Unsere Frage der Woche: Ist ein Gesetz zur Freierbestrafung sinnvoll?

Hier bei den Störenfriedas haben wir immer wieder die negativen Aspekte legaler Prostitution diskutiert. Wir betrachten Prostitution als eine Institution des Patriarchats, in der Frauen (und Männer) ausgebeutet werden – mit zum Teil drastischen Folgen für ihre psychische und physische Gesundheit. In der Prostitution finden sich vor allem arme, migrantische oder anders diskriminierte Menschen. Wo es legale Prostitution gibt, blüht der Menschenhandel. Flatrate-Bordelle und Gang-Bang-Parties führen das Bild der selbstbestimmten Prostituierten ad absurdum. Mit dem Prinzip der Menschenwürde ist sie in unseren Augen nicht vereinbar, weshalb wir für ein Gesetz der Freierbestrafung kämpfen, das Männern den Sexkauf verbietet und gleichzeitig den Frauen echte Hilfe und Ausstiegsmöglichkeiten bietet.
Andere Sichtweisen sehen in der Prostitution einen Ausdruck der körperlichen Selbstbestimmung und betonen, dass jeder Frau selbst überlassen werden muss, ob sie sich prostitutiert oder nicht. Prostitution wird hier eine Konsequenz der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, in der alles, auch Sex, zur Ware werden kann. Auch Prostituierte selbst erklären, dass sie nicht als Opfer gesehen werden wollen, sondern als selbstbestimmt Handelnde, die selbst über ihren Körper bestimmen – sie verkaufen nicht sich, sondern eine Dienstleistung.
Wie sehen unsere LeserInnen die Diskussion um legale Prostituion? Ist ein Gesetz nach schwedischem Vorbild sinnvoll, in dem Freier bestraft werden?

16 Kommentare

  1. nein bin dagegen, weil es den Frauen nachweislich nur noch mehr schaden würde, wie die wissenschaft ganz klar gezeigt hat. es braucht entstigmatisierung der frauen und vernünftige berufsgesetze, wie von arbeitsgruppen und wissenschaft seit langem gefordert. verbote helfen niemandem und verschlechtern die situation.

  2. Ja, ich halte so ein Gesetz für sinnvoll. Prostitution ist eine verbrecherische Konsequenz des Patriarchats, also müssen diejenigen dafür bestraft werden, die das Patriarchat stützen. Allerdings fürchte ich, dass die Politik sich nach der Verabschiedung eines solchen Gesetzes selbstzufrieden zurücklehnen wird und sich um Ausstiegsangebote für die betroffenen Frauen nicht weiter kümmern wird.

  3. Was mich an Prostitution stört, ist das Machtgefälle zwischen Prostituierten und ihren Kunden. Dazu trägt das soziale Stigma, das den Prostituierten, aber nicht ihren Kunden aufgedrückt wird, maßgeblich bei.

    Gewaltfreie Prostutition kann nur auf Augenhöhe passieren, wenn die Prostituierten Rechte, Unterstützung und Rückhalt in der gesamten Gesellschaft haben.

    Jetzt gibt es hier natürlich scheinbar zwei Wege: Entweder die Kunden stigmatisieren oder die Prostituierten entstigmatisieren.

    Ich seh da den liberalen Ansatz als vielversprechender an. Ich bin der Meinung, dass alle tun und lassen sollen, was sie möchten, solang es niemandem anders schadet.

    Oder um es polemischer auszudrücken: Ich seh kein Problem darin, wenn eine alleinerziehende Frau sich Freitagabends einen Eskort ins Haus holt. Ich seh kein Problem darin, wenn die Studentin sich mit Telefonsex ihre Ferienreise verdient. Ich hab Frauen gehört, die ganz aufgeregt und begeistert von ihrem ersten bezahlten Sex gesprochen haben. Dafür braucht es das Wissen und die Gewissheit, dass die sexuelle Selbstbestimmung auch in der geschäftlichen Situation ein Grundrecht ist, und es braucht die Sicherheit, dass Übergriffe durch die Kund_innen vom Umfeld nicht toleriert und entsprechend bestraft werden.

  4. Das ist ja bewiesen. Die Preise für Prostituierte sind in Schweden und Norwegen am Besten, die Nachfrage ist zurückgegangen, es arbeiten nur noch die wirklich freiwilligen, die sich nicht davon abbringen lassen. Das beste Modell das es gibt – seit letzter Woche wissenschaftlich abgesegnet.

