“Wahnsinnsfrauen” – Psychische Krankheit als Mittel zur Diskriminierung von Frauen, die sich der gesellschaftlich vorgesehenen Rolle verwehren

Johanna von Kastilien

Master of the Joseph Sequence (fl. circa 1470-1500) [Public domain], via Wikimedia Commons

Die wundervolle Luise F. Pusch hat gemeinsam mit Sibylle Duda Anfang der 1990er Jahre einen dreiteiligen Band herausgegeben, der unter dem Titel “Wahnsinnsfrauen” den Zusammenhang zwischen psychiatrischer und psychischer Erkrankung und dem Frausein herausgearbeitet. “Wahnsinn” kann ein Unterdrückungsmittel sein und zugleich ein Fluchtort aus der Enge der gesellschaftlichen Rollen. Das Attribut “hysterisch” zeugt bis heute von diesem Diskriminierungspotenzial, das darauf abzielt, Frauen und ihr Verhalten für das Patriarchat zu entwaffnen. Und auch psychische Gesundheit ist nach dem männlichen Ideal ausgerichtet:

Auch heute noch und bisher nicht ausdrücklich revidiert, arbeiten Psychiatrie und Psychotherapie mit dem Leitbild einer psychisch gesunden, erwachsenen Persönlichkeit, das nach dem Leitbild des Mannes, wie es das gängige Geschlechterstereotyp vorgibt, ausgerichtet ist. Demnach gibt es keine psychisch gesunde erwachsene Frau, sie gilt nur dann als normal, wenn sie sich unauffällig unterordnet, möglichst nicht die Begrenzungen ihrer weiblichen Rolle durchbricht. [1]

Das Patriarchat verursacht darüber hinaus bei Frauen eine ganze Reihe von psychischen Krankheiten – die Essstörungen als Folge eines körperfeindlichen Schlankheitsideals, die Depressionen im Zusammenhang mit sexuellen Gewalterfahrungen oder als Ergebnis einer allgemeinen Unterdrückungswahrnehmung.

Eine Frau kann eigentlich im Patriarchat nur verrückt werden, so lautet eine der Hauptthesen feministischer Psychologie  und auch dieses Buches. Entweder die Frau  erträgt stumm all die Unterträglichkeiten – dann ist sie “normal” (besser: normal verrückt), leidet höchstens an “Weiblichkeitswahn”, an einer unerklärlichen Leere und Sinnlosigkeit. Oder sie wird “manifest verrückt”, d.h. sie zeigt eine eigentlich gesunde Reaktion, lässt sich Unerträgliches nicht gefallen und rebelliert – dann gilt sie aber im Patriarchat unweigerlich als gestört im Vergleich zu der “normal friedfertigen” Frau: ab in die Klapsmühle bzw. hinter Schloss und Riegel. [2]

Johanna die Wahnsinnige (1479-1555):

Die Biografen haben aus Juana, der spanischen Königin, die “Wahnsinnige” gemacht. Angeblich war sie angetrieben von einer “krankhaften Eifersucht”.  Ihre Furchtlosigkeit bei der Überfahrt von Brüssel nach Spanien während eines Sturms wurde von zahlreichen HistorikerInnen als Beleg ihres Wahnsinns betrachtet – bei einem Mann wäre dies als Zeichen von Mut betrachtet worden. Es zeigt sich, dass viele HistorikerInnen nur allzu bereitwillig das Attribut “wahnsinnig” von Johannas Zeitgenossen übernehmen wollen und in zahlreichen Begebenheiten gerade zu nach Beweisen dafür suchen wollen.

