft nicht erlaubt ihre gesunde Wut geradeheraus auszudrücken. … Eine Frau hat es gelernt ihren Ärger zurückzuhalten: Er geziemt sich nicht, ist ästhetisch anstößig, und wütend zu sein verstößt gegen das süße und weiche weibliche Bild. Die Frau fürchtet ihre eigene Wut auch … Was, wenn sie falsch liegt? Was, wenn die andere Person Recht hat? – Oder noch schlimmer(und das ist die größte Angst), was wenn sie erwidert „Du bist verrückt, ich weiß gar nicht worüber du dich aufregst.“

Warum können Frauen sich selbst nicht zugestehen ihre gesammelte Wut zu zeigen? … Gesunde Wut sagt: „Ich bin ein Mensch. Ich habe menschliche Rechte, die du mir nicht verwehren kannst. Ich habe ein Recht darauf fair und mit Mitgefühl behandelt zu werden. … Ich habe ein Recht darauf selbst voranzukommen, wenn ich niemand anderem damit schade. Und wenn du mir diese Rechte nicht zugestehst, dann werde ich es dir nicht danken, sondern ich werde „Fick dich“ sagen und dich bekämpfen, wenn es sein muss.“ Die Wut eines Menschen stellt ihn in den Mittelpunkt. Sie fordert Aufmerksamkeit ein und das Recht ernst genommen zu werden, sonst … (Sonst rede ich nicht mehr mit dir, arbeite ich nicht mehr mit dir zusammen oder bin nicht mehr freundlich zu dir, sonst ist unsere Verbindung ein für alle Mal gebrochen.)

Wut auszudrücken bedeutet Risiko. Risiko, dass die andere Person selbst wütend wird, dass die andere Person es missverstehen wird oder es ablehnt sich damit auseinanderzusetzen, oder dass die Wut deplatziert ist oder auf falschen Informationen beruht. Deshalb bedarf es Stärke zu sagen, dass man wütend ist – den Mut zu deiner Überzeugung zu stehen und die Fähigkeit zu akzeptieren, dass dein Ärger unerwünscht sein könnte.

Wut ist selbstbewusst und drückt die Absicht aus zu kämpfen, auch wenn dadurch der Status Quo gefährdet wird. Man muss fähig sein ein Risiko einzugehen, und wenn notwendig, eine Niederlage zu akzeptieren, ohne komplett zu kapitulieren. Wut ist darüber hinaus bestimmt. Die traditionelle Frau entspricht genau dem Gegenteil dieser Beschreibung. Sie hat kein Selbstvertrauen in sich und ihren Wahrnehmungen, sie geht Streit aus dem Weg oder folgt den Regeln der Ritterlichkeit und lässt jemand anderen für sie kämpfen. Ihr Selbstbild ist so wackelig, dass jegliche Kritik als Anklage an ihrer Person betrachtet wird. Sie ist eine lebendige und wandelnde Entschuldigung für ihre eigene Existenz.

Auch wenn die Realität sich inzwischen ein wenig geändert hat, werden sich die meisten Frauen irgendwo in dieser Beschreibung wiederfinden. Die Gesellschaft hält an diesem Modell als ihrem Ideal fest und nennt eine wütende Frau unweiblich. Wut nimmt die Frau aus ihrer Erde-Mutter-Rolle, einer Bastion des Friedens und der Ruhe, aus ihrer familiären Rolle als Friedensstifterin, aus ihrer politischen Rolle als Bewahrerin des Status Quo, aus ihrer ökonomischen Rolle als billige Arbeitskraft, aus ihrer sozialen Rolle als Mensch zweiter Klasse. Es nimmt sie komplett aus ihren Rollen und macht sie zu einer Person.

Es ist deshalb kein Zufall, dass die Emotion, die für die meisten Frauen mit dem ersten Schritt der Befreiung einhergeht, Wut ist. Wie viel Selbstwert auch immer du in 20-30 Jahren, in denen dein Verstand durcheinandergebracht wurde, entwickeln konntest, gibt dieser dir ein vages Gefühl dafür, dass deine Situation nicht so ist wie sie sein sollte und sorgt dafür, dass wir uns zaghaft nach möglichen Erklärungen umsehen. Erkenntnisse sind zunächst zögerlich, aber dann fangen sie an, dich unerbittlich wie ein Vorschlaghammer zu treffen, und treiben deine Wut mit jedem Hieb tiefer in dein Bewusstsein.

Deine Rage konzentriert sich auf die Gruppe jener Individuen, die dir den meisten Schaden zugefügt haben. Du bist wütend auf deine Eltern, die lieber einen Jungen gehabt hätten; auf deine Mutter (kombiniert mit Migefühl), weil sie sich selbst hat unterdrücken lassen und es versäumt hat dir ein anderes Vorbild für weibliches Verhalten vorzuleben; auf deinen Vater, der ein günstiges Ego-Polster erhalten hat, auf Kosten von dir und deiner Mutter.

Du bist wütend auf die, die dich auf deine schäbige Rolle vorbereitet haben. Auf die Lehrer, die weniger von dir erwartet haben, weil du ein Mädchen warst. Auf die Ärzte, die dir gesagt haben, dass Empfängnisverhütung Frauensache ist und dir eine Wahl zwischen gefährlichen und ineffektiven Instrumenten gelassen haben, dir dann eine Abtreibung versagt haben, als sie versagten. Auf den Psychologen, der dich frigide genannt hat, weil du keine vaginalen Orgasmen hast und der dich neurotisch genannt hat, weil du mehr willst als die unbezahlte und ungewünschte Rolle eines Dienstmädchens, Krankenpflegerin oder ähnliches…  Auf Arbeitgeber, die dir weniger bezahlt haben und dich in miserablen Jobs gehalten haben. Auf die Botschaft der Medien, die du vorher nie verstanden hast: „Baby, du hast es weit gebracht“ – in eine Sackgasse, eine Straße, die wie für dich vorgezeichnet haben.

