Von Devianz und Solidarität – oder: um welche Opfer kümmern wir uns?

Wer sich mit Prostitution beschäftigt, kennt den Begriff der Devianz. Devianz bedeutet „Abweichen“ vom bürgerlichen Lebensentwurf. Deviante, das sind Kriminelle, Drogenabhängige und eben auch Prostituierte. Bis in die 1980er Jahre war die Devianztheorie in den Sozialwissenschaften weit verbreitet und auch in vielen linken Kreisen anerkennt, beinhaltete sie doch eine immanente Herrschaftskritik. Der Dieb, der stiehlt, tut das, weil er keine andere Wahl hat, die Prostituierte prostituiert sich, weil das alles ist, was die kapitalistische Gesellschaft ihr zum Leben lässt. Die Devianztheorie geht davon aus, dass es hier eben keine richtigen Opfer gibt, bzw. die Opfer die Devianten selbst sind. Indem wir beschreiben, wer deviant ist – eben auch Behinderte und psychisch Kranke – wird wie in einem Spiegel ein Bild auf uns zurückgeworfen. In bester Focault’scher Tradition erkennen wir, dass die Gesellschaft in einem Diskurs festlegt, wer denn „solide“, „normal“ oder „vertrauenswürdig“ ist und dass dieser Diskurs mehr über die Gesellschaft aussagt als über die Devianten selbst. Die bürgerliche Gesellschaft braucht die Devianz, um sich ihrer selbst zu versichern. Menschen, die trotz Armut nicht stehlen, haben zumindest den moralischen Gewinn, sich als „anständig“ zu empfinden, Frauen, die sich trotz Not oder Gelegenheit nicht prostituieren, sehen sich ebenfalls so. Verlogen ist das alles bis in das Mark, denn genau auf diese Weise bleiben die Gewaltverhältnisse eben wie sie sind: Die Reichen werden reicher, die Armen immer ärmer, aber wenigstens bleiben sie anständig.

Über Anstand und Gewissen

„Anstand“ und „Gewissen“ sind zwei der mächtigsten Herrschaftsinstrumente unserer Zeit. Mit ihnen werden Sprechverbote erteilt, Lebensentwürfe abgeurteilt, werden menschliche Abscheulichkeiten unsichtbar gemacht und die Unterwerfung unter den Status quo wird überhöht, damit am Ende alles bleibt, wie es ist. Der Arbeiter, der sich rühmt, er verdiene sein Geld wenigstens „anständig“, hat kaum Motivation zu streiken oder gar an einem Sabotage-Akt teilzunehmen, er würde ja seinen Anstand verlieren. Auf das Gewissen berufen sich die Denunzianten, die Melder, die Unterdrücker und werden damit zu Helfershelfern einer Gesellschaft, die die Freiheit nur noch als fernes Ideal hochhält, wenn es gegen außereuropäische Autokraten geht. Der Arbeiter hat zwar mit dem Dieb mehr gemeinsam als mit dem Besitzenden, dennoch macht er sich die Moral des Besitzenden zu eigen und nennt den Dieb „unanständig“, während doch der Besitzende allein von dieser fehlenden Solidarität profitiert.

Es ist müßig, an dieser Stelle mal wieder Büchner zu zitieren, nachdem man sich Moral eben erst einmal leisten muss, der den Palästen den Krieg erklärte und den Hütten den Frieden. Das Verhältnis von Devianz, von Gewalt und Gesellschaft wurde erst gerade wieder im Zusammenhang mit G20 auf die Probe gestellt und sowohl bei der Debatte um G20 als auch jüngst in einer Debatte um Solidarität mit Prostitution zeigte sich, wie tief doch die Verinnerlicherung der bürgerlichen Moral selbst bei jenen sitzt, die ihr doch sonst immer lauthals abschwören.

Das bürgerliche Gewaltkonzept

Gewalt sagen die einen, ist erlaubt, weil Staat und Bürgertum so hässlich sind, auch wenn sie sich doch nur gegen die richtet, die selbst wenig zu melden haben in dieser Gesellschaft. „Pech gehabt“, heißt es dann. Und: „Reflektiere mal deinen materiellen Fetischismus.“ Dass sich davon niemand ein neues Auto kaufen kann, ist auch klar. Ignorant und zutiefst zynisch ist diese Diskussion, das wurde längst entlarvt. Die Revolution frisst ihre Kinder, frisst die, für die sie doch revoltieren will, hat längst zynisch jeden Bezug zu den Menschen verloren, die wirklich unter Staat und Kapital leiden und sich mit drei Minijobs durch das Leben schlagen. „Gewalt“ nennen es die Bürgerlichen, „Gewalt“ nennen es die Randalierer, was am Ende fehlt, ist eine grundsolide Herrschaftskritik, doch beide Seiten können sich dank des Gewaltbegriffs, der übrigens in dieser Situation noch gar nicht so alt ist, als Opfer empfinden und sich erneut moralisch überhöhen. Die Linken bleiben bürgerlicher Logik verhaftet und merken es gar nicht, ändern wird sich, auf diese Weise, natürlich nichts.

