Schlagwort: Rassismus

Catharine MacKinnon: Von der Praxis zur Theorie, oder: Was ist überhaupt eine „weiße“ Frau

No machine-readable author provided. Crunk~commonswiki assumed (based on copyright claims). [Public domain], via Wikimedia Commons"

Nachfolgend die Übersetzung von Auszügen aus einem Text aus dem Jahr 1991 der US-amerikanischen Juristin und Radikalfeministin Catharine MacKinnon zu der Frage der Intersektionalität von Geschlecht, Ethnizität und Klasse und der Frage, ob Unterdrückung “weiße”, “privilegierte” Frauen vielleicht gar nicht (be)trifft. Der gesamte Text auf Englisch ist hier zu finden.

„Bin ich denn keine Frau?“ – Sojourner Truth

„Schwarze Feministinnen sprechen als Frauen, weil wir Frauen sind…“ – Audre Lorde

Man sagt häufig, dass etwas zwar in der Theorie gut klingt, aber sich in der Praxis anders erweist. Ich wollte dann immer, dass die Theorie dann wohl nicht so gut ist, nicht wahr? […]  Das konventionelle Bild von der Beziehung zwischen den beiden ist, dass man zuerst eine Theorie hat, und dann die Praxis. Du hast erst eine Idee, dann handelst du nach ihr. […]

Die postmoderne Version dieses Verhältnisses zwischen Theorie und Praxis ist Diskurs bis zum Umfallen. Theorie erzeugt nicht Praxis, sondern noch mehr Text. Es erscheint so, als könnte man Machtverhältnisse dekonstruieren, indem man ihre Markierungen im Kopf hin und her schiebt. Wie alle anderen formellen Idealismen, gibt es bei diesem Theorieansatz die unbewusste Tendenz existierende Machtverhältnisse zu reproduzieren, zum Teil weil es sich um eine vollkommen verlagerte Elitentätigkeit handelt. […] Nicht die Welt ist der Antrieb, sondern der Kopf.  Erst denkt man über sozialen Wandel nach, dann handelt man. Bücher beziehen sich auf Bücher, Köpfe unterhalten sich mit Köpfen.  Und nicht Körper pressen sich an Körper oder Menschen bewegen Menschen. […]

Die Bewegung zur Befreiung von Frauen […] funktioniert anders herum. Erst kommt die Praxis, dann die Theorie. […] Feminismus war eine Praxis, lange bevor er eine Theorie war. […] Die Frauenbewegung […], in der Frauen sich entgegengesetzt der Festlegungen in Bezug auf andere Frauen bewegen, bleibt mehr Praxis als Theorie. Das ist der Unterschied zum akademischen Feminismus. […] Die Theorie zu dieser Praxis zu schreiben, bedeutet nicht, sich durch Rätsel zu tüfteln […], nicht über Utopien zu fantasieren, nicht zu moralisieren oder Menschen zu erzählen, was sie zu tun haben. Es geht nicht um die Ausübung von Autorität; die Theorie lenkt die Praxis nicht. Die Aufgabe besteht darin, sich auf das Leben einzulassen durch das Entwickeln von Mechanismen, die identifizieren und kritisieren, anstatt soziale Praktiken der Unterordnung zu reproduzieren und sie besteht darin Werkzeuge aus dem Bewusstsein und dem Widerstand von Frauen zu entwickeln, die den praktischen Kampf gegen Ungleichheit unterstützen. Diese Art von Theorie setzt Bescheidenheit voraus und benötigt Partizipation. […]

Ich möchte untersuchen, wie die Realität von Geschlechterungleichheit, die Erfahrungen von Frauen in dieser Welt, die Konturen von Geschlechterdiskriminierung im Gesetz geformt hat/haben.

Geschlechtergleichheit als rechtliches Konzept wurde traditionell nicht theorisiert unter Einbeziehung von sexueller Belästigung oder Reproduktion, weil die Gleichberechtigungstheorie aus der Praxis von Männern entwickelt wurde, nicht der von Frauen. […] Es gibt Männer, die auf diese Art und Weise geschädigt wurden, aber sie sind wenige, und sie werden nicht als geschädigt angesehen weil sie Männer sind, sondern obwohl sie Männer sind oder als abweichend von ihnen betrachtet werden. […] Deshalb werden Sexualität und Reproduktion nicht als Gleichberechtigungs-Themen im traditionellen Ansatz betrachtet. […]

Mechelle Vinson setzte sexuelle Belästigung am Arbeitsmarkt als Geschlechterdiskriminierung nach dem bürgerlichen Recht durch. […] Ihre Sichtweise, dass das was ihr Vorgesetzter Sidney Taylor ihr antat, sein wiederholtes Penisschwingen in ihrer Anwesenheit im Tresorraum der Bank, ihr deshalb angetan wurde, weil sie eine Frau ist, änderte die Theorie der Geschlechterdiskriminierung für alle Frauen. […] Lillian Garland setzte durch, dass die Garantie von unbezahltem Urlaub für schwangere Frauen nach dem Gesetz keine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ist, sondern ein Schritt in die Richtung zur Beendigung von Geschlechterdiskriminierung. […] Es war ihr Widerstand gegen ihren Arbeitgeber […], der sich weigerte sie nach ihrer Schwangerschaftspause wieder einzustellen; Es war ihre Identifikation dieser Praxis als gesetzwidrige Behandlung, aufgrund der Tatsache, dass sie eine Frau war, die dem Geschlechter-Gleichberechtigungs-Gesetz einen Schubs in die Richtung von Gleichberechtigung gab […].

