Schlagwort: Trauma

Feminismus im Eimer – Die Happy Sexwork Lüge und Feminismus, der keiner ist

Die Störenfriedas, heißt es oft, sind immer so dagegen. Das stimmt. Wir sind gegen vieles. Uns gibt es, weil wir laut und hörbar eine gegenteilige Meinung vertreten wollen, weil wir genug davon haben, dass Feminismus zu einem Lifestyle wird, dass Frauen aufhören, weniger als die Freiheit für sich zu fordern, auch wenn das bedeutet, uralte Privilegien anzugreifen und richtig unbequem zu sein. Feminismus, der bequem ist, der Beifall bekommt aus der Mitte einer Gesellschaft, die ihre patriarchalen Grundlagen weder erkennt noch reflektiert, ist kein Feminismus, aber der Widerspruch fällt den wenigsten auf, und auch das nicht aus Zufall. Wer „anschlussfähigen“ Feminismus betreibt, wird gerne als Feigenblatt genommen und bekommt Öffentlichkeit. Wer Bullshit anprangert, wird angegriffen. In erstere Kategorie fällt die Positionierung zur Sexarbeit des feministischen Kollektivs „Feminismus im Pott“.

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Ein Teil von mir

Tear, Träne

By NessaLand (tear) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

Ein Gastbeitrag von Laura Hertzog

Als ich ihn 2011 kennen gelernt habe, habe ich geglaubt das alles wäre ein Traum. Ich war 16 Jahre alt und hatte im Sommer gerade mit dem Abitur angefangen. Mittlerweile war es Winter, genau genommen Januar. Auf einer Disco wurden wir einander vorgestellt und es war sofort ein Draht da. Wir haben uns öfter wieder getroffen und am 12. Februar waren wir schließlich ein Paar. Ob ich wirklich verliebt war, oder ob ich nur in das Gefühl verliebt war, dass er mich scheinbar mochte… Ich weiß es nicht!

Ich weiß nur, dass er mir nach einem halben Jahr die rosarote Brille nicht einfach abgenommen hat, sie wurde mir mit einem Ruck und ohne Vorwarnung vom Kopf gerissen. Die darauffolgenden zweieinhalb Jahre hätte ich mir getrost sparen können. Streit, Wut, ständige Auseinandersetzungen, nie enden wollende Diskussionen, eine Menge Tränen meinerseits und diese Aggression. Diese schiere Kraft, die dieser 190cm Kerl hatte. Es war mehr als nur einmal verdammt knapp an meinem Gesicht vorbei.
Das Loch in der Rehgipswand seiner alten Wohnung erzählt nur eine unzähliger Geschichten, in denen er sich gerade noch zusammen reißen konnte, nicht mich, sondern einen Gegenstand zu schlagen.

Davon ab, dass unsere Beziehung in etwa funktionierte wie ein Blinker. Alle Nase lang trennte er sich von mir und kam dann wenige Tage oder Stunden später wieder zurück.
In der Zwischenzeit hatte ich mein Abitur in der Tasche und begann ein duales Studium. Unbewusst reizte ich ihn damit nur noch mehr, da ich so eine Karriere hinlegte, während er „einfach nur Krankenpfleger“ war – wie er es immer nannte. Er wollte doch so gerne auch mal Abi machen und hätte am liebsten gestern angefangen zu studieren.
Meines Wissens hat er es bis heute nicht gemacht, nicht weil er zu doof wäre, ihm fehlt der Mut einen solchen Schritt zu gehen!

In der Uni und auf der Arbeit habe ich dann gelernt, dass es ja noch andere Menschen neben ihm gibt, die mich nett finden. Ich begann mich viel zu unterhalten und das eben auch mal über Themen, die ich spannend fand! Da waren Leute, die meine Musik mochten. Er hat sie gehasst, wir haben fast nur gehört, was er mochte.
Am 1. März war es soweit! Ich konnte die ganze Nacht nicht einschlafen, habe mich rumgewälzt und gegrübelt, bis ich mich entschlossen hatte, mich von ihm zu trennen. Kaum war dieser Gedanke zu Ende gedacht, bin ich eingeschlafen wie ein Baby.
Am nächsten Tag kam er zu mir und wir führten eine dieser stereotypischen Trennungsgespräche, in denen er nicht einsehen wollte, dass ich es so meine, wenn ich Schluss mache!
Ähnlich wütend wie schon hunderte Male zuvor verließ er mein zu Hause, nur dass er nie mehr wieder kommen würde.

