Ursula von der Leyen auf der Jagd

Rothirsch

By Bill Ebbesen (Transferred from en.wikipedia) [CC BY 3.0], via Wikimedia Commons

Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen bei uns regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der oder aller Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Als Verteidigungsministerin hat sie ja allerhand zu tun. Kaum hatte sie angefangen, die Bundeswehr kinderfreundlicher zu machen, musste sie sich um den (angeblich) maroden Fuhrpark der Truppe kümmern, und nun wollen die in Kurdistan stationierten Bundeswehrsoldaten plötzlich nicht mehr. Haben wohl gemerkt, dass Krieg eben doch kein Videospiel ist. Kurzum: Überall ist Ursula gefragt, und ganz offensichtlich überfragt. Und ganz nebenher muss sie noch „unsere Jungs“ in aller Welt bei der Stange halten.
Ehrlich gesagt, ich würde da ein sehr einfaches Anti-Stress-Programm empfehlen: holt „unsere Jungs“ – und natürlich auch Mädels – nach Hause, macht den Laden dicht, verschrottet die Panzer, sperrt die Rüstungsfabriken zu, und lasst uns in Frieden mit der Welt leben.

Ministerin von der Leyen hat offensichtlich andere Vorlieben, was das Thema Entspannung angeht. Sie fungiert als Schirmherrin der 12. Neustädter Hubertusjagd, die im brandenburgischen unter ihrer „Ehrenjagdherrschaft“ stattfindet. Ob sie allerdings die Zeit finden wird, tatsächlich auch persönlich anwesend zu sein, sei dahingestellt.

Nicht nur die Ministerin, sondern der Bundeswehrverband, eine Menge örtlicher privater Unternehmen, die Sparkasse und VW fördern das Event. Nun weiß ich nicht genau, was mir das sagen soll. Aber mich dünkt, da werden reichlich Gelder in die illustre Gesellschaft und ihr zweifelhaftes Vergnügen gepumpt. Steuergelder, u.a.

Nun wäre ich Hinblick auf die Verteidigungsministerin ja fast geneigt zu sagen, besser sie jagt Tiere als Menschen. Doch 1. haben Tiere ganz grundsätzlich auch ein Recht auf Leben. 2. ist die Jagd eines entsetzlich blutrünstige Angelegenheit und eine der perfidesten Art und Weisen, Tiere umzubringen. 3. bleibt es bei der Jagd nicht immer bei dem Töten von Tieren, sondern nicht selten beendet so ein Jagdgewehr ein Menschenleben. Weibliches Leben zumal. Ob gewollt oder als Unfall, das lässt sich in vielen Fällen nicht zweifellos klären.

Wo es Waffen gibt, kommen sie auch zum Einsatz. Nicht nur im Krieg, sondern auch zunehmend im privaten Bereich. Das belegt eine Studie des Max-Planck-Instituts, der zufolge es in der BRD jährlich zu etwa 100 Todesfällen bei so genannten Familiendramen kommt – meist unter Einsatz von legalen Waffen. Der Begriff „Familiendrama“ lässt nichts Gutes ahnen, verschleiert indes, dass in diesen Dramen die Täter- und Opferrollen klar verteilt sind: Fast ausschließlich wird diese tödliche Waffengewalt von Männern gegen Frauen (und auch Kinder) ausgeübt. Laut der Initiative zur Abschaffung der Jagd leben weibliche Angehörige von Jägern besonders gefährdet.
Die Jagd gehört zum Landleben wie Kunstdünger, Pestizide und Hühnerfarmen – und ist genauso überflüssig: 320.000 Jäger bringen jedes Jahr hierzulande 5 Millionen Wildtiere ums Leben, 13.700 jeden Tag, 570 pro Stunde, fast 10 Tiere pro Minute. Alle 6 Sekunden ein Tier, zack tot durch Jägerhand. Wegen der Hege. Angeblich jedenfalls.

Doch „bei der von der Bundesrepublik Deutschland stets hervorgehobenen ´Hege`, die weltweit einzigartig sein soll, handelt es sich um ein längst überkommenes Relikt aus der Nazi-Zeit. Das Bundesjagdgesetz geht in seinen Grundzügen noch heute auf das Reichsjagdgesetz von 1934 zurück – erlassen von Hermann Göring, Hitlers Reichsjägermeister. In den westlichen Ländern der Bundesrepublik traten zwischen 1949 und 1950 Landesjagdgesetze in Kraft, die in ihren Grundzügen wesentlich dem Reichsjagdgesetz der Nationalsozialisten entsprachen; das jagdliche Brauchtum und die Trophäenorientierung wurde nicht einmal ansatzweise verändert“, schreibt der Soziologe Klaus Maylein in seiner Arbeit “Jagd und Jäger in der modernen Gesellschaft – Ambivalenz und Notwendigkeit?“.

Doch nicht nur Tiere müssen dran glauben, auch Menschen im Umfeld von Jägern leben sehr gefährlich. Zunehmend vor allem weibliche Menschen. Das belegt die Dokumentation der Initiative zur Abschaffung der Jagd, in der seit dem Jahr 2001 die Opfer von Jagdunfällen und Straftaten mit Jägerwaffen registriert werden. In der Statistik finden sich „klassische“ Jagdunfälle: Ein Jäger erschießt aus Versehen einen anderen Jäger oder den Treiber. Doch immer häufiger trifft es (weibliche) Familienangehörige der Jäger:
„Ehefrau mit Gewehr getötet.” – „Eifersuchtsstreit: Jäger schießt versehentlich Ehefrau an.” – „Jäger erschießt Ehefrau.“ – „77-jähriger Jäger erschießt Ehefrau und sich selbst.“ – „Mutter mit Jagdgewehr erschossen.“ – …

Solche und andere Presseberichte wurden von der Initiative mühevoll zusammen getragen.
Wer bereit ist, Tiere abzuknallen, scheut sich offenbar auch nicht, auf nervige Nachbarn, unliebsame Mieter, Nebenbuhler oder eben die Ehefrau oder sogar die eigene Mutter zu zielen. So antwortete der Schauspieler Sascha Hehn in einem Interview mit dem Magazin der Süddeutschen Zeitung (Heft 11/2013) auf die Frage „Wären Sie fähig, jemanden umzubringen?“:

„So wütend kann ich nicht werden, dass ich einem Menschen nach dem Leben trachte. Aber zur Selbstverteidigung? Kann sein. Ich bin Jäger, und wenn man mal auf Wildschweine geschossen hat, dann hat man auch kein Problem mit einem Zweibeiner.“
Übrigens: Keine der im Bundestag vertretenen Parteien konnte sich in ihrem Programm zur Bundestagswahl 2013 dazu durchringen, das Verbot der Jagd zu fordern.

Birgit Gärtner

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