    Dass das Kriminalisieren des Freiers der Prostituierten schadet, ist eine dumme Lüge und eine Drohung, die Männer gerne erzählen, um ihre Privilegien zu behalten,

  5. ich bin eine frau, dass die kriminalisierung den frauen schadet sagt jede studie die sich damit beschäftigt hat (amesberger, dolinsek, dodilet, waagenar, de nicola, kavemann, rabe etc). wenn ich schuhe verkaufen verbiete tue ich dem schuster keinen gefallen. leandra, wie sind autor/titel der studie? die preise sind in schweden zum teil gesunken, zum teil gestiegen.

  6. Nach vielen Diskussionen mit Befürworterinnen, Gegnerinnen und Prostituierten selbst bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das Nordische Modell (Freierbestrafung) den grössten positiven Effekt für die Frauen hat. Mir geht es dabei alleine um die Verbesserung der Lage der Prostituierten und dem allgemeinen ‘Outcome’ in der Gesellschaft. Die Feministinnen sind da schon auf dem richtigen Weg. Die Befürworterinnen der Prostitution konnten keine Argumente präsentieren, die in irgendeiner Weise gezeigt hätten, dass die beispiellose Liberalisierung wie in Deutschland praktiziert einen Vorteil für Frauen an sich und im speziellen den betroffenen Prostituierten gehabt hätte. Im Gegenteil, hat sich die Lage erheblich verschlechtert. Zudem gehören zu den Befürworterinnen und Befürwortern nur Frauen, die selbst gar nicht mehr aktiv in der Prostitution arbeiten, sondern wenige deutsche Frauen aus einer anderen Liga, Dominas, Bordellbetreiberinnen. Und natürlich einige wenige Pimps, Johns und andere Männer, die keine Ahnung haben und deren Meinung irrelevant sein soll.

  7. “dass die kriminalisierung den frauen schadet” Die Kriminalisierung der Frauen schadet den Frauen, klar. Deswegen verbietet man ja auch das Freiertum, nicht die Prostitution.

    Dodillet wurde mehrfach auseinander genommen, die gesamte Doktorarbeit ist nicht wissenschaftlich. Die Frau kann nicht mal vernünftig zitieren. Dolinsek ist Geschichtswissenschaftlerin und betrachtet (das kann man bei ihr in ihren Argumenten selbst nachlesen) Prostituierte als eigene “Art Mensch”, die dafür geboren wurde, Sex zu verkaufen. Zumal fällt sie dadurch auf, dass sie gegenüber allen DiskussionspartnerInnen ständig Strohmannargumente wiederholt. Wenn man einen akademischen Titel wichtiger hält als die Validität der Argumentation, hat man ein Problem. Zumal Wissenschaft nicht herrschaftsfrei ist und ein männerdominiertes System.

    Die letzte Studie, die zeigt, dass das norwegische Modell funktioniert, ist letzte Woche erschienen.
    http://uk.reuters.com/article/2014/08/11/us-norway-prostitution-idUKKBN0GB1BL20140811

    Das Ergebnis war nicht das, was sich die ultrakonservative Regierung wünschte, die trotz des absolut positiven Ergebnisses natürlich zugunsten männlicher Privilegien wieder die Prostitution legalisieren möchte.

    Dass das schwedische UND das norwegische Modell (dasselbe) Menschenhandel reduzieren, konnte ebenfalls bewiesen werden (3 Studien auf EU-Ebene die zeigen, dass vollkommene Legalisierung Menschenhandel anheizt). Man kann aber auch einfach mal Polizisten, Sozialarbeiter und Prostituierte selbst fragen, wie sie es sehen. Gerade bei einem Thema, wo “Studien” interessengeleitet sind und ein Dunkelfeld erforscht werden soll. Abgesehen davon, dass in Schweden und Norwegen seit Einführung des Modells keine einzige Frau während der Arbeit getötet wurde, in Deutschland müssten es inzwischen 30 sein, es geht auch alle 2 Monate wieder ein Fall durch die Medien.

  8. Anna Hoheide

    nein bin dagegen, weil es den Frauen nachweislich nur noch mehr schaden würde, wie die wissenschaft ganz klar gezeigt hat

    Diese “Wissenschaft” möchte ich kennenlernen. By the way zum Thema: Leandra hat in ihrem Kommentar vieles Essentielles gesagt.

    Zur Fragestellung:

    Die Freierbestrafung ist nicht nur sinnvoll, sie ist dringend notwendig. Prostitution ist ein menschenunwürdiges und frauenverachtendes System.