Bis Mitte Juni herrschte absolute Funkstille… bis wir uns auf einem Dorffest wieder über den Weg liefen. Er war äußerst nett zu mir, entschuldigte sich sogar für alle Lügen, die er über mich verbreitet hatte und wir unterhielten uns, über eine Stunde, sehr nett miteinander. In den darauffolgenden Wochen trafen wir uns mehrere Male, um einen Kaffee gemeinsam zu trinken. Immer kam ich mit dem Auto meiner Eltern zum Treffpunkt (sehr bekannte Fast Food Kette) und immer waren es sehr angenehme Abende, an denen wir uns über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft austauschten.

An jenem Abend hatten wir uns wieder einmal kurzfristig per Whatsapp verabredet, doch ich konnte das Auto meiner Eltern nicht haben, da sie selbst weg wollten. Nachdem ich ihn darüber informiert hatte, schlug er vor, er könnte mich ja gerne abholen.

Ich muss dazu kurz etwas einwerfen. Ich bin totaler Bauchmensch. Mein Bauch hat immer Recht. Nur will mein Kopf das nicht einsehen. Ich stehe vor einer Entscheidung und mein Bauch sagt sofort Ja oder eben Nein. Und dann mischt mein Kopf sich ein… er will immer erst mal noch in Ruhe über alles nachdenken, die Situation abwägen etc. Und am Ende kommt er in einem Großteil der Fälle immer auf dieselbe Schlussfolgerung, wie der Bauch sie vor Minuten, Stunden oder Tagen schon gezogen hatte. Auf meinen Bauch ist Verlass!

Ich las die Nachricht mit seinem Vorschlag und sofort schrie mein Bauch laut, ich sollte das bloß nicht machen. „Was ist denn mit dem los?“ meldete sich sofort der Kopf. „Also bitte, ihr trefft Euch ja nicht das erste Mal auf einen Kaffee und er war doch immer total nett, jetzt stell Dich mal nicht so an.“ Die Schlussfolgerung meines Kopfes klang für mich in diesem Moment vollkommen logisch. Ich befahl meinem Bauch Ruhe zu geben und wenige Stunden später stieg ich in den Wagen meines Ex-Freundes.

Mein Bauch spürte sofort, dass da etwas nicht stimmte. Irgendwas war anders. Ständig redete er über unsere Beziehung und lobte sie in den höchsten Tönen. Er erklärte mir den ganzen Abend, was er alles daran vermisse und dass er gerne nur für einen Abend alles wieder aufleben lassen würde. Mein Bauch schimpfte erneut, mein Kopf sagte wieder: „Mach Dich nicht verrückt, ist doch schön, wenn er endlich auch mal die positiven Seiten der Beziehung sieht.“

Und dann wollte er mir seine Wohnung zeigen…
Was er zunächst auch tat, bis wir im Türrahmen seines Schlafzimmers standen.
„Nur noch einen Kuss, einen allerletzten Kuss möchte ich!“ waren seine Worte, doch ehe ich auch nur irgendeine Antwort formulieren konnte, hatte er sein Vorhaben schon in die Tat umgesetzt. Jedes Mal, wenn er seine Lippen ganz kurz von meinen löste, sagte ich „Nein!“ oder „Wir sollten das nicht machen!“ Er presste mich ganz fest gegen den Türrahmen und ich wusste nicht mehr was ich tun sollte.

Wenige Minuten später hatte er mich schon auf sein Bett geschmissen und sich auf mich gestürzt. Ich murmelte immer wieder „Nein!“ Mit jedem Kleidungsstück, um das er mich erleichterte, sagte ich „Lass das!“ Er fasste mich an, genau wie früher immer und es fühlte sich so falsch an. Knappe 100 Kilogramm, verteilt auf 1,90m Mann lagen dort auf mir. Er war forsch, nicht gewalttätig, aber grob. Mit seinen großen Händen kannte er wie immer nur zwei Stellen an meinem Körper, meine Brüste und meinen Schritt. Er knetete meine Brüste so fest, dass ich stöhnen musste vor Schmerz, für ihn wohl ein Signal von Lust, denn kurz darauf…