Johanna wurde mit nur 20 unerwartet die Erbin des riesigen spanischen Weltreiches. Sie heiratete bereits mit 16 Philipp den Schönen, den Erben des Habsburgerreiches und gebar ihm 1498 mit Karl einen Thronfolger – jenem Karl, der als Karl V. ein noch viel größeres Weltreich regieren sollte, in dem “die Sonne niemals unterging”. Als sie mit ihrem zweiten Sohn schwanger war, verließ Philipp sie und reiste in die Niederlande. Johanna sollte ihn anderthalb Jahre nicht sehen, da ihre Eltern die neue Thronfolgerin lieber unter ihrem Einfluss wussten als unter dem des niederländischen Hofes. Doch Johanna wollte sich damit nicht abfinden. Als ihr die Reise zu Philipp verwehrt wurde, bekam sie jenen berühmten Wutausbruch, der immer wieder als Beweis ihres Wahnsinns angeführt wird. Als sie endlich Philipp in Brüssel traf, entdeckte sie, dass er eine Mätresse hatte – keineswegs ungewöhnlich für die männlichen Herrscher jenerzeit und weitläufig gesellschaftlich akzeptiert. Doch Johanna war nicht bereit, das zu akzeptieren. Sie schnitt der Nebenbuhlerin die blonden Locken ab, woraufhin ihr Ehemann sie schlug und in ein Zimmer einsperrte. Mit dem Tod ihrer Mutter Isabella übernimmt der Vater Fernando die Regierungsgeschäfte bis zur Volljährigkeit von ihrem Sohn Karl.

Jene Männer sind es, die Johanna aus Machtinteressen “wahnsinnig” machen: Ihr Vater, ihr Sohn und ihr Ehemann. Ihr Ehemann setzt eine Spitzel auf sie an, um alle Verfehlungen, die Johanna begeht, peinlich genau zu dokumentieren. Philipp und Fernando stritten erbittert um den Herrschaftsanspruch in Spanien – Johanna wurde in der Zwischenzeit isoliert und mehrfach zum Verfassen von Schriftstücken gezwungen, in denen sie ihren eigenen Anspruch aufgab.

Als sie endlich nach Spanien zurückkehren darf, weigert sie sich, mit Philipps Hofdamen an Bord zu gehen und später in Coruna in die Stadt einzuziehen. Die Biographen sehen in dieser Verweigerung einen Beweis für Johannas “krankhafte” Eifersucht – auf die Idee, dass ihre Wut auf ihren treulosen Gatten nachvollziehbar ist, kommt keiner. Philipp gelang es, Johannas Vater Fernando im Kampf um den spanischen Thron zu übertrumpfen.  Daraufhin wollte er Johanna für “regierungsunfähig” aufgrund ihres Geisteszustandes erklären, doch die spanischen Adeligen stellten sich quer.  Kurz darauf erkrankte Philipp schwer und starb. Immer wieder machten Gerüchte die Runde, die behaupteten, seine Leiche sei aus seinem Sarg, der nach Granada überführt werden sollte, gestohlen worden. Johanna lässt den Sarg deswegen mehrfach öffnen – später wurde behauptet, sie habe ihn auch “liebkost”, weshalb sie Historiker noch Ende der 1980er Jahre als “schizophren” und “nekrophil” bezeichneten. Nun war Johanna ein Spielball ihres machthungrigen Vaters, der sie erneut zu verheiraten versuchte, doch Johanna weigert sich. Zur Strafe nimmt er ihr einen ihrer Söhne ab. Als er hört, dass es Bestrebungen gibt, seinen Enkel Karl zum König zu machen, lässt er Johanna, die zu der Zeit krank war, nach Tordesillas verschleppen und einsperren. Dort wird sie vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten. Sie protestiert mit Hungerstreiks, doch das nutzt ihr wenig. Sieben Jahre später stirbt ihr Vater – und Johanna erfährt noch nicht einmal etwas davon, weil er es so angeordnet hat. Durch die Entdeckung Amerikas wird sie zur Herrscherin über ein gigantisches Reich – doch sie weiß nichts davon. Die Bedingungen, unter denen sie eingesperrt ist, sind hart, sie ist umgeben von brutalen Aufsehern und ihnen ausgeliefert.

