Ware Mensch und wahre Menschlichkeit: Happy Sexwork PR unter dem Deckmantel linker Kritik in Frankfurt

(CC BY-SA 2.0) https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Am Ende werden wir uns nicht an die Worte unserer Feinde erinnern, sondern an das Schweigen unserer Freunde” , sagte Martin Luther King einmal und als ich heute nach Hause fuhr, fühlte und hörte ich diesen Worten nach und fand trotzdem keinen Trost in ihnen.

Heute fand ein Vortrag in einem linken Wohnprojekt mitten im Bahnhofsviertel statt. Vortragende war Jenny Künkel, die an der Goethe Universität in Frankfurt arbeitet und zu “Sexarbeit” promoviert. Es sollte im Polizeiarbeit im Bahnhofsviertel gehen. Der Auftakt beginnt mit dem Einlauf von Juanita Henning von Dona Carmen, die uns, laut, und für alle hörbar “dreckige Faschisten” nennt. Was für ein Diskurs, was für ein Niveau! Jenny Künkel beeilt sich dann sogleich, von einem “freundschaftlichen Austausch” mit Dona Carmen zu sprechen und beginnt mit ihrem Vortrag. Sie schaltet die Präsentation ein, und das Erste, was ich sehe, ist das Foto einer Freundin, die offenbar hier, vor einem linken, ziemlich jungen Publikum an den Pranger gestellt werden sollte, als bösartige linke Abolitionistin, die mit dem Polizeistaat gemeinsame Sache macht, weil sie die Freier – wir lernen heute Abend noch, das sind “Kunden” – für Sexkauf bestrafen möchte. Dumm nur, dass diese Freundin neben mir sitzt und sich gegen die unzulässigen Verkürzungen und Zuschreibungen wehren kann. Das bringt die Veranstaltung dann kurzzeitig außer Takt. Unsere Flyer lässt man lieber gleich verschwinden, nicht, dass sich einer der kritischen Zuhörer ein kritisches Bild hätte machen können. Ist das dieser kritische Diskurs, dessen sich die Veranstalter zu rühmen? Ich kann ihn nicht entdecken.

Es stellt sich heraus, dass die ganze Veranstaltung eigentlich nur das Ziel hat, gegen die jüngste Mahnwache eines breiten abolitionistischen Bündnisses in der Bahnhofsviertelnacht Stimmung zu machen und dies nicht auf inhaltlicher Ebene, sondern auf rein persönlicher. Man hält sich für klug, weil ein paar linke Buzzwords eingebaut wurden. Von “Kapital und Arbeit” ist die Rede, von “Polizeistaat”, von “bürgerlicher Moral” und “Diskriminierung und Stigmatisierung”. Lauter Pfui-Wörter, wie man als gute Linke weiß. Um die eigenen Positionen (“Sexwork ist super, dass es den Prostituierten schlecht geht, liegt nur an der Diskriminierung durch Abolitionistinnen und diese agieren so, weil sie prüde sind”). Diskriminiert werden übrigens auch die Freier. Und an der Ausübung ihrer sexuellen Freiheit gehindert. So eine Aussage muss man erst einmal fertig bringen!

Dann werden – welch Analogie, welch rhetorische Raffinesse – Prostituierte mit Flüchtlingen verglichen und Zuhälter mit Schleppern. Mit Bild. Boatpeople, die verängstigt in die Kamera schauen, während ihr überfülltes Boot auf dem Mittelmeer treibt. Dazu die Frage: “Das würde ja sicher auch kein Linker wollen, dass diese Menschen keine Boote mehr haben, um zu uns zu kommen.” Ähm. Ja.