Vor Angst war ich so angespannt, dass es unwahrscheinlich wehtat. Jeden Millimeter, den er sich nun bewegte löste Hass, Angst und Schmerzen in mir aus. Ich resignierte, nachdem ich gefühlte 100 Mal laut und deutlich „Nein“ gesagt hatte, wusste ich nicht mehr, was ich machen sollte. Ich hörte auf mich aufzubäumen und lies es über mich ergehen. Wenn Du jetzt still hältst, geht es ganz schnell, dachte ich.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich es „über mich ergehen“ lassen habe. Waren es nur wenige Minuten? Es fühlte sich an, wie Stunden, bis endlich, plötzlich seine Wohnungstür aufsprang (direkt gegenüber von der Schlafzimmertür, die nicht geschlossen war!) und seine Nachbarin dort stand und direkt auf uns drauf schaute.

Er sprang erschrocken von mir runter, lachte laut und als ihr erster Schock überwunden war, drehte sie sich auf dem Absatz um und verließ kichernd die Wohnung. Ich hatte mich nicht einen Millimeter gerührt, als er mich ansah, sich das Kondom abstreifte und mich grinsend beäugte. „Schade, dass wir das nicht zu Ende führen konnten!“ Mit diesen Worten griff er nach seinen Klamotten und begann sich anzuziehen.

Noch immer gelähmt, weil ich einfach schier überfordert mit dieser gesamten Situation war, starrte ich ihn an. „Ich bringe Dich jetzt besser nach Hause!“ sagte er, beugte sich zu mir und küsste mich noch einmal. Sofort spannten sich wieder alle Muskeln meines Körpers an. „Bitte nicht!“ schrie es in mir und er löste sich wieder von mir und verließ den Raum. Ich konnte hören, wie er sich in der Küche eine Zigarette anzündete, als schließlich auch ich aufstand und mich anzog.

Ohne weitere Vorkommnisse fuhr er mich nach Hause. Wir redeten nicht mehr viel. Als ich ausstieg wünschte er mir, mit einem widerlichen Grinsen auf dem Gesicht, eine gute Nacht und süße Träume, am besten vom heutigen Abend. Ich versuchte den Kloß in meinem Hals herunter zu schlucken und krächzte: „Gute Nacht!“ ehe ich die Haustür hinein und geradewegs ins Badezimmer ging.

Ich ging sofort duschen, schmiss alle Klamotten, die ich trug in die schmutzige Wäsche. Ich fühlte mich so dreckig. Als wäre ich mir selbst fremdgegangen und müsste nun alle Spuren beseitigen, damit ich nichts davon erfuhr.

Es klappte, zumindest eine Zeit lang. Ich begann zwei Monate später eine neue Beziehung, die bis heute anhält und wirklich wundervoll ist! Es dauerte zwei Jahre, bis ich verstand was passiert war. Beim Verkehr mit meinem neuen Partner, nach bereits zwei Jahren Beziehung hatte ich das erste Mal einen Flashback. Er lag auf mir, war zärtlich und liebevoll wie immer und plötzlich… ich schrie, ich weinte, ich hatte solche Angst vor ihm, stand kurz vorm Hyperventilieren.

Wie immer reagierte er wunderbar! Er löste sich sofort von mir, nahm mich in den Arm und lie mich einfach weinen und schreien. Er streichelte mich und sagte mir immer wieder, dass er bei mir sei und mich beschützen würde, dass alles gut sei, dass er mich liebe.

Mit diesem Flashback ging ich zu meinem Therapeuten, der mich zu diesem Zeitpunkt bereits etwa 6 Wochen durch meine Depression begleitete. Nachdem wir uns einige Stunden ausführlich über das geschehene und „ihn“ unterhalten hatten, sagte er die wohl wichtigsten Worte, die jemals einer im Zuge dieses Abends zu mir gesagt hat. „Warum habe ich mich nicht gewehrt? Wie konnte ich so dumm sein und es einfach über mich ergehen lassen? Warum habe ich es nicht wenigstens versucht?“ Er lächelte mich verständnisvoll an und legte seinen Kopf leicht zur Seite. „Ich kenne ihn nicht, aber ich kann ihnen sagen, so wie sie ihn beschrieben haben, hat ihr Unterbewusstsein an diesem Abend genau die richtige Entscheidung getroffen. Sie haben sich nicht gewehrt, weil es alles nur schlimmer gemacht hätte. Er wäre gewalttätig geworden. Er hätte nicht aufgehört!“

Heute, zweieinhalb Jahre später, kann ich darüber reden, ich kann es aufschreiben, ich kann „damit umgehen“. Er wollte mir einfach nach über einem Jahr Trennung beweisen, dass er mich immer noch im Griff hat. Sein Ego hat es nicht verkraftet, dass ich ihn verlassen und damit so bloß gestellt habe.

