Trauriger Jahrestag: vor 34 Jahren kamen die beiden Vietnamesen Ngoc Nguyen und Anh Lan Do bei einem Neonazi-Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Hamburg ums Leben

El Fascismo Mata - Fascism Kills - Graffiti

By Adam Jones, Ph.D. (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Im August 1980 lebten in der besagten Unterkunft im Hamburger Stadtteil Billbrook 240 Menschen: 211 so genannte Boatpeople aus Vietnam und 29 Roma. In der Nacht zum 22. August 1980 warfen Neonazis einen Molotow-Cocktail in eines der Fenster der Unterkunft. In dem Zimmer dahinter schliefen der 22jährige Ngoc Nguyen und der 18jährige Anh Lan Do. Beide erlagen ihren Verletzungen. Die Tat, ausgeübt von der von Anwalt Manfred Roeder gegründeten und später verbotenen Neonazi-Gruppierung Deutsche Aktionsgruppen, gilt als der erste Brandanschlag mit Todesfolge auf ein Asylbewerberheim.

Gedenken an die Opfer

Dieser todbringende Anschlag ist eine Folge der sich ungehindert ausbreitenden militanten neofaschistischeOrganisationen in der alten Bundesrepublik, die Mitte der 1970er Jahre u. a. mit der Gründung der Wehrsportgruppe Hoffmann begann, und allein in den Jahren 1980 – 82 mehr als 20 Menschen das Leben kostete. Mit der Person Manfred Roeder, seines Zeichens u.a. Anwalt von Rudolf Hess, ist die Verbindung geschaffen vom Hitler-Faschismus über die neofaschistischen Umtriebe in den 1970er/80er Jahre und den ersten bekannten rassistischen Mord an den beiden jungen Vietnamesen bis hin zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), der ja bekanntermaßen in diesem Jahrtausend kreuz und quer durch die gesamte Republik mordete, u.a. auch in Hamburg. Insgesamt kamen seit dieser Augustnacht 1980 in der alten und neuen Bundesrepublik knapp 200 Menschen durch rassistische Anschläge oder gezielte Übergriffe ums Leben. Jedenfalls soweit bekannt – möglicherweise waren es wesentlich mehr: bundesweit sollen 746 ungeklärte Mordfälle wieder aufgerollt werden, um einen eventuellen rechtsextremen Hintergrund zu prüfen. Antifaschistische Gruppen rufen für kommenden Samstag zu einer Gedenkkundgebung auf, als ersten Schritt, einen Ort der Erinnerung an Ngoc Nguyen und Anh Lan Do zu schaffen. 

Wie alles begann

Um ganz ehrlich zu sein: es hat gar nicht aufgehört. Bereits 1952, gerade mal sieben Jahre nach dem Sieg über den Hitler-Faschismus, wurde die Wiking-Jugend gegründet. Diese bezog sich in ihrem Namen auf die nordische Rassen-Ideologie und auf die „Division Wiking“ der Waffen-SS. Schon die Wiking-Jugend hatte Vorläufer, aber das würde jetzt komplett den Rahmen sprengen. Der Name war Programm: sie war verbunden mit völkischen und neonazistischen Jugendverbänden, und näherte sich später immer mehr der 1979 gegründeten Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) an, die mit strammer nationalsozialistischer Propaganda von sich reden machte, und an diversen rassistischen Anschlägen beteiligt war. Bei ihrem Verbot 1994 zählte die Organisation 400 – 500 Mitglieder. Sehr beliebt war die Wiking-Jugend bei der NPD wegen ihrer Ordner-Dienste bei deren Veranstaltungen.

1964 wurde ganz offiziell die Nationaldemokratische Partei Deutschland (NPD) gegründet. Die Nazi-Partei konnte 1965 bei den Bundestagswahlen 2% aller abgegebenen WählerInnen-Stimmen auf sich vereinigen. 1966 gelang der NPD der Einzug in die Landesparlamente von Hessen und Bayern, 1967 folgten Bremen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Schleswig-Holstein.Bei der baden-württembergischen Landtagswahl am 28. April 1968 gelang es der NPD, mit 9,8 Prozent in den Landtag einzuziehen.