Wir hören lauter Erstaunliches: Gewalt in der Prostitution gibt es “nur in Teilbereichen”. Und das Wort Armutsmigration sollten wir nicht mehr benutzen. Es ist diskriminierend, vor das Wort “Prostitution” das Wort “Armut” zu setzen. Beifälliges Nicken um uns herum. Nicht alle Migrantinnen in der Prostitution sind arm, erfahren wir. Für sie ist, nach der neoliberalen Neuordnung Ende der 00er Jahre, die Prostituion eine Chance. Und Kondompflicht wird der Realität nicht gerecht. Immerhin werden auch “aufwändigere Sachen” angeboten, die mal länger dauern. Auch die Preise von 25,00 Euro stimmen nicht, denn eigentlich wird dann für so aufwändigere Sachen mehr verlangt. Ich schließe die Augen, denn ich habe dank der Freierforen ein Bild zu diesen “aufwändigeren” Sachen, die dann auch mal länger dauern:

„Ich hab neulich so eine Crackhure vom Frankfurt Bahnhof gef***. War das eine eklige S**, aber die hat alles mitgemacht! Die hat mir den Arsch ausgel***, ich hab ihr ins Gesicht gep*** und den Arsch gef*** und anschliessend hab ich sie die Wi** vom Boden auflecken lassen. So eine F*** und das für 15 Euro!“ (Quelle: http://www.sex-unfall.com)

Der letzte Mord an einer Prostituierten in Regensburg ist übrigens wenige Tage her. Sie war Rumänin. Sicher ist sie auch aus lauter Reiselust zu uns gekommen und prostituierte sich aus Spaß. Erst Anfang August tötete ein Freier die Prostituierte Maria H., zweifache Mutter und Schwarze, aus Hamburg und verteilte ihre zerstückelte Leiche quer über die Stadt.

Bei der vorletzten Bahnhofsviertelnacht waren wir geschockt. Es gab “Bordellführungen” im laufenden Betrieb. Es hatte etwas von menschlichem Zoo, wie da die Bürgerlichen auf der Suche nach ein wenig Thrill durch die Bordellle mit ihren winzigen, stickigen Zimmern stiefelten, während die Männer mit offenen Hosen aus den Türen kamen und überall im Hintergrund Pornos liefen. “Schön haben Sie es hier”, meinte ein älterer Mann, Typ Lehrer, zu einer Prostituierten, die freundlich lächelte. Es war bizzar.

“Wie wir später durch eine rumänisch sprechende Mitstreiterin erfuhren, wurden die Frauen vorher nicht einmal vorgewarnt, was sie an diesem Tag und späten Abend erwartete, was ihre ängstlichen und verstörten Blicke erklärte. Einige schlossen entnervt ihre Zimmertüren oder drückten gar den Alarm-Knopf. Auch vertraute eine prostituierte Frau unserer Bekannten an, dass sie von ihrem Ex-Freund in die Prostitution gezwungen wurde und genau wie viele andere junge Frauen nicht im Frankfurter Rotlichtviertel sein möchte.

Da die Frauen jedoch kein deutsch und nur sehr wenig englisch sprachen, blieben solche Informationen den meisten BesucherInnen verborgen. Diese bekamen nur ein aufgesetztes Lächeln und ein “alles schön” zu hören, wenngleich auch die Rumänin, mit der wir sprachen, auf die Frage wie es ihr gefällt, betreten zu Boden schaute und dann ein “It’s ok for two days” (“Für zwei Tage geht es”) herausbrachte.

Für den Großteil der BesucherInnen war die Bahnhofsviertelnacht jedoch nur eins: Ein großer Spass. Wie der Ausflug ins Phantasialand oder auf den Ballermann.

Ein geglückter Rotlichtromantismus als Freizeitspaß für Jung und Alt…. dessen Bedingung darin liegt, die Betroffenen, die Frauen, die SpritzerInnen nicht als gleiche und gleichwertige Menschen mit den gleichen Zielen und Wünschen wie die Betrachtenden wahr zu nehmen.” (Manu Schon auf Abolition2014)

Wer alle Eindrücke noch einmal nachlesen möchte, findet sie hier.

Der Verein “SaveRahab” schrieb einen Brief an die Stadt Frankfurt als Veranstalter der Bahnhofsviertelnacht:

“Als junge Frau rumänischer Abstammung möchte ich Sie wissen lassen, dass diese Praktik der Bordellführungen sowie auch grundsätzlich die Bahnhofsviertelnacht, während junge ausländische Frauen so viel Leid im Bahnhofsviertel ertragen müssen und laut Freierforen zum Teil Vergewaltigungsszenen erdulden müssen, entwürdigend ist.