Damals wie heute habe ich nicht angezeigt. Wie auch? Er war schlau genug ein Kondom zu benutzen und da er nicht gewalttätig war, hatte ich keinerlei Hämatome oder ähnliches vorzuweisen. Aber das ist es nicht, was mich stört. Er wird seine Rechnung bezahlen, dafür werden Karma, Schicksal, Gott oder wie man es auch immer nennen mag schon sorgen. Was mich stört ist nicht die Tat als solche, oder die Bilder, nein!

Mich stört die Tatsache, dass es ein Teil meines Lebens ist und er es entschieden hat, dass ich keinerlei Einfluss darauf hatte. Ich werde es in fünfzig Jahren noch mit mir herum tragen müssen, egal wie präsent die Bilder dann noch sind, ich hatte keinen Anteil an seiner Entscheidung.

Und wieder einmal ist es bestätigt, dass es in den seltensten Fällen „der fremde Besoffene hinterm Busch“ ist, sondern in den meisten Fällen leider jemand, der einem nahe steht. Jemand den ich geliebt habe, mit dem ich drei Jahre meines Lebens verbracht habe und dem ich vertraut habe…

Ein Nachtrag zur Nachhilfe und anderen Posts

Blumenwiese

Bild via Pixabay, Public Domain

Wisst ihr, ich habe heute Nacht wach gelegen, wie davor die Nacht auch. Eine Sache, die mich umtrieb, war die Frage, ob ich mit meinem letzten Post diesen Blog und meine lieben Redakteurinnen, die mir diese Plattform geben, blamiert habe oder ob ich mich in der Dokumentation dessen, was ich lächerlich finde, nicht selbst lächerlich mache oder mich ins gleiche Fahrwasser begebe. Tausendmal lag meine Maustaste auf dem Schalter, alle meine Beiträge wieder in den Entwurfsmodus zu versetzen. Weil sie auch etwas mit mir anrichten, aber das ist jetzt was anderes. Bei der Frage gestern und vorgestern habe ich mehr im Fokus gehabt, dass es im Grunde relativ sinnfrei ist, einen offenen Fight zu führen und die Leserinnenschaft in Unkenntnis über Details zu lassen. Dafür, das möchte ich betonen, bitte ich um Entschuldigung.

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„Ich hasse es ein Ding zu sein“

Marilyn Monroe

By Milton H. Greene [Public domain], via Wikimedia Commons

Norma Jeane Baker wurde am 1. Juni 1926 in Los Angeles geboren. Es gibt wohl kaum jemanden, der/die den Weltstar Marilyn Monroe nicht kennt. Als Sexsymbol ging sie in die Geschichte ein, und als solches gilt sie bis heute.

Sehr selten spielt jedoch ihre traurige Lebensgeschichte eine Rolle. Dabei waren ihre Drogen-, Alkohol- und psychischen Probleme durchaus bekannt. Norma litt unter Depressionen, Schlaflosigkeit, Unsicherheit und der Unfähigkeit anderen zu vertrauen. Viele, die sie kannten, hatten das Gefühl sich in ihrer Gegenwart auf dünnem Eis zu bewegen – sehr schnell konnte ihre Laune umschlagen.

Normas Mutter, Gladys, litt unter Schizophrenie und verbrachte viele Jahre ihres Lebens in psychiatrischen Krankenhäusern. Dies führte dazu, dass Norma bei diversen Pflegefamilien und in insgesamt elf Kinderheimen aufwuchs.