Was ist also gemeint, wenn hier von einer Behandlung „als Frau“ die Rede ist? Es meint, ein empirisches Statement über die Realität zu machen, um die Realität der Situation der Frau zu beschreiben. […] Unter Einbeziehung aller Unterschiede, können wir über die Gruppe der Frauen sagen, dass sie eine kollektive, soziale Geschichte der Entmachtung, Ausbeutung und Unterordnung hat, die bis in die Gegenwart reicht. „Wie eine Frau“ behandelt zu werden, bedeutet diesem Sinn nach, auf bestimmte Weise benachteiligt zu sein, rührend aus der Tatsache, dem weiblichen Geschlecht zugerechnet zu werden. […]

Andrea Dworkin sagte vor langer Zeit, dass die Situation der Frauen eine neue Art zu Denken voraussetzt, und nicht nur das Denken neuer Dinge. „Frau“ als Abstraktion, Destillation, gemeinsamer Nenner, oder Idee ist die alte Art zu denken […] aber es ist nicht eine neue Art zu denken. Noch ist das Denken „als Frau“, als Verkörperung einer kollektiven Erfahrung, das gleichbedeutend mit „wie eine Frau“ zu denken, was die Reproduktion der Determinanten und zu denken wie ein Opfer bedeuten würde. […]

Theorie auf die konventionelle abstrakte Art zu machen, wie viele es tun, bedeutet die Annahme zu importieren, dass alle Frauen gleich sind, oder sie sind keine Frauen. Was sie zu einer Frau macht ist ihre Passgenauigkeit zu der Abstraktion „Frau“ oder ihre Konformität zu einer festen, postulierten weiblichen Essenz. Die Konsequenz hieraus ist es, Dominanz zu reproduzieren.  […] Einfacher biologischer Determinismus wird so als kritische Theorie des sozialen Wandels präsentiert. […] Hier fehlt die Berücksichtigung männlicher Dominanz. Es gibt in Bezug auf Vergewaltigung keine biologische Notwendigkeit […] Beide hier benannten Frauen sind schwarz. Dies unterstützt meine Ahnung, dass eine Theorie dann nicht wahr ist, oder dann nicht funktioniert, wenn sie nicht […] für alle Frauen gilt. […]

In den jüngsten Kritiken gegenüber feministischer Arbeit wird gesagt, dass Ethnie (race) oder Klasse nicht ausreichend berücksichtigt werden, und dabei ist es lohnenswert zu erkennen, dass die Tatsache, dass es etwas wie „Rasse“ oder „Klasse“ gibt, angenommen wird, obwohl beides normalerweise eher als Abstraktionen behandelt wird um Geschlecht zu attackieren, denn als konkrete Realitäten, wenn sie denn überhaupt zur Sprache kommen. […] Immer werden „Rasse“ und Klasse als unproblematischer weise real betrachtet, und keiner Erklärung oder theoretischen Konstruktion bedürfend. Nur Geschlecht ist nicht real und muss gerechtfertigt werden. […] Dass es einen Unterschied gibt zwischen den Erfahrungen von Männern und Women of Colour, und von Frauen der Arbeiterklasse und Männern unabhängig ihrer ethnischen Zugehörigkeit, bedeutet nicht zu behaupten, dass „Rasse“ und Klasse keine bedeutsamen Konzepte wären. Ich habe noch niemanden sagen gehört, dass man nicht ohne Geschlechterspezifizierung über „People of Colour“ diskutieren könnte. Jedoch hat die Phrase „People of Colour und „weiße“ Frauen“ das frühere „Frauen und Minderheiten“ ersetzt, von dem Women of Colour zu Recht nicht wahrgenommen haben als würde es sie doppelt beinhalten, und als würden sie einen „weißen“ Standard für Geschlecht verkörpern und einen männlichen für „Rasse“. Aber ich höre zum Beispiel nichts über „alle Frauen und Men of Colour. Es ist bedeutsam darüber nachzudenken, dass wenn Women of Colour sich auf „Menschen, die aussehen wie ich“ beziehen, dass sie Menschen mit anderer Hautfarbe meinen, und nicht Frauen, obwohl sowohl „Rasse“ als auch Geschlecht visuelle Zuweisungen sind, beide sowohl Klarheit als auch Uneindeutigkeit beinhalten, und beide Unterdrückung markieren, und damit Gemeinschaft.

In Verbindung hiermit, habe ich kürzlich mitbekommen, dass es hierbei um die “weiße” Frau geht, deshalb habe ich mich entschlossen herausfinden zu wollen was das ist. Diese Kreatur ist nicht arm, wird nicht geschlagen, nicht vergewaltigt (nicht wirklich), nicht als Kind sexuell missbraucht, wird nicht als Teenager schwanger, wird nicht prostituiert und auch nicht in die Pornographie gezwungen, sie ist als Mutter nicht von Sozialleistungen abhängig und wird nicht ökonomisch ausgebeutet. Sie arbeitet nicht. Entweder entspricht sie dem Bild, das der “weiße” Mann von ihr hat – verweichlicht, verhätschelt, privilegiert, beschützt, unbeständig und maßlos – oder sie ist das Bild, das der “schwarze” Mann von ihr hat – all das genannte, plus das „hübsche weiße Girl“ (was hässlich wie die Nacht bedeutet, aber die ultimative Schönheit bedeutet, weil sie “weiß” ist). […] Sie schüttelt ihr Haar, fühlt sich immer hübsch, beschwert sich über die Dienste der People of Colour, gibt wenig Trinkgeld, kann nichts, macht nichts, weiß nichts, und fantasiert über Sex mit schwarzen Männern, während sie diese beschuldigt sie vergewaltigt zu haben. Wie Ntozake Shange ausführt, hängt die gesamte Westliche Zivilisation von ihr ab. Und als Krönung besitzt sie die Unverfrorenheit […] zu denken, dass sie befreit werden muss. […]