Wir möchten nochmals darlegen, wie die internationale Politik und unzählige Menschenrechtsorganisationen zu dem Problem der Prostitution und den damit einhergehenden Menschenrechtsverletzungen stehen:

[…]

6. New Yorker UN- Frauenkonferenz im Zusammenschluss mit 98 Organisationen, 2015

“Denn wie so oft auf internationalem Parkett herrschte auch jetzt in New York wieder einmal große Irritation darüber, dass Deutschland in Sachen Prostitution nicht etwa als Gewalt gegen Frauen sowie Ausdruck und Verstärkung des Machtgefälles zwischen Männern und Frauen versteht, […].”” (Save Rahab, zitiert nach Abolition 2014)

Den ganzen Brief an die Stadt Frankfurt findet sich hier.

Die Stadt Frankfurt nahm Dona Carmen und ihre Führungen aus dem Programm, die Führungen fanden aber dennoch statt, wenn auch inoffiziell.

Am Abend der Bahnhofsviertelnacht hielten wir, ein breites Bündnis vieler Gruppen, darunter die Feministische Partei DIE FRAUEN, Die Störenfriedas, Save Rahab, ALARM Gegen Sexkauf, der Frauenverband Courage, Abolition 2014, Stop Sexkauf, #NoFragida und viele Einzelpersonen wie wie die Wiesbadener Stadtverordnete Sibel Güler eine Mahnwache für die ermordeten Prostituierten des Bahnhofsviertels ab. Wir stellten Kerzen auf und legten Rosen ab. Viele Menschen, fast alle, die vorbeikamen, blieben stehen und viele zeigten sich sehr berührt und betroffen angesichts dieser Schicksale, die nun auf einmal Namen und Gesichter hatten. Viele suchten das Gespräch und es war überwältigend, wie viele Besucher, weder wegsahen noch das Leid ignorierten, sondern Empathie zeigten, Mitgefühl, mit der “Ware” Mensch, die hier für eine unmenschliche Institution gestorben waren. Einige weinten sogar.


Unsere zu diesem Zweck vorbereiteten Flyer auf A4 waren nicht groß genug, um alle Morde abzubilden. Wer darüber mehr wissen möchte, findet Informationen auf dem Wiki “Sexindustry Kills”.

Huschke Mau nahm an einer der Bordellführungen von Dona Carmen teil und schrieb einen ausführlichen Bericht darüber.

“Eine Frau fragt, ob es manchmal zu Übergriffen komme. Nein, sagt D., sie habe die Situation immer unter Kontrolle. Keine Gewalt, nie. „Ich will diese Gewaltdiskussion hier nicht“, sagt Juanita Henning nachdrücklich. „Gewalt ist nicht Prostitution. Das ist nicht Prostitution!“ „Ja, ich bestimme hier, was gemacht wird“, sagt D. Aber das stimmt ja eigentlich nicht – sie erfüllt auch nur, was die Freierwünsche sind. Und dass diese Wünsche sich auf „es passiert hier eigentlich nichts“ belaufen, wer soll das glauben?

Wieviele Freier sie habe pro Tag? „Unterschiedlich“, sagt D. „Mal einen, mal zwei.“ „Aber wie kannst du dann die Miete zahlen?“, fragt eine Frau. „Naja, manchmal sind es auch drei oder vier“, sagt D.”

Den ausführlichen Bericht findet ihr hier.

Das Presseecho sowohl auf die Mahnwache als auch Huschke Maus Bericht war enorm. Viele, sogar aus dem Milieu, meldeten sich zu Wort und übten Kritik am Vorgehen von Dona Carmen.

Zurück in die Gegenwart, zwei Wochen nach der Bahnhofsviertelnacht, zurück zu dem Vortrag, der sich als eine Art “kritische Aufarbeitung” der Bahnhofsviertelnacht versteht, in Wirklichkeit aber eine ziemlich hässliche Abrechnung Dona Carmens mit der Kritik an ihnen und der Bahnhofsviertelnacht ist, unter dem ziemlich durchschaubaren Versuch, die Linke als Protestpartner zu gewinnnen. Leider nicht durchschaubar genug für die anwesenden Linken. Immerhin geht es hier um Freiheit und Antidiskriminierung und den pösen Polizeistaat. Die Diskriminierung der Freier und Betreiber, wohlgemerkt, letzterer durch das neue Gesetz. Die müssen nämlich jetzt Aufenthaltsräume für die Frauen einrichten, und abschließbare Toiletten. Das ist ein unzulässiger regulativer Eingriff in eine diskriminierte Branche, lernen wir.

