Vom Ich zum Wir – Ein (unpolitischer) Beitrag zur Transdebatte

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Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen bei uns regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der oder aller Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Ich habe eine neue Lieblingsserie. Sense 8 läuft gerade auf Netflix und mich hat schon lange nichts mehr so in den Bann gezogen wie diese Serie, gemacht von den Wachowski Schwestern, den Macherinnen der Matrix-Reihe und produziert von Michael Strazcynski, dem Produzenten von Babylon 5. Es geht um acht Menschen auf verschiedenen Kontinenten, die durch eine Mutation auf einmal ein gemeinsames Bewusstsein entwickeln. Die acht könnten unterschiedlicher nicht sein, von der koreanischen Kampfsportlerin über einen Polizisten in Chicago, einer Djane aus Island und einer Pharmazeutin aus Indien sowie einem Gangster aus Berlin. Das Außen kommt in der bislang zweistaffeligen Serie nur schablonenhaft vor, was zählt, ist die Innenschau. Die Charaktere begegnen einander, besuchen sich im Geiste, lernen, was der andere fühlt, und wie er oder sie lebt. Die Story wird so mitreißend, so bildgewaltig und so detailliert erzählt, dass es für mich als Zuschauerin ein einziges Gefühlsbad ist. Von Gänsehaut über breites Grinsen bis hin zu Tränen war immer wieder alles dabei und ich weiß nicht, wie ich es bis Mitte Mai aushalte, bis es weitergeht.

Die Liebe als Gegenentwurf zum Ego

Ich habe lange darüber nachgedacht, was Sense 8 so besonders macht. Es mangelt nicht an Sex und Gewalt. Doch das verbindende Element ist, so simpel wie besonders, Liebe. Liebe, die entsteht, wenn man vom Außen zum Innen geht, die sich nicht festmacht an dem, wie jemand aussieht, sondern wer er oder sie ist und denkt. Sense 8 ist eine Erzählung wider die menschliche Einsamkeit, die wir alle kennen und zugleich eine Bekräftigung unser aller lebenslanger Suche, uns mit einem anderen, mit anderen zu verbinden, eine Suche, die oft ein Versuch bleibt. Ganz gleich, wie viel wir reden, wie nah wir uns kommen, irgendwie bleibt jeder von uns doch ein Universum hinter Mauern, unfähig, wirklich zu kommunizieren, wie dieses Ich die Welt erlebt. Sense 8 greift einen uralten Gedanken wieder auf, den zum Beispiel bereits Doris Lessing in “Shikasta” beschreibt, der aber auch in der Forschung zu kollektivem Bewusstsein durchklingt, vielleicht von manchen unter uns auch bereits auf LSD und ähnlichen Drogen erlebt wurde: Diese Mauern können überwunden werden, um sich mit anderen zu verbinden, den anderen nicht nur äußerlich zu sehen, sondern wirklich zu fühlen, nicht nur bloße Empathie, die gegeben, aber auch verwehrt werden kann, sondern das echte, wahre Fühlen wie der andere – das Gehen in den Schuhen eines anderen.

Die Überwindung der Einsamkeit

Die Sense 8 überwinden diese Einsamkeit, ab sofort sind sie nicht mehr allein, ganz gleich vor welchen Entscheidungen sie gerade in ihrem Leben stehen, vor welchen Hürden und Gefahren. Sie sind kein Ich mehr, sie sind ein Wir und dieses Wir in seinem eigenen Begreifen zu beobachten, ist so berührend, dass es Suchtfaktor hat. Die Szene, in der der schwule Schauspieler für südamerikanische Macho-Filme die Menstruationsbeschwerden der Frau aus Seoul erlebt, ist viel mehr als platte Komik, sie macht deutlich, dass Frauen Männern zwar ihre Beschwerden beschreiben können, doch verstehen werden diese sie niemals, so lange sie sie nicht selbst erleben. Es gibt auch andere, sehr tiefgründige Szenen, wie etwa die der verzweifelten Liebe zwischen Will und Riley oder schlicht jenem Moment, als alle auf einmal 4 Non Blondes zu singen beginnen. Die Sexszenen, in der alle acht irgendwie miteinander Sex haben –  grandios. Sex wird hier zum Ausdruck einer echten Verbindung, nicht nur Körperteile, die sich vereinen, sondern Seelen. Gänsehaut pur – aber ich will nicht spoilern.