Damit war der Bann gebrochen – alte und neue Nazis konnten wieder offen agieren. 1973 gründete Karl-Heinz Hoffmann die nach ihm benannte Wehrsportgruppe Hoffmann. “Wehrsport” bedeutet im Grunde nichts anderes als militärische Übungen und Drill. u.a. Nahkampf-Training und Waffenübungen mit scharfer Munition. Die Mitglieder rekrutierte die Wehrsportgruppe Hoffmann u. a. in der Wiking-Jugend. Die Gründung war die Geburtsstunde der militanten Neonazi-Gruppierungen.

1978 traten Michael Kühnen und Christian Worch mit einer spektakulären Aktion in Erscheinung: schwarz uniformiert, mit Eselsmasken und Schildern: “Ich Esel glaub noch, dass in deutschen KZ’s Juden vergast wurden!” zogen sie durch Hamburg-Bergedorf. 1979 wurde die Freiheitlich Deutsche Arbeiterpartei (FAP) unter Kühnens Vorsitz gegründet. Finanziert haben Kühnen & Co ihre Aktivitäten u.a. mit Banküberfällen, ihre Waffen erbeuteten sie bei Überfällen auf Kasernen, u.a. auf den NATO-Truppenübungsplatz in Bergen-Hohne, direkt neben dem ehemaligen KZ Bergen-Belsen, heute größter Truppenübungsplatz der NATO außerhalb der USA. Für die Raubzüge mussten sich Kühnen und seine Mannen ab Anfang Mai 1979 in einem 40tägigen Prozess vor dem Dritten Strafsenat des Oberlandesgerichts Celle in Bückeburg verantworten. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik waren Neofaschisten wegen des Verdachts angeklagt, einer terroristischen Vereinigung anzugehören. Im Rahmen des Prozesses wurde der weltweit berühmt-berüchtigte US-amerikanische Neonazi Gary Lauck, Kühnen-Spezi und Holocaust-Leugner, verhört. Lauck, gegen den es in der BRD einen Strafbefehl gab, wurde freies Geleit vom und zum Flughafen Hannover zugesagt. Mit Polizeieskorte wurde er wie ein VIP nach Bückeburg zum Gerichtssaal und wieder zurück geleitet. Nicht nötig zu erwähnen, dass er bis heute aktiv ist.

Kühnen gab damals an, von der Wiking-Jugend inspiriert worden zu sein. U.a. dazu, die Wehrsportgruppe-Werwolf zu gründen, die Berliner Mauer zu demolieren, Rudolf Hess zu befreien und das Ehepaar Beate und Serge Klarsfeld zu liquidieren … Im Rahmen des Bückeburger Prozesses wurde festgestellt, dass die ANS eine Nachfolgeorganisation der NSDAP war, einschließlich deren antisemitischen und rassistischen Weltbilds. Trotzdem wurde sie erst im November 1983 verboten. Zu dem Zeitpunkt zählte sie mehr als 300 meist jugendliche Mitglieder, von denen einige ein beachtliches Vorstrafenregister vorwiesen. Die Vorstrafen reichten von Volksverhetzung, Bankraub, Raubüberfälle auf militärischen Einrichtungen bis hin zu Mord: Ende Mai 1981 töteten ANS-Mitglieder ihren Gesinnungsgenossen Johannes Bügner, weil dieser homosexuell war.

Mit Kühnen und Worch traten „Kameraden“ wie Thomas Wulff, oder die beiden Nazi-Anwälte Jürgen Rieger und Manfred Roeder auf den Plan. Kühnen verstarb 1991 an AIDS, Rieger segnete 2009 das Zeitliche und Roeder am 30. Juli dieses Jahres. Worch und Wulff erfreuen sich bester Gesundheit. Gemeinsam entwickelten sie in den späten 1990er Jahren das Konzept „freie Kameradschaften“, eine rechte Organisationsstruktur angelehnt an linke Autonome. Unterdessen haben sie sich zerstritten, Wulff kämpft um die Wiederaufnahme in die NPD, Worch war und ist einer der führenden Köpfe der militanten Neonazi-Szene.

Wer ist, bzw. war Manfred Roeder? 