Staunend lernen wir – von einer Wissenschaftlerin, die zu Prostitutionspolitiken forscht: Zwischen 1927 und 2002 verfolgte Deutschland eine abolitionistische Politik. Ist es Unwissenheit oder Boshaftigkeit, die Geschichte so zu verdrehen? Zumal sie zwei Sätze später sagt, eine ähnliche Regulierung mit einer Zwangsanmeldung habe es 1939 unter Hitler gegeben. Selbst der geneigte Zuhörer muss hier einen Widerspruch erkennen. Die Linken im Raum nicht. Sie hat Hitler gesagt. Wer braucht da schon Fakten? Abolitionistische Politik ist: Abschaffung der Prostitution durch Bestrafung der Freier, NICHT DER FRAUEN. Wann hat es das je in Deutschland gegeben? Zumal die Nazis eben einfach quer in Europa und sogar in ihren KZs Bordelle einrichteten, für Soldaten und Häftlinge. Als Gegner der Prostitution taugen die also nicht, eher als Beispiel dafür, dass eine menschenverachtende, tödliche Ideologie das System Prostitution eben unter bestimmten Punkten für nützlich erachtet – und was sagt das über das System Prostitution und wo seine Verteidigung einzuordnen ist? Sicher, dass der linke Bezugsrahmen hier der richtige ist?

Aber ich schweife ab. Zurück zum Vortrag, der irgendwie immer wieder in das Stocken gerät. Liegt es daran, dass wir hier sitzen und irgendwie die Show kaputtmachen? Sollte doch eigentlich um Inhalte gehen. Tut es aber nicht. Es geht nur um den bösen Abolitionismus, der, so lernen wir, für das neue ProstSchG verantwortlich, das wiederum dafür sorgt, dass Bordelle schließen müssen und damit Frauen ihre Arbeitsplätze verlieren. Zwei Sätze vorher hieß es noch: “Die Sexarbeiter wechseln oft zwischen den Bordellen, um interessant zu bleiben.” Na, wenn sie so oft wechseln, dann kann doch die Schließung eines Ladens für die Frauen gar nicht so schlimm sein. Wir ahnen: Schlimm ist es für die Betreiber, weil die dann an der Ware Mensch nichts mehr verdienen, und wir bekommen immer mehr das Gefühl, hier in einer PR-Veranstaltung für Bordellbetriebe zu sitzen. Das wäre ungefähr so, als würde sich der Arbeitgeberverband in einer linken Kommune vorstellen. Undenkbar? Nein, wenn es um Prostitution geht, sind die unglaublichsten Allianzen denkbar.

Kein Wort über die Schicksale der Frauen, kein Wort über die Risiken, kein Wort über die Folgen von Prostitution und mir schieben sich die Bilder der ermordeten Prostituierten in den Kopf, die hier mit keiner Silbe erwähnt werden, die totgeschwiegen werden, als hätte ihr Leben keinen Wert, gefolgt von den Gesichtern meiner Freundinnen, die aus der Prostitution ausgestiegen sind und diese nur knapp überlebt haben, von Frauen, denen ich begegnet bin und mit denen ich gesprochen habe.

Die Bilder bleiben in meinem Kopf. Von Menschlichkeit ist in diesem Raum bei “Bahnhofsviertel solidarisch”, wie sich die Reihe nennt, nicht viel zu spüren, das Gefühl von Empathie mit den Menschen, um die es da geht, die da zur Ware gemacht werden, kommt nicht auf, kann es auch nicht, denn Künkel vermeidet jeden menschlichen Impetus. Linke Empörung ja. Mitgefühl mit Prostituierten, ein “sich hinein versetzen”, das ist nicht gewollt. Bei Prostitution ist Mitgefühl nach dieser Lesart nämlich Diskriminierung. Auch das muss man erst einmal fertig bringen.