Wütend, vor allem, auf Männer. Für den Verkäufer, der dich immer „Schatz“ genannt hat, hast du jetzt ein barsches, knappes: „Nenn mich nicht Schatz“. Für die Männer auf der Straße, die ihre täglichen Erniedrigungen an deinem Körper begehen, hast du ein „Fick dich“, oder, wenn du mutig bist, ein Knie zwischen die Beine. Deine männlichen Freunde (die immer weniger werden), die „total für die Frauenbefreiung“ sind, belegst du mit einem zynischen Blick … .Und für deinen Mann (sollte der noch da sein), hast du eine Menge feindseliger und wütender Fragen. Unterscheidet er sich von anderen Männern? Wenn ja, wie? …

Dies ist eine sehr unbequeme Zeit, die es zu überstehen gilt. Du bist grob mit deiner Wut, die ein Eigenleben zu haben scheint. Deine FreundInnen, von denen die meisten nicht mit dir übereinstimmen, finden dich schrill und schwierig. Und aus Angst sie könnten Recht haben, dass du einfach verrückt bist, verstärkt sich das noch. Du ermüdest dich selbst mit dieser Wut – es ist verdammt anstrengend immer wütend zu sein – die dich nicht mal in Ruhe einen Film gucken oder ein Gespräch führen lässt.

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Catharine MacKinnon: Liberalismus und der Tod des Feminismus

No machine-readable author provided. Crunk~commonswiki assumed (based on copyright claims). [Public domain], via Wikimedia Commons"

Auszüge aus einer Rede, gehalten am 8. April 1987 an der New York University Law School, veröffentlicht im Sammelband “The Sexual Liberals and The Attack on Feminism”, herausgegeben von Dorchen Leidholdt und Janice G. Raymond im Jahr 1990. Vollständiger Text “Liberalism and the Death of Feminism, Catharine A. MacKinnon” (auf englisch) auf radfem.org.

Es gab eine Frauenbewegung, die sozialbasierte Taten, wie Vergewaltigung als männliche Gewalt gegen Frauen kritisierte, und als eine Form von sexuellem Terrorismus.  Sie kritisierte Krieg als männliche Ejakulation. … Wenn diese Bewegung Vergewaltigung kritisierte, dann meinte sie Vergewaltiger und die Ansicht, die Vergewaltigung als Sex betrachtete. Wenn sie Prostitution kritisierte, dann meinte sie die Zuhälter und Freier und die Ansicht, dass Frauen geboren seien um Sex zu verkaufen. Wenn sie Inzest kritisierte, dann meinte sie die, die uns das antaten, und die Ansicht, die unsere  Verletzlichkeit und unser erzwungenes Schweigen sexy fand. Wenn sie Körperverletzung kritisierte, dann meinte sie die Schläger, und die Ansicht, dass Gewalt die Intensität der Liebe ausdrücke. Niemand dachte, dass diese Praktiken zu kritisieren, in irgendeiner Weise jemals ihre Opfer meinte.

Die Bewegung kritisierte auch heilige Konzepte vom Standpunkt der materiellen Existenz der Frauen aus, also unserer Realität, Konzepte wie das der „Choice“ zum Beispiel. Es war eine Bewegung, die wusste, dass wenn die materiellen Bedingungen 99% unserer Optionen vorherbestimmten, es nicht sinnvoll ist für das übrige Prozent von “Wahl” zu sprechen. Diese Bewegung übernahm Konzepte wie „Choice“ nicht. Denn sie wusste, dass wenn Zwang ein normalisierter Teil von Sex ist, wenn ein Nein als ein Ja betrachtet wird, wenn Angst und Verzweiflung Duldung produzieren und Duldung dann Konsens meint, dass Konsens kein bedeutungsvolles Konzept ist. …

Sie kritisierte auch das Konzept der Freiheit, insbesondere der sexuellen Freiheit, und entpackte und demaskierte dieses als ein Cover für die Freiheit zu misshandeln. Wenn Menschen mit Macht ihre Unterdrückung  von Frauen als Freiheit verteidigten, dann wusste die Bewegung um den Thrill der Macht, den sie damit verteidigen. Diese Bewegung war kritisch gegenüber der Freiheit zu unterdrücken, und keine Bewegung, die Frauen erzählte wir seien frei, wenn wir mehr von dieser Unterdrückung bekämen. …

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Eine radikalfeministische Perspektive auf BDSM

By David Shankbone (Own work) [GFDL or CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Begriffsklärungen

B = Bondage
D = Domination, Dominance, Discipline
S = Sadism, Submission, Slave
M = Masochism, Master

Sadismus: Ein Mensch erlebt (oftmals sexuelle) Lust oder Befriedigung dadurch, andere Menschen zu demütigen, zu unterdrücken oder ihnen Schmerzen zuzufügen.

Masochismus: Ein Mensch erlebt (oftmals sexuelle) Lust oder Befriedigung dadurch, dass ihm Schmerzen zugefügt werden oder er gedemütigt wird.

Sexualität ist nicht einfach eine Privatangelegenheit

“Ich glaube nicht, dass Sexualität nichts mit dem übrigen Leben zu tun hat. Als marginalisierte Frau weiß ich, dass Dominanz und Unterordnung keine Schlafzimmer-Themen sind” – Audre Lorde

Das Mantra der „sex-positiven“ Sexualliberalen lautet, das alles was im privaten Schlafzimmer passiert Privatsache ist, egal ob der Konsum von Pornographie, der Kauf von „sexuellen Dienstleistungen“ oder das Praktizieren von BDSM. Sexualität wird in die Privatsphäre des Individuums verschoben und damit als indiskutabel gekennzeichnet. Behauptet wird, es sei progressiv wenn Individuen gesunde Sexualität selbst und individuell definieren.

Nun geht es bei einer strukturellen Analyse jedoch NICHT darum, wie häufig als Vorwurf erhoben, durch geschriebene oder ungeschriebene Gesetze das Sexualleben von Individuen zu regulieren.  Es geht zum Beispiel NICHT darum, Frauen vorzuwerfen, dass sie an BDSM partizipieren, sondern zu verstehen welche Rahmenbedingungen dazu führen, dass sie es tun. Es geht schlichtweg um eine Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse und biographischen Faktoren, die Sexualität konstruieren. Es geht um das Aufzeigen der gesellschaftlichen und individuellen Konsequenzen sowie um das Aufzeigen von Lösungsmöglichkeiten und der (begrenzten) Möglichkeiten sich Schritt für Schritt eine eigene Sexualität zu erarbeiten.

