The Circle – eine Zukunftsvision mit Fehlern

Buchcover: The Circle

Dave Eggers: The Circle, Kiepenheuer & Witsch, 2014

David Eggers hat mit “The Circle” eine düstere Zukunftsvision geschrieben: In naher Zukunft wird unser aller Leben von nur einem einzigen Untenehmen bestimmt werden: The Circle. The Circle ist der weltweite Monopolist im Internet, nahezu alle Suchanfragen laufen über die Seiten der Firma, doch der eigentliche Clou ist, dass Menschen mit ihrem “TrueYou”-Account bezahlen können. Der TrueYou Account hat mit Trollerei und falschen Identitäten Schluss gemacht – und zugleich ein Zeitalter freiwilliger, totaler Überwachung eingeleitet. Unmengen an Daten werden gesammelt und miteinander verknüpft. Dank Kameras, Gesichtserkennung und einem alles ad absurdum führenden Maß an sozialer Interaktion im Internet ist jeder jeder Zeit überwachbar. Individualität und Freiheit gibt es nicht mehr – doch David Eggers Clou ist gerade, dass die Menschen sich in diese Art der Überwachung vollkommen freiwillig begeben, weil sie daran glauben, dass die Welt sicherer und besser wird. The Circle nimmt schließlich Einfluss auf das politische Weltgeschehen, macht Politiker “transparent” und übernimmt auch gleich die Wahlen. Die Hauptfigur in dem Buch ist die junge Mae Holland, die von der Macht und Innovatitvität des Circle so beeindruckt ist, dass sie bereitwillig zu einer seiner bekanntesten Vertreterinnen wird. Obwohl sie von Eltern und Freunden außerhalb des Circle gewarnt wird, kann sie sich dem Sog des Circle nicht entziehen und ist von seinem Potenzial, die Welt zu verbessern, überzeugt.

David Eggers Buch ist spannend und klug geschrieben, auch wenn die Handlung an einigen Stellen flach bleibt – doch mir erschien das eher wie ein Abbild unserer extrem verflachen Online-Kommunikation, die reale Gespräche und Freundschaft nie ersetzen kann. In dem sinnlosen Zwang, permanent online zu interagieren, wird wunderbar deutlich, dass man darüber glatt vergessen kann, sein richtiges Leben zu führen. Die virtuelle Welt ist kein Ersatz für echte Beziehungen, echte Erfahrungen. Auch die Bedrohung, die die vollkommene Transparenz im Netz mit sich bringt, wird schreckensvoll gezeichnet – technisch möglich sind Gesichtserkennung, Tracking und so weiter heute schon. Doch das wirklich Erschreckende an Eggers Buch ist, dass es aufzeigt, dass viele Menschen ihre Daten vollkommen freiwillig hergeben, ohne sich über die Konsequenzen im Klaren zu sein.

Jede Generation hat wohl ihr Buch – “Die Welle”  oder “1984”, in denen ein böses Ende für derzeitige Entwicklungen vorausgesagt wird. David Eggers dürfte den Nerv besorgter Eltern und Lehrer treffen, die sich um ihre Kinder und Schüler und ihre Sorglosigkeit im Umgang mit den Möglichkeiten des Internets sorgen. Doch genau da ist der Haken: David Eggers Darstellung von der freiwilligen Auslieferung von Daten funktioniert ein wenig zu glatt. Die wenigsten von uns wollen immer und überall im Netz erkannt werden und es gibt durchaus Bemühungen, sich gegen Datenkraken wie Google und Facebook ebenso wie die Netzspionage der NSA zu wehren. Auch wenn dieser Gegenbewegung noch keine großen Erfolge gelungen sind – der Entstehung eines Circles würde sie wohl einiges entgegen setzen. David Eggers geht davon aus, dass Trolle im Internet nur deshalb so auftreten, weil sie anonym bleiben können. Doch in Wirklichkeit ist Trollen längst ein weithin akzeptiertes Verhalten von überwiegend Männern geworden, das sich oft genug gegen Frauen und ihr Auftreten im Internet richtet. Fake-Accounts werden dazu selten benutzt – der Beifall der eigenen Community ist zu wichtig und wer auf einen dummen Spruch nicht klar kommt, ist eben ein Spaßverderber. Das gilt für sexistische Sprüche ebenso wie Rassismus. Und noch ein Bereich wird in dem Buch ausgeklammert: Der Erfolg des Internets und so ziemlich jedes Online-Bezahlsystem, das wir kennen, wurde durch die Pornobranche ermöglicht. Es wäre spannend zu erfahren, wie David Eggers hier mit Transparenz umgegangen wäre.

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