Ihr Sohn Karl ist inzwischen 16 und erhebt Anspruch auf den Thron. 1520 will er nach Aachen reisen, um sich zum Kaiser krönen zu lassen, als in Toledo ein Aufstand ausbricht. Viele der spanischen Adeligen sehen nach wie vor in Johanna ihre rechtmäßige Herrscherin. Doch Karl lässt den Aufstand niederschlagen und Johanna sollte 34 weitere Jahre in ihrem Gefängnis verbringen – zur Strafe lässt er seine eigene Mutter in ein dunkles Verlies werfen und mit Essensresten versorgen. Sie stirbt erst 1555.

Ob Juana wahnsinnig war oder nicht, ob die Frage überhaupt relevant ist oder nicht – eines kann über die unglückliche Königin mit ziemlicher Sicherheit ausgesagt werden: Wäre sie ein Mann gewesen – sie wäre nicht wahnsinnig geworden. Sie hätte das Weltreich mit seinen riesigen Schätzen geerbt und basta. Sie wäre auf ein solches Amt auch von Geburt an vorbereitet worden als zweiter in der Thronanwartschaft. Ehefrau Philippa die Schöne hätte sich gehütet, den mächtigen Gatten durch Fremdgehen zu erzürnen. Kein Vater, kein Sohn – und schon gar nicht die Gemahlin – wäre auf die “wahnsinnige” Idee gekommen, Juana das Erbe und die Herrschaft streitig zu machen. [3]

Bertha Pappenheim oder “Der Fall Anna O.” (1859-1936):

Als Freud die Hysterie erforschte, ein Krankheitsbild, von dem nur bürgerliche Frauen befallen waren und das auf mysteriöse Weise mit ihrer Gebärmutter in Verbindung stand, diente ihm die Patientin Anna O. als Untersuchungsobjekt. Hinter Anna O. verbirgt sich niemand geringeres als Bertha Pappenheim, die österreichische Frauenrechtlerin. Die Hysterie wird heute vor allem als Ausdruck von Widerstand betrachtet – erkrankte Frauen mussten nicht länger Gattin und Mutter sein, waren von allen Verpflichtungen befreit und nicht länger Anforderungen ausgesetzt. Dafür spricht die Vielfalt hysterischer Symptome und der Umstand, dass sie so gut wie nie auf die Therapien der Ärzte ansprach. Gleichzeitig wurden Frauen in dieser Zeit ohnehin als “schwach” betrachtet, so dass es dem gängigen Frauenbild entsprach, wenn sie an einer Nervenkrankheit erkrankten. Die Hysterie als Krankheit bürgerlicher Frauen tritt zu einem Zeitpunkt auf, als diese in ihrer gesellschaftlichen Rolle vielen Widersprüchen und Zwängen ausgesetzt waren – ihre einzige Aufgabe war es, Ehefrau und Mutter zu werden, dazu sollten sie schamhaft, sanft und keusch sein, sie sollten eine gewissen Bildung erwerben, doch das Selbstdenken blieb ihnen verboten. Der Wiener Arzt Josef Breuer diagnostizierte bei der 20jährigen Hysterie. Wer sich jedoch die Lebensumstände von Bertha Pappenheim ansieht, erkennt, dass sie vor allem darunter litt, dass ihre herausragenden intellektuellen Fähigkeiten nicht angemessen gefördert wurden und sie stattdessen vollständig auf die Haus- und Fürsorgesphäre in ihrer Familie verpflichtet wurde. Erst nach dem Tod des Vaters und mehreren Sanatoriums-Aufenthalten besserte sich Berthas Zustand. Als sie mit ihrer Mutter nach Frankfurt zog und sich dort der Frauenbewegung anschloss sowie sich in zahlreichen karitativen Projekten engagierte, verschwand die Krankheit ganz. Bertha verschrieb sich dem Kampf gegen Mädchenhandel und Prostitution, von denen besonders jüdische Mädchen betroffen waren.