In meiner Nachbarschaft erlebe ich regelmäßig folgendes: Ein Mann, der unter der Woche als Anwalt seinem Job bei einer bekannten Versicherungsfirma nachgeht, läuft mit Glatze, SS-Uniform und Springerstiefeln mit weißen Schnürsenkeln durch die Gegend. Er möchte durch diese Provokation erreichen, dass ihm Menschen „aufs Maul“ hauen. Er bietet sogar regelmäßig Menschen Geld dafür an, dass sie ihn verprügeln. Wer auch immer auf diesen Deal eingeht muss jedoch – zu Recht – mit einer Anzeige wegen Körperverletzung rechnen, denn objektiv betrachtet ist es eben genau das.

Die Prostitutionsüberlebende Rebecca Mott berichtet auf ihrem Blog wie sie durch den sexuellen Missbrauch durch ihren Vater in der Kindheit darauf vorbereitet wurde in der Prostitution den schlimmstdenkbaren Praktiken zuzustimmen. Zum Beispiel wurde sie von Freiern regelmäßig einer Waterboarding-Behandlung unterzogen. Waterboarding gilt  als „weiße Folter“ und ist selbst in Bezug auf Einsatz im Krieg stark verpönt – so löste eine Aussage des neu gewählten US-Präsidenten Donald Trump es wieder einzuführen weltweit große Empörung aus.

Würde der Mann aus meinem Beispiel seinem Verlangen geschlagen zu werden in einem Bordell nachkommen, würde – Hokuspokus – aus der Körperverletzung eine konsensuale sexuelle Handlung. Genauso wie man mit prostituierten Frauen (oder anderen) durch die Verbannung des Sexuellen in den privaten Bereich unter dem Deckmantel des “Konsens” alles machen kann – ohne gleichermaßen auf gesellschaftliche Empörung zu stoßen.

Die verstorbene Domina Ellen Templin wies in einem Interview darauf hin wie durch das Prostitutionsgesetz von 2001 die Nachfrage nach “Sklavias” sprunghaft anstieg.

“…erstmal sollte man gar nicht glauben, dass es möglich ist Körperöffnungen zu kaufen, für finanzielles Geld zu erwerben, die Frauen fertig zu machen, vor allem in der SM-Prostitution, die passiven Frauen werden zum Teil gefoltert. Das kann man im Internet alles finden. Man braucht nur gucken unter SM Sklavia, dieses Kunstwort Sklavia, dann findet man alles was dort gemacht wird. Das sollen die Leute, die gerade zuhören und die das interessiert, dann bitte selber recherchieren, weil dann geht’s mir gleich noch beschissener, wenn ich das auch noch sagen müsste jetzt. […] Die werden geschlagen, die müssen Anüsse auslecken, ich sag das jetzt ein bisschen witzig, die müssen Arschlöcher auslecken von irgendwelchen Familienvätern, die müssen sich anscheißen und anpissen lassen, sie werden aufgehangen, die Brüste werden abgebunden. Es ist ein Wahnsinn.”

Nur weil etwas zur „konsensualen Sexualität“ erklärt wird, wird aus Gewalt nicht plötzlich Nicht-Gewalt. Gewalt ist objektiv definierbar, auch wenn manche das offenbar gerne zur subjektiv dehnbaren Angelegenheit erklären würden – und ein persönliches und/oder kollektives Interesse daran haben.

Zur Erinnerung: (Radikal)Feministinnen haben nicht umsonst den Slogan „Das Private ist politisch“ geprägt. Häusliche Gewalt wurde viel zu lange als „Privatangelegenheit“ betrachtet, so wurde Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland erst 1997 zum Straftatbestand erhoben.

Die Wahrheit ist: Das private Verhalten von frauenverachtenden Männern ist keine „private Fantasie“, sondern eine gesellschaftliche Realität, die uns alle zu interessieren hat. Millionen von durch häusliche und sexuelle Gewalt traumatisierte Frauen zeigen ein Muster auf – ihre Schicksale und Überlebensstrategien mögen im Detail unterschiedlich sein, das gesellschaftliche, patriarchale Muster jedoch kann nicht individualisiert werden. Das sind keine „privaten Fantasien“ – denn sie manifestieren sich in realer Gewalt gegen Frauen, und dies völlig unabhängig davon wie „freiwillig“ und „konsensual“ Frauen an dieser partizipieren.

Nur weil etwas mit Sex zu tun hat, bedeutet das also nicht, dass es frei von Kritik bleiben muss. Das „Shaming“-Argument wird verwendet mit der Absicht KritikerInnen mundtot zu machen und es wird behauptet dies könnte schädlich sein. In Wahrheit dient es aber dazu tatsächliche Verletzungen und Gewalt an Frauen unsichtbar zu machen.

Sozialisation  in der pornofizierten Gesellschaft (Porn Culture)

“Der kulturelle Frauenhass f*ckt unser ALLER Gehirne, so dass wir als Frauen gar keine Vorstellung davon haben, wie unsere Begierden in einer Gesellschaft aussähen, in der Frau und Mann gleich sind” – Women on a Journey

Egal ob wir KonsumentInnen sind oder nicht: Pornographische Bilder haben sich in unserer sexualisierten Kultur in unser aller Psyche eingebrannt. Wir kommen an diesen nicht vorbei. Diese Bilder und der gesellschaftliche Diskurs über Sexualität lehren uns von klein auf was sexuell antörnend und was als „normal“ und akzeptabel gilt. (Nicht nur) in diesem Sinne ist Sexualität immer kulturell konstruiert.

Weibliche Sexualität gründet auf männlichen Fantasien über Frauen. Alles was wir als Frauen tun und fühlen ist geprägt durch patriarchale Macht- und Kräfteverhältnisse, die wir alle, manche mehr und manche weniger, internalisiert haben und nicht auf den ersten Blick erkennen. Bourdieu nennt dies den „weiblichen Habitus“, der ein Produkt der „männlichen Herrschaft“ ist: Wir werden unbewusst zu dem als das andere uns behandeln.

Frauen wird u.a. durch die Pornographie und die gesellschaftlichen Reaktionen auf Gewalt gegen sie tagtäglich deutlich gemacht, dass sie es verdienen verletzt, benutzt und Gewalt ausgesetzt zu werden.  Dies alles findet statt in einer von Geschlechterungleichheit geprägten Gesellschaft. Diese Ungleichheit wird fetischisiert.