Dieses Bild ist nur sehr schwer mit der Realität [der “weißen” Frau] in Einklang zu bringen: Der Tatsache, dass die Mehrheit der Armen “weiße” Frauen und ihre Kinder sind (mindestens die Hälfte davon sind weiblich); der Tatsache, dass Frauen systematisch in ihrem Zuhause geschlagen werden, von ihnen nahe stehenden Männern und Serienkillern gleichermaßen getötet werden, als Kinder sexuell missbraucht werden, tatsächlich vergewaltigt werden (zumeist von “weißen” Männern) und dass sogar “schwarze” Männer, im Durchschnitt, mehr verdienen als sie. Wenn man dies nicht so genau wüsste, dann könnte man durch das Bild des “weißen” Mannes fehlgeleitet werden. […]

Man könnte meinen, dass der Mythos der “weißen” Männer, dass sie “weiße” Frauen schützen, der Wirklichkeit entsprechen würde, und nicht ein rassistisches Cover über ihr exklusives und nicht in Frage gestelltes Recht auf sexuellen Zugriff – was bedeutet, dass sie sie vergewaltigen können, und es auch tun, eine Haltung die sich in dem Ausschluss von Vergewaltigung in der Ehe zeigt und den weitgehend nutzlosen Gesetzen gegen Vergewaltigung im Allgemeinen.  Man könnte meinen, dass die einzigen “weißen” Frauen in den Bordellen im Süden während des Civil War in „Vom Winde verweht“ existierten. Dies alles soll nicht heißen, dass es so etwas wie Privilegien aufgrund der Hautfarbe nicht geben würde, sondern eher, dass diese “weiße” Frauen niemals vor der Brutalität und der Frauenverachtung der Männer bewahrt haben, zumeist aber nicht exklusiv von “weißen” Männern […]. In anderen Worten: Den „weißen Mädchen“ in dieser Theorie geht in der Realität der “weißen” Frauen und der Praxis der männlichen Vorherrschaft ziemlich viel ab.

Neben der Trivialisierung der Unterordnung der “weißen” Frau, die implizit in der herablassenden Verspottung „heterosexuelle, weiße, ökonomisch privilegierte Frau“ (Eine Phrase, die zu einem feststehenden Begriff geworden ist […]) deutlich wird, liegt die Auffassung, dass es an sich gar keine Frauenunterdrückung gibt. […]

Drehen wir das Ganze mal rum. Wie ich erwähnt habe, waren sowohl Mechelle Vinson und Lillian Garland afro-amerikanische Frauen. Wurde Mechelle Vinson nicht als Frau sexuell belästigt? Wurde Lillian Garland nicht als Frau schwanger? Sie haben das so gesehen. Der Dreh- und Angelpunkt ihrer Fälle lag darin, dass sie sich als geschädigt „auf der Basis von Geschlecht“ sahen, das heißt, weil sie Frauen sind. Die Täter, und die Gesetze unter denen sie benachteiligt wurden, sahen sie als Frauen. Was ist Frausein, wenn es nicht beinhaltet als eine Frau unterdrückt zu sein? Als die Reconstruction Amendments „Schwarzen das Wahlrecht gaben“, und “schwarze” Frauen immer noch nicht wählen durften, wurden sie dann nicht „als Frauen“ von der Wahl ausgeschlossen? Wenn afro-amerikanische Frauen doppelt so häufig vergewaltigt werden als “weiße” Frauen, werden sie dann nicht als Frauen vergewaltigt? Das bedeutet nicht, dass ihre Ethnie irrelevant wäre und es bedeutet auch nicht, dass ihre Verletzungen außerhalb des rassistischen Kontextes verstanden werden können. Es bedeutet vielmehr, dass „Geschlecht“ sich aus den Erfahrungen aller Frauen ergibt, inklusive der ihren. […] Es bedeutet, dass jede Frau, auf ihre Weise, alle Frauen ist.

Die Behandlung von Frauen in der Pornographie zeigt diesen Ansatz in grafischer Weise. Auf irgendeine Weise sind alle Frauen im Porno. Afro-amerikanische Frauen werden dargeboten in Fesseln, sich wehrend, in Käfigen, als Tiere, unersättlich. Wie Andrea Dworkin gezeigt hat, macht die sexualisierte Feindschaft ihnen gegenüber ihre Haut zu einem Geschlechtsorgan […]. Asiatische Frauen sind passiv, träge, so wie tot, grausam gefoltert. Latinas sind heiße Mommas. Fülle den Rest der abwertenden und feindseligen rassistischen Stereotype, die du kennst, ein; dort [im Porno] ist es Sex. Dies wird nicht den Männern angetan, nicht in heterosexueller Pornographie. Was “weißen” Frauen angetan wird ist eine Art Boden; es ist die beste Weise wie jemand behandelt wird und das reicht von Playboy über SM bis hin zu Snuff. Was “weißen” Frauen angetan wird, das kann allen Frauen angetan werden […] Das macht “weiße” Frauen nicht zur Essenz der Weiblichkeit. Es ist eine Realität, dass hieran beobachtet werden kann, was den am meisten privilegierten Frauen angetan werden kann und angetan wird. Dies ist es, was das Privileg als eine Frau dir einbringen kann: am meisten wertgeschätzt zu sein als totes Fleisch. […]

