Von Postfeminismus und Postpatriarchat

Woman Power Symbol, Feminist Fist

Public Domain C00

Emma Watsons Rede hat für viel Wirbel gesorgt. Auch die Störenfriedas haben darüber diskutiert – und sind beim Lesen von Kommentaren und Blogbeiträgen auf Erstaunliches gestoßen. Deutschlands älteste Netzfeministin Antje Schrupp schreibt vom “Postpatriarchat”, eine Art “Nachzucken” des bereits besiegten Patriarchats, dass Feminismus in seiner alten, radikalen Form überflüssig macht. Grund genug, sich dieses Postpatriarchat einmal anzusehen. Laut Wikipedia bedeutet Patriarchat: (wörtlich „Väterherrschaft“) beschreibt in der Soziologie, der Politikwissenschaft und verschiedenen Gesellschaftstheorien ein System von sozialen Beziehungen, maßgebenden Werten, Normen und Verhaltensmustern, das von Vätern und Männern geprägt, kontrolliert und repräsentiert wird.”

Der Frauenanteil der Bundestagsabgeordneten liegt bei der CDU bei 24,8 Prozent und der SPD bei 42 Prozent. In deutschen Medienanstalten und Zeitungen haben Männer das Sagen, die Zahl der Filmproduzentinnen und Regisseurinnen geht seit Jahren zurück. In den Vorständen der 30 DAX Unternehmen Deutschlands finden sich nur 5,5 Prozent Frauen.
Eine aktuelle Studie fand darüber hinaus jüngst heraus, dass der Gender Pay Gap in Deutschland noch sehr viel größer ist als bisher angenommen.

Aktuell sind Vergewaltigungen in Deutschland ein nahezu straffreies Verbrechen, Täter können sich dank “Opferabo” damit herausreden, der Sex sei einvernehmlich gewesen, zur Anzeige kommen ohnehin nur etwa 5 Prozent, von denen wiederum nur 8,4 Prozent im bundesweiten Durchschnitt zu einer Verurteilung führen. Statistisch gesehen wird in Deutschland alle 68 Minuten eine Frau Opfer einer Vergewaltigung. Die Gesetzgebung bestimmt, dass eine eindeutige Gefahr für Leib und Leben für die Frau bestehen muss, Eindringen gegen den Willen ist nach deutschem Gesetz noch keine Vergewaltigung. Gegen eine Neuregelung sträuben sich die Männer aus SPD und CDU, stattdessen wird Vergewaltigung in Witzen, Musikvideos und Vorabend-Serien verharmlost. Aktuell sorgen T-Shirts mit der Aufschrift “It is not rape, it is a snuggle with a struggle” (zu Deutsch: “Es ist keine Vergewaltigung, es ist Kuscheln mit einem Kampf”) für Aufsehen. Anstatt Männern beizubringen, nicht zu vergewaltigen, wird lieber ein Nagellack erfunden, der Frauen vor KO-Tropfen schützen soll.

Das Abtreibungsgesetz ist eine Katastrophe, die von christlichen Fundamentalisten bis zur AfD gerne noch vergrößert werden möchte – Frauen als Lebensspenderinnen und Wahrerinnen der deutschen Nation. Es gibt in Deutschland keinen Weg einer legalen Abtreibung, lediglich eine unter sehr eng gefassten Umständen “straffreie” Option existiert. Der rezeptfreie Zugang zur Pille danach, der von der WHO dringend empfohlen wird und in 27 Ländern Europas, von Rumänien bis Litauen verfügbar ist, wird uns in Deutschland mit dem Argument verwehrt, wir würden sie dann einwerfen “wie Smarties.”

Emma Watson hielt ihre Rede und schon wurde sie von Hackern damit bedroht, dass Nacktfotos von ihr veröffentlicht werden. In den USA sind bereits tausende Frauen Opfer von Erpressungen durch Nacktfotos geworden, einige von ihnen brachten sich um. Der Trend schwappt langsam nach Deutschland, wo sich Facebookseiten mit entsprechenden Fotos wochenlang halten. Aktionen wie “Women who eat in trains” oder #upskirt machen sich einen Spaß daraus, Frauen in der Öffentlichkeit in peinlichen Positionen zu fotografieren und diese Fotos ins Netz zu stellen. Feministinnen im Netz erhalten Drohungen und Beschimpfungen.

