Unsere Störenfrieda des Monats: Louise Arner Boyd

Man nannte sie die “Diana der Arktis” oder die “Eisköigin”, andere abwertend “Mrs. Satan.” Louise Arner Boyd unternahm mehrere Expeditionen in die Arktis, eine davon, um den verschollenen Polarforscher Roald Amundsen zu suchen und überflog 1955 als erste Frau – im Alter von 68 Jahren – den Nordpol. Obwohl ihr Wissen über die Arktis das ihrer männlichen Zeitgenossen aus dem “Goldenen Zeitalter” der Polarforschung weit überragte, ist sie heute nahezu in Vergessenheit geraten, in ihrer Heimat Kalifornien erinnert weder eine Statue noch ein Museum an sie.

Louise Arner Boyd wurde am 16. September 1887 als Tochter eines reichen Minenbesitzers in Kalifornien geboren und lebte das privilegierte Leben einer Tochter aus gutem Hause. Als ihre beiden Brüder früh verstarben und ihr Vater krank wurde, stieg sie in das Familienunternehmen ein – und wurde aufgrund ihres Verhandlungsgeschicks bald gefürchtet. Schon bald erlebte sie, welche Grenzen man ihr wegen des Umstands eine Frau zu sein, aufzwingen wollte. Ihr Leben lang weigerte sie sich, diese Grenzen zu akzeptieren.

Auf einer Reise nach Spitzbergen wurde sie vom Arktisfieber gepackt. Als ihre Eltern starben, schlug sie alle guten Partien für eine Hochzeit in den Wind und stellte kurzerhand ihre erste eigene Arktis-Expedition auf die Beine. Als die “Hobby” 1926 Kurs auf die Arktis nahm, notierte sie in ihr Tagebuch:

“My brain left all of me that was femine behind.”

Ganz so war es nicht – immerhin reiste sie mit einem extra für sie entworfenen Louis Vitton Koffer und versprühte an Bord ihr geliebtes “Chanel Nr 5” – was sie für die Männer an Bord nicht weniger furchteinflößend machte.

Nach ihrer Rückkehr rissen sich die Zeitungen um sie – diese mutige Frau war ein Phänomen. Fotos der Reise zeigen sie stolz mit ihrem ersten erlegten Eisbären. Die Arktis ließ sie nicht mehr los. Als Roald Amundsen auf der Suche nach Umberto Nobile, der die Arktis hatte überfliegen wollte, verscholl, schloss sie sich kurzerhand der Suchexpedition an. Der Fund von Wrackteilen zeigte, dass die Suche nach Amundsen vergeblich war.

Immer wieder zog es sie in die Arktis. Sie richtete wissenschaftliche Expeditionen aus, die das bislang bekannte Wissen über die Arktis auf den Kopf stellten, sie entdeckte neue Inseln, Tierarten und Wetterphänomene und kehrte von jeder Expedition mit einem noch größeren Erfahrungsschatz über die menschenfeindliche Arktis zurück. Ihr Erfolg machte die männliche Forscherelite nervös, immerhin hatte sie noch nicht einmal ein richtiges Studium abgeschlossen. Dass sie es wagte, sich “Forscherin” und “Entdeckerin” zu nennen, fanden viele unerhört. Man verhöhnte sie, wollte sie nicht in den männerdominierten Wissenschaftsgesellschaften haben – doch Louise ließ sich nicht entmutigen. Ihre scharfe Zunge und ihr Humor waren gefürchtet, sie kontrollierte, was mit den gesammelten Daten geschah – “Wissen ist Macht” – das hatte sie früh erkannt.

1955 überflog sie den Nordpol, ein Moment, der sie tief berührte. Sie starb 1972, wenige Tage vor ihrem 85. Geburtstag, verarmt und alleine in San Francisco.

Anders als auf den halsbrecherischen Expeditionen männlicher Polarforscher verlor auf den von ihr organisierten Fahrten nicht ein Crew-Mitglied sein Leben, noch gab es größere Katastrophen oder Zwischenfälle.

Boyd weigerte sich, zu heiraten und schrieb in der Rückschau auf ihr Leben:

“The greatest handicap I have had in obtaining my present position is, first, my sex – being a woman.”

Gerade ist auf Englisch die erste Biografie über Louise Arner Boyd erschienen: Joanna Kafarowski hat sich die Mühe gemacht, aus unzähligen Informationsschnipseln ein fundiertes Bild über die vergessene Polarpionierin zusammenzutragen – anders als bei den männlichen Heroen der Polarforschung gab es in der Vergangenheit niemanden, der sich die Mühe machte, das Vermächtnis von Louise Boyd zu bewahren.

Joanna Kafarowski: The Polar Adventurs of a Rich American Dame. A Life of Louise Arner Boyd. Dundurn, 2017.

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