Über das Wesen des Porno

Peep show, Porn Cinema

By Gates of Ale (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Porno, was heißt das eigentlich? Das Wort Pornografie setzt sich aus zwei griechischen Wörtern zusammen, aus „Pornä“, dem Wort für Hure und „Graphie“, der Darstellung, also der Hurendarstellung. Bereits an dieser Stelle muss über den Zusammenhang von Prostitution und Pornografie gar nicht erst weiter diskutiert werden. Doch tatsächlich geht es in diesem Text darum, das Wesen des Pornos, seine Funktion und seine Zusammenhänge und seine vielfältigen Deutungen zu durchdringen, um, so die zunächst mal nur als Hypothese im Raum stehende Formulierung zu belegen, dass er Frauen erniedrigt und zu Objekten macht und eine Institution des Patriarchats ist, die es abzuschaffen gilt, wollen wir in einer wahrhaft gleichberechtigten Gesellschaft leben.

Die Behauptung, Pornografie sei ein Mittel der sexuellen Befreiung der Frau und nicht ihrer Versklavung ist so alt wie die Debatte um Pornografie selbst.

Pornos zu sehen traumatisiert

Sich mit Porno zu beschäftigen, bedeutet für viele Frauen, sich zu traumatisieren. Dinge zu sehen, die allein durch den Anblick verletzen, Bilder zu sehen, die einen nicht mehr loslassen. Andrea Dworkin schreibt ganz am Anfang ihres Buches „Pornographie. Männer beherrschen Frauen“:

Beim Schreiben dieses Buches habe ich die extremste Isolation erfahren, die ich je als Autorin kannte. Ich lebte in einer Welt der Bilder: dargebotene Frauenkörper, kauernde, ausgebreitete, aufgehängte, gedehnte, gefesselte und zerschnittene Frauen. Und in einer Welt der Bücher: Gruppenvergewaltigung, Vergewaltigung von Frauen durch Männer, lesbische Vergewaltigung, Vergewaltigung von Frauen durch Tiere, Herausreißen von Eingeweiden, Folter, Penetration, Exkrementen, Urin und schlechte Prosa. [1]

Ich selbst habe dieses Gefühl erlebt, als ich im Rahmen einer Veranstaltung von Stop Porn Culture den Film “The Price of Pleasure“ gesehen habe. Die Bilder der gefolterten Frauen verfolgen mich bis heute, ebenso wie die völlige Gleichgültigkeit der Produzenten und männlichen Darsteller, so ging es mir aber auch, als ich jene Seite “Facial Abuse“ entdeckte. Das war jener Moment, als meine Betroffenheit in Wut umschlug. Wut ist ein gutes Gefühl. Denn es verleiht Energie. Andrea Dworkin wurde mit „Pornographie. Männer beherrschen Frauen“ über Nacht zu einer von Amerikas bekanntesten und am heftigsten kritisierten Feministinnen. Sie selbst hat das nie interessiert. Vielleicht haben die drei Jahre, die sie an jenem Buch schrieb, sie so sehr radikalisiert, sie so sehr mit jener Wut angefüllt, dass all das an ihr abprallte.

Andrea Dworkin schrieb:

Die Fotografien, die ich mir ansehen musste, veränderten meine gesamte Beziehung zur materiellen Welt, in der ich lebe. En Telefon wurde zum Dildo, die Telefonschnur zum Instrument der Fesselung. Ein Haarfön wurde zum Dildo – diese Haartrockner, die euphemistisch Pistolen genannt werden. Scheren assoziiere ich nicht mehr mit dem Zerschneiden von Papier, sondern sah sie an der Öffnung der Vagina. Ich so so viele Fotos von gewöhnlichen Haushaltsgegenständen, die als sexuelle Waffe gegen Frauen eingesetzt wurden, dass ich daran zweifelte, ob ich sie mir jemals wieder in ihrer alltäglichen Funktion würde vorstellen könnte. [2]