“Weiß” ist nicht unmarkiert; es ist ein spezifischer Geschmack. So definiert und benutzt zu werden, definiert was Frau sein in der Praxis bedeutet. […]

Meiner Meinung nach ist der Subtext von der Kritik an Unterdrückung „als Frau“, dass die Kritik davon ausgeht, dass es so etwas nicht gibt, und dies ist Ent-Identifizierung mit Frauen. Eine der Konsequenzen daraus ist die Zerstörung jeglicher Basis für eine Rechtsprechung für Geschlechtergleichberechtigung. Ein Argument, dass von vielen WoC vorgebracht ist, ist, dass die Theorie über Frauen alle Frauen einschließen muss, und wenn dies der Fall ist, dann wird die Theorie sich ändern. Auf einer Ebene ist das notwendigerweise richtig. Auf der anderen Seite ignoriert dies die gestaltenden Beiträge von WoC zu feministischer Theorie, seit deren Beginn. Ich habe jedoch das Gefühl, dass viele Frauen, nicht nur WoC und nicht nur Akademikerinnen, nicht einfach „nur Frauen“ sein wollen, [….] weil dies bedeutet in einer Kategorie mit „ihr“ zu sein, der nutzlosen “weißen” Frau, deren erste Reaktion es ist, wenn es ein bisschen grober wird, in Tränen auszubrechen. Ich habe das Gefühl, dass Menschen mehr Würde darin ausmachen, in einer Gruppe zu sein, die auch Männer beinhaltet, als in einer Gruppe zu sein, die die ultimative Reduzierung auf die Vorstellung von Unterdrückung einschließt, diese Anstifterin von Lynchmobs, diese lächerliche Quenglerin, […] die “weiße” Frau. Es scheint, dass wenn die Unterdrückung auch einen Mann betrifft, dass du wahrscheinlicher auch als unterdrückt anerkannt wirst, im Gegensatz zu minderwertig. […]

Ungleich zu anderen Frauen teilt die “weiße” Frau, die nicht arm oder aus der ArbeiterInnenklasse ist, oder lesbisch, oder jüdisch, oder mit Behinderung, oder alt oder jung, ihre Unterdrückung nicht mit einem Mann.  Das macht ihren Zustand in keinster Weise maßgeblicher für die Definition von Frau, als die Situation irgendeiner anderen Frau. Ihre Unterdrückung jedoch zu trivialisieren, weil es nicht potentiell rassistisch oder klassenbasiert oder heterosexistisch oder antisemitisch ist, definiert die Bedeutung von „anti-Frau“ mit einer besonderen Klarheit. Die Vorstellung, Konstruktion und Behandlung der “weißen” Frau wird zu einem sehr sensitiven Indikator für das Maß in dem Frauen, als solche, verachtet werden. […]

Heulender Wolf: über hohle Einigkeit und die linke Liebe zu verletzten Männern

Es gibt in Tim O’Briens „Was sie trugen“ / „The Things They carried“ eine Geschichte von einem Amerikaner, der mit 20 seinen Marschbefehl vom US Militär erhält, nachdem er aktiv gegen den Vietnam Krieg protestiert hat. Bevor er den Marschbefehl erhielt, so erinnert er sich später, war er dummerweise, mit einer Art überheblicher Arroganz, die er sich später nicht mehr vorstellen konnte, davon ausgegangen, dass die Probleme des Tötens und Sterbens nicht zu seinen persönlichen Angelegenheiten gehörten. Als er den Brief erhielt, fühlte er „eine Wut im Bauch“, die später zu schwelendem Selbstmitleid und dann zu Empfindungslosigkeit wurde.

Er beschreibt, dass er die Möglichkeit gehabt hätte, nach Kanada zu fliehen, in dem er von einem Fischerboot gesprungen und 20 Meter bis zur Küste geschwommen wäre. Er nahm die Möglichkeit nicht wahr. „Intellekt hatte sich gegen Gefühle gestellt“, sagte er später. „Worauf das hinauslief, dummerweise, war ein Gefühl der Schande. Heiße, dumme Schande. Er wollte nicht, dass seine Leute schlecht von ihm dachten.
In ihrer Bezugnahme auf die Geschichte in “Unmaking War Remaking Men“ schreibt Kathleen Barry zu der Entscheidung des Mannes, er habe „die Anforderungen der Männlichkeit über die seiner Menschlichkeit gestellt. Es ist eine Entscheidung, die dazu führte, dass er andere tötete und die ihn viele Jahre lang verfolgte.“

Weiterlesen

Die schwarze feministische Frauenbewegung-Black History Month

sitting back not giving a fuck about what black men think or say

Wir alle kennen, oder hören immer öfter,  die neuen Schlagwörter wie „white feminism“, „critical whiteness“, die mittlerweile fast wie Beleidigungen, aber zumindest vorwurfsvoll, klingen und sich auf weiße Feministinnen und ihren Feminismus beziehen. Diese Begriffe ignorieren tatsächlich die Unterdrückungsmechanismen des schwarzen Patriarchats und fokussieren sich zunehmend ausschließlich auf weiße Frauen. Nicht, dass weiße Frauen es nicht auch verdient hätten kritisiert zu werden. Aber wie sieht wirklich der Ursprung des schwarzen Feminismus aus, der den Begriff der „Intersektionaliät“ schuf und Mechanismen der Unterdrückung anders betrachtete.