Der Sexismus in der Werbung hat ein Ausmaß angenommen, das jetzt schon besorgte Väter auf den Plan ruft (die den Sexismus in Pornografie und Prostitution allerdings konsequent ausblenden) und Väterrechtler erreichen, dass sie ihre Ex-Frauen nun per Gesetz mittels der Kinder terrorisieren dürfen. In Deutschland gehen vermutlich eine halbe Million Frauen der Prostitution nach – die meisten von ihnen Ausländerinnen, ohne Chance auf eine andere Zukunft, die in Freierforen auf rassistische und frauenverachtende Weise beschimpft werden. Die Grenzen zwischen Menschenhandel und Freiwilligkeit sind fließend – die Politik möchte sich jedoch gerne einreden, dass Freier ein menschliches Interesse an den Frauen haben, die sie sich kaufen, die Realität spricht eine andere Sprache.

Die Gewalttätigkeit gegen Frauen in der Pornografie, in der Deutschland weltweit drittgrößter Produzent ist, nimmt zu, die Empathiefähigkeit der pornoschauenden Männer ab. Studien zeigen, dass Männer, die regelmäßig Pornos schauen, weniger Mitgefühl mit einem Vergewaltigungsopfer haben und öfter behaupten, die Frau trüge durch Kleidung oder Verhalten eine Mitschuld. Etwa 15 Millionen Menschen in Deutschland, davon 86 Prozent Männer rufen jeden Tag Pornos auf. Die aktuell beliebteste Seite aus Deutschland ist xHamster, ein Portal, auf dem alle möglichen Pornos verlinkt werden können. Aktuell auf der Startseite Videos mit folgenden Titeln: “Flexible Blondine fickt rau” und “Schulmädchen bekommt ihren Arsch kaputt gefickt”. Wer jetzt darauf abheben will, dass ja Frauen auch Pornos schauen, dem sei ein Blick auf die Seite der Rene Schwuchow Show empfohlen, die auf dem Pay-TV Kanal Sport1 läuft. Moderator Rene Schwuchow besucht Puffs und Pornodrehs in ganz Deutschland und “gönnt sich” dann auch gleich die Frauen dort. Wer sich anmeldet, kann ihm live zu schauen, die Fangemeinde begeistert – Sport und Pornos – ein offenbar nur für Männer entwickeltes Unterhaltungsprogramm.

In einer erdrückenden Mehrheit der Pornos werden Vergewaltigungen inszeniert, die von den Kommentatoren frenetisch bejubelt werden. Je härter es der Frau “besorgt” wird, umso besser ist für sie der Porno. Dass in der Wahrnehmung von Pornokonsumenten die Grenzen zwischen Vergewaltigung und Freiwilligkeit fließend sind, kann dann nicht mehr verwundern – trotzdem wird weiter behauptet, Pornografie hätte keinen Einfluss auf den Alltag. Interessant wäre zum Beispiel zu erfahren, was genau sich der 16jährige dachte, der gestern Abend in München eine Studentin auf dem Heimweg von der Wiesn vergewaltigen wollte. Sein Opfer konnte sich durch Schreie retten.