Der Kampf um das Verbot von Pornografie

In Amerika hat der Kampf um ein Verbot eine sehr viel längere Geschichte als hier in Deutschland. Catharine MacKinnon und Andrea Dworkin versuchten per Gesetzentwurf, der Pornografie als Verletzung der Menschenwürde von Frauen beschrieb, Pornografie zu verbieten. Der Gesetzentwurf scheiterte. Doch der Kampf um ein Verbot der Pornografie spaltete auch die feministische Bewegung tief. So stellte sich zum Beispiel Kate Millet auf die Seite der Pro-Pornografie-Vertreter. Viele dieser Gräben haben sich bis heute nicht geschlossen. Tatsächlich führen die Kritikerinnen des Pornografie-Verbotes an, dass sie Pornografie als wichtig für ihre eigene Sexualität erachten und deshalb nicht auf sie verzichten wollen. Andere sehen in dem Gesetzentwurf eine Einschränkung des Rechts auf freie Meinungsäußerung. Catharine MacKinnon und Andrea Dworkin haben beiden Argumenten immer wieder entgegengehalten, das beide noch lange nicht erklären, warum Porno so frauenverachtend und gewalttätig sein müsse. Alice Schwarzer hat in einem Vortrag den Anstieg der Gewalt im Porno einmal als „wahre Kriegspropaganda gegen Frauen“ bezeichnet. Sie selbst inszenierte in Deutschland die PorNo Kampagane. 1978 verklagte sie den Stern wegen seiner pornografischen Darstellung der Sängerin Grace Jones. Die Klage wurde abgewiesen, doch die PorNo-Bewegung entstand. 1987 forderte Alice Schwarzer ein Verbot von Pornografie. Es gab sogar von seiten der SPD einen entsprechenden Gesetzesentwurf, der sich allerdings nicht durchsetzen konnte. 2007 lebte die PorNo Kampagne erneut auf, doch zeitgleich hatte die Alternative Porn Bewegung bereits weite Teile der Öffentlichkeit davon überzeugen können, dass Pornos eben Kunst seien und außerdem Teil der sexuellen Befreiung der Kunst.

Aus einer gefilmten Vergewaltigung wird Kunst – Deep Throat

Linda Lovelace war die Hauptdarstellerin des Films Deep Throat, dem erfolgreichsten Pornofilms aller Zeiten, der 1972 in die Kinos kam, und mit ihm wurde Porno auf einmal schick. Er entsprach den Nachwehen des „Summer of Love“ von 1968 und die Jugend feierte ihn als Sieg der sexuellen Befreiung über die Prüderie der Eltern. Der Film spielte Millionen ein, die Pornobranche entdeckte auf einmal das ganz große Geschäft – eng verstrickt mit der Mafia, die die Mädchen mit Gewalt und Koks gefügig machte. Auch Linda Lovelace war eines dieser Opfer. Die traurige und brutale Wahrheit, über das, was hinter den Kulissen geschah, wissen die wenigsten. Linda Lovelace, die mit bürgerlichen Leben Boreman hieß, erzählte sie erst nach ihrem Ausstieg aus der Branche in unzähligen Vorträgen. Sie starb bei einem Autounfall 2002.

Linda Lovelace hatte eine traurige Kindheit. Ihre Eltern waren arm, der Vater misshandelte, das erste Kind, das sie mit 19 bekam, nahmen die Eltern ihr weg. Später lernte sie ihren zukünftigen Ehemann Chuck Traynor kennen, einen Mafioso, der sie mit vorgehaltener Kamera zwang, sich in den Hinterzimmern verschiedener Bars von mehreren Männern gleichzeitig vergewaltigen zu lassen, unter anderem auch von einem Hund.

Auch Deep Throat entstand unter Zusammenarbeit mit der Mafia, Linda wurde unter Drogen gesetzt. Ihr Ehemann zwang sie unter Gewalt, an dem Film mitzuspielen, Striemen auf ihrem Körper zeugen im Originalfilm davon. Später, als sie aus der Szene ausstieg und zu einer entschiedenen Gegnerin der Hardcore-Szene wurde, sprach sie von Todesangst. Millionen Menschen sahen sich den Film an. Sie schrien im Kino, brüllten vor Geilheit: „Ja, besorg es ihr, mach es richtig hart!“ Deep Throat ist keine Kunst, kein Klassiker der Pornografie. Er ist die schreckliche Dokumentation einer gefilmten Vergewaltigung, an der die Mafia mitwirkte, wie Linda Lovelace immer wieder selbst berichtete. Und trotzdem werden Leute nicht müde, ihn auch heute noch als Kunst zu bezeichnen. Linda Lovelace war nicht die Einzige. Sie berichtete auf ihren Vortragsreisen von anderen Mädchen, die während der Drehs vor Schmerzen schrien und weinten und mit Drogen gefügig gemacht wurden.