Das unbekannte Schicksal der Virginia Woolf (1882-1941):

Viriginia Woolf war die Tochter einer intellektuellen und gut gestellten Londoner Familie mit acht Kindern. Ihre Mutter bleibt Zeit ihres Lebens ungreifbar für die sensible und hochbegabte Virginia, die ihren Geschwistern vor dem Schlafengehen ausgedachte Geschichten erzählt. In ihren Erinnerungen beschreibt Virginia, wie sie als Sechsjährige von ihrem 12 Jahre älteren Halbbruder sexuell missbraucht wurde. Die geliebte Mutter starb, als Virginia 13 war. Daraufhin erlebte Virginia ihre erste Krise – sie hörte Stimmen und litt unter akuten Kopfschmerzen. Kurze Zeit später starb auch die geliebte große Schwester Stella, die die Mutter so gut es ging zu ersetzen versuchte. Der Vater war den Töchtern und seiner Ehefrau gegenüber ungerecht, herrschsüchtig und unberechenbar. Als er nach und nach ertaubte, riss der zuvor erwähnte ältere Halbbruder George das Regiment an sich und kontrollierte und unterdrückte Virginia und ihre Schwestern. Vieles von dem, was Virginia über ihre Familie aufgeschrieben hat, erfüllt eindeutig die Kriterien von emotionalem Missbrauch – vom Inzest-Missbrauch des Bruders ganz zu schweigen. Als der Vater 1904 stirbt, erlebt Virginia einen erneuten Zusammenbruch. Wieder hörte sie Stimmen, hungerte. Schließlich zieht sie mit den anderen jüngeren Geschwistern in ein Haus – die älteren Halbbrüder heiraten und für Virginia und ihre Schwester beginnt eine Phase der Freiheit und des intellektuellen Wachstums.  Kurz vor ihrer Heirat 1912 wird Virginia erneut krank und geht das erste Mal in ein Pflegeheim. Obwohl sie mit ihrem Ehemann Leonard Woolf eine enge Beziehung verband, war diese nicht unkompliziert. Leonard war ein launischer Pedant, der von der sexuellen Zurückhaltung seiner Frau enttäuscht war. Er wünscht sich Kinder, doch Virginia fühlt sich nicht in der Lage dazu. Immer wieder treten neue Phasen auf, in denen sie sich in das Pflegeheim begibt. Die Ärzte nahmen ihr ihre Bücher weg, zwangen sie zum Essen und Stillliegen. Das Schreiben war für Virginia der Versuch, das Erlebte zu verarbeiten.  In ihrer letzten Krise vor ihrem Tod konnte sie nicht mehr schreiben. Es sei ihr “abhanden” gekommen, notierte sie. Am 28. März 1941 beging Virginia Selbstmord. In ihrem Abschiedsbrief schrieb sie, der Wahnsinn habe sie dazu getrieben. Zu diesem Zeitpunkt war sie mit ihrer Familie vor den deutschen Bomben in ein entlegenes Sommerhaus geflohen. Bereits Monate zuvor litt sie unter Depressionen. Eine ihrer letzten Notizen ist:

Ich werde mit fliegenden Fahnen untergehen. [4]

Die “Todessüchtige” Sylvia Plath (1932 – 1963):