An dem Mordanschlag in Hamburg 1980 war der Jurist Manfred Roeder federführend beteiligt. Selbiger war zeitweise Anwalt von Rudolf Hess, Hitlers Stellvertreter, dem es eine Ehre war, den Titel „Stellvertreter des Führers“ (StdF) zu tragen, und der sich schon 1933 Gedanken über „die Stellung der Juden“ machte. Er erließ 1934 ein Verbot des persönlichen Umgangs mit Jüdinnen und Juden für alle NSDAP-Mitglieder, und war an der Ausformulierung der 1935 erlassenen so genannten Nürnberger Rasse-Gesetze persönlich beteiligt. Für ihn galt als „jüdischer“ Betrieb jedes Unternehmen, in dem sich 25% des Kapitals in „jüdischer Hand“ befand, und war somit zunächst mit Sondersteuer zu belegen, später zu „arisieren“, sprich enteignen. Später trug jeder Erlass bezüglich der Entrechtung der jüdischen Bevölkerung die Unterschrift von Rudolf Hess.

Hitlers stolzer Stellvertreter wurde im Rahmen der Nürnberger Prozesse zu lebenslanger Haft verurteilt, die er im Kriegsverbrecher-Gefängnis Berlin-Spandau verbrachte. Dort nahm er sich am 17. August 1987 das Leben. Sein Grab im fränkischen Wunsiedel war jahrelang einmal jährlich Wallfahrtsort für bundesdeutsche Neonazis. Das Grab wurde 2011 mit Einverständnis seiner Angehörigen aufgelöst, die Gebeine exhumiert, verbrannt und auf See bestattet.

Diesen alten Nazi zu vertreten, hatte Anwalt Roeder sich zur Aufgabe gemacht. Außerdem gründete er wie gesagt die Deutschen Aktionsgruppen, die beteiligt waren an einem Brandanschlag auf das Landratsamt in Esslingen am 21. Februar 1980, in dem eine Auschwitz-Ausstellung stattfand. Ende April desselben Jahres war die Janusz-Korczak-Schule in Hamburg Ziel eines weiteren Anschlags. In der Schule am Bullenhuser Damm waren in der Nacht zum 21. April 1945 20 jüdische Kinder ermordet worden, an denen medizinische Versuche vorgenommen worden waren. Eine Gruppe um den Stern-Reporter Günter Schwaberg hatte im Keller der Schule eine Gedenkstätte an die jüdischen Opfer errichtet. Es folgten im Juli und Anfang August 1980 drei weitere Anschläge – jedes Mal auf eine Unterkunft, in der Flüchtlinge untergebracht waren. Trotzdem war es nicht möglich – oder nicht gewollt – die Organisation zu verbieten, bis es schließlich nach dem 22. August 1980 zwei Tote zu beklagen gab. Anfang September 1980 wurde sie dann aufgelöst und verboten.

Roeder ging in den Knast, nachdem er zu 13 Jahren Haft verurteilt worden war, wurde aber 1990 wegen guter Führung vorzeitig entlassen. Um seine neofaschistischen Aktivitäten ungebrochen fortzusetzen:1996 war er an einem Farbanschlag auf die Wehrmachtsausstellung in Erfurt beteiligt. Er wurde erneut angeklagt und zu 500,- DM Geldstrafe verurteilt. Zu den Unterstützern während des gegen ihn laufenden Prozesses gehörten u.a. Uwe Böhnhard und Uwe Mundlos, die später als Teil des „Zwickauer Trio“ von sich reden machen sollten. Im Jahre 2000 verteilte der Thüringische Heimatschutz antisemitische Hetzschriften von Roeder. Mitglieder des Thüringischen Heimatschutzes waren u.a. Böhnhard, Mundlos und Beate Zschäpe, die sich derzeit für die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrundes vor dem Münchner Landgericht verantworten muss. Dem NSU werden die Morde an einem griechischen und acht türkisch, bzw. kurdisch-stämmigen Kleinunternehmern sowie einer Polizistin zur Last gelegt: Blumenhändler Enver Şimşek (9.9.2000, Nürnberg), Änderungsschneider Abdurrahim Özüdoğru (13.6.2001, Nürnberg), die beiden Obst- und Gemüsehändlern Süleyman Taşköprü (27.6.2001, Hamburg) und Habil Kılıç (29.8.2001, München), Imbiss-Verkäufer Mehmet Turgut (25.2.2004, Rostock), Imbiss-Inhaber İsmail Yaşar (9.6.2005, Nürnberg), Schlüsseldienst-Mitinhaber Theodoros Boulgarides (15.6.2005, München),Kiosk-Besitzer Mehmet Kubaşık (4.4.2006, Dortmund) und Internetcafé-Betreiber HalitYozgat (6.4.2006, Kassel) sowie Polizistin Michèle Kiesewetter, (25.4.2007, Heilbronn).