Am Anfang war die Macht

Der Porno, so wie wir ihn heute vorfinden, kann nur existieren, weil wir ein bestimmtes Männerbild haben. Der Mann in unserer Gesellschaft ist der aggressive Krieger, der strahlende Held, der Aktive, der Denkende, Schaffende, Prägende, unsere ganze Gesellschaft ist männlich – wir sind nur „das andere Geschlecht“ – die Abweichung von der Norm. Das drückt sich bereits in der Sprache aus, in der seit Jahren der Streit darüber tobt, ob denn nun gegendert wird oder nicht. Dabei geht es nicht um ein Binnen-I. Es geht darum, ob Frauen in der Sprache sichtbar gemacht werden oder nicht. Im Normfall der deutschen Grammatik sind sie unsichtbar. Dort herrscht der Mann. Hinzu kommt, dass Männer auch definieren, was Frauen sind. Sie sind „Schlampen“, sie sind „Hausfrauen“, sind „ein guter Fick“, sie sind „abgeritten“, „notgeil“ oder „verklemmt“. Mann definiert, was Frau ist. Diese Macht der Definition ist die größte überhaupt und sie ist auch nach 160 Jahren ungebrochen. Auf ihr basiert ein großer Teil dessen, was sich im Porno abspielt. Nirgendwo wird drastischer zum Ausdruck gebracht, wie der Mann die Frau definiert – als ein „Fickstück“ oder eine „Dreilochstute“ oder eine „die nie genug kriegen kann“ und das mit ebenso drastischen Handlungen zum Ausdruck bringt. Ihr Willensausdruck – „oh nein“ – zählt nicht, er weiß, was sie will. Das ist im Übrigen auch das Wesen der Vergewaltigung, deren Grenzen zur Pornografie fließend sind, und in vielen Fällen überschneidend, wie wir bereits bei Linda Lovelace gesehen haben. Die Macht des Mannes definiert sich aber im Sexuellen auch darüber, dass er einen Penis hat, dass er derjenige ist, der penetriert (im Zweifelsfalle eben auch mit Gegenständen). Das ist zum Beispiel auch für heterosexuelle Stricher extrem wichtig. So lange sie ficken, sind sie nicht schwul. Wer fickt, wer zustößt, ist männlich.

Die Aberkennung der Menschlichkeit

Ein weiteres Merkmal des Pornos, das für die gesamte Branche von enormer Wichtigkeit ist, ist die Aberkennung der Menschlichkeit der Frauen. Frauen sind keine Menschen, sie sind es in den Augen des Patriarchats auch noch nie gewesen. Sie werden nicht als Personen mit Gefühlen, mit Familien, mit Geschichten gezeigt, sondern als reine, fickbare Objekte. Der Zuschauer soll alles, aber nur kein Mitgefühl mit ihnen empfinden, er soll sie benutzen wollen, so hart wie es nur geht. Der Porno hat diese Entmenschlichung der Frau nicht erfunden, er hat sie sich nur zu Nutze gemacht. Tatsächlich ist es einer der Wesenszüge des Patriarchats, Frauen die Menschlichkeit abzuerkennen, sie ihr von vorneherein gar nicht erst zu gewähren, sie zu Dingen zu machen, sie benutzbar zu machen, sie zu objektifizieren. Das gehört für Jungen zur Erziehung im Patriarchat schon dazu. Frauen sind dazu da, unsichtbar zu sein, den Haushalt zu machen, unbezahlt, zu schweigen, die Dinge am Laufen zu halten, sich zu kümmern, sie sind Dinge, über die Mann verfügt. Und nicht nur das: Weil Frauen Objekte, also Dinge sind, fordern sie geradezu dazu auf, dass man sie ihrer Funktion nach benutzt. Andrea Dworkin hat dazu geschrieben:

Das Objekt, die Frau, geht hinaus in die Welt, die ebenso von Männern geformt wurde, um so von ihnen benützt zu werden, wie die Männer sie zu benützen wünschen. Und nun ist sie eine Provokation. Das Objekt provoziert den Gebrauch. Es provoziert seinen Gebrauch wegen seiner Form, die von demjenigen festgelegt wurde, der sich provoziert fühlt. Der Tischler macht einen Stuhl, setzt sich darauf und wirf es dann dem Stuhl vor, dass er nicht steht. [3]

Diese Verdinglichung findet bereits seit mindestens zwei Jahrtausenden statt. Der Porno konnte nur auf dieser Tradition aufbauen und dem Feminismus ist es nicht gelungen, diese Strategie zu durchbrechen, auch wenn er sie immer wieder laut und klar kritisiert hat. Im Porno sind Frauen keine Menschen. Sie sind Körperöffnungen, die man dehnt, in die man etwas hineinschiebt, die man misshandelt, und zwar, weil sie es so will, weil das ihre Funktion ist. Aus diesem Grund wird Frauen auch nicht geglaubt, wenn sie angeben, dass sie Opfer einer Vergewaltigung sind – sie haben doch letztlich nur ihre Funktion – sexuelle Verfügbarkeit innerhalb der patriarchalen Gesellschaft – erfüllt. Sie sind keine Opfer. Sie haben nur funktioniert.