Am 11. Februar 1963 beging die Schriftstellerin Sylvia Plath Selbstmord. Sie ließ zwei kleine Kinder zurück. Ihre Werke waren Ausdruck einer “Bekenntnislyrik”, in der sie ihre eigenen Erfahrungen verarbeitete, ihre Kindheit, zahlreiche Suizidversuche, Psychiatrieaufenthalte und ihre Ehe. Dieser enge Zusammenhang zwischen ihren Werken und dem eigenen Leben machte sie zu einer der wichtigen Figuren für Frauenrechtlerinnen. Ihr überdominanter Vater starb, als Sylvia neun Jahre alt war. Mit 23 heiratete sie Ted Hughes, der wie sie Schriftsteller war. Das Paar lebt erst in den USA und später in London. Während Ted Hughes für seine Gedichte jede Menge Anerkennung und Preise gewinnt, bleibt Sylvia unbeachtet. Sie veröffentlicht Gedichte, schreibt in Frauenzeitschriften. Mehrfach versucht sie, Selbstmord zu begehen. In ihrem berühmten Gedicht “Daddy” rechnet sie sowohl mit dem überdominanten Vater als auch mit ihrem Ehemann ab. Sie bewundert Virginia Woolf und fühlt sich eng mit ihr verbunden. 1962 trennt das Ehepaar sich, 1963 folgte der Selbstmordversuch mit Tabletten und dem aufgedrehten Gashahn in der Küche. Ted Hughes bemächtigte sich ihrer Tagebücher und vernichtete die jüngsten bis 1959. Ruhm erlebte Sylvia Plath erst nach ihrem Selbstmord, die meisten ihrer Werke wurden erst posthum veröffentlicht.

Die “liebeskranke” Else Lasker-Schüler (1869-1945):

Else Lasker-Schüler stammte aus einer bürgerlichen, jüdischen Familie. Religion und Familie waren ihr wichtig und so verlief der erste Teil ihres Lebens angepasst. Mit 25 Jahren heiratet sie. In zahlreichen Gedichten drückt sie ihre Sehnsüchte und Gedanken aus. Doch dann beginnen die Dinge, sich zu verändern. Gemeinsam mit ihrer Schwester zieht sie für einige Zeit weg aus dem Ruhrgebiet nach Berlin und taucht in die dortige Bohème ein. Als ihr Sohn auf die Welt kommt, behauptet sie, nicht der Ehemann, sondern ein unbekannter Prinz sei der Vater. Sie trennt sich von ihm und lebt fortan in großer Armut, zu stolz, um von den reichen Verwandten etwas anzunehmen. Immer wieder verliebt sie sich leidenschaftlich, immer wieder wird ihre Liebe enttäuscht. Sie denkt sich Fantasiewelten aus, kleidet sich wie ein arabischer Prinz und feiert mit ihren Gedichten Erfolge. Sie lebt immer exzentrischer – mit der Frauenbewegung will sie nichts zu tun haben. Sie nennt sich der “Prinz von Theben”. Nach der Machtergreifung der Nazis flieht sie zunächst in die Schweiz und dann nach Jerusalem, wo sie 1945 stirbt. Else Lasker-Schüler hat weder Selbstmord gegangen noch litt sie erwiesenermaßen an einer psychischen Krankheit, doch ihr exzentrisches Leben, ihre Kleidung, ihre Sehnsucht nach der Liebe machte sie vielen Zeitgenossen suspekt. “Verrückt” war da noch eines der freundlicheren Attribute.

Die Hollywood-Ikone Marilyn Monroe (1926-1962):