Die schwarze feministische Frauenbewegung (Black Feminist Movement) entstand tatsächlich als Antwort auf die schwarze Befreiungsbewegung (Black Liberation Movement) und der amerikanischen Frauenbewegung. Schwarze Frauen fühlten sich unterdrückt, und wurden unterdrückt, durch den herrschenden Rassismus in der, mehrheitlich weißen, Frauenbewegung. Gleichzeitig waren sie aber auch Opfer von Sexismus in der schwarzen Befreiungsbewegung. „Schwarzsein“ wurde sozusagen gleichgesetzt mit schwarzen Männern. Schwarze Frauen existierten nicht in diesem Konzept.  „Frausein“ und Feminismus wurde ebenso gleichgesetzt mit weißen Frauen.  Schwarze Frauen wurden auch hier nicht wahrgenommen, nicht wirklich. Das Ergebnis war, dass schwarze Frauen sich als unsichtbar betrachteten,  und sie erkannten, dass ihre Bedürfnisse nicht gesehen wurden. Weder in der einen Bewegung, noch in der anderen.

Die schwarze Befreiungsbewegung und einige Abgründe:

Die schwarze Befreiungsbewegung bestand eigentlich aus verschiedenen Bewegungen, wie die Bürgerrechtsbewegung,  der schwarze Nationalismus, Nation of Islam,  die Black Panthers, „the Student Nonviolent Coordinating Committee“, und viele mehr. Alle diese Teile der schwarzen Befreiungsbewegung besaßen eine Gemeinsamkeit, ein bindendes Glied sozusagen, denn das Glied, die Geschlechterzugehörigkeit zum „Mann“ spielte hier die entscheidende Rolle. Alle dieser Bewegungen richteten sich prinzipiell nur an schwarze Männer und ihre Befreiung. Freiheit wurde sozusagen gleichgesetzt mit Männlichkeit, und die Erlangung dieser Freiheit mit der Wiedererlangung von schwarzer Männlichkeit. Eine Idee die viel Verbreitung fand, war zum Beispiel, dass Männer durch Rassismus ihre Männlichkeit verlieren und verloren haben, da sie keine Macht mehr besaßen. Sie mussten in der Vergangenheit zusehen, wie ihre Partnerinnen von weißen Männern vergewaltigt wurden oder zur Zucht von einer neuen Generation von Sklaven benutzt wurden. Viele Männer in der Bewegung wollten ebenfalls die Sexualität schwarzer Frauen kontrollieren. Die sexuelle Ausbeutung schwarzer Frauen durch weiße Männer wurde ständig thematisiert und stand im Vordergrund. Sexuelle Beziehungen schwarzer Frauen zu weißen Männern wurden abgelehnt, aber für die schwarzen Männer in der Bewegung war es in Ordnung selbst sexuelle Beziehungen zu weißen Frauen zu haben. Auch in dieser Bewegung ging es sozusagen letztendlich darum, dass ein Teil der Freiheit bedeuten solle, dass Männer sexuellen Zugang zu allen Frauen haben können.

Weiterlesen

#Silvester2016: Eine zerstörerische Debatte und ihre Folgen für den Feminismus

Frau, die sich wehrt

European Parliament (CC BY-NC-ND 2.0)

Als ich den letzten Artikel des vergangenen Jahres schrieb, konnte ich noch nicht ahnen, welchen Auftakt das neue nehmen würde. In den letzten Tagen wurde wütend gestritten, das ist nichts Neues, doch neu ist die Bruchlinie, die sich zwischen Linken und (Radikal-)feministinnen ergibt und die wir aus feministischer Sicht mit großer Sorge, wenn auch nicht mit wirklicher Verwunderung verfolgen. Keine von uns durfte sich in den letzten Tagen zu Silvester äußern, ohne vorher brav zu bekennen, dass sie Rassismus scheiße findet, ja, sie wurde sogar dazu gedrängt, zuzustimmen, die Polizei in Köln Racial Profiling betrieben, was sachlich einfach falsch ist, wie Manuela Schon hier wunderbar ausgeführt hat. Erst dann durften wir in einem kurzen Nebensatz hinzufügen, dass wir trotzdem froh waren, dass es in Köln “nur” zwei Vergewaltigungen gab. Inzwischen wissen wir, dass es andernorts, in Wien, Malmö, Hamburg und Dortmund sehr wohl zu Zwischenfällen kam, aber auch darüber dürfen wir nicht reden, ohne dass uns der Vorwurf gemacht wird, den rechten Hetzern das Wort zu reden. Flugs ging auch ein neuer, linker Feminismusblog an’s Netz, der sich aber gar nicht mit Feminismus auseinandersetzt, sondern nur postuliert: “Rassismus ist kein Mittel gegen sexuelle Gewalt.” Uff.

Was ist Rassismus? Rassismus bedeutet, einem Menschen aufgrund seiner tatsächlichen oder auch nur angenommenen Herkunft bestimmte “angeborene” Merkmale zuzuweisen, die seinen Charakter betreffen und/oder generalisiert zu unterstellen, alle Menschen aus einem bestimmten Land oder einer Region seien “so oder so” (hier dann wahlweise abwertende Eigenschaften einfügen” und damit nicht mehr das Individuum, sondern nur noch seine Herkunft zu bestimmen. Zu den Eigenschaften kommen auch äußere Merkmale wie die Haut- und die Haarfarbe.