    Die Befürworterinnen der Prostitution konnten keine Argumente präsentieren, die in irgendeiner Weise gezeigt hätten, dass die beispiellose Liberalisierung wie in Deutschland praktiziert einen Vorteil für Frauen an sich und im speziellen den betroffenen Prostituierten gehabt hätte

    So ist es! Und so entwickelte sich u. a. auch meine Positionierung für das Nordische Modell.

    Die prostituierten Frauen werden im Rahmen des Nordischen Modells überhaupt nicht kriminalisiert. Das ist eine gängige Falschannahme, die von BefürworterInnen der Prostitution inflationär gestreut wird. Ganz im Gegenteil sieht das Nordische Modell Maßnahmen z. B. zur Betreuung, Beratung und z. B. zum Ausstieg aus der Prostitution vor.

  9. die Studien (ein paar von dutzenden) contra schwedisches modell wurden genannt. außer einer pauschale denunziation gegen eine einzige pro-studie – nämlich die von Dodillet – konntet ihr keine konrketen argumente gegen deren aussagen und belege vorbringen. könnt ihr das noch im detail ausführen, was an all den studien so falsch sein soll, die pro schwedisches modell sind?

    der reuters-link mit der angeblichen contra-studie beinhaltet leider weder autoren noch titel. der einzige genannte co-autor der angebliche studie ist wirtschaftwissenschaftler – sollte man diesen die erforschung erlassen? sexarbeit ist ein sehr komplexes feld, man braucht jahre um es ein bisschen zu umfassen. ich fand die studie leider nicht, und ihr hier habt sie ebenso wenig gelesen wie jene von dodillet, sonst würdet ihr ja ihren titel kennen, den ihr mir hier vorenthaltet.
    es scheint mir sehr offen zu liegen, dass ihr die diskurse, die ihr hier anprangert, gar nicht kennt, weder die von der pro noch von der contra-seite.

  10. ps: in schweden darf man als NGO nicht mal mehr kondome verteilen, sogar die polizei gibt zu, den kontakt zu den frauen komplett verloren zu haben und von prostituiertenseite kommen gar keine anzeigen mehr an die polizei.

  11. IchBinImNetz

    “wenn ich schuhe verkaufen verbiete tue ich dem schuster keinen gefallen”

    Richtig. Nur muß sich der Schuster (generisches Maskulinum absolut adäquat!) auch nicht in alle Körperöffnungen penetrieren lassen.

    Oder wollen wir jetzt wieder die Diskussion beginnen, ob Prostititution ganz normale Arbeit ist? (Das war eine rhetorische Frage)

  12. In diesem Video sieht man, wie die Prostitution Unit of the Stockholm Police arbeitet:
    https://www.youtube.com/watch?v=OofRzb5gDBE

    In Deutschland gibt es ein paar wenige, die sehr laut Propaganda Pro Prostitution machen. Dies sind de facto nie selbst Prostituierte wie es die Masse der Prostituierten in Deutschland ist. Obwohl sie vorgeben alle Prostituierten zu vertreten oder zu vertreten wollen, ist das keinesfalls der Fall. Man sollte nicht vergessen, dass die Propaganda immer bis zu einem gewissen Grad funktioniert, wenn es keine ebenso laute Opposition dagegen gibt. Feministinnen stellen alleine diese Opposition dar, denn ihnen geht es tatsächlich alleine um die Prostituierten und nicht um anachronistische Moralvorstellungen.

    BTW, halte ich die Neusprech Variante “Sexarbeiterin” für einen Part der Pro Prostitution Propaganda. Das soll verharmlosend wirken.

  13. Freierbestrafung? Extrem schwierige Frage. Ich könnte mir eine Bestrafung von Kunden von Zwangsprostituierten vorstellen. Ich kann nämlich der Logik nicht folgen, dass Menschenhandel und die Verletzung des sex. Selbstbestimmungsrechts unter Strafe stehen, aber die sexuelle Benutzung der “gehandelten” Menschen straffrei bleiben soll.
    Zum anderen hätte ein solches Gesetz auch Signalwirkung. Das scheint aber politisch nicht gewollt zu sein. Den Kunden (ich finde “Freier” zu beschönigend) zum wichtigen “Partner im Kampf gegen die Zwangsprostitution” zu stilisieren, hat allerdings auch Signalwirkung. “Männer, das ist schon okay, was ihr macht. Und wenn ihr was Doofes bemerkt, lasst uns drüber reden”.
    Eine generelle Bestrafung von Prostitutionskunden finde ich schwierig. Auch weil ich denke, dass dann in unserer übersexten Gesellschaft erst Recht keine Diskussion über Sexualiät und damit auch über Prostitution etc. zustande kommt. Es sollte aber eine Gesetzeslage geschaffen werden, die die Schwachen schützt und nicht den Starken alle Rechte gibt. Aber so wie im Augenblick die Debatte in Berlin läuft, ist genau das zu befürchten.