Folgerichtig werden nach den echten Boatpeople keine Bilder von echten Prostituierten gezeigt. Das könnte vermutlich das ziemlich nachlässig konstruierte und zum Teil auch völlig widersprüchliche Narrativ zerstören, das hier verbreitet wird. Forschung, empirische Ergebnisse, Zahlen, alles weggeleugnet. Ich beginne mich zu fragen, wie so eine Dissertation aussieht, wenn man einfach alles ignoriert, was nicht in die eigene Story passt. Die Folien über Menschenhandel werden schnell weitergeklickt. Wir können nur ahnen, was auf ihnen stand. Immerhin soll Prostitution ja keinen besonderen gewerblichen Auflagen mehr unterliegen. Heißt im Klartext: Weg mit dem Verbot von Zuhälterei, weg mit dem Verbot von Menschenhandel. Eine Frau möchte, dass wir rausgehen. Wir stören. Den kritischen, linken Diskurs.

Weiter ging es mit Nazivergleichen und plumpen Anbiederungsversuchen an die Linke. Die Gemeinnützigkeit hat man Dona Carmen aberkannt, regt sich Gerhard Walentowitz von Dona Carmen auf. Dahinter steckt der faschistoide Polizeistaat, insbesondere ein eifriger Frankfurter Finanzbeamter, der auch Attac die Gemeinnützigkeit aberkannte. Dona Carmen und Attac? Hä? Dafür gibt es aber lauten Beifall.

Überhaupt kann man Prostitution eigentlich nicht regulieren, weil sie viel zu lange stigmatisiert wurde. Die “vergiftete Debatte” ist auch schuld daran, dass nach über 15 Jahren ProstG es noch immer keine Arbeitsverträge und sozialen Sicherungssysteme für Prostituierte gibt, nicht etwa der Umstand, dass ein Schutz der Frauen einfach nicht im Sinne der Betreiber und Profiteure ist.

Dann wird ein Bild von Alice Schwarzer gezeigt. Eines, auf dem sie jung ist, ein aktuelles, auf dem sie ziemlich schlecht getroffen lacht. Die Absicht ist klar. Es soll – wie originell – gelacht werden über “die Schwarzer”. Weil keiner lacht, ist der Moment dann peinlich.

Wir widersprechen. Erinnern die Linken im Raum daran, dass sie eigentlich doch kein System unterstützen können, das strukturell rassistisch und misogyn ist und dass ein Pranger keine politische Debatte ist. Wir zitieren Freier, die Prostituierte “runtergefickte Zigeunerhuren” nennen, Frauen, echte Menschen, die sich jetzt, in diesem Augenblick, keine 100 Meter von uns befinden. Die Leute im Publikum gucken betreten. So viel Realität wollten sie dann doch nicht. Dann lieber Happy Sexwork. Jenny Künkel schaut angriffslustig.

Dann gehen wir. Es wird dunkel draußen. Das Bahnhofsviertel ist voll von Menschen im schlimmsten Elend. Es wird auf offener Straße gefixt, ein junger Mann leiht sich mein Feuerzeug, um sich sein Crackbömbchen anzuzünden. Er ist barfuß. Hinter einem Auto kniet eine Frau und setzt sich unter Beobachtung ihres Dealers einen Schuss. Ihre Kleidung lässt darauf schließen, dass sie Prostituierte ist. Vor einer der Anbahn-Bars stehen zwei Frauen, in eindeutiger Kleidung. Eine hat ihr Kind dabei, es ist noch keine sechs. Eine andere Frau, eigentlich noch ein Kind, steht in abgerissener Kleidung vor einer verschlossenen Tür, die Augen starr, das Gesicht fast am Holz, abgewandt von der Straße, als könnte sie es nicht mehr ertragen. Ein Mann im schicken Anzug betritt ein Laufhaus. Von seinem Parfüm wird mir übel.