Das ist nur ein sehr kurzer und nicht vollständiger Überblick, über die Zustände in Deutschland, in dem angeblich das Postpatriarchat nur noch so vor sich hinzuckt. Wer unverstellten Blickes auf diese Umstände blickt, der erkennt klar, dass das Patriarchat keineswegs besiegt ist, sondern im Gegenteil nach wie vor mit Gewalt und ökonomischer Macht die sexuelle, ökonomische und reproduktive Ausbeutung von Frauen betreibt. Indem aber von Postpatriarchat und Postfeminismus gesprochen wird, indem behauptet wird, dass Frauen doch längst alles erreicht hätten, werden aus Feministinnen, die eben diese Zustände kritisieren, ewig Gestrige, die gegen ein Phantom kämpfen. Begriffe wie Postfeminismus und Postpatriarchat sind Teil einer neuen, frauenfeindlichen Agenda, die sich gegen jene richtet, die sich weigern, die zu kritisierenden Verhältnisse hinzunehmen. Megan Murphy hat das bereits vor Wochen sehr treffen formuliert: “Feminism is the new misogyny” (Feminismus ist der neue Frauenhass).  Es ist nämlich nicht das Patriarchat, das uns unterdrückt (denn das gibt es ja nicht mehr), es sind die Frauen, die an allem schuld sind. Schuld, wenn sie die sich eröffnenden Chancen nicht richtig nutzen und dann die Männer verantwortlich machen, schuld, wenn sie Prostitution und Pornografie kritisieren, weil sie damit nicht nur den Männern den Spaß verderben sondern angeblich auch gleich noch frauenhassend sind. Nicht die Freier oder die legale Prostitution sind schuld am Tod von Prostituierten, sondern eben die, die Prostitution bekämpfen. Es sind absurde Debatten, die doch am Ende nur einen Schluss zu lassen: Frauen wird von Kindheitsbeinen beigebracht, dass das, was sie wahrnehmen, nicht richtig ist. Sexuelle Belästigung? Das war doch ein Kompliment! Pornos? Eine Bereicherung des Sexlebens (ihrer Männer, denn bis zu 50 Prozent aller Frauen kommen beim Sex mit ihrem Partner nie zum Orgasmus). Vergewaltigung? Nun habe dich nicht so. In Pornos geht es auch mal rau zu. Feminismus? Willst du echt eine von denen sein?

Genau diese Verdrängung macht Frauen zu den besten Verteidigerinnen ihrer eigenen Unterdrückung, die dann bereitwillig in schwachsinnige Diskurse um “Freiwilligkeit” und “Selbstbestimmung” einwilligen. Über sich selbst bestimmen kann nur die, die frei ist. Frei von ökonomischen, gesellschaftlichen und gewalttätigen Zwängen, die von einer männerdominierten Gesellschat ausgeübt werden. Keine von uns ist frei. Und so lange die Verhältnisse sind wie sie sind, gibt es nur ein Wort für sie: “Patriarchat”. Und so lange es kein Postpatriarchat gibt, ist jede auch nur diskursive Hinwendung zum Postfeminismus eine politische Kapitulation.

8 Kommentare

  1. Für Wahr, für wahr… Ich hatte erst gestern abend wieder eine Diskussion mit einem Mann, es ging um die Gewalt, speziell Vergewaltigung von Touristinnen in Indien, der allen Ernstes sagte “die Touristinnen tragen mit Schuld, wenn sie sich so aufreizend kleiden”… Ich hingegen appellierte daran, dass den Männer weltweit klargemacht/beigebracht/gelehrt/eingetrichtert werden muss, dass Frauen kein Freiwild sind und sie die Frauen zu achten und zu respektieren haben, egal woher sie kommen und wie sie sich kleiden!!!!

  2. Daniela Oerter

    Natürlich frage ich mich nicht mehr ernsthaft, warum Frauen diesen neuen weichgespülten Supifeminismus – alles ist freiwillig und vor allem supitoll, außer vielleicht die sexistische Werbung – unterstützen.

    Für mich sind sie allesamt entweder doof, zur Gänze empathielos, völlig unsolidarisch oder aber unter einer Art Stockholmsyndrom leidend: Identifikation mit dem Aggressor.

    Ich kann sie schlicht nicht ernst nehmen. Und ich sehe sie als nette Ritterinnen in glänzender Rüstung ohne Dellen und Kratzer, die auf eher unwesentlichen Nebenkriegsschauplätzen kleine Schaukämpfchen austragen – dort, wo es nicht wirklich an die Substanz geht.

    Postpatriarchat? Schön wär’s!

    Leider aber verhält es sich so, dass nun diese neuen Weichspülfeministinnen den Männern auch noch den Boden bereiten, auf dem sie sich dann von ihnen überrollen lassen und sich dafür mit lauten Hurra bedanken. Grotesk!

    Wenn nur die Rosaglitzerwelt aus dem Wust an Grauen herausgepickt und angegangen wird, will ich damit nix zu tun haben und behänge mich stattdessen lieber mit Glitzer und Pink, bis ich wie ein Weihnachtsbaum aussehe – wenn, dann richtig grotesk!