Wo kommt Rassismus her? Für uns Feministinnen ist das ganz klar: Rassismus ist ein weiteres Mittel männlicher Herrschaft, mit der die Welt in Herrschende und Beherrschte eingeteilt wird. Mit dem Rassismus erhebt sich der weiße Mann über die anderen und rechtfertigt zum Beispiel die Kolonialisierung. Rassismus ist ein patriarchales Konzept, das sich aus der Geschichte des Patriarchats ergibt: Wir wissen, dass die Unterdrückung der Frau in dem Moment der Menschheit begann, als der Krieger die Bühne der Weltgeschichte betrat und Städte und später Völker begannen, Berufskrieger um Ressourcen gegeneinander kämpfen zu lassen. Um diese Kriege zu rechtfertigen, bedarf es Ideologien und eine dieser Ideologien ist die Abwertung des Gegners. Das Patriarchat ist keine Herrschaftsform, die wir einfach mal so neu erfinden, wir alle, Männer und Frauen, werden in ihm sozialisiert. Männer lernen dann schnell, welche Privilegien ihnen das einbringt, Frauen hingegen kommen häufig an den Punkt, an dem sie bemerken, dass für sie andere Regeln gelten, als für Männer. Feminismus ist die Widerstandbewegung gegen das Patriarchat und alles, was es bedeutet, deshalb ist Feminismus per se antirassistisch, man kann ihn gar nicht anders denken.

Weiterlesen

Warum seid ihr nur so still? – DIE LINKE und der Rassismus

Der erste Einsatz der Bundeswehr im Ausland nach der Befreiung vom Hitlerfaschismus wurde nur möglich durch die Zustimmung der Grünen: Kosovo bedeutete diesbezüglich einen Tabubruch. Wenn selbst die pazifistischen Grünen meinen es ist notwendig, dann kann es ja nicht so schlimm sein, oder?

Die Agenda 2010, die de facto eine Zerschlagung des Sozialstaates (für den Deutschland international bekannt war) bedeutete, war nur deshalb überhaupt erst möglich, weil sich die deutsche Sozialdemokratie dafür verantwortlich zeigte. Wenn selbst die Sozialdemokraten meinen, dass es notwendig ist, dann kann es ja nicht so schlimm sein, oder?

Parteien stehen natürlich immer für mehrere Inhalte, aber jede hat so ihre Kernthemen , bei denen man in aller Regel auf sie bauen kann. Würde man zumindest meinen. In diesen Kernkompetenzen kommt ihren Aussagen entsprechend ein besonderes Gewicht zu. Bei einer Partei die “links” im Namen trägt sind dies nicht zuletzt antirassistische Positionen. Doch was man diesbezüglich im Moment so teilweise liest und hört, lässt einem doch das ein oder andere Haar zu Berge stehen.

Natürlich werden nun manche sagen: “DIE LINKE war doch schon immer eine Sozialdemokratie light” oder “Der große Anteil an ehemaligen SozialdemokratInnen und GewerkschafterInnen lässt doch gar nichts anderes erwarten.”

Rechtfertigen diese nicht unzutreffenden Feststellungen nun aber die ohrenbetäubende Stille zu bestimmten die Partei betreffenden Fragestellungen?

Weiterlesen

Stimmen zu Köln

We All Can Do It - Poster

We all can do it - Poster by Valentin Brown, via Soirart/Tumblr

Wir haben für euch einige Stimmen verschiedener Frauen zu Köln gesammelt:

Sultana Sha: “Übergriffe in Köln: Als Muslima erlebt man desselbe” (Huffington Post, 8. Januar 2016)

Ich bin aus Frankfurt und hier gibt es Orte, die ich tagsüber sogar vermeide. Dort sind viele Männer, die – je nachdem – in einem Café sitzen, Drogen verticken oder halt nach Frauen Ausschau halten (ganz nah neben einer Polizeidienststelle). Viele Männer aus einer bestimmten Region, mit einem bestimmten Migrationshintergrund, suchen explizit nach Frauen, die Kopftücher tragen. Ich muss sagen, dass ich keine 2 Minuten dort bin ohne irgendeine dumme Bemerkung zu hören. Und es vergeht kein Tag dort, ohne dass mindestens ein Typ kommt und nach der Nummer fragt. Ihm ist es glaube ich egal, ob ich sein Typ bin oder nicht, er sieht das Kopftuch und das zählt irgendwie.

Hilal Sezgin: “Ich bin es leid” (Die Zeit, 6. Januar 2016)

Ich bin es leid, dass jede öffentliche Diskussion über sexualisierte Gewalt – falls überhaupt mal eine geführt wird – so schnell vor den Karren unzähliger anderer politischen Agenden gespannt wird, dass sie eigentlich schon keine Diskussion über sexualisierte Gewalt mehr ist. […] Dieselben Kommentatoren, die noch vor drei Jahren fanden, die junge Dame solle sich doch bitte nicht so anstellen, wenn der FDP-Opi was Nettes über ihren Busen sagt, wissen auf einmal ganz viel über die Sexualnot von Flüchtlingen und ziehen kühne kulturelle Bögen von Köln bis Kairo und Kabul.