Häufig wird argumentiert, dass jegliche unserer sexuellen Neigungen angeboren sind und ein unveränderbarer Teil unserer Persönlichkeit, sprich in diesem Kontext, dass sado-/masochistische Neigungen schlicht eine gegebene psychologische Determinante unserer Persönlichkeit sind.

Dem ist aber nicht so: Sexualität wird gesellschaftlich konstruiert und unsere eigene Sexualität maßgeblich in den gegebenen gesellschaftlichen und individuellen Machtverhältnissen von anderen konstruiert – nach den Interessen derjenigen die in der Machthierarchie oben stehen.

Es ist nachweisbar wie die verschiedenen Wellen in der Pornographie (Oralsex, Analsex, BDSM, …) sich in der Prostitutions-Nachfrage niedergschlagen haben. Und natürlich gilt das gleichermaßen für den Bereich der privaten, nicht-kommerziellen Sexualität.

Dee Graham (Loving to Survive) bezeichnet die so in Gang gesetzten Mechanismen als „gesellschaftliches Stockholm Syndrom“: Da Frauen als Gruppe keine Chance haben Männern zu entkommen, finden wir Wege um mit diesem gewalttätigen und destruktiven Verhalten klar zu kommen. Wir erotisieren es und internalisieren ein Verlangen danach. Dies wird auch als “double bind” bezeichnet „Du willst mir weh tun? F*ck dich; du wirst mir niemals so weh tun können wie ich mich selbst verletzten möchte“. Männlich-dominierten Sex zu „wählen“ gibt Frauen so ein Gefühl von (limitierter) Macht.

Darüber hinaus ist es sehr häufig kennzeichnend für sexuelle Gewaltverhältnisse, dass Gewalt nicht als solche erkannt wird: Beim Stockholm Syndrom oder dem Trauma Bonding handelt es sich um weit verbreitete, unbewusste, Überlebensstrategien. Betroffene entwickeln eine positive Lesart der Misshandlungen. Wenn wir zum Beispiel davon ausgehen, dass der Kreislauf der Gewalt in häuslichen Gewaltbeziehungen dadurch aufrecht erhalten wird, dass der Täter das Opfer zwischen den Gewaltausbrüchen mit Zuneigung und Trost „belohnt“, dann entspricht dies von der Systematik her genau der „Aftercare“ Praktik im BDSM.

Das einzige was also die herkömmliche Gewaltbeziehung von der BDSM-Geschichte unterscheidet ist die Zustimmung der misshandelten Person zu dem Geschehen. Wie praktisch.

Das Problem von Individualisierung und Identitätspolitik

“Die Tatsache, dass Millionen von Menschen einer Irreführung unterliegen, macht sie nicht gescheit” – Erich Fromm

Menschen mögen Dinge. Menschen verteidigen Dinge, die sie gut finden und tun. Menschen wollen nicht, dass ihnen jemand in ihr Privatleben reinquatscht. Das ist nur allzu natürlich und verständlich. Aber nur weil man etwas mag heißt dies nicht, dass es kein Recht auf Kritik gibt. Nur weil man etwas gut findet, heißt das nicht, dass etwas tatsächlich gut ist.

Die kanadische Radikalfeministin Meghan Murphy verwendet das Beispiel der Schönheitsindustrie: Sie mag es sich zu schminken und fühlt sich dennoch nicht persönlich angegriffen wenn Menschen die Schönheitsindustrie kritisieren oder die Art und Weise wie wir dazu sozialisiert werden Make-Up und Lippenstift gut zu finden. Das ist der Unterschied zwischen Mikro- und Makroebene: Unterdrückende kulturelle Praktiken zu benennen und zu kritisieren bedeutet nicht zu sagen, dass alle die daran partizipieren schreckliche Menschen sind.

Zum anderen macht die Behauptung man dürfe sexuelle Präferenzen und Neigungen nicht beurteilen keinen Sinn. Denn kaum jemand käme – jenseits entsprechender Lobbys – ernsthaft auf die Idee sexuelle Präferenzen für “Sex mit Kindern” oder – deutlich als solche erkannte – Vergewaltigung und Mord für akzeptabel zu erklären.

Hieraus ergibt sich auch, dass es selbstredend weder die ausschließliche Angelegenheit eines Individuums oder einer Community ist und alle nicht Partizipierenden einfach aus der Debatte ausgeschlossen werden können.  Gesellschaftliche Phänomene sind eine gesellschaftliche Angelegenheit und betreffen alle, das lässt sich kaum leugnen.

Die Ausnahme bestätigt die Regel

„Das Streben nach Geschlechtergleichheit mit Männern ist das Streben danach reich zu sein statt arm, die Vergewaltigerin statt der Vergewaltigten, die Mörderin statt der Ermordeten“ – Andrea Dworkin

Ja, nicht alle „Submissives“ sind Frauen und Unterordnung oder Masochismus sind nicht essentialistische Bestandteile weiblicher Sexualität. Der mantrahaft vorgetragene Verweis auf die Tatsache jedoch, dass es auch Dom-Frauen gibt, ist letztendlich irrelevant. Gewalt zurückzugeben schafft noch keine gleichen Bedingungen:  Wir lösen das Rassismus-Problem nicht indem wir z.B. genauso viele Menschen der Herkunftsgesellschaft diskriminieren wie Menschen aus ethnischen Minderheiten. Gleiche Bedingungen können nur geschaffen werden, indem wir Unterdrückung beseitigen und tatsächliche gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen.

Feminismus hat nicht das Ziel Machtverhältnisse umzudrehen, sondern Machtunterschiede und Gewalt in sexuelle Beziehungen zu beseitigen. Einzelne Frauen die Männer misshandeln ändern nichts am Geschlechterverhältnis allgemein und sie führen auch nicht dazu, dass es weniger männliche Gewalt gegen Frauen gibt.

Auch ist spielerisch die Macht-Rollen zu wechseln („switch“) nicht das gleiche wie eine geschlechteregalitäre Beziehung: Wenn ein Mann eine Frau vergewaltigt und sie ihn zum Ausgleich ebenfalls vergewaltigen würde, dann macht das die Vergewaltigung an ihr nicht wieder gut. So etwas als Gleichheit zu verkaufen wäre absurd.

BDSM beruht auf Machtungleichheiten und dies wird nicht aufgehoben dadurch, dass Menschen sich in anderen Lebenssituationen anders verhalten.