Es ist dieser Gewaltbegriff, der im Queerfeminismus dafür sorgt, dass Frauen nicht mehr über Menstruation und Vulven sprechen dürfen, denn es gibt da andere, die empfinden es als Gewalt – eine pervertierte Auslegung von dem, was Kurt Tucholsky einst als Gewalt beschrieb. Dass es gerade Linke sind, die auf der einen Seite „Der kommende Aufstand“ feiern, aber auch Bücher verlegen, die Errungenschaften der radikalen Frauenbewegung unsichtbar machen, zeigt einmal mehr, dass die Linke längst in das bürgerliche Lager übergelaufen ist, sich der gleichen Moral- und Anstandsbegriffe bedient, wie die, gegen die sie doch eigentlich mal angetreten ist.

Die angebliche Wahlfreiheit im Patriarchat

Der gleiche Zynismus zeigt sich, wenn bürgerliche Abolitionistinnen auf einmal Prostitutionsüberlebende attackieren. Diese hätten, so erklären sie, doch eine Wahl gehabt. Nicht jede Arme prostituiert sich gleich. Sie hätten festhalten sollen, an dem immateriellen Gewinn der moralischen Überlegenheit, „anständig“ zu bleiben, angesichts erdrückender materieller Zwänge. Was da zwischen den Zeilen herausschimmert, ist die altbekannte Rettermanier bürgerlicher Frauen, die Prostituierte nicht auf Augenhöhe betrachten. Prostitution, so ist lesbar, ist das Ergebnis von Willens- und Charakterschwäche und als diese zu verurteilen. Die Kontinuitäten, die hier sichtbar werden, reichen zurück bis in das Jahr 1933, zur Vernichtung sogenannter „Asozialer“ und müssen auch als genau solche benannt werden. Prostitution ist eine Folge der Nachfrage und diese existiert nur in einer patriarchalen Gesellschaft, in der Männer den Anspruch auf Sex haben – für Geld oder durch Gewalt. Einmal mehr wird hier deutlich, dass die 1968er Revolution es eben nicht geschafft hat, das Bürgerliche zu durchbrechen, sondern, das zeigt sich auch im anhaltenden Sexismus in DER LINKEN und der Linken, eben eine bürgerliche Kontinuität ist. Die Alt-68er leben eben jetzt im teuer renovierten Altbau mit Biogarten und schreiben pseudoliberale Texte zu sexueller Freiheit. Eine radikale, feministische Analyse der Herrschaftsverhältnisse unterblieb, weil niemand dem Feminismus zuhören wollte, obwohl doch dieser eben auch eine radikale Absage an die kapitalistische Verwertungslogik beinhaltet, zu der auch der Moral- und Anstandskomplex gehört.

Die Devianz ist ein Mittel sozialer Disziplinierung. Sie sorgt dafür, dass wir in der Spur bleiben, denn „du möchtest doch nicht so enden wie die da, oder?“ Soziale Disziplinierung ist eine der Grundfesten der modernen, bürgerlichen Gesellschaft, sie ersetzt die äußeren Wächter und externe Gewaltmittel. Im Mittelalter hieß es noch, wer sündigt, kommt in die Hölle, bei uns heißt eben, wer sich so und so verhält, landet in der Gosse und verliert dort jeden Anspruch auf die ohnehin nur marginale Hilfsbereitschaft der Gesellschaft. Helfen, das wollen wir nur jenen, die so sind wie wir, weil wir damit unsere eigenen Ängste davor besiegen, selbst einmal an ihrer Stelle zu sein. Je ähnlicher wir den Betroffenen sind, umso eher sind wir bereit zu helfen, das zeigt sich bei Katastrophen und auch bei der Flüchtlingskrise. Je weiter weg uns die Opfer erscheinen, ob geografisch oder sozial, umso mehr hält sich unser Mitgefühl, das doch in Wahrheit vorauseilendes Selbstmitleid ist, in Grenzen.