Andrea Dworkin schreibt:

Männer glauben nicht, dass Vergewaltigungen oder Schläge Verletzungen weiblichen Willens sind, unter anderem deshalb, weil einflussreiche Männer seit Jahrhunderten in der privaten Männerwelt Pornografie konsumieren. [4]

Gleichzeitig, und das ist etwas, das wir Frauen oft vergessen, weil es unserer eigenen Lebenswelt fremd ist, ist Gewalt für Männer etwas, mit dem sie sich identifizieren, weil es Männlichkeit bedeutet. Schwerter, Waffen, Computerspiele, Heldenfiguren, das ist die Welt, in die Jungen hineinwachsen, und es ist eine Welt der Gewalt, mit der sie sich identifizieren, eine Welt, in der Männer, und zwar ausschließlich Männer Gewalt ausüben – und diese Gewalt ist gesellschaftlich legitimiert und erwünscht. Diese Form von erwünschter Gewalt in Verbindung mit der Entmenschlichung der Frau, zu der auch noch jene uns allen vertraute Form von latenter bis offensichtlicher Frauenverachtung kommt, die sich in sexistischen Witzen, in sexistischer Werbung, in all den kleinen und großen Gesten des Patriarchats äußert, schafft das Klima in dem der frauenverachtende und gewalttätige Porno gedeihen konnte.

Die Angst vor der Lust der Frau

Ein letzter Aspekt fehlt uns noch. Es ist die Angst vor der Frau. Vor der Frau, die sich Macht aneignet, die ihr nicht zusteht. Der bösen Frau. Oft wird diese Rolle den Feministinnen zugeschrieben, die zum Beispiel angeblich eine ganze Gesellschaft mit einem Redeverbot belegt haben, aber dahinter steckt auch eine viel ältere Angst, die Angst vor der unkontrollierbaren Lust der Frau, der Frau, die ihre Sexualität entdeckt, die jenseits vom Gefängnis, das die Ehe über Jahrtausende hinweg war, entdeckt, was es bedeutet, wenn sie ihre eigene Lust entfesselt, die entdeckt, dass sie potenter, lustvoller, stärker ist, als jener Penis, den der Porno, den unsere ganze Kultur anbetet. Es ist einigen Frauen gelungen, aus dem sexuellen Gefängnis ihrer Ehen auszubrechen und die Strafen dafür sind bis heute in vielen Ländern drakonisch. Vor nichts hat das Patriarchat mehr Angst, als dass Frauen erkennen, dass unser Sex der bessere ist, dass wir, die Frauen, die Lust besser beherrschen als sie. Um dieser Angst Herr zu werden, wurden zum einen die drastischen Strafen für Ehebruch erfunden, zum anderen aber auch die Frau als durch und durch triebhaftes Wesen gezeichnet, das es zu kontrollieren und einzusperren gilt, als ein Wesen, das sich seiner eigenen Triebe nicht bewusst ist und sich praktisch von allem bespringen lässt, das so daher kommt, wenn nicht jemand auf sie aufpasst. Das ist etwas ganz anderes als die sexuell bewusste Frau, die sich ihren Partner wählt und über ihre Lust bestimmt. Aus diesem Grund geht es im Gonzo Porno auch nie um die Lust der Frau. Sie wird einfach gefickt. Sie schreit vor Schmerzen. Es wird ihr besorgt. Sie, das triebhafte Wesen, wird genommen, sie bekommt, was sie bedient. Der Gonzo Porno hilft, jene latente Angst im Herzen jedes Mannes, ein wenig mehr einzudämmen, dass da draußen die Frauen sind, die eigentlich die Herrscherinnen der Lust sind und nicht sie mit ihren Penissen.

Andrea Dworkin schreibt:

Die männliche Sexualherrschaft ist ein materielles System mit einer Ideologie und einer Metaphysik. Die sexuelle Kolonisierung weiblicher Körper ist eine materielle Realität: Männer kontrollieren den sexuellen und reproduktiven Gebrauch von Frauenkörpern. […] Die Metaphysik der männlichen Sexualherrschaft sieht in allen Frauen Huren. [5]