Die liberale Lesart nach der Gleichheit dann hergestellt ist wenn jeglichem Verhalten die gleiche gesellschaftliche Akzeptanz zukommt hat nichts mit der radikalfeministischen Vorstellung von Gleichheit zu tun, bei der es darum geht Menschen (i.d.R. Männer) davon abzubringen Macht über andere Menschen (i.d.R. Frauen) auszuüben.

BDSM ist nicht „subversiv“

„Traditionelle Formen der männlich-überlegenen Sexualität basieren auf Dominanz und Unterwerfung und die Ausbeutung und Objektifizierung einer versklavten Klasse von Frauen werden jeweils als erregende und „transgressive“ Politik gefeiert“ – Sheila Jeffreys

BDSM-Praktizierende sehen sich häufig als unterdrückte Gruppe und verorten „vanilla privilege“ bei jenen, die BDSM nicht praktizieren. Behauptet wird häufig, dass BDSM  Sexualität verkörpere, die Grenzen der Norm überschreiten und gegen Tabus verstoßen würde. Allerdings: Welche Norm soll das sein, gegen die BDSM verstößt?

BDSM erotisiert ungleiche Machtverhältnisse, Dominanz, Schmerz und Misshandlung. Damit verkörpert es patriarchale Normen. Die Botschaft von Patriarchat und BDSM ist jeweils: Gewalt an Frauen ist sexy, Frauen zu unterjochen geht klar. BDSM ist nicht das Teilen von Gewalt, sondern deren Wiederholungsspiel. Die einzigen Normen die dabei in Frage gestellt werden sind die gegen Folter und Misshandlung. Es klingt nicht wirklich logisch, dass dies ein feministisches Anliegen sein sollte.

Außerdem ist BDSM inzwischen ein völlig akzeptierter Teil der Populärkultur, nicht erst seit „50 Shades of Grey“. Wenn große Tageszeitungen völlig unaufgeregt darüber berichten (“So wild geht es in deutschen Schlafzimmern zu”), dass BDSM-Utensilien einen immer größeren Anteil des Umsatzes von Sexshops ausmachen, BDSM-positive Sendungen zur Prime Time über unsere Bildschirme flimmern und Prominente unumwunden öffentlich zugeben BDSM zu praktizieren, kann nicht wirklich davon gesprochen werden, dass Menschen die darin partizipieren eine marginalisierte und diskriminierte Minderheit darstellen.

Safe, sane, consensual?

“Dieser Tage halten feministische Konferenzen zwei verschiedene Workshops in zwei verschiedenen Teilen des Gebäudes ab, der eine über weibliche “Lust”, der andere über das Überleben sexueller Gewalt – als könnte man diese Phänomene in zwei verschiedene Schubladen stecken” – Sheila Jeffreys

Genauso wie im Liberalfeminismus Wert auf die Trennung zwischen „Sexarbeit“ und Zwangsprostitution gelegt wird, wird gegenüber Betroffenen, die ihre eigenen BDSM Erfahrungen in die kritische Diskussion einbringen eingewandt, dabei handele es sich ja nicht um BDSM – genauso wie aus der BDSM-Community eingewandt wird bei „50 Shades of Grey“ handele es sich nicht um BDSM.

Das Beispiel von Maggie Mayhem zeigt sehr deutlich wie sexuelle Gewalt im BDSM von der Community immer wieder als „Fehlkommunikation“ bagatellisiert wurden:

„I got one response…which was people saying [things like] … I`m very sorry that you had a miscommunication during your scene that made it not very fun for you, but I don`t want to hear about it”.

“Mir wurde immer das gleiche erwidert … und zwar sagten die Leute [Sachen wie]… es tut mir sehr leid, dass du in deiner Szene eine Fehlkommunikation hattest, die dafür gesorgt hat, dass du keinen Spass dabei hattest, aber ich möchte nichts davon wissen.”

Für Mayhem ist dies nicht die Ausnahme, sondern als eindeutiges Muster erkennbar. In die gleiche Kerbe schlägt auch Kitty Stryker:

„I have yet to meet a female submissive who hasn`t had some sort of sexual assault happen to her […] When I start to think of the number of times I have been cajoled, pressured, or forced into sex that I did not want […] I can`t actually count them. […] I`ve been pressured [a lot of times] into a situation where saying “no” was either not respected or not an option.”

“Ich habe noch keine einzige female Sub getroffen, die noch keinen sexuellen Übergriff erlebt hat. […] Ich kann die Zahl der Male in denen ich zu etwas das ich nicht wollte überredet, gedrängt oder gezwungen wurde nicht zählen. […] Ich wurde [sehr häufig] in eine Situation gedrängt, in der “Nein” zu sagen entweder nicht respektiert oder keine Option war.”

Darüber hinaus: Die Seite FetLife.com ist eine der beliebtesten englischsprachigen Seiten der BDSM-Community. Diese besteht zu 99% aus Männern 40+, die Vergewaltigung, Pädophilie und Inzest fetischisieren. Dies lässt Rückschlüsse darüber zu was in dieser Community geschieht.

Grundsätzlich: Wir müssen verstehen lernen, dass man Sexualität und sexuelle Gewalt nicht getrennt voneinander diskutieren kann.

Warum das Konsens-Konzept uns schadet

“Die Verteidigung bei Sadomasochismus handele es sich um konsensuelles Verhalten macht ihn nicht feministisch. Frauen wurden dazu herangezüchtet unterwürfig zu sein, männliche Dominanz zu erwarten und sogar zu wollen. Aber Dominanz und Erniedrigung zu wollen, oder ihr zuzustimmen macht sie nicht weniger unterdrückerisch. Es zeigt lediglich wie tief und profund diese Unterdrückung ist” – Diana E.H. Russell

Das Konsens-Konzept verfolgt eigentlich eine gut Intention: Wir sollen selbst in der Lage sein zu artikulieren wo unsere Grenzen liegen. Das klingt emanzipativ und fortschrittlich, und ist auch grundsätzlich nicht verkehrt.

Das Problem dabei: Die Definition von Gewalt wird individualisiert und damit gewalttätige Handlungen legitimiert („Sie wollte es doch so“).

Diese Legitimierung lässt sich sprachlich nachvollziehen:

Aus Vergewaltigung wird Sex.

Aus Folter und Unterordnung wird sexuelle Befreiung und Spiel.