Im Heim wurde sie weiderholt, beginnend von ihrem achten Lebensjahr,  hauptsächlich von einem Mann (vermutlich George Atkinson) über einen längeren Zeitraum hinweg sexueller Gewalt ausgesetzt. Als sie davon berichtete (man sagt u.a. ihrer Mutter), glaubte man ihr nicht – der Klassiker –  und es wurde ihr erwidert, der Täter sei ein „guter Christ“ und seine Mietzahlungen an das Heim seien sehr wichtig. Ihre Mutter habe sie auch als „Schlampe“ bezeichnet.

Norma musste mehrfach das Heim wechseln, weil sie unterschiedlichen sexuellen Belästigungen ausgesetzt war. Sie musste gehen – nicht die Täter. Wie muss dies als Botschaft auf ein Kind wirken?

Im Jahr 1942 heiratete sie, im Alter von 16 Jahren, den fünf Jahre älteren James Dougherty. Die Ehe scheiterte und wurde nur vier Jahre später wieder geschieden. Später folgten weitere Ehen.

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(Internalisierter) Neoliberalismus: Jetzt reiß dich halt zusammen!

Gleise Bahnhof Köln-Deutz

Gleise Bahnhof Köln-Deutz

Die Störenfriedas sind ein Projekt von Frauen für Frauen. Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen an dieser Stelle regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Anmerkung: Dieser Text ist stellenweise zynisch. Das ist nicht unbedingt ein „literarisches Mittel“, sondern in erster Linie eine Überlebensstrategie.

Mein Rentenversicherungsträger hat mir kürzlich mitgeteilt, dass ich weder arbeits- noch rehabilitationsfähig bin. In der Konsequenz heißt das, dass er mich in Rente (auf Zeit) schickt. Das gibt Mitmenschen Anlass mir mitzuteilen, dass ich entweder faul bin oder mich nicht so anstellen soll oder zu sagen: „Ich schaffe es schließlich auch.“

In meinem Leben gibt es im Moment ein Tabu, einen Teil Alltag, den ich am liebsten immer und überall verschweigen möchte: Ich lohn-arbeite nicht, denn ich bin nur begrenzt gesellschaftlich verwertbar arbeitsfähig. Als ich vor ca. einem Jahr an einer schweren Depression erkrankte und sich zeitgleich die Symptomatik meiner Posttraumatischen Belastungsstörung (in der Ausprägung einer Dissoziativen Identitätsstruktur1) drastisch verschlechterte, musste ich ins Krankenhaus, in ein psychiatrisches versteht sich. Nach wenigen Monaten kündigte mir mein Arbeitgeber und meine Kund_innen aus selbstständiger Tätigkeit suchten sich eine andere Dienstleisterin (verständlich, zumindest Letzteres). Ca. 5 Monate war ich von der Bildfläche verschwunden, mein mir ohnehin nur spärlich möglicher (wegen meiner Erkrankung/en) politischer Aktivismus fror ein, soziale Kontakte brachen ab und Freund_innen (nicht alle! Es verfestigten sich zeitgleich andere <3.) suchten (mal wieder) das Weite. Als ich Mitte August nach Hause kam, war ich in noch desolaterem Zustand als vorher, denn ich hatte eine abgebrochene, versuchte Traumatherapie hinter mir (hierzu wird in nächster Zeit ein weiterer Artikel erscheinen, in dem dezidiert über das Erlebnis mit – missglückter – Traumatherapie berichtet wird). Diese wurde mir im Krankenhaus empfohlen, weil monatelanges Rumdoktern an meiner Psyche erfolglos blieb; hätte ich eine Traumatherapie erst einmal hinter mir, würde auch alles andere nach und nach besser.

Fehlsch(l)uss.