Der Porno als angebliche Kunst

Immer wieder wird, gerade von Linken, versucht, den Porno als eine Kunstform darzustellen. Aktuell geschieht das in Form des sogenannten Alternative Porn, der auch den oben beschriebenen Deep Throat dafür zu vereinnahmen versucht. Ein weiteres Stück „Weltliteratur“ sind die Werke des Marquis des Sades, der am Ende des 18. Jahrhunderts sein Unwesen trieb und mehrere Bücher veröffentlichte. Er war ein Adeliger, der seine Privilegien zu nutzen wusste. Er machte regelrecht Jagd auf Frauen, Prostituierte, Dienstmädchen, arme Frauen, die er einsperrte und anschließend vergewaltigte. Er führte ihnen Kruzifixe ein, peitschte sie aus, setzte sie unter Drogen, fügte ihnen Verletzungen mit Messern zu, drohte sie zu töten. Mehrere dieser Frauen verletzte er schwer. Wie viele es waren, lässt sich kaum zählen. Er verging sich auch Kindern und Männern. Er starb nach der Französischen Revolution in einer Irrenanstalt, doch noch immer werden seine Werke ob ihres literarischen Wertes als „erotische Literatur“ hochgehalten. In den USA fand sich 1966 ein Nachmacher, der einen 12jährigen Jungen nach den Anweisungen Marquise de Sades über Tage folterte und schließlich tötete und das Ganze auf Film festhielt. Ein Vergewaltiger und Misshandler als Literat von Weltruhm. Ich selbst wurde in Kommentaren zu meinen Anti-Porno-Artikeln darauf hingewiesen, das sei doch schließlich alles nichts Neues, Marquis de Sade stünde heute in jedem Bücherregal. Zynismus pur. Im Übrigen muss darauf hingewiesen werden, dass Marquis de Sade nahezu alle der von ihm misshandelten Frauen bezahlte und sich auf diese Weise auch vor der Polizei rechtfertigte. Er glaubte, die geleistete Zahlung rechtfertigte die vollständige Verfügungsgewalt über den gekauften Körper, mache jede weitere Zustimmung hinfällig. Marquise de Sade war ein großer Fan von Prostitution, Staatsbordelle mit Kindern und Frauen waren eine seiner Lieblingsfantasien. Sich selbst sah er als Künstler, als Kämpfer für die Freiheit, die ihm von einer unterdrückerischen Obrigkeit genommen wurde und es gab und gibt nicht wenige, die ihm bis heute darin zustimmen.

Von Freiheit und Freiwilligkeit

Freiheit und Freiwilligkeit, das sind Begriffe, die im Zusammenhang mit Pornos immer wieder auftauchen. Die Pro-Porno-Seite sagt, es ginge um die Meinungsfreiheit, den Porno zu verbieten sei eine Einschränkung der Meinungsfreiheit, es sei Zensur. Man stelle sich nun einmal vor, nicht Frauen, sondern zum Beispiel ausschließlich People of Colour oder Juden würden in Filmen nach Art des Pornos, des Gonzo-Pornos gefesselt, beschimpft, ausgepeitscht, misshandelt und ein Milliardengeschäft daraus gemacht, das alles zu filmen. Würde bei dem Ruf nach einem Verbot hier noch irgendjemand von Zensur sprechen? Es würde klar als Rassismus in seiner widerwärtigsten Form erkannt werden. Nur weil es sich um Frauen handelt, denen seit Jahrzehnten sehr erfolgreich verwehrt wird, sich selbst als unterdrückte Klasse wahrzunehmen, bleibt diese Reaktion aus. Im Gegenteil, hier wird die Freiheit der Kunst hochgehalten. Man stelle sich vor, jemand würde es als Kunst verkaufen, ausschließlich farbige Menschen gefesselt und mit irgendeinem Gegenstand penetriert zu fotografieren und zu verkaufen. Dass es gelingen kann, Pornos in all ihrer frauenverachtenden Form als Kunst und vor allem als Akt der Freiheit zu verkaufen, liegt daran, dass immer wieder hochgehalten wird, dass die Darstellerinnen es ja schließlich freiwillig täten.

Doch welcher Art ist diese „Freiwilligkeit“ innerhalb des Systems Patriarchat? Frauen entscheiden sich, und das zeigen die Lebensläufe fast aller Pornodarstellerinnen, dazu Pornos zu drehen, weil irgendein Mann sie an irgendeinem Punkt ihres Lebens, meist, wenn sie noch sehr jung und orientierungslos sind, dazu, Pornos zu drehen. Die Gagen für einen Pornodreh orientieren sich aber an den Praktiken. Wer eine Doublepenetration macht, bekommt etwa 1000 Dollar, wer es nur einfach vaginal macht, nur 300. Je extremer die Praktik, umso höher die Gage. Wer sich aber einmal für den Job „Pornodarsteller“ entschieden hat, hat sich dafür entschieden, sein Gesicht und meist auch seinen Namen mit dieser Branche zu verknüpfen und seinen Haupterwerb mit genau dieser Art von Beruf zu machen. Wer also einen Gang-Bang macht, verdient mehr, als wer es einfach nur mit einem Mann vor der Kamera macht. Die Konkurrenz in der Branche ist groß, ständig werden neue, junge Gesichter gesucht, und die Gier der Konsumenten nach neuen, ausgefallenen Praktiken auch. Wer also hier überleben will, dem bleibt nichts anderes übrig, als „freiwillig“ aufgrund von ökonomischen Interessen sehr vieles über sich ergehen zu lassen, um Geld zu verdienen. Im Normalfall bleiben Pornodarstellerinnen rund zwei Jahre in den Job. Länger halten sie es nicht aus. Viele von ihnen haben danach bleibende Verletzungen an Genitalien und Anus oder leiden an psychischen Problemen oder sind drogenabhängig. Drogenkonsum an den Sets ist Gang und Gäbe, damit die Mädchen die geforderten Praktiken überhaupt bereitwillig mitmachen.