Aus Manipulationen werden Kopfspiele.

Aus Luftabdrücken werden Atemspiele.

Aus Misshandlungen werden  Szenen (Performanz).

Aus härteren und gewalttätigen Praktiken werden fortgeschrittene Praktiken, Praktiken für Profis.

Aus Prostitution wird Sexarbeit.

Aus Pornographie wird „free speech“.

 

Bei BDSM handelt es sich nicht um Fantasien, sondern echte Schmerzen, echte Verletzungen, echte Folter und Kontrolle und echte Dominanz eines anderen Menschen, da beißt die Maus keinen Faden ab.

Das Konsens-Prinzip geht davon aus, dass Individuen immer im Eigeninteresse handeln. Dem ist aber nicht so. Weder können wir die Folgen unseres Handelns immer voraussehen, noch sind wir frei von unbewussten Zwängen und Prägungen.

Durch das Konsens-Prinzip wird männliche sexuelle Aggression legitimiert und die Tendenzen zum Victim Blaming werden verstärkt. Damit gibt es auch keinerlei Möglichkeit mehr körperliche Integrität objektiv zu definieren.

Am Ende bleibt auch die Frage wo dann die Grenzen legitimer Gewalt denn liegen sollen. Bei konsensualem Mord, konsensualem Kannibalismus oder irgendwo vorher und wenn ja wo und wer bestimmt das dann eigentlich?

Viele Darstellungen von angeblich konsensuellen BDSM-Praktiken stellen anschaulich dar, wie die untergeordnete Person in eigentlich ungewollte Handlungen gegroomt und manipuliert wird. Dies hat nichts zu tun mit einem Respekt vor Grenzen, ganz in Gegenteil.

Bei Ethik dreht es sich nicht um Individuen, sondern darum wie unser Verhalten und unsere Handlungen unser Umfeld und die Gesellschaft beeinflussen. Das Vorliegen von individueller Zustimmung zu Handlungen hebt dieses Prinzip nicht auf, es macht es nicht zu einem ethischen Verhalten. Wenn wir Verhalten und Verhaltensstandards individualisieren reden wir nicht mehr über Ethik, sondern von Eigeninteresse und Egoismus.

Erotisierung von Gewalt

„Sadomasochismus ist die institutionalisierte Bejubelung von Dominanz/Unterordnungs-Beziehungen. Und er bereitet uns darauf vor Unterwerfung zu akzeptieren oder Dominanz zu erzwingen. Auch im Spiel wird, durch die Bejahung von Macht über die Machtlose als erotisch oder empowernd, der emotionale und soziale Rahmen gesetzt für die Fortführung dieser Beziehung, politisch, sozial und ökonomisch. Sadomasochismus füttert den Glauben daran, dass Dominanz unausweichlich und legitimer weise genießbar ist”  – Audre Lorde

Die gesellschaftliche Erotisierung von Gewalt gegen Frauen und von männlicher Gewalt ist eine reelle Gefahr für alle Frauen.  Die Realität im Patriarchat für uns alle lautet: Männer sind die dominante Gruppe, Frauen die untergeordnete Gruppe. Täglich werden Frauen Opfer männlicher Gewalt.

Die Erotisierung von Gewalt führt zu einer grundsätzlichen Akzeptanz von Gewalt gegen Frauen: Nicht mehr wird Gewalt gegen Frauen grundsätzlich abgelehnt, sondern nur unter bestimmten Umständen (wenn sie „nicht-konsensual“ ist).

Macht wird in unserer Gesellschaft sexualisiert. Dies führt zu einem Wandel der sexuellen Normen: Frauen zu verletzen und zu erniedrigen wird sexy. Es ist deshalb nicht verwunderlich wenn Frauen Vergewaltigungsfantasien entwickeln. Wenn sie diese in ihrer Sexualität ausleben sind sie dafür nicht zu verurteilen. Dies gilt jedoch nicht für Männer die ihre Vergewaltigungsfantasien an Frauen ausleben. Dies ist sehr wohl zu verurteilen. Wer davon erregt wird Gewalt an anderen zu verüben sollte darüber nachdenken wie er dem effektiv begegnen kann.

Nur weil ein weibliches Individuum darauf steht Gewalt zugefügt zu bekommen, heißt dies nicht, dass die Erotisierung männlicher Gewalt an Frauen und die männlich dominierte Kultur in der wir leben in keinem Zusammenhang stehen. Nur weil männliche Macht und Dominanz manchmal sexualisiert daher kommt sollen wir denken sie sei nicht von Misogynie geleitet? Absurd!

Gewalt ist keine subjektiv interpretierbare Angelegenheit, sondern liegt objektiv entweder vor oder nicht vor, unabhängig davon ob sie von den Beteiligten als solche wahrgenommen wird.

Nach Audre Lorde ist Sadomasochismus das Ausleben von Überlegenheit und dem Recht zur Dominanz. BDSM erotisiert nicht Konsens, sondern Schmerzen, Verletzungen, Schäden, Dominanz, Zwang und Kontrolle.

Wir müssen neu fokussieren

“Ich bin der Meinung, dass eine Welt nicht denkbar ist, in der Frauen frei sind und gleichzeitig eine Sexualität beschützen, die auf ihrer Unfreiheit beruht. Unsere sexuellen Leidenschaften müssen zu den Leidenschaften unserer politischen Vorstellung passen einet Welt ohne schädliche Hierarchien, inklusive jener, die auf Rasse und Klasse basieren. Nur eine Sexualität der Gleichheit […] macht eine Freiheit von Frauen denkbar” – Sheila Jeffreys

In der öffentlichen Debatte dreht sich die Debatte darum on Frauen submissiv sein dürfen und sich Schmerzen zufügen lassen dürfen. Darum geht es wie gesagt jedoch nicht. Die Frage um die es geht ist, warum Männer Frauen weh tun möchten. Wäre die Debatte ehrlich müssten die Befürworter den Fokus rumdrehen und stattdessen argumentieren „Aber Männer mögen es Frauen weh zu tun! Sie haben das Recht Frauen weh zu tun!“ Besonders feministisch klingt das dann nicht mehr.