Die prostituierte Frau ist unsere Schwester

Die Kritik an Prostitution funktioniert nur in Verbindung mit Kapitalismuskritik, mit der Abwehr der Bankrotterklärung, Sex sei eben auch nur eine Ware und als solche käuflich. Der Kampf gegen Prostitution aber kann nur gelingen, wenn die bürgerlichen Gegensätze von „Norm“ und „Devianz“ durchbrochen werden und offenbar ist dieser Diskurs in der aktuellen abolitionistischen Bewegung unterblieben. Die prostituierte Frau ist keine „Deviante“, keine „Gefallene“, sie ist unsere Schwester, und zwar ganz gleich aus welchen Gründen sie sich für die Prostitution entschieden hat. Sie ist nicht deshalb besser, wenn sie aus Rumänien kommt und mit ihrem Geld fünf Kinder durchbringt oder sich eine Kaninchenfelljacke davon kauft. Wir Frauen sind im Gefängnis patriarchaler Normen alle gleich, die bürgerliche Fassade bietet nur einen zumindest äußerlichen Schutz davor. Wer eine brave Tochter ist, erbt vielleicht, wer eine gut Ehefrau ist, muss sich vielleicht zu Hause verprügeln lassen, wird aber von der Gesellschaft respektiert. Die prostituierte Frau entscheidet sich von den bürgerlichen Frauen nur dadurch, dass sie nie die Option einer bürgerlichen Fassade hatte oder in Erwägung zog, eine Entscheidung, die man, wenn man für eine Sekunde den bürgerlichen Blickwinkel verlässt, als durchaus mutig betrachten kann. Dass ihre Entscheidung aber – und hier sind wir im typischen Doublebind des Patriarchats – eben kein Entkommen bringt, denn aus dem System Patriarchat gibt es für keine von uns ein Entkommen, das stellt sie erst fest, wenn sie erheblichen Schaden an Körper, Seele und auch Geldbeutel genommen hat. Dann aber wird ihr, der Devianten, nicht nur von den bürgerlichen Frauen, sondern auch von den bürgerlichen Abolitionistinnen die Solidarität verwehrt, die sich selbst in patriarchalen Beziehungen, sexistischen Arbeitsverhältnissen und einer misogynen Gesellschaft eingerichtet haben. Die strammen Abolitionistinnen werden zu „Alibi-Frauen“ im besten Wortsinne Mary Dalys, zu Handmaiden des Patriarchats und verfolgen das noch mit intensivster moralischer Entrüstung.

Würde ist ein bürgerlich-kapitalistischer Begriff

Sobald wir anfangen, prostituierte Frauen für ihre Entscheidungen verantwortlich zu machen, verlassen wir die Ebene radikaler, feministischer Kritik und begeben uns mitten hinein in den verkorksten bürgerlichen Diskurs um Anstand. In einer kapitalistischen, patriarchalen Gesellschaft ist es müßig, von Würde zu sprechen, denn das bedeutet, dass es überhaupt eine Würde gibt, die genommen werden kann, zum Beispiel auch durch eine Vergewaltigung. Damit tun wir den Opfern erneut Gewalt an, machen sie zu Devianten, anstatt uns solidarisch zu erklären.

Im System Patriarchat gibt es kein Heilbleiben, kein Ganzsein für keine von uns Frauen. Wir verletzen unsere Töchter, wenn wir ihnen erklären, sie sollen auf ihren Ruf achten oder nachts nicht alleine draußen sein, wir verletzen uns, wenn wir gegen eine Frauenquote argumentieren, damit mittelmäßige Männer weiter Karriere machen können, wir unterstützen die Vergewaltigungskultur, die die Täter davon kommen lässt, weil wir nicht bei jedem Freispruch auf den Straßen sind und lauthals protestieren und darüber nachdenken, ob der Minirock nicht vielleicht doch Schuld hatte. In diese Kerbe schlagen wir, wenn wir Prostituierte für ihre Teilhabe am System Prostitution haftbar machen, ein System, das sie nicht geschaffen haben und von dem sie nur in den wenigsten Fällen profitieren, anstatt uns mit aller Macht gegen jene aufzulehnen, die Prostitution fördern, von ihr profitieren und damit reich werden. Wenn wir anfangen, zwischen uns und anderen Frauen einen Unterschied zu machen, je nachdem, wer sich nun besser im System Patriarchat eingerichtet hat, hören wir auf, Feministinnen zu sein. Wir verlassen den Pfad echten Widerstands und beteiligen uns daran, Feminismus zu einem Feigenblatt einer ach so freien Gesellschaft zu machen. Ein bisschen Feminismus tut es doch auch, oder? Nein!