Die Freiheit, von der hier also die Rede ist, ist also die Freiheit, sehr jungen Mädchen dabei zuzusehen, wie sie vor der Kamera vergewaltigt werden (wenn sie unter Drogen oder Alkohol stehen) oder an Praktiken teilnehmen, zu denen sie ohne die Höhe der Gagen niemals zugestimmt hätten. Das Konzept des konsensualen Sex, auf dem die Idee einer gleichberechtigten und sexuell freien Gesellschaft fußt, wird hier ad absurdum geführt.
Die sexuelle Freiheit, die da gemeint ist, ist nur die männliche, die ihre althergebrachten Institutionen verteidigt. Das sollte allen Frauen klar sein, die sich auf die Seite der Pro-Porno und Pro-Prostitutions-Verfechter stellen. Sie verraten ihr eigenes Geschlecht und ihre eigene Freiheit, sie kämpfen nicht für sich, sondern sie machen sich zu Handlangern ihrer eigenen Unterdrücker.

Rassismus im Porno

Pornos sind nicht nur frauenverachtend, sie sind auch zutiefst rassistisch. Schon die Titel kündigen dies an und lassen dem Konsumenten die Auswahl zwischen „asiatisch“, „black“ usw. Der farbige Mann wird stets als Mann mit übergroßem Penis dargestellt, der es der weißen Frau zum Beispiel auf Wunsch ihres weißen Ehemannes besorgt, farbige Frauen sind gerne „Ghettonutten“, die besonders triebhaft sind und asiatische Frauen gelten als besonders unterwürfig, während asiatische Männer feminin sind. All diese Stereotype bedient der Porno in allen Formen und wiederholt und verfestigt sie immer wieder. Der Rassismus im Porno ergibt sich aus dem Machtgefüge innerhalb des Patriarchats, in dem der weiße Mann an oberster Stelle steht, alle anderen sind ihm untergeordnet. Deshalb ist die Penetration durch den schwarzen Mann eine besondere Erniedrigung der weißen Frau. Andrea Dworkin schreibt dazu:

Eine rassistische männliche Hierarchie steigert den Antagonismus und bewirkt eine weitere Sexualisierung zwischen Mann und Mann, die über und durch den Körper der Frau stattfindet. Diese Sexualisierung tritt sowohl bei den vom rassistischen System erhöhten Männern als auch bei jenen ein, die von ihm erniedrigt werden. [6]

Das kraftvolle Gegenbild zum Porno

Bei den alten Griechen bedeutete Pornografie in späterer Zeit, die nun wahrlich nicht für ihre Frauenfreundlichkeit bekannt waren, auch noch etwas Anderes, nämlich so viel wie Abgötterei, die Anbetung der Hure. Auch hier ist der Begriff allein schon Ausdruck von Frauenverachtung. Anstatt die richtigen Götter anzubeten, betete man zu einer Zeit, als es noch keinen Teufel gab, die Hure an. Die porneia war zu gleich die niedrigste Form der Hure. Schlimmer geht es nicht.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Tatsächlich gibt es Anzeichen, dass die frühen Griechen sich der schöpfenden Kraft der Vulva, des weiblichen Körpers bewusst waren und ihn sogar, als Relikt einer vorpatriarchalen Zeit verehrten. Der weibliche Körper wurde einst, ganz anders als heute im Porno, nicht als Objekt erniedrigt, sondern im Kult angebetet.

Über dem Tempel des Isis stand:

Ich bin, die ich bin, und ohne mich wird nicht sein.

Isis wurde über Jahrtausende hinweg von zigtausenden von Menschen angebetet und ihr Kult hatte durchaus auch seine leiblichen Aspekte.

Der Isis-Kult war einer der langlebigsten und am weitesten verbreiteten Kulte des Vorchristentums.
Es gibt viele Anzeichen dafür, dass in weit entfernten Urzeiten die Frau überall die Göttin, das angebetete Wesen war, aufgrund ihrer Kraft, Kinder zu gebären. Warum sich das Blatt wendete, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Die einen sagen, es begann mit der Sesshaftigkeit und dem Ackerbau, die anderen sagen, es begann mit der Entstehung des Mannes als Kriegerfigur, wieder andere behaupten es sei eine „natürliche“ Folge der Zivilisierung, weil je komplexer eine Gesellschaft sei, um so komplexer seien die Aufgaben, die zu übernehmen seien, und da Frauen auf natürliche Weise an Haus und Kind gebunden seien, seien sie von diesen Aufgaben sukzessive ausgeschlossen worden.