Und dann kommt sie. Die Wut. Die unfassbare Empörung. Der Zorn auf mich selbst. Ich hätte dir nicht inhaltlich widersprechen sollen, Jenny, versuchen sollen, deine offensichtlichen Lügen mit Argumenten zu entkräften. Ich hätte aufstehen sollen und dich fragen sollen, dich, mit deiner weißen Haut, deiner Promotion, deiner Stelle an der Universität, deinen EU-Gelder für Pro-Sexwork-Forschung, wie du es schaffst, morgens in den Spiegel zu sehen und ob du mit mir, jetzt sofort, da rausgehst, und genau das, was du da gerade sagst, den Frauen in das Gesicht sagst. Sage ihnen, Gewalt gäbe es nur in Teilbereichen. Sage ihnen, dass nicht die Prostitution oder die Armut diskriminierend sind, sondern jene, die sie benennen, sage ihnen das. Sage ihnen, dass die Prostitution für sie eine Chance ist, weil die Welt so neoliberal und böse ist. Oder besser: Stell dich zu ihnen. Mach ihre “Arbeit”, von der du da redest. Nur eine Stunde. Und dann behaupte noch einmal erhobenen Kopfes, Sexwork sei Arbeit, bevor du dich in deinen Elfenbeinturm verkriechst und mit deinen Worten unsichtbar machst, was da, vor unser aller Augen, geschieht, wie du mit deiner Arbeit ein System stützt, das Menschen zu Waren macht und davon auch noch profitierst. Dass du es fertig bringst, das Thema Migration als Schlüssel in die linken Herzen zu benutzen, während der Rassismus der Freier die Frauen zusätzlich erniedrigt.

Und ihr anderen, ihr stillen Zuhörer, ihrer guten Linken mit eurer Fritzkola, die betreten weggesehen haben, die ihr euch für ach so kritisch haltet, ganz trunken vor lauter linken Buzzwords und die ihr symbolisch seid für das Scheitern der Linken als Bewegung und auch als Partei: Wo ist eure sonst so viel gerühmte Menschlichkeit geblieben? Wo eure kritischen Fragen, wo eure Bereitschaft, selbst zu denken? Wo euer Mitgefühl mit denen am Rand der Gesellschaft, denen, die keine Stimme haben, und die zwischen kapitalistischer Ausbeutung und neoliberaler Sprache einfach verschwinden?

Seid euch sicher. Wir werden euer Schweigen nicht vergessen.

26 Kommentare

  1. Immer wieder unerträglich. Danke fürs Hinschauen, Aushalten und Aufschreiben. Schade, dass ich nix von der Aktion im Bahnhofsviertel wusste. Extrem gut gemacht.

  2. E. Katzenberg

    Danke für diese kritische Antwort. Ich bin mitten in der Diskussion nach den unsäglichen Nazivergleichen gegangen und schäme mich auch dafür, nichts gesagt zu haben. Dabei hatten sie sich auch schon entlarvt, dass ihr Hauptanliegen der Schutz des Standortes für die deutschen Frauen ist. Schließlich würde staatliche Regulierung ja nur dafür sorgen, dass jetzt auch DEUTSCHE Frauen in die Illegalität getrieben würden. Dass es den eben nicht freiwillig Unsichtbaren Migrantinnen zumindest punktuell ein klein wenig Sichtbarkeit geben könnte ist diesen Menschen dabei scheißegal. Hauptsache Privilegien verteidigen und nach unten treten.
    Da wird dann auch gern mal gesagt, es gebe ja keine Studien, die empirisch die Gewalt belegen würden, um dann im nächsten Satz aber plötzlich überzeugt sagen zu können, dass Gewalt in höchstens zehn Prozent der Fälle wirklich vorkommt. Schade, dass hinter dem Buzzword queer irgendwie die vergeschlechtlichte Arbeitsteilung, Frauenunterdrückung und die Klassen, Staatsbürgerschaftsrechte und rassistische Unterdrückung von Frauen komplett verschwunden ist bzw. manchmal direkt in eine Kumpanei mit den Unterdrückern überging.

  3. Mein Herz krampft sich zusammen beim Lesen. Ich weiß nicht was ich als grausamer empfinde- die Freier oder das was im letzten Absatz beschrieben wird: Hochschulen bereiten den politischen und gesellschaftlichen Weg für die Normalität von Frauengebrauch/-Verbrauch.
    Aber eins hat Jenny Künkel doch mit ihren Forschungsobjekten gemein: Die Dissoziation ist sehr weit fortgeschritten.