Die 1980er Jahre

Etwas mehr als einen Monat nach dem Vorfall im Hamburg, am 26.09.1980, kamen in München beim Anschlag auf das Oktoberfest 13 Menschen ums Leben, 213 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Als einziger Täter wurde Gundolf Köhler genannt, der ebenfalls zu Tode kam. Er galt als Einzeltäter, obwohl seine Verbindung zur Wehrsportgruppe Hoffmann bekannt war, und Zeugen weitere Mitglieder der militanten Nazi-Bande am Tatort gesehen haben wollen.

Noch einmal drei Monate später, am 19.12.1980, wurden in Erlangen der der jüdische Verleger Shlomo Levin und seine Ehefrau erschossen. Der Täter war ebenfalls Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann. Hoffmann selbst wurde von Mitgliedern seines Schlägertrupps der Tat bezichtigt, die zuständige Staatsanwaltschaft lehnte allerdings ein Verfahren gegen ihn ab.

Wenige Tage später, am 24.12.1980, erschoss Frank Schubert,Aktivist der Volkssozialistischen Bewegung/Partei der Arbeit (VSBD/PdA), bei einem illegalen Übertritt der Schweizer Grenze zwei Beamte des Schweizer Grenzschutzes und dann sich selbst. Die im Juni 1971 gegründete Organisation positionierte sich rechts von der NPD und betrachtete ihr Konzept als Weiterentwicklung des Nationalsozialismus und propagierte die Förderung des Wehrsports.

In der Silvesternacht 1981 wurde der Türke Sydi Battal Koparan in Ludwigsburg von einer rechten Motorradgang erschlagen. Der Mann hatte sich auf der Suche nach seinem Sohn in deren Vereinslokal verirrt.

Im Juni 1982 wurde in einer Disco in Norderstedt in der Nähe von Hamburg der Türke Tevik Gürel von anderen Disco-Besuchern erschlagen. Grund: Er hatte ein deutsches Mädchen angesprochen.

Am 26.06.1982 erschoss der Neonazi Helmut Oxner in einer Nürnberger Disco drei Menschen, die er für Türken hielt, dann sich selbst. Auch Oxner wurde dem Umfeld der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ zugerechnet.

DER SPIEGEL schrieb damals: „Ein Libyer blieb mit zerfetztem Unterkiefer liegen, der Ägypter Mohamed Ehap, 21, der sich zur Schulung in Deutschland aufhält, starb auf der Stelle – das zweiundzwanzigste Todesopfer, das rechtsradikaler Terror in der Bundesrepublik seit 1980 gefordert hat.“ Polizisten, die vor ihm in Deckung gingen, hatte Oxner zugerufen: „Ich schieße nur auf Türken“.

Etwa anderthalb Jahre später, am 07.01.1984, verübte die „Gruppe Ludwig“ einen Brandanschlag auf eine Münchner Disco, in der ein Pornofilm gezeigt wurde. Eine 20jährige erlag einen Monat später ihren Verletzungen. Die „Gruppe Ludwig“ verübte vor allem in Italien zum Teil bestialische Morde an Drogenabhängigen, Prostituierten, Priestern u.a., die mit einer wirren neonazistischen Ideologie begründet wurden. Die beiden Täter, Wolfgang Abel und Mirco Furlan, sind nach über zwanzig Jahren Haft seit 2009 wieder auf freiem Fuß.

Im Juli 1984 wurde in Hamburg der Türke Mehmed Kaymakcı von drei Skinheads zusammengeschlagen. Anschließend zertrümmerten die drei Skins eine Betonplatte auf seinem Kopf. Obwohl es der zweite rassistische Mordanschlag in Hamburg und das dritte Todesopfer eines solchen war, blieben die Proteste aus. Rückblickend ist dazu (selbstkritisch) anzumerken, dass die vietnamesischen Boatpeople in der Linken nicht eben beliebt waren, schließlich kamen sie ja aus einem „sozialistischen Bruderland“. Womit ihnen quasi die Berechtigung zur Flucht abgesprochen wurde, und sich niemand so recht für ihr Schicksal interessierte. Erst jetzt, 34 Jahre nach der Tat, hat es sich eine Initiative zur Aufgabe gestellt, das Andenken an die vietnamesischen Opfer zu wahren und eine Gedenktafel durchzusetzen.