In Griechenland wurden die Priesterinnen der weiblichen Tempel etwa 1000 v. Chr. vertrieben und zunehmend männliche Götter installiert, ein Zeichen für den Sieg des Patriarchats. Das lässt sich auch an den zunehmend grausamer werdenden Ehegesetzen und Verboten für Frauen ablesen. Der Körper der Frau war nicht länger etwas, das angebetet wurde, er war etwas Schmutziges. Pamphlete wurden verfasst über ihren niederen Geist und ihre Triebhaftigkeit, was vorher noch Schöpfungskraft und Fruchtbarkeit war, war nun nur noch Verachtung wert. Annegret Stopcyk ist in ihrem Text „Leibphilosophie und Pornographie“ von 1987 dafür eingetreten, den Porno in seiner derzeitigen Form abzuschaffen, doch dass es nur die Art der Darstellung innerhalb der patriarchalen Strukturen ist, die den weiblichen Körper ist, die ihn erniedrigt. Warum sollen wir ihn, unseren weiblichen Körper, mit seinen Brüsten, Runden, seiner schöpferischen Kraft, seiner Vulva, nicht wieder anbetungswürdig machen? Dieser Gedanke mag vielen Lesern jetzt geradezu lächerlich vorkommen. Weibliche Körper anbeten? Geht’s noch? Die taugen gerade noch als Hungerhaken auf den Laufstegen, um Mode darzustellen. Aber genau da liegt doch unser Problem. Wir verehren ihn nicht mehr, diesen Körper, diese Weiblichkeit, in die wir da zufällig hineingeraten sind, und die die Pornografie wieder und wieder entwürdigt. Die Pornografie abzuschaffen, ist die eine Sache. Ihr würdevolle, schöne, selbstbewusste Bilder unserer Körper entgegenzuhalten, die auch unseren Töchtern erzählen, wie schön, wie kraftvoll wir in unserer Vielfalt sind, ist die andere.

Ich will diesen Artikel schließen mit einem Zitat der wundervollen Andrea Dworkin, deren Gedanken ich so viel zu verdanken habe:

Im System männlicher Sexualherrschaft, die durch die Pornografie offenbart wird, gibt es keinen Ausweg, keine Rettung, weder durch Lust noch durch Reproduktion. Die Sexualität der Frau wird enteignet, sie wird verachtet: Die Pornografie tut es, die Pornografie beweist es.

Die Macht der Männer in der Pornografie ist eine imperiale Macht, die Macht von Alleinherrschern, die grausam und arrogant sind, die nehmen und erobern, aus Lust an der Macht und mit der Macht der Lust.

Frauen sind das Land schrieb Marcuse. Den Rest schrieb er nicht. Männer sind die Armee: Die Penisse und ihre symbolischen Stellvertreter sind die Waffen: Terror ist das Mittel; Gewalt ist die sogenannte Sexualität. Und innerhalb dieses Systems sind die Frauen porneia, mit unseren echten lebendigen Körpern sind wir die schriftlichen und bildlichen Darstellungen von Huren; werden benützt, wie Huren benützt werden, bewertet, wie Huren bewertet werden.

Wir wissen alle, dass wir frei sein werden, wenn es keine Pornografie mehr gibt. [7]

Buchtipps zum Weiterlesen:

Andrea Dworkin: Pornographie. Männer beherrschen Frauen. Mit einem Vorwort von Alice Schwarzer. Erschienen 1990 im Fischer Verlag

Gail Dines. Pornland. How Porn has hijacked sexuality. Erschienen 2011 bei Beacon Press.
Das Buch wird im Juli auch auf Deutsch erscheinen.