Marilyn Monroe wird von vielen bis heute vor allem als “Sexsymbol” betrachtet. Dass sie vielfältige intellektuelle Interessen hatte, Gedichte schrieb und über ihren Status als Sexsymbol gar nicht so glücklich war, wissen hingegen die wenigsten. Geboren wurde sie als Norma Jeane Baker am 1. Juni 1926. Ihre alleinerziehende Mutter gab sie in eine Pflegefamilie, wo Norma streng religiös aufwuchs. Erst mit sieben Jahren nimmt die Mutter sie wieder zu sich – nach Hollywood, wo die Mutter als Filmcutterin arbeitet. Auf einmal standen Norma alle Freiheiten offen, die bisher verwehrt gewesen waren. Doch nur ein Jahr später erkrankt die Mutter an einer schweren Depression und muss in eine Klinik. Ihre beste Freundin Grace McKee übernahm ab sofort die Erziehung von Norma. Sie entschied, dass aus Norma ein Filmstar werden sollte.  Als sie 1935 erneut heiratete, ließ sie sich jedoch von ihrem neuen Ehemann dazu zwingen, Norma in ein Waisenhaus abzuschieben. In der Folge lebte Norma bei einer ganzen Reihe von Verwandten. Ihr Körper sah schon früh aus wie der einer Frau und Marilyn beschreibt in ihren Tagebüchern, wie sehr sie die Reaktion der Männer darauf irritierte.  Es zeigte sich schon früh, dass sie sich vor allem über ihr Aussehen definierte, für sie der entscheidende Schlüssel zu Anerkennung und Liebe durch andere. Mit nur 16 Jahren heiratet sie zum ersten Mal, aus Angst, erneut ins Waisenhaus zu müssen, ihr Ehemann wurde für den Kriegsdienst eingezogen, während Norma von einem Fotografen entdeckt wurde. Die Agentur verlangt von ihr, sich das Haar blond zu färben und zu glätten und Norma macht Produktwerbung. Als ihr Mann aus dem Krieg zurückkehrte, verlangte er von ihr, ihre Arbeit aufzugeben. Norma weigerte sich und verließ ihn. Für kurze Zeit zog sie mit ihrer Mutter zusammen, die jedoch bald wieder in die Klinik zurückkehren musste. 1946, vor ihrem ersten Filmdreh, wurde aus Norma Marilyn Monroe. 1956 heiratete sie Arthur Miller, den sie sehr liebte, doch der in ihr eine “unberechenbare Kindfrau” sah. Auch andere Produzenten übten unter dem Verweis auf Marilyns “emotionale Schwäche” Druck auf sie aus, um sich an ihr zu bereichern. Marilyn begibt sich bei Anna Freud in Psychoanalyse. Sie hatte zwei Fehlgeburten. Ihr wurden Psychopharmaka verschrieben. Auch ihre Ehe mit Miller wird geschieden und 1961 kommt Marilyn zum ersten Mal in eine psychiatrische Klinik. 1962 trifft sie auf John F. Kennedy, mit dem sie laut eigenen Aussagen eine kurzzeitige intime Beziehung verband. Im selben Jahr gewinnt sie zum zweiten Mal den Golden Globe. Doch ihre Gesundheit machte ihr immer mehr zu schaffen, Marilyn nahm starke Beruhigungsmittel, zerstritt sich mit Produzenten. In der Nacht vom 04. auf den 05. August 1962 starb sie an der Wechselwirkung von den Medikamenten in ihrem Körper, die sie vermutlich nicht absichtlich herbeigeführt hatte, sondern die aus einer Fehlmedikation ihres Arztes entstanden. Andere vermuteten, die CIA habe Monroe umgebracht, wegen ihrer Beziehung zum Präsidenten.

Trotz ihres großen Erfolges durfte Marilyn ihre Rollen bis zum Ende ihres Lebens nicht selbst bestimmen. Viele sehen in ihr ein Opfer der Psychoanalyse – am Ende ihres Lebens wurde Marilyn zweimal täglich psychoanalytisch behandelt.

In “Wahnsinnsfrauen” werden zahlreiche weitere Frauenschicksale beleuchtet. Großer Dank gilt Luise F. Pusch und den anderen Autorinnen, die aus diesen Lebenswegen die Spuren des Wahnsinns herausgeschält und in ein anderes Licht gerückt haben. Es zeigt sich, dass im Patriarchat die Zuschreibung “verrückt” außerordentlich nützlich ist, um erfolgreiche oder widerspenstige Frauen zu diskreditieren, eine Masche, die bis heute hervorragend funktioniert. Dabei gibt es eine Wechselwirkung zwischen der Zuschreibung “verrückt”, den daraus entstehenden Lebensumständen und einem tatsächlichen “Verrücktwerden” der Frauen an den Umständen und an ihrer eigenen Unterdrückungserfahrung, sei es durch sexuelle Gewalt in der Familie, herrscherische Väter und Ehemänner oder schlicht den Wunsch, nicht dem gängigen Frauenbild zu entsprechen.