Weiterlesen

Die Farce von #Koeln

Abbildung: 2 Männer greifen nach einer Frau

Paul Townsend via Flickr, [CC BY-ND 2.0]

An Silvester wurde am Kölner Hauptbahnhof  und in anderen deutschen Großstädten eine bislang unbekannte Anzahl von Frauen sexuell belästigt und ausgeraubt. Rund 150 Opfer sollen Anzeige gestellt haben, sogar von Vergewaltigung ist die Rede. Die Täter waren laut Beschreibung nordafrikanischer und arabischer Herkunft. Das Netz überschlägt sich seither. Da sind die einen, die vor rassistischen Vorwürfen warnen, die anderen wittern erneut den Untergang des Abendlandes. Die Politik spricht von “der harten Hand des Rechtsstaats”. Die Opfer kommen in dem ganzen Tumult überhaupt nicht vor.

Weiterlesen

“Deutschlands neue Asoziale” – Rassismus ein Bildungsproblem?

"Rassismus führt zum Verlust Ihres Mitgefühls."

Dierk Schäfer via Flickr [CC BY 2.0]

Am 24. Juli 2015 erschien bei der Huffington Post ein Artikel mit dem Titel “Die neuen Asozialen: Eure Dummheit bringt Deutschland zum Abgrund”.

Dieser Artikel wurde unter meinen FacebookfreundInnen gefeiert – dutzendfach erschien er auf meiner Pinnwand, weshalb ich mich zu einer Erwiderung entschieden habe. Kritik zu äußern, fällt mir in diesem Fall nicht leicht, denn die Autorin Sabrina Hoffmann fiel mir vor genau einem Jahr – im Juli 2014 – sehr positiv auf, als sie sich als eine der ersten deutschsprachigen Journalistinnen mit einem sehr guten Artikel, “Prostitution: Warum Deutschland Sexkauf verbieten muss” , für ein Sexkaufverbot nach schwedischem Modell in Deutschland ausgesprochen hatte.

Ich möchte diese Replik deshalb als konstruktive und wertschätzende Kritik verstanden wissen.

Im Artikel wird die These aufgestellt, dass es nicht “die Zuwanderer [sind], die das Bildungsniveau senken” in Deutschland, sondern “es … die Deutschen selbst” sind. “Und zwar ausgerechnet jene, die bei Facebook gegen Ausländer hetzen.”. Fremdenfeindliche “gebildete und intelligente Menschen” bezeichnet sie als Ausnahme. Und sie sieht es als Gefahr an, dass sich ungebildete Menschen “von Gefühlen beherrschen lassen”.

Hoffmann beendet den Text mit

“Diese Menschen sind blind für die Not anderer. Sie sehen nur sich selbst. Und die Probleme, die sie bekommen könnten, wenn eines Tages zu viele Zuwanderer in Deutschland leben. Sie verstehen nicht, was Menschlichkeit ist. Sie stehen mit dem Kopf zur Wand und sehen nur Tapete. Wenn wir die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland in den Griff bekommen wollen, müssen wir hier ansetzen. Alles andere ist nur Kosmetik.”

Weiterlesen

Sojourner Truth – ein Leben als Kampf für ihre Wahrheit

Sojourner Truth

By Unidentified Artist (Details of artist on Google Art Project) [Public domain], via Wikimedia Commons

[…] If the first woman God ever made was strong enough to turn the world upside down all alone, these women together ought to be able to turn it back and get it right-side up again. […]”Sojourner Truth (1851)Ain’t I a Woman?

[…] wenn die erste Frau, die Gott je schuf, stark genug war, die Welt von oben nach unten zu drehen, dann sollten diese Frauen zusammen in der Lage sein, sie wieder richtig zu drehen und die richtige Seite nach oben zu kriegen.[…]

Sojourner Truth war eine Abolitionistin der Sklaverei und eine Frauenrechtlerin, die allerdings auch streng religiös war. Ihre eigene Lebensgeschichte war von schrecklichem Leid und Gewalt geprägt.

Sie hat durch ihre Verbissenheit einen wichtigen Baustein für das Frauenwahlrecht für schwarze Frauen gelegt, auch wenn dieses Ziel erst lange nach ihrem Tod erreicht wurde.

Sojourner wurde ca. 1797 als Isabella Baumfree geboren. Sie war eines von ungefähr 12 Kindern der Sklaven James und Elisabeth Baumfree in New York. Die Familie  befand sich im Besitz des Colones Hardenbergh, der nur holländisch sprach.

Weiterlesen

Humpahumpatätaräää, Helau und Alaaf – Alles nur Jux und Tollerei?

Beispielplakat Mainzer Hurenball - Hier von 2010. Quelle. Facebook

Habt ihr ihn auch noch in den Ohren den Schlachtruf der letzten Wochen? „Satire darf alles!“ – Rassismus, Sexismus, Homophobie. Alles scheiss egal, ist halt Satire. Und wer das geschmacklos und nicht lustig findet, soll sich nicht so anstellen. Meinungsfreiheit und so.

Samstag in die Stadt zum Einkaufen gefahren und die bittere Erkenntnis: Fastnacht steht vor der Tür und es wird bald wieder Zeit für Menschen, die das Vergnügen haben in einer „Fastnachtshochburg“ zu leben, sich mindestens eine Woche zu Hause einzusperren um diesem Wahnsinn irgendwie halbwegs unbeschadet zu entgehen. Überall „lachten“ mich wieder unsägliche Plakate an. Rotlicht ist dieses Jahr offenbar wieder ein beliebtes Thema im Rhein-Main-Gebiet. Ob die 10. Auflage des „Mainzer Hurenballs“ oder in Wiesbaden die Neuauflage der Party „Rotlicht, Kiez und Leichtmatrosen“. Das Bühnenbild in Aulhausen zeigt die weit gespreizten, bestrapsten Beine einer Frau, Motto „Auf St. Auli brennt noch Licht“ (Danke an MS für den Hinweis). Sehr originell. Wirklich. Schade, dass es hier keinen “rollende-Augen-Smiley” gibt.