[1] Andrea Dworkin: Pornographie. Männer beherrschen Frauen, S. 15
[2] Andrea Dworkin: Pornographie. Männer beherrschen Frauen, S. 17
[3] Andrea Dworkin: Pornographie. Männer beherrschen Frauen, S. 136
[4] Andrea Dworkin: Pornographie. Männer beherrschen Frauen, 199
[5] Andrea Dworkin: Pornographie. Männer beherrschen Frauen, S. 243
[6] Andrea Dworkin: Pornographie. Männer beherrschen Frauen, S.191
[7] Andrea Dworkin: Pornographie. Männer beherrschen Frauen, S. 267

2 Kommentare

  1. Sacha Meier

    Ich bin ein Mann und mag es, wenn die Frau beim Sex den Mann verführt und sich das “nimmt”, was sie sexuell erfüllt. Es ist für mich sehr erregend, wenn ich weiss, dass die Frau ihre Lust befriedigt. Ich könnte mit keiner Frau schlafen, wenn sie nicht Spass dabei hat und es ihr nicht gefällt. Ich bin seit 18 Jahren mit meiner Frau zusammen und der Sex zwischen uns ist immer noch wunderschön für beide. wir haben uns dabei auch schon gefilmt. Dieser Wunsch kam sogar von ihr. Manchmal wünscht sie sich auch, einen Porno mit mir anzuschauen, da ihr das einen Kick gibt.
    Wir haben in jungen Jahren zusammen unsere Sexualität richtig entdeckt. Wir respektieren uns beide sehr, in allen Belangen.
    Ich glaube nicht, dass alle Frauen ausgebeutet werden, insbesondere bei den Amateur-Pornofilmen. Vielen Frauen gefällt Sex auch, nicht nur den Männern. Auch darf der Sex manchmal ein bisschen härter sein, aber beide müssen aufzeigen, wo die Grenzen sind und was man mag oder nicht mag.
    Es gibt sicher Frauen in der Pornoindustrie, die ausgebeutet werden. Wahrscheinlich aber auch Männer. Die Frauen werden zudem viel besser bezahlt. Es gibt sicher einige Frauen, die es wegen des Geldes machen, andere weil sie müssen und wieder andere, weil sie einfach exibitionistisch veranlagt sind und Spass am Sex haben. Dito bei den Männern…
    Alle Frauen die ich kenne, sind selbstbewusst und entscheiden selbst über ihr leben. Ok, ich kenne keine Pornodarstellerinnen oder -darsteller…
    Ich finde einfach, man sollte Jugendlichen den Zugang nur zu “braven” Pornos geben. Ich persönl. (resp. mit meiner Frau zusammen) schaue gerne “X-Art” Pornos.

  2. ich hab den oben genannten dokumentarfilm gesehen. danach habe ich geweint. jetzt bin ich wohl noch mehr traumatisiert, hätte ihn nicht sehen sollen. aber, diese angebliche freiwilligkeit wird auch dort thematisiert. frauen die selbst sagen pornos gehören zu männern und frauen die sich ausziehen weil eine horde männer es ihnen minutenlang zubrüllt. klar machen es dann viele, aber ist es freiwillig wenn man in einer gesellschaft nur so “anerkennung” bekommt?wenn man sonst als prüde gilt weil man eine gewisse praktik nicht machen will? wenn ein mann dir sagt er verlässt dich oder liebt dich nicht wenn du dies oder jenes nicht machst und du tust es, wie freiwillig ist das bitte?gar nicht. ich weiß, es sind nicht alle männer schlecht, habe meinen partner seit 8 jahren und er ist ein toller mann, aber bei diesen bildern und aussagen wird einem einfach nur übel und ich zweifle an der menscheit, nicht zum ersten mal…Den text finde ich sehr gut geschrieben und er zeigt gut warum dieses argument der freiwilligkeit einfach nicht so gilt. es gibt eben immer soziale,politische,kulturelle und historische kontexte die man beachten muss…viele denken da leider gar nicht dran und auch viele frauen die ich kenne sehen keine frauenfeindlichkeit in unserer gesellschaft weil sie einfach damit aufwachsen und nichts in frage stellen.

  3. Camila do Nascimento

    Danke für diesen wertvollen Artikel!

  4. Cruder Sexismus, Objektivierung, Entmenschlichung und Degradierung der Frau zeichnen die meisten Pornos aus. Pornos sind nicht der Auslöser für Frauenhass, aber der Spiegel, wie Männer Frauen sehen, (oder sehen wollen). Zum Ding gemacht! Für SEINE Bedürfnisse geboren, entseelt halt, reduziert auf den Körper und die Geschlechtsteile. Dieses Verfahren wird auch ich in jedem Krieg für den Gegner, (zB. Vietcong) oder früher bei der Versklavung von Menschen angewandt. Zuerst wurden die Menschen entmenschlicht und dann zum nutzbaren und ausbeutbaren “Ding” (Vieh) gemacht. Rassismus und Sexismus haben die gleiche Wurzel. Die Überheblichkeit des Mannes, der sich das Recht nimmt, andern die Freiheit, Würde und Menschlichkeit abzusprechen und sie zu nutzbaren “Dingern” zu machen. Bevor der weisse (oder arabische, oder mongolische) Mann die Welt kolonialisierte und “unterworfen” hat, hat er bei der eigenen Frau zuhause geübt.

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