Universale Verbundenheit

Die Zeit nannte Sense 8 abfällig “Seelenkommunismus” und sparte nicht mit Spott. Als ich den Artikel las, hatte ich das Gefühl, eine komplett andere Serie gesehen zu haben. Liegt es vielleicht an weiter andauernden LSD-Erfahrungen meiner Jugend? Sense 8 erinnert mich an eine der wenigen echten spirituellen Erfahrungen meines Lebens: Die Geburt. Ich erinnere mich an dieses völlig überwältigende Gefühl ab dem Moment, ab dem das Oxytocin zu wirken begann und ich, ein Mensch völlig ohne jede religiösen Überzeugungen, spürte auf einmal, dass alles mit allem verbunden ist und Liebe das verbindende Element. Ich finde, den Wachowski-Geschwistern ist eine herausragende künstlerische Leistung gelungen, dieses Gefühl in eine spannende Geschichte zu verpacken. Wie so oft bei künstlerischen Leistungen, spalten sich die Zuschauer in totale Fans und jene, die es langweilig finden. Naja, ich will jetzt nicht von alten Seelen anfangen…

Das Thema “Trans”

Eine der Hauptpersonen ist Nomi. Sie ist eine Hackerin und eine der Ersten, die erkennt, dass sich etwas verändert. Ihre Familie möchte sie einer Lobotomie unterziehen, was ihre Freundin Amanita gerade noch verhindert. Nomi ist eine Transfrau, geboren als Michael. Ihre Geschichte wird stückchenweise erzählt, und zwar ohne jede politische Agenda, als Ausdruck einer individuellen, oft auch für die Zuschauerin schmerzhaften Selbstfindung. Das Thema Trans und Geschlechterrollen ist sozusagen ein “Hausthema” für die Wachowski -Geschwister, die, wie sich einige vielleicht erinnern mögen, als Männer geboren wurden, sich heute aber als Frauen definieren. Es ist ein Teil ihrer anerkennenswerten Leistung, dass Nomis Geschichte eben nicht kämpferisch, nicht transaktivistisch erzählt wird, sondern die Zuschauer Nomi als Figur erst lieben lernen und dann ihre Geschichte erfahren. Der Mensch Nomi steht im Vordergrund, nicht die Transperson Nomi. Im Abbau von Vorurteilen gegenüber Transpersonen ist diese Serie sicherlich ein Meilenstein und Meisterwerk, denn ein wenig wird wohl auch die einzelne Zuschauerin zu einem Teil der Sense 8, wird in diese Innenwelt hineingezogen und fühlt sich mit allen Charakteren zutiefst verbunden.

Es hat mich deshalb auch zunächst verwundert, Diskussionen unter Feministinnen zu lesen, die Sense 8 für seine “Transagenda” verurteilten. Herangezogen wird dafür die erste Folge, in der Nomi mit ihrer Freundin auf eine Gay Pride Parade geht und von einer Gruppe Lesben als “Tranny” beschimpft wird. Auf Reddit entbrannte daraufhin eine Debatte darüber, ob damit “Terf-Bashing” betrieben wird. Der Begriff “Terf” – transexklusive Radikalfeministin – ist ein Schimpfwort, das häufig in Verbindung mit Drohungen, Ausschluss und sogar Gewalt gegen Frauen erhoben wird, die das Gender Konstrukt kritisch betrachten, da es eine Relativierung bis Negierung ihrer eigenen Unterdrückungserfahrungen beinhaltet und gerade der Transaktivismus, also die aktivistische Spitze der Transcommunity oft extrem bedrohlich Zugang zu Frauenräumen fordert bzw. Feministinnen durch sogenanntes “No-Plattforming” von Veranstaltungen verbannt, sobald diese sich – ihrer Meinung nach – auch nur vorsichtig transkritisch äußern. Die individuelle Erfahrung des Einzelnen, sich als Frau oder Mann zu fühlen, wird in der Kritik am Transkonzept nicht in Frage gestellt – wie könnte sie auch? – wohl aber der Versuch, alles, was biologisch weiblich ist, unsichtbar zu machen, weil es Teil eines Cis-Privilegs ist. Dazu gehören Brüste, Stillen, Uterus, Vagina, Gebärfähigkeit, Menstruation und vieles mehr. Ein Privileg aber braucht, per Definition, klar nachweisbare Vorteile im gesellschaftlichen Miteinander, es definiert sich nicht einfach durch “Etwas, das eine Gruppe habt und die andere nicht, aber gerne hätte”. Der Nachweis dieses Privilegs, als Frau geboren zu sein, ist Transaktivisten bis heute nicht gelungen – und kann es auch nicht: in einer patriarchalen Gesellschaft kann es nicht Privileg sein, zur unterdrückten Gruppe zu gehören. Gleichzeitig – und das wird im Hauen und Stechen dieser Debatte auch unter radikalen Feministinnen gerne vergessen – werden Transfrauen massiv diskriminiert (und zwar in erster Linie von Männern) und sind der Gefahr von Gewalt und Existenzverlust ausgesetzt. Und: Hinter jeder Transfrau, sogar hinter jedem Transaktivist, steht ein Mensch, der fühlt und leidet und keineswegs jede Handlung als politische Äußerung im Namen seiner Peergruppe versteht.