Auch Türken waren damals höchstens nützliche Arbeitskräfte, für ihr Schicksal interessierte sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft nicht, und eine starke türkische Community, wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht. Das sollte sich allerdings wenige Jahre später ändern. Doch dazu brauchte es einen weiteren ermordeten jungen Türken.

Am 21.12.1985 wurde – ebenfalls in Hamburg – der 25jährige Ramazan Avcı von Neonazis zu Tode geprügelt. Er war vor ihnen geflohen, dabei vor ein Auto gelaufen, und wurde am Boden liegend so schwer von seinen Verfolgern verletzt, dass er drei Tage später seinen Verletzungen erlag. Im Juli 1986 wurden fünf der Täter wegen Totschlags und damit zu einer entsprechend niedrigeren Strafe verurteilt, weil die Richter keine rassistischen Motive für die Tat feststellen konnten.

Die waren in der Tat sehr „schwer“ zu erkennen: Vier der jungen Männer, die anschließend verhaftet wurden, waren als Mitglieder der Skinhead-Gruppe Lohbrügger Army (LA) Polizei bekannt. Einer von ihnen René Wulff, jüngerer Bruder von Thomas Wulff, dem Mitstreiter von Kühnen und Worch. Die vier waren schon in der Vergangenheit auffällig geworden, weil sie Jagd auf junge türkische Männer gemacht hatten.

Zwei Wochen nach Ramazan Avcis Tod fand in Hamburg die bis dahin größte antirassistische Demonstration in der BRD statt: 10.000 – 15.000 Menschen beteiligten sich daran. Der Tote wurde in die Türkei überführt, der Leichenwagen wurde auf dem Weg zum Flughafen Fuhlsbüttel mit einem Korso von 250 Fahrzeugen begleitet. An dem Tag griffen Skins einen türkischen Vater und seine zwei Söhne an, und verletzten diese mit Bierflaschen und Ketten. In folge der Ereignisse kam es zur Gründung der Türkischen Gemeinde, deren Vorsitzende heute die grüne Politikerin und ehemalige stellvertretende Bürgerschaftspräsidentin Nebahat Güclü ist.

Am 18.12.1988 verübte im bayrischen Schwandorf der bekannte Neonazi Josef Saller einen Brandanschlag auf ein Wohnhaus einer türkisch-stämmigen Familie. Dabei kamen vier Menschen ums Leben.

Die traurige Bilanz

In den 1990er Jahren wurde das Morden fortgesetzt. Allein in dem Zeitraum Januar bis November 1992 wurden offiziell 1.900 Gewalttaten mit rechtsextremen Hintergrund registriert. Davon 60 Brandanschläge, und 15 Sprengstoffattentate. 13 Personen kamen dabei ums Leben, die drei toten Türkinnen von Mölln vom 23.11.1992 noch nicht eingerechnet. Allein in Mecklenburg-Vorpommern wurden 1992 207 Gewalttaten mit rechtsextremen Hintergrund registriert.

DER SPIEGEL schrieb am 31.8.1992 unter Berufung auf Polizeiangaben von „40 000 deutschen Neonazis, darunter 4200 gewaltbereite Skinheads“, die „immer weniger vor Mord und Totschlag“ zurückschreckten.

Von 1990 bis heute haben nach Recherchen des Tagesspiegel und der Zeit mindestens 149 Menschen ihr Leben durch Angriffe rechtsextremer Täter verloren. Die Polizei führt lediglich 63 Tote in ihrer Statistik (Stand 31.5.2012, http://www.tagesspiegel.de/politik/rechtsextremismus/toedlicher-hass-149-todesopfer-rechter-gewalt-seite-2/1934424-2.html).“

Zählen wir die Toten aus den 1980er Jahren dazu, dann sind es ca. 170 Menschen die ihr Leben lassen mussten, weil die zuständigen Behörden nicht in der Lage sind, die Umtriebe der faschistischen Banden zu stoppen, die Organisationen zu verbieten und die Täter hinter Schloss und Riegel zu bringen.