Debatten um Sexualität drehen sich komischerweise IMMER um die „freie Wahl“ der Frau. Natürlich können Frauen (Menschen) sich immer für und gegen Dinge entscheiden und wir sollten diese Entscheidungen nicht zum Anlass nehmen sie ihnen vorzuwerfen.  Von radikalfeministischer Seite wird jedoch eine Art von Orgasmus-Politik kritisiert, nach der jeder Orgasmus, egal unter welchen Umständen, als BEFREIEND gilt.

Mit dem Mantra des „Konsens“ wird Frauen, die zunächst schädlichen Handlungen zugestimmt haben, die Möglichkeit genommen, diese Schäden zu thematisieren – denn sie haben diesen ja selbst zugestimmt. Durch das Konsens-Konzept wird darüber hinaus die ethische und politische Betrachtung einer Tat unmöglich gemacht, da keine objektiven Grundsätze mehr existieren für „richtig“ oder „falsch“ / „gut“ oder „schlecht“ – wir bringen die einer Gewalthandlung ausgesetzte Person (und zwar dann jede Person) damit in die Lage sich regelmäßig verteidigen zu müssen vor dem Vorwurf, dass sie vielleicht ihre Grenzen nicht deutlich genug gemacht hat. Objektive Sachverhalte werden dann munter subjektiv interpretiert. Wohin dies führt sehen wir an vielen Beispielen von Vergewaltigungsprozessen. Damit wird die emotionale, soziale und moralische Last der Beweisführung in Bezug auf missbräuchliches und ausbeuterisches Verhalten den jeweiligen Opfern auferlegt – zugunsten der Täter.

Wenn also ein Mann einer Frau im BDSM Kontext weh tut und diese hinterher traumatisiert ist und/oder merkt, dass dies ihr nicht gut getan hat, dann wird ihr der schwarze Peter zugeschoben, dass sie ihre Grenzen falsch definiert hat, nicht gut genug kommuniziert hat, das Safe Word nicht verwendet hat – und der Täter ist fein raus. Er hat nichts Falsches gemacht. Nicht seine Absichten spielen mehr eine Rolle, sondern Frauen werden für etwaige Traumatisierungen selbst verantwortlich gemacht (weil sie eben zugestimmt haben).

Aus dem Blickpunkt gerät so das Handeln der Männer sowie der konkrete Schaden den Frauen davontragen. Die Frage muss deshalb lauten ob es grundsätzlich akzeptabel ist, Frauen unter dem Deckmantel der Sexualität Schmerzen und Schäden zufügen, oder nicht.

Nochmal: Es geht also nicht darum zu beurteilen was Frauen als Angehörige der im Patriarchat untergeordneten Klasse tun, sondern vielmehr darum was Männer ihnen antun.

Radikalfeministinnen kämpfen für die kollektive Befreiung von Frauen, nicht für „choice“ und „agency“. Wichtigster Bestandteil der Analyse müssen die sozialen Normen  und Rahmenbedingungen bleiben, unter denen die Wahlentscheidungen von Frauen wie Männern getroffen werden. Sexuelle Befreiung bedeutet nicht die Freiheit zu haben zu tun was immer wir wollen, sondern es bedeutet die Freiheit zu haben unsere eigene Sexualität finden und rekonstruieren zu können.

Eine Debatte die sich um das Recht der Frau zur Unterordnung dreht bringt die unterdrückende Klasse (der Männer) zum Verschwinden. Radikalfeministinnen setzen sich dafür ein, dass Frauen ein Recht auf ein gewaltfreies Leben haben. Wir setzen uns ein für sichere, gesunde, auf Augenhöhe stattfinde Beziehungen und Sexualität, frei von Unterdrückung, Grausamkeiten, Erniedrigung und Misshandlungen, egal in welchem Kontext. Eine Gesellschaft, die Gewalt gegen Frauen erotisiert und glorifiziert ist diesem Ziel in keinster Weise zuträglich.

 

Quellen und Tipps zur Vertiefung

http://www.feministcurrent.com/2012/07/10/its-not-about-you-beyond-kink-shaming/

http://www.feminist-reprise.org/docs/lordesm.htm

http://www.ontheissuesmagazine.com/1996spring/s96orgasm.php

http://www.feminist-reprise.org/docs/hein.htm

https://antipornfeminists.wordpress.com/category/anti-bdsm/

 

Warum das Gender-Konstrukt toxisch ist – ein Beitrag zur Trans*-Debatte

Wordle

Wordle erstellt mit WordItOut

Vorbemerkung

In den vergangenen Tagen gab es auf der Facebook-Seite des von uns eigentlich hochgeschätzten Blogs Indyvegan eine heftige Diskussion, die sich um das Konglomerat „Transphobie“, „Cis-Sexismus“, Gender, biologisches Geschlecht und die Legitimation vermeintlich „neutraler“ Fremdbezeichnungen wie T(W)ERF (TERF = Trans Excluding Radical Feminist, TWERF = Trans Woman Erasing Radical Feminists) – analog zu SWERF (Sex Worker Excluding Radical Feminists) – drehte.

Zunächst einmal ist es sehr begrüßenswert, dass Indyvegan hier zunächst keine vorschnellen Schlüsse gezogen hat, sondern sich interessiert gezeigt hat an der Ebnung einer Debattenkultur, die eine – weitgehend – sachliche Auseinandersetzung ermöglichen soll. Das ist im hiesigen Feminismus, der vom Queerfeminismus und dem liberalen – oder auch postmodernen – Feminismus dominiert wird, äußerst selten.

Im Laufe der Debatte änderte sich diese Haltung jedoch zusehends. Während die Menschen von Indyvegan zunächst noch „mangelnde Fachkompetenz“ ihrerseits proklamierten (dessen öffentliches Eingeständnis von Größe zeugt und damit unseren Respekt verdient) und um niedrigschwellige ErklärbärInnentexte von beiden Seiten baten, bezog die Seite dann jedoch schnell Position für die „Betroffenenseite“. Sich erklären durften nur noch Trans*personen und den an der Diskussion beteiligten RadikalfeministInnen wurde die Betroffenenposition im Patriarchat abgesprochen. Später wurde ihnen mit dem – auch auf Nachfragen nicht näher erläuterten – Vorwurf von „Transfeindlichkeit“, unter Androhung von der Seite gebannt zu werden, das Wort verboten. Lediglich das Recht „Verständnisfragen“ an die Betroffenen zu stellen, wurde eingeräumt.