Dieser Tiefschlag im letzten Jahr war nicht der erste in den letzten Jahren. Er war vielmehr der dritte innerhalb der letzten 4 Jahre. Davor ging es mir lange Zeit einigermaßen gut (so gut es einer eben gehen kann mit Traumafolgestörungen und rezidivierender depressiver Erkrankung) und ich führte ein stabiles und gesellschaftlich (einigermaßen) unauffälliges Leben. Vor vier Jahren erreichte mich dann nach langer Zeit wieder ein massiver gesundheitlicher Einbruch. Von der Traumafolgestörung abgesehen: Eine schwere Depression ist unendlich schmerzhaft und mit ihr geht einher, dass eine sich genauso unendlich schämt. Dafür, einfach nichts mehr zu schaffen. Auch nicht, eine Packung Pommes in den Ofen zu schieben. Depressionen erzeugen Schmerzen in Körper und Seele, die unerträglich sind. Wenn ich jetzt an diese Zeit zurück denke, breche ich in Tränen aus, Tränen, die ich während der Depression nicht weinen konnte (ich hätte so gerne gewollt!). Und nachdem es mir wieder besser ging, dauerte es kein Jahr, bis der nächste Schub kam. Und dann, dann wurden die Abstände immer kürzer, die Abstände zwischen gut und schlecht gehen und durch einen Auslöser in meinem familiären Umfeld fiel ich Anfang des letzten Jahres so tief, dass ich, im Rahmen einer dissoziativen Amnesie, einen Haufen Medikamente aus meinem Tablettenfundus – von dem ich bis dato nicht mal wusste, dass er existiert – in mich reinstopfte.

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Warum Traumata nicht „aufzulösen“ sind

Kunsttherapie

Kunsttherapie, Abdrücke von Händen. Lizenz: Public Domain, Quelle: stux bei pixabay

Ich habe in den letzten Tagen irgendwo den Tweet einer Psychotherapeutin gelesen, in dem sie schrieb, ihr würde es nicht schwer fallen, „Traumata aufzulösen“ (wohingegen sie Häkeln nicht so gut beherrsche). Es ist nicht das erste Mal, dass ich etwas Derartiges lese und es schnürt mir, als schwer traumatisierter Person, jedesmal den Hals zu.

Traumata, in meinem Fall sexuelle und anderweitige körperliche Misshandlungen und psychischer Terror, lassen sich nicht „auflösen“. Es kommt einem Hohn und einer absoluten Verharmlosung gleich und es zeugt von Selbstüberschätzung und Fehleinschätzung von Trauma-Auswirkungen, so etwas zu behaupten (ja, ich weiß, sie, die TherapeutInnen, die das behaupten, meinen es sicher gut, ja, ich weiß).

Diese Aussage impliziert, dass Traumata einfach verschwinden können, dass die Auswirkungen gänzlich korrigierbar, heilbar sind, aber das ist nicht der Fall.

Ich habe sehr lange dafür gebraucht zu verstehen und vor allem zu glauben, dass es Familien gibt, in denen die Kinder nicht geschlagen, nicht vergewaltigt, nicht psychisch terrorisiert werden. Meine Realität, mein Erleben in einer Familie, in der Gewalt an der Tagesordnung war, war mein „Default“, meine Standardeinstellung im Betriebssystem des Lebens. Ich war Jahrzehnte nicht wütend darüber, ich habe mir schließlich für all das die Schuld gegeben. Was soll ich sagen? Dieses Gefühl, dieses Erleben, diese Wahrnehmung bleibt. Und wenn sie mal über einen bestimmten Zeitraum aus dem Bewusstsein verschwunden zu sein scheint, dann braucht es einen minimalen Auslöser, eine Sekunde, um in dieses System hinein katalputiert zu werden, in dem ich so defizitär sozialisiert wurde.

Ja, vielleicht meinen diese TherapeutInnen damit etwas ganz Anderes, wenn sie von „auflösen“ sprechen. Mit Sicherheit wird mir das gleich erklärt. Dann sollten sie einen anderen Begriff wählen: Kein Wort ist nur ein Wort.

Eine Therapie kann helfen. Sicher. Ich habe auch eine gemacht. Ich war irgendwas zwischen 20 und 25, hatte ein Studium angefangen, eine niedliche Miniwohnung angemietet und lebte in einer wunderbaren Großstadt. Und trotzdem war ich mit Lebensoptionen beschäftigt, die so gar nicht typisch für eine solche 20-Jährige waren: Ich überlegte jeden Tag, ob ich mich von einer dieser Rheinbrücken stürze oder mich dauerhaft mit Drogen abschieße. Ich wachte jeden Morgen auf und überlegte, mich lieber jetzt schon, statt erst abends zu betrinken. Weil dieser Lebensschmerz einfach so maßlos war und mich jeden Tag überwältigt hat. Die Therapie damals, sie half. Und ich weiß tatsächlich manchmal nicht, ob ich ohne sie heute auch in diesem Arbeitszimmer sitzen und Artikel ins Internet schreiben würde.

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