Was hat dieser Exkurs jetzt mit Sense 8 zu tun? Der Vorwurf, in der Serie würde Terf-Bashing betrieben, lässt sich bei näherem Hinsehen nicht halten, weil es gerade nicht um politische Agenda geht, sondern um die totale, schonungslose Innenschau. Das Außen wird in der Serie nur schablonenhaft, nur Schwarz und Weiß, nur zweidimensional dargestellt, das echte Universum, die eigentliche Wirklichkeit mit vielen komplexen Implikationen läuft im Innen, in der Begegnung der Acht ab. Das zeigt sich an ganz vielen Punkten: Die Lesben, denen Nomi und ihre Freundin begegnen, sehen aus wie das klischeehafte, absichtlich hässlich gemachte Abziehbild von Butchlesben. Schlimmer hätten sich das auch homophobe Lesbenhasser diese Figuren nicht ausdenken können. Es geht eben nicht darum, die komplexe Beziehung von Nomi zum Außen abzubilden, sondern die Kräfte, die von außen auf ihre Persönlichkeit einwirken in nicht mehr als bloß symbolhafter Form aufzuzählen, so zum Beispiel auch ihre Eltern. Wenn Gangster Wolfgang in Berlin mit den Oberhäupterin krimineller Familien zusammensitzt und diese davon reden, dass Berlin in “Königreiche” aufgeteilt sei, dann ist das absurd bis lächerlich. Deutsche haben nicht genug Fantasie, Gangsterbosse “Könige” zu nennen – und selbst wenn es sie gäbe – sie hießen ganz sicher nicht “Sebastian” oder “Günter”.

Heißt das also, Sense 8 ist nur Kunst und hat keine politische Botschaft? Geht es in Sense 8 nur um Liebe, wie Nomi-Darstellerin Jamie Clayton twitterte? Ganz so einfach ist es wohl nicht. In Staffel zwei wurde der schwarze Darsteller von Capheus ausgewechselt. Gerüchte sagen, er habe sich “transphob” geäußert. Ist Sense 8 deshalb ein transaktivistischer Projekt? Wenn ja, dann ist es ein sehr erfolgreiches, denn anstatt allen voran Frauen mit Hass dafür zu überschütten, dass sie ihre eigene, zwar diskriminierte, aber trotzdem erlebte Identität nicht zugunsten von Transfrauen verleugnen und verschweigen, wechselt er von der strukturellen zur individuellen Ebene, zur persönlichen – persönlicher als in Sense 8 geht es gar nicht – und erzählt davon, dass Liebe und Vestehen die Schlüssel zum Überwinden der Mauern sind, die unsere Egos umgeben und uns davon abhalten, einander zu spüren.

Der Backlash, der wenige Tage nach den Frauenmärschen im Januar 2017, durch das Internet flutet, in dem nicht nur die üblichen misogynen Trolle Hass und Gewalt ausschütten, sondern eben auch der Cis-Privileg-Vorwurf fast alle frauenkämpferischen Forderungen dieser Märsche außer Kraft setzen möchte, erinnert mich daran, dass die Welt eben nicht Sense 8 ist. In der Welt, in der wir leben, regiert eben nicht die Liebe, nicht das Wir, sondern der Hass und die Konkurrenz der Privilegien und Unterdrückungsformen. Transaktivismus ist an vielen Stellen zu einer Ideologie des Frauenhasses geworden. Die Verachtung, mit der über “Terfs” gesprochen wird, unterscheidet sich in nichts zu der, mit der antifeministische MRAs (Men’s Right Activists) Feministinnen attackieren. Das Ich, das narzisstische Ich des Kleinkinds, das nur die eigenen Bedürfnisse, nur die eigene Wahrnehmung kennt, regiert in dieser Debatte, die das Sandkastenniveau selten verlässt. Ein Wir jenseits der Gräben gibt es nicht. Ich würde mir wünschen, dass es Anerkennung gibt. Anerkennung für die jahrtausendelange Unterdrückungserfahrung von Frauen, Anerkennung für all die durch Männer ermordeten Frauen, deren Zahl der der ermordeten Transfrauen um ein Vielfaches übersteigt, Anerkennung für über 200 Jahre Frauenkampf, für den Frauen eingesperrt, geschlagen, vergewaltigt, zwangsernährt, ermordet, beschimpft und bespuckt wurden. Genau da liegt nämlich die eigentliche Stärke von Sense 8. Es wird nicht geurteilt, noch nicht einmal über den chronisch gewalttätigen Wolfgang. Die persönliche Historie, die den Einzelnen zu dem macht, was er ist, wird anerkannt und so ermöglicht, dass er sich angenommen – vielleicht sogar geliebt fühlt, sich auf die anderen einlässt, verwundbar macht – und etwas Neues wachsen kann. Wenn Hass die Gegenwart ist – ist Liebe dann vielleicht eine mögliche Zukunft, auch und gerade unter Radikalfeministinnen und Transfrauen? Liegt in der gegenseitigen Anerkennung des persönlichen Erlebens und Leidens ein möglicher Weg, mit der die Konkurrenz der Unterdrückungsformen ein Ende findet? Sense 8 macht Hoffnung. Aber Sense 8 ist eben auch Fiktion. In der Realität werden wir nicht alle zu einem kollektiven Bewusstsein mutieren. Die Arbeit zum Wir müssen wir schon selbst leisten.

Ein Gastbeitrag von Ingrid Anheimer

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