Aulenburger Fastnacht 2015, Quelle: Facebook

Aulenburger Fastnacht 2015, Quelle: Facebook

Lassen wir mal außen vor, dass bei der Fastnacht die so genannten Elferräte fast ausschließlich männlich besetzt sind und Frauen sich in der Regel nur als Funkenmariechen oder im Prinzenpaar verdingen können. Obwohl okay, sie haben ja ihre „(Alt-)Weiber“-Fastnacht und dürfen Männern ihre Krawatte abschneiden. Vielleicht seh ich das einfach zu eng.

Schauen wir uns mal die genannten Veranstaltungen (exemplarisch) etwas näher an.

Die „Mega-Party“ „Rotlicht, Kiez und Leichtmatrosen“ wird wie folgt beworben:

„Ob Nutten und Luden, Matrosen und Showgirls – alles was auf dem Hamburger Kiez Rang und Namen hat feiert an diesem Fastnachtsfreitag bei uns in der Schmelze bis in die frühen Morgenstunden“

Die Rollenverteilung ist klar: Als Frau kann ich mich für eine Verkleidung (und Rolle) der „Nutte“ oder „Showgirl“ entscheiden. Ich stell mich wahrscheinlich einfach nur an, wenn das für mich irgendwie so keine Option sein will. Nicht mal als Verkleidung.

Beim „Mainzer Hurenball“ kann ich sogar noch einen Schritt weiter gehen und, wie so viele andere, im Netz eine Anzeige schalten „Wer will mich denn begleiten und es beim Hurenball wild treiben? TG (Taschengeld) erwünscht“

In der Ankündigung heißt es

„An 364 Tagen im Jahr verstehen Menschen das Wort “Hure” eher negativ. Doch an Fastnacht ist alles ein bisschen anders. Denn der Mainzer Hurenball ist eine feste Institution zur Weiberfastnacht geworden.“

An Fastnacht darf Frau also mal einfach „Hure spielen“ – und wenn sie will das Video hinterher auf die einschlägigen Videoportale stellen. Unter dem Stichwort „Mainzer Hurenball“ finden sich zumindest zahlreiche Treffer von der „geilen Nathalie“, zu „besoffenen Piss-Exzessen“ und „drunken gang bang“ – alles dabei.

Dass die Fastnachtszeit auch eine beliebte Zeit für den Einsatz von KO-Tropfen und für Vergewaltigungen ist, soll hier nicht unerwähnt bleiben. Im Zweifelsfall schiebt man das eben in bekannter Victim Blaming Manier den Opfern selbst in die Schuhe:

„Es gibt 14-, 15-Jährige, die werden Opfer sexueller Übergriffe, die wissen nicht mehr, was sie tun, wenn sie volltrunken auf dem Rosenmontagszug herumfallen.“  (Wiesbadener Kurier)

Problem gelöst: Jugendliche sollen einfach weniger trinken, nicht etwa Männer weniger sexuell übergriffig werden.

Nun zu einem anderen Aspekt: dem Rassismus

Vereinssymbol, Quelle: Google +

Vereinssymbol, Quelle: Google +

In Frankfurt beispielsweise gibt es einen Carnevalsverein, der sich „Die Kameruner“ nennt. Die hielten noch bis vor wenigen Jahren ihre „Negersitzung“ ab und sprangen braun angemalt im Baströckchen auf der Bühne herum.

Auch wenn die Sitzung, vor allem wegen des Protests der „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ inzwischen umbenannt wurde in „Hulla Rumba Sitzung“ – wirklich verstanden wurde die Kritik nicht. Blackfacing findet nach wie vor statt – und der 1922 gegründete Verein macht natürlich auch keine Anleihen an den Kolonialismus der Deutschen in Kamerun. NEEEIEN, wer kommt denn auf solche abwegigen Ideen?

Karneval Megastore, Modell "Sexy Zigeunerin"

Karneval Megastore, Modell “Sexy Zigeunerin” (http://www.karneval-megastore.de/html/product_info.php?products_id=45641)

Laut Aussagen von Kostümläden sind die beliebtesten und am schnellsten vergriffenen Kostüme „Zigeunerin“ (klassisch und sexy), „der Mohr“, „Native American“ oder auch, Achtung kombiniert mit Homophobie, “die Afrotucken“.

Übrigens beim Kostüm der Zigeuner-Wahrsagerin schließt sich dann der Kreis wieder:

“Zu dieser Wahrsagerin kommen hauptsächlich männliche Kunden – und auch diese nur nebensächlich wegen Ratschlägen zu ihrer Zukunft.” http://www.phaeoshop.de/fasching/Karnevalskost%25FCme%2BKlassiker/?seite=3

Interessant ist immer wieder festzustellen, dass selbst eingefleischte AntifaschistInnen von Kritik an diesen zweifelhaften Verhaltensmustern nichts wissen wollen. Wenn es um Fastnacht geht ist political correctness nicht besonders gefragt.

„Kein Narr will irgendwen beleidigen, alles Jux und Tollerei“ – ach was sind wir doch wieder für verklemmte und spießige Spaßbremsen.