  14. “es scheint mir sehr offen zu liegen, dass ihr die diskurse, die ihr hier anprangert, gar nicht kennt, weder die von der pro noch von der contra-seite.”

    Die “Diskurse” finden *hier* statt. Ein paar emsige Bienen aus der Wissenschaftswelt, die schön schreiben können, aber sonst nichts im Kopf haben, schaffen keine Realität.

    Wer glaubt, dass Realität von Geisteswissenschaft definiert wird, glaubt auch, wenn Wirtschaftswissenschaftler sagen, dass Wachstum die Antwort auf alle Fragen ist. Mit ein bisschen Erkenntnistheorie weiß man, dass Wissenschaft ein Herrschaftsystem ist – und guckt sich die Leute genau an, die sowas schreiben.

    Dodillets Arbeit wurde mehrfach auseinander genommen. Sie hat Dinge grob falsch zitiert, Sätze aus dem Zusammenhang gerissen. Das kann man schon selbstständig googlen.

    Nein, ich muss keine Studie verlinken, du kannst dir die, über die Reuters und andere berichteten (und die augenscheinlich existiert, gerne selbst raussuchen.

    Wir haben da auch keine Bringschuld.

    Sorry, ein Bild von der Realität muss man sich machen können, ohne (geistes-)wissenschaftshörig zu sein. Gerade in einem demokratischen Diskurs haben elitäre Kreise nicht das letzte Wort, sondern sind ein Mosaikstein, aber nicht der entscheidende Faktor. Diese “Diskurse” finden in der Realität statt. Mit echten Frauen, die sich ein Bild von der Realität machen. Realität braucht in einer Demokratie keinen Wissenschafler der erst noch sie aufgeschrieben hat und zitiert wurde – das, sich über Namen definieren nicht über die Logik der eigenen Argumente, ist antidemokratisch. Hier kann die Quellen jeder selbst einsehen und sich ein Bild von der Situation machen. Die Berichte der Polizei, die Berichte von Ex-Prostituierten, die Berichte von “freiwilligen Prostituierten”, die häufig Exotinnen sind oder gelogen (siehe Sasha Greys Outing letzte Woche). Jede_r hat zu diesen Quellen Zugang. Jede_r kann sich mit dem auseinandersetzen. Da wiegt der aufgeschriebene Eindruck einer Dodillet nicht schwerer als die Einschätzung der Frauen hier. Solange es nichts langjähriges empirisches ist- wie die Evaluation des norwegischen Modells ist es keine neue Quelle.

  15. Nachtrag: Hier die Quelle, wegen Dodillet.

    Sven-Axel Månsson: Gedanken über wissenschaftliche Glaubwürdigkeit nach der Lektüre von Susanne Dodillets Buch “Ist Sex Arbeit?”

    http://frauensindkeineware.blogspot.de/p/blog-page.html#!/p/blog-page.html

    Alles weitere ist da eben nachzulesen.

    Wenn Leute in einer Debatte in der es um Argumente gehen soll, anfangen Menschen mehr Gewicht zu geben, die ihre Meinung und Argumentation mal im Wissenschaftsystem aufgeschrieben haben, ist das antidemokraitsch. Um wissenschaftlich richtig zu arbeiten, genügt es ja schon, studiert zu haben, die Quellen nicht falsch anzugeben und andere Menschen zu zitieren, die mal über irgendwas geschrieben haben. Die Validität der Argumente wird dadurch überhaupt nicht klar.

    Im Gegenteil, wenn den Diskurs nach da verlagern möchte, grenzt man alle Menschen, die nie studiert haben, aber trotzdem informiert sind (Manfred Paulus zum Beispiel), aus. Das finde ich problematisch und auch elitär. Es wird der Geschwindigkeit einer Debatte auch nicht gerecht, wenn jede_r über seine eigenen Argumente immer erstmal eine Doktorarbeit schreiben müsste, um den eigenen Worten Gewicht zu verleihen.

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