“Verrücktzusein” ist eine Waffe gegen die Frauen und zugleich auch ein Ausdruck ihres Widerstands.

Männer, die die gleichen Entscheidungen treffen, werden nicht als “verrückt” empfunden. In diesem Sinne ist das “Verrücktsein” auch Ausdruck einer Geschlechterhierarchie. Bis heute gilt das Diktum, dass Frauen häufiger depressiv werden oder in psychiatrische oder psychologische Behandlung müssen. Offensichtlich sind es die gesellschaftlichen Umstände, die viele von uns in den “Wahnsinn” treiben. Leben im Patriarchat – zum Verrücktwerden.

Wahnsinnsfrauen. Herausgegeben von Sibylle Duda und Luise F. Pusch. 3 Bände

[1] Sybille Duda in: Wahnsinnsfrauen, Band 1, S. 8
[2] Luise F. Pusch und Swantje Koch-Kanz in: Wahnsinnsfrauen, Band 1, S. 13
[3] Luise F. Pusch und Swantje Koch-Kanz in: Wahnsinnsfrauen, Band 1, S. 38
[4] zitiert nach Susanne Amrein: Wahnsinnsfrauen, Band 1, S. 220

8 Kommentare

  1. Vielen Dank für den tollen Artikel und die Info zwecks Buchkäufe
    Mit frdl. Grüßen
    Maria

  2. Die Rolle, besser gesagt die diversen Rollen die Frauen im Patriarchat zu “spielen” haben SIND verrückt. Die Ansprüche an die Frau und ihre Rolle sind z.T. dermassen widersprüchlich, dass ich mich immer wieder von neuem wundere, dass nicht viel mehr Frauen “verrückt” im klassisch psychiatrischen Sinn, sind.
    Das Tolle ist ja auch: Wie immer sie es machen, es reicht nicht und ist per se falsch. Ausserdem wird alles was “weiblich” ist, abgewertet. Wie um Himmelswillen soll da eine Frau im total wahnsinnigen Patriarchat, NICHT verrückt werden? Vielleicht sind die “verrückten” Frauen noch die einzigen, die gesund reagiert haben. Die Psychiatrie sagt dem natürlich “Anpassungsstörung”. Well, an gewisse gewalttätige und wahnsinnige Umstände lässt es sich in der Tat NICHT anpassen.

  3. Irgendwo habe ich mal gelesen ,ich glaube,auch bei Luise Pusch, „Mutterverehrung und Frauenverachtung ist schizophren und macht schizophren“.

  4. Christine österlein

    Rohe Gewalt macht uns zu Verrückten. Es gibt bis heute keine einzige Kriseninterventionseinrichtung, die uns durch akute Aufarbeitungskrise begleitet. Schon gar nicht Mütter mit Kindern. Das wird verhindert, dadurch landen alle akut erstmal in der Psychiatrie. Das bedeutet Diagnose, Medikamente, Stigmatisierung und Ausgrenzung. Kein Arzt hat sich jemals in der Psychiatrie dafür interessiert, dass ich Inzest Überlebende bin. Rohe Gewalt macht uns zu Verrückten.

  5. Vielen Dank für den Artikel.
    Es ist ja auch sonst in der Medizin der männliche Körper .. naja und auch sonst auf der Welt, das männliche, welches als Norm angesehen und hingestellt wird.
    Darf ich nur eine Anmerkung machen: Es wird immer wieder von Selbstmord gesprochen… Suizid wäre besser. Es ist zwar eine Selbsttötung aber kein Mord..die sich selbst tötenden sind keine Mörder. es ist ihr eigenes Leben was sie beenden.

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