Lest Mary Daly und weniger Zeitung

Die Sozialwissenschaften der 80er benutzten den Devianzbegriff, weil sie mit ihm auch etwas anderes ausdrücken konnten: Den Underdog-Komplex. Dieser umfasst all jene Menschen, die schon seit ihrer Kindheit wissen, dass sie ohnehin nicht dazu gehören und auch keine Chance haben in der Gesellschaft und deshalb bereit sind, auf ihre „Würde“ zu verzichten, kriminell werden oder sich prostituieren. Die klare Trennung zwischen soliden und devianten Menschen fördert also gerade, dass Menschen solche Entscheidungen treffen und wer diese wiederholt, als Trennungsmerkmal für gute und schlechte Frauen vorbringt, der geht den Bürgerlichen und der geht dem Patriarchat auf den Leim, der will nicht, dass Frauen sich nicht mehr prostituieren, weil es ihnen dort schlecht geht, sondern der will, dass Prostitution verschwindet, weil es ihr Anstandsgefühl verletzt. Wer Prostituierte für seine Entscheidungen attackiert, attackiert bald Frauen, die zu kurze Röcke tragen oder zu oft abtreiben für ihre „Entscheidungen“ – die doch bei näherem Hinsehen gar keine sind. Die brutale Logik hinter dieser Einteilung ist vermutlich den wenigsten klar – auch hier sei noch einmal auf die hässlichen deutschen Kontinuitäten verwiesen, die hier sichtbar werden. Wer so etwas vorträgt, ist alles, aber sicher keine Feministin und hat die patriarchale Gehirnwäsche längst verinnerlicht. In dem wir unsere Solidarität von der Lebensführung abhängig machen, wiederholen wir verinnerlichte patriarchale Muster und die Gedankengänge dahinter sind besorgniserregend. Was ist dann mit den alleinerziehenden Müttern mit drei oder mehr Kindern? Haben die auch die falsche Wahl getroffen und sollten dringend keine Sozialleistungen mehr erhalten? Mit Feminismus oder auch nur Befreiung hat all das nichts zu tun.

Um es drastisch auszudrücken: Wir scheißen auf die bürgerliche Moral, auf den Anstand. Das sind Fesseln, die uns vorschreiben, wie wir mit unserer Sexualität umzugehen haben, die uns unterdrücken und niederhalten. Jede von uns – und nun schaut ganz genau in den Spiegel – hat schon etwas getan, das weitaus schlimmer wiegt, als für eine Kaninchenfelljacke auf den Strich zu gehen – jede von uns hat ihre Schwestern schon verraten, für einen Kerl, einen Job oder ein bisschen Anerkennung. Wir brauchen die bürgerliche Moral nicht, denn sie ist die Moral der Väter, der Unterdrücker, der Ausbeuter. Und wenn wir jetzt noch immer nicht so weit sind, das selbst in unseren eigenen Reihen zu reflektieren, dann wird es dringend Zeit für eine Runde radikalfeministischer Grundsatztheorie. Lest Mary Daly und weniger Zeitung.

7 Kommentare

  1. PS: Das alte Teile und Herrsche, dh. Zersplittere die Frauen in möglichst viele Untergrüppchen und spiele sie gegenseitig aus, dann hast Du, (der Mann, das Patriarchat, der Staat…..) gewonnen. Und genau dort sind wir jetzt. Und die Frauen merken’s nicht und verraten reihum ihre angeblich“devianten“ Schwestern. Und auch noch im Namen von Moral und Anstand Wessen Moral? Wessen Anstand? WER genau legt das fest?
    Eine Moral für die Herren, (die dürfen alles!) und eine Moral für die Frauen, die dürfen Nichts, ohne angefeindet und abgekanzelt und mit Schimpf und Schande in die Scham-Ecke gedrängt zu werden. Falls man nichts findet, kann man ja immer noch „Bodyshameing“ betreiben. Und Frauen machen an vorderster Front mit. Vermutlich damit sie nicht selbst denken müssen.
    Besser die andere wird beschämt und „ausgesondert“, als man selbst.
    So muss es auch zur Zeit der Hexenverbrennungen zu und her gegangen sein. Frauen, die hinterhältigen verbalen Mittäterinnen.

  2. Danke, Mira Sigel, für einen weiteren klugen Artikel, der durchaus als Augenöffner geeignet ist. Und der reichlich Material zum Nachdenken bietet für alle, die bereit sind, eigene Positionen zu überdenken und auch in Frage zu stellen.

  3. Die Spiessbürger/innen sollten lieber das Fehlen von Moral und Anstand bei jenen Männern diskutieren, die Frauen dafür bezahlen, sich vergewaltigen zu lassen.

  4. Womit wir auch wieder bei der Linken wären. Doch hat sie uns verraten? Kämpften nicht unsere Schwestern damals Seite an Seite mit ihnen, auch und den Hörsälen? Verraten hat sich uns nur dann, wenn wir davon ausgingen, dass sie anders sind. Doch sie sind nur die linke Seite des Patriarchats und das machten sie uns von vorn herein klar, denn unsere Unterdrückung ist ja nur ein Nebenwiderspruch. Naja, dann.

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