  4. Mira Sigel

    Vielen Dank für diesen Kommentar! Das ist so wunderbar auf den Punkt gebracht! Danke! Mir ist aufgefallen, dass einige den Raum verließen, konnte das aber nicht so richtig einordnen. Es ist schön und tröstlich zu wissen, dass nicht alle im Raum sich von den Behauptungen haben einnehmen lassen und die Argumentation durchschaut haben. Vielen Dank!

  5. Männlich links

    Es ist sehr schade, dass diese Diskussion öffentlich kaum geführt wird und die “Liberalisierung” der Prostitution gleichsam vorangetrieben wird. Und am meisten ärgert mich, dass dieses pseudo-linke libertäre Denken über den Atlantik geschwappt ist und mittlerweile in einigen Institutionen wie linken Zentren und Uniinstituten schon die Deutungshoheit übernommen hat. Wenn ein Drummer sein Shirt auszieht fühlt man sich hysterisch von sexueller Gewalt bedroht und bricht das Konzert ab, wenn (ältere oder weniger gebildete aber gutmeinende) Menschen gendergerechte Sprache nicht bis ins Detail beherrschen werden diese auf offener Bühne zur Sau gemacht, die Beispiele ließen sich endlos fortführen – wenn aber ANDERE Menschen und vor allem Frauen offen ausgebeutet und quasi vergewaltigt werden interessiert es die gleichen Leute einen Dreck. Oder besser noch: Es wird sogar als philanthropisches Menschenbild verkauft. Am Schlimmsten finde ich, dass nicht einmal Systemkritik, Feminismus oder ein wie auch immer geartetes politisches Bewusstsein notwendig ist, um Prostitution als menschenfeindliche Ausbeutung zu betrachten – ein Funken Mitmenschlichkeit müsste eigentlich ausreichen. Wenn das geschilderte Menschenbild mittlerweile linker Mainstream sein sollte – ich kann das derzeit nicht beurteilen, wer anders vielleicht? -, dann kann man getrost zum oder zur Konservativen werden, die hätten Prostituierten und anderen ausgebeuteten Menschen immerhin noch christliche Nächstenliebe zu bieten. Die Linke wurde von neoliberalen Totalitaristen beiden Geschlechts gekapert – und hat es nicht mal gemerkt. Das gleiche Fass könnte man bezüglich kulturrelativitionistischen Positionen aufmachen… aber es bringt wohl nix. Diese Leute und Milieus kommen mir mittlerweile ganz ähnlich vor wie die Idioten von AfD und Pegida: Hermetisch abgeschlossen und immun gegen alles.

  6. Was mich immer wieder fassungslos macht und was ich einfach nicht verstehe und vermutlich auch nie verstehen werde, ist woher eigentlich dieser riesige unaussprechliche Frauenhass herrührt. Und zwar von Männern, aber eben auch von einigen Frauen. An Frauen wird der ganze Frust und die Wut auf sämtliche Ungerechtigkeiten auf dieser Welt abgelassen. Ausgerechnet! Als wären sie die Schuldigen und Urheberinnen des ganzen Elends, das ja meistens von männlichen Strukturen oder Religionen oder Kriegen herrührt. Es ist, als würden die schwarzen Sklaven
    für die Ausbeutung und die Gräuel der Kolonisatoren “ausgepeitscht”.
    Können Menschen eigentlich denken und schauen, oder versagt ihnen allen bei dem Wort Frau das Hirn total? Fragen über Fragen. Keine Antwort bis jetzt gefunden.

  7. @Yvonne:

    Frauenhass scheint mir von der Basis her eine Art Rassismus zu sein. Rassismus wirkt oft indem alles, was am Leben Angst macht und unberechenbar scheint aus der eigenen Umwelt hinaus auf “das Andere” verdrängt werden, um sich innerhalb der eigenen Umwelt sicherer fühlen zu können UND parallel dazu, ähnlich im eigenen Inneren: Eigene verdrängte aggressive, ausbeuterische, oder sonstwie destruktive Anteile, die nicht ins heere Selbstbild passen, auf “das Andere” projeziert werden, womit das (meist unsichere) Selbst dieser Leute zum einen erhöht und zum anderen vor schmerzhaften Erkenntnissen geschützt wird.