  3. Das mit dem saublöden Argument, die Frauen würden sich entsprechend kleiden, sonst wäre eine Vergewaltigung nicht passiert: Wieviele Männer puschen öffentlich ihren Schwanz, aber keine Frau vergewaltigt sie? und wieviele Männer streichen sich im Zug neben einer Frau ihren Schwanz, aber keine Frau vergewaltigt sie? Wieviele Männer reiben im Zug oder Tram, Bus stehend hinter einer Frau unverholen den Schwanz, aber keine Frau greift sie an? Das ist das Problem, Frauen, Ihr seid alle zu nett zu den Herren. Grenzen setzen reicht nicht.Es braucht ab und zu brutale und laute Stopp-Worte und notfall PPT- ihr wisst ja was das heisst…..

  4. Käsestulle

    “Genau diese Verdrängung macht Frauen zu den besten Verteidigerinnen ihrer eigenen Unterdrückung, die dann bereitwillig in schwachsinnige Diskurse um “Freiwilligkeit” und “Selbstbestimmung” einwilligen.”

    nicht zu vergessen, dass viele (netz-)feministinnen in das gleich horn blasen. lamentieren als alibi gegen sexistische abbidungen in der werbung, aber die realen vorbilder prostitution und pornografie werden schöngeredet.

  5. Auf Antje Schrupps Blog schrieb ich den Satz: “Das Benutzen von fremden menschlichen Körpern zur eigenen sexuellen Befriedigung als Dienstleistung zu definieren offenbart in meinen Augen die ganze Perversität des patriarchalen und kapitalistischen Systems.” Darauf wurde ich von ihr zurecht gewiesen u. a. mit den sinngemäßen Worten “Dann schaffen wir mal eben das Patriarchat ab, oder was?”. Meine Antwort darauf: “Ja, ganz genau!”. Mir ist ein Rätsel, wie sie einerseits von Postpatriarchat schreiben kann, es aber andererseits für unmöglich hält, das Patriarchat abzuschaffen. Das ist doch schon ein Arrangieren mit diesem. Dieser Widerspruch muss doch ins Auge fallen. Oder nicht?

  6. Leider ist es so, dass viele Frauen keinen Grund mehr sehen Frauen überhaupt noch zu erwähnen. Es reicht ja, wenn man die ‘neutrale’ männliche Bezeichnung benutzt. Da weiß schließlich jede, dass beim “Leser” auch Frauen gemeint sind und alles andere ist ja so lächerlich umständlich und nur was für unemanzipierte mit Minderwertigkeitskomplexen. Tja, und genau diese Frauen scheinen heute in der Mehrzahl zu sein. Null Bewusstsein, nicht nur bei den Männern. Solange Männer zu Mitgefühllosigkeit und damit zu Gewalt gegen Wehrlose erzogen werden, werden auch Frauen dran “glauben” müssen. Das Patriarchat findet seinen deutlichen Ausdruck am “Angel”-Teich”, an dem Wehrlose, die noch nicht einmal schreien können, ‘wie praktisch!’, aus Spaß totgequält werden und wird sehr deutlich beim Karnismus, dem auch Frauen, auch Feministinnen “huldigen”. Auch mangels Bewusstseins. Speziesismus ist nach wie vor angesagt und der Zusammenhang zu Gewalt gegen Frauen, weil Gewalt gegen Wehrlose, egal welcher Art, wird auch bei den Feministinnen nicht gesehen. Es wäre wirklich Zeit, dass sich wenigstens die vegane und die Frauenbewegung zusammenschließen und Frauen Bewusstsein entwickeln und aufhören würden Gewalt gegen Wehrlose auszuüben. Das wäre ein großer Fortschritt hin zu weniger Gewalt für alle. Dies würde beide Bewegungen sehr stärken, wenn Frauen aufhören würden mit ihrer Gewalt gegen andere Wehrlose.
    Nicht “nur” Männer sind frauenfeindlich, Frauen leider auch, mangels Bewusstseins. Ich glaube, da waren wir schon mal weiter.

  7. Eines nicht vergessen: Immer noch werden Frauen für gleiche Arbeit schlechter bezahlt, selbst wenn sie diese Arbeit BESSER machen als die männlichen Kollegen.

  8. Liebe Astrid! Zu deinem Kommentar vom 28.10. 14, also von vor einem Jahr, den ich eben erst gelesen habe:
    Ja, das wünsche ich mir auch sehr, daß sich FeministInnen mit TierrechtlerInnen und umgekehrt zusammentun und sich solidarisieren!
    Eine lesbische Tierrechtlerin und Feministin

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