Am Vorabend des traurigen Jahrestages des ersten rassistischen Mordes in der Geschichte der Bundesrepublik berichtete das NDR-Fernsehen, dass die Präsidentin des Thüringer Landtags, Birgit Diezel (CDU), sich anlässlich des Berichts des thüringischen NSU-Untersuchungsausschusses bei den Angehörigen der Opfer der Mörderbande entschuldige. Laut SPIEGEL „bescheinigt mehr als 1800 Seiten starke Bericht den Sicherheitsbehörden Versagen bei der Verfolgung der drei Mitglieder der Terrorzelle. Die Ermittlungen seien ein ´Desaster` gewesen, aus dem Konsequenzen gezogen werden müssten, heißt es darin. In dem bereits vorab bekannt gewordenen Dokument stellen die Abgeordneten den Thüringer Sicherheitsbehörden, der Staatsanwaltschaft, aber auch der Politik ein vernichtendes Urteil aus. Die Geschichte der Fahndung nach dem Trio sei ´ein einziges Versagen` und ein ´Fiasko` gewesen. Wichtige Informationen seien zurückgehalten, Spuren und Hinweise nicht verfolgt worden, beklagt der Ausschuss.

Auch bei der Zusammenarbeit zwischen den Behörden, vor allem zwischen dem Thüringer Verfassungsschutz und dem Landeskriminalamt, habe es eklatante Mängel gegeben, wobei vor allem der Verfassungsschutz den angeblichen Schutz von ´Quellen` in der rechtsextremen Szene vorgeschoben habe. Die Häufung falscher oder nicht getroffener Entscheidungen lassen nach Ansicht des U-Ausschusses auch ´den Verdacht gezielter Sabotage` bei der Suche nach dem untergetauchten Trio zu“ (Quelle:http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nsu-abschlussbericht-thueringer-landtag-entschuldigt-sich-bei-opfern-a-987303.html).

Doch diese „eklatanten Mängel“ sind kein thüringischer Spezialfall. Auch in Hamburg wurden die Ermittlungen nach der Ermordung Süleyman Taşköprüs nicht nur schlampig ermittelt, sondern dem Opfer Beziehungen zum Rotlichtmilieu angedichtet, um die Täter in dem Umfeld suchen zu können. Dort wurden sie natürlich nicht gefunden. Als die zuständige SOKO sich nicht mehr zu helfen wusste, wurde ein Heiler aus dem Iran eingeflogen, der Kontakt zum Opfer im Jenseits aufnehmen sollte. Nicht wirklich verwunderlich, dass diesen Ermittlungen kein großer Erfolg beschieden war.

Heute ist gewiss, dass zehn Morde auf das Konto der NSU gehen. Nicht gewiss hingegen ist, ob deren Mordserie nicht weitaus größere Ausmaße hat, als bislang angenommen. Gewiss ist jedoch auch, dass es eine Menge ungeklärter Todesfälle gibt, in denen entweder völlig im Dunkeln getappt oder in die völlig falsche Richtung ermittelt wurde, die möglicherweise einen rechtsextremen Hintergrund haben, und unterdessen wieder aufgerollt wurden. Allein in Hamburg war 2011 von 111 Fällen, darunter 31 Tötungsdelikte, 74 Banküberfälle und sechs Sprengstoffanschläge, die Rede.

Am 4.12.2013 berichtet die „Neue Osnabrücker Zeitung“ unter Berufung auf das Bundesinnenministerium, dass eine Überprüfung von 3.300 vollendeten oder versuchten Tötungsdelikten ohne Tatverdächtige aus den Jahren 1990 bis 2011 durch BKA und Landespolizeibehörden stattgefunden habe und dass sich bei 746 Taten Anhaltspunkte für eine mögliche rechte Motivation ergeben hätten (Quelle: http://www.linksfraktion-hamburg.de/index.php?id=2985&no_cache=1&tx_ttnews[tt_news]=9176&tx_ttnews[backPid]=2983).

Samstag, 23. August 2014, 14h, Kundgebung zum Gedenken an Ngoc Nguyen und Anh Lan Do, Halskestr. 72, 22113 HH-Billbrook

Birgit Gärtner

 

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