Ironischerweise wurde dieses Vorgehen als „emanzipativ“ bezeichnet, denn den irregeleiteten „TERFS“ solle ja die Möglichkeit gegeben werden sich fortzubilden und ihre Meinung zu ändern. Realsatirisch wurde es, als eine Kommentatorin einen Beitrag postete, mit dem sie durch Zitate von Trans*personen mit eindeutigen Hassbotschaften und Morddrohungen gegen „TERFS“ belegen wollte, dass „TERF“ eben keine „neutrale Bezeichnung“ sei, sondern in der Tat eine Beleidigung, die eigentlich nicht mit den Diskussionsregeln von Indyvegan im Einklang steht. Begründung: Die Webseite („Terf is a Slur“), der diese Zitate entnommen wurden, habe „transfeindliche Inhalte“ beinhaltet. Spannend: Sind diese zitierten Trans*personen selbst „transfeindlich“ oder wie soll das verstanden werden? Offenbar konnte Indyvegan das selbst nicht so genau erklären: Auch hier wurden entsprechende Nachfragen nicht beantwortet.

Dieser Beitrag ist ein Versuch, einen Beitrag zu dieser Debatte zu leisten und Standpunkte zu den Kernthemen, an denen die „Diskussion“ chronisch eskaliert, beizusteuern. Er ist auch ein Versuch, die Differenz zwischen Radikal- und Queerfeminismus, die im hiesigen Feminismus kaum Raum bekommt oder bekommen soll, zu beleuchten. Es ist eine Einladung an Indyvegan und alle anderen Interessierten zur Diskussion und Aufarbeitung der Geschehnisse der letzten Woche.
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Buch: Sheila Jeffreys – Die industrialisierte Vagina

Buchcover: Die industrialisierte Vagina

Sheila Jeffreys: Die industrialisierte Vagina - Die politische Ökonomie des globalen Sexhandels, Marta Press, 2014

Die australische Sozialwissenschaftlerin und Radikalfeministin Sheila Jeffreys hat im Jahr 2008 ein Buch über die politische Ökonomie und den globalen Sexhandel veröffentlicht. Marta Press hat nun die deutsche Übersetzung herausgegeben.

Für mich war das Lesen dieses Buches eine reinste Offenbarung. Obwohl ich mich schon viel mit der globalen Sexindustrie auseinandergesetzt habe, bescherte es mir zahlreiche Aha-Momente und wartete mit viel Hintergrundwissen auf. Jeffreys führt in ihrem Buch die großen Schriften zum Thema zusammen und liefert damit einen fundierten Überblick über die verschiedenen Facetten jener Praktiken bei denen

Männer durch Bezahlung oder dem Angebot einer anderen Vergünstigung das Recht [erwerben], sich mit ihren Händen, Penissen, Mündern oder mit Objekten an oder in den Körpern von Frauen zu schaffen zu machen“ und diese „zu Fotzen degradieren (Millett).

Jeffreys beschreibt den Weg von der lokalen, gesellschaftlich tendenziell verachteten Prostitution hin zur immens profitablen, gesellschaftlich respektierten und internationalen, in den globalen Kapitalismus integrierten, Prostitutionsindustrie.

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Prostitution und Abolition – (M)eine Historie und ein Standpunkt

Johannessen - Zur Prostitution gezwungen

Aksel Waldemar Johannessen [Public domain], via Wikimedia Commons

Vor einigen Jahren begann relativ unvorhergesehen meine “feministische Sozialisation”. Ich las “Mädchenmannschaft”, zahlreiche Blogs von feministischen Einzelpersonen, abonnierte die Zeitschriften “Missy Magazin”, “an.schläge” und “Wir Frauen”, kaufte den Unrast- und den Orlanda-Verlag leer und eignete mir sukzessive Wissen an.

In meiner Familie spielten Frauenthemen und Feminismus keine oder eine untergeordnete Rolle. Ganz im Gegenteil wurde ich sehr geschlechtsspezifisch sozialisiert, meine Familie hielt trotz aller Bemühungen an alten und tradierten Rollenbildern fest und war insgesamt sehr konservativ. Wir Mädchen mussten putzen, die Jungs mussten das nicht. Uns Mädchen wurde bestenfalls ein Job in der Care-Arbeit1 zugetraut, die Jungs wurden schon früh auf Wissenschaftswettbewerben für Jugendliche und auf dem Gymnasium gesehen. Mein Großvater war strikter Gegner der gesetzlichen Änderung, dass Vergewaltigung in der Ehe strafbar wurde und propagierte dies entsprechend, meine Mutter übernahm diese Haltung und negierte, dass Vergewaltigungen in der Ehe überhaupt stattfinden. Zugang zu einer akademischen Laufbahn für mich: diese Möglichkeit fand niemals Erwähnung.

Es ist wichtig für mich, diesen Hintergrund zu erwähnen, weil er deutlich macht, dass das feministische Netz und diese “jungen” Medien mein Nährboden waren und ich als sozusagen Spät-Feministin keineswegs selbstverständlich (durch Familie/soziales Umfeld und/oder anderweitiges Empowerment) in diesen Themenkomplex reinwuchs und ganz im Gegenteil viel Auseinandersetzung und Aneignung von Wissen über feministische Bewegungen und Kämpfe nachholen musste.

Zur “EMMA” hatte ich kein Verhältnis (erst vor einigen Wochen habe ich mir mein erstes Exemplar als eMagazin gekauft). Das liegt einerseits daran, dass die “EMMA” und Alice Schwarzer in der feministischen Netz-Community weitgehend als “Geht-Garnicht-Feminismus” gehandelt werden (und ich das unkritisch übernommen habe), andererseits aber auch daran, dass ich mit einem Teil ihrer Herangehensweisen an bestimmte Themenschwerpunkte nicht d’accord gehe. Es spielt in diesem Artikel keine Rolle, worum es dabei geht.

Der EMMA-Appell

Im Herbst 2013 in Deutschland veröffentlichte die feministische Zeitschrift “EMMA” ihren Appell gegen Prostitution. Die Thematik zog zunächst weitgehend an mir vorbei, obwohl mich von da an ein permanenentes und untergründig florierendes Unwohlsein begleitete (retrospektiv betrachtet war dies der Vermutung geschuldet, in dieser Debatte irgendetwas Essentielles übersehen zu haben). Weiterlesen