    Es hat sozusagen nur partiell überhaupt etwas mit uns zu tun, dass sie uns so hassen.

    Das Problem ist, wenn überhöhte Selbstbilder und Konkurrenz-Streben mit wackeligem Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen zusammen kommen. Und… das trifft leider bei extrem vielen Männern zu. Aber natürlich nicht nur bei diesen.

    Die gefährlichsten Menschen, ob Mann, ob Frau, sind jene, die mit sich selbst nicht wenigstens einigermaßen im Reinen sind.

    Kommen dann noch Geltungsbedürfnis und Konkurrenzorientierung dazu, bedeutet das schnell “Krieg” in jeder möglichen Form.

    Wir stehen einem Geschlecht gegenüber, das all diese Dinge allzu oft in sich vereint und leider auch noch ein menschliches Gehirn hat, um all das mit Konstrukten zu begründen und zu untermauern, sodass jeder noch so konstruierte Blödsinn zur allgemeinen “Wahrheit” oder gar Religion erhoben werden kann. Und wir sind dabei das ultimative “Andere”. Die Urform jeglichen Rassismus ist Frauenhass.

    Das Wesen “Mann” ist – in seiner Gesamtheit (nicht unbedingt der einzelne) – zu schlau und zu blöd zugleich, um in Frieden mit “dem Anderen” (Tieren, Völkern, Geschlechtern, etc.) zu leben.

    Entweder muss also die Evolution da Gas geben, oder wir packens alle nicht über diesen Entwicklungslevel hinaus, bevor alles zerstört ist.

    Der Mann (= Gesamtheit) kann Mitgefühl gänzlich (komplett!) abschalten. Stattdessen kann er Freude beim Anblick von Schmerz (Strafe) beim vermeintlichen Feind empfinden. Dazu gibt es beeindruckende neurobiologische Studien mittels fMRT von Tania Singer. Frauen “gelingt” das Gleiche tatsächlich nur schwer oder gar nicht.

    Möglicherweise hängt diese wirklich gruselige “Fähigkeit” des männlichen Gehirns auch epigenetisch mit der Tatsache zusammen, dass Männer von ihren Führern – die sie in ihrer oben beschreibt Orientierung natürlich immer erzeugen – immer in Kriege geschickt wurden. Oder, sie führten und führen so viele Kriege, weil sie das können? Oder beides? Das wird sich nicht abschließend klären lassen.

    In jedem Fall trägt das so gut wie jeder stinknormale Mann in sich: Wenn er jemanden nicht als “Freund” oder “Seinesgleichen” einstuft, kann er Mitfühlen komplett ausschalten.

    Ganz von oben betrachtet, gibt es für mich einen verheerenden Kernunterschied zwischen Mann und Frau: Dem Mann fehlt (in der Gesamtheit) zu häufig die Fähigkeit zu ganzheitlich-vernetztem Denken und Fühlen. Auch das kann man im fMRT messen: Die Vernetzung der Gehirnhäften nimmt unter dem Einfluss der Geschlechtshormone bei Jungs mit 13/14 Jahren ab und bei Mädchen parallel dazu zu.

    (Wenn ich Zeit finde, poste ich die Studien, die ich erwähne noch nach. Iss sonst natürlich doof: Studien erwähnen ohne Quellen ;). Wird also nachgereicht… muss sie nur raussuchen.)

    Fazit für mich aus all dem war: Frauenhass hat mehr mit dem Mann zu tun, als mit der Frau. Selbsthass, bzw. das Nicht-Einfordern von Menschenwürde von Frauen resultiert m.E. dann einfach aus dem “Schlucken” des durch den Mann seit Jahrtausenden erzeugten Frauenhasses und der dazugehörigen gesellschaftlichen und kulturellen “Wahrheiten”, Religionen, Konstrukte ohne sie mit dem eigenen (vernetzteren) Verstand einer kritischen Prüfung zu unterziehen.

  8. Zu meiner Antwort an Yvonne, die Studienlinks:

    Vernetzung und “ganzheitliches” Denken:
    http://www.pnas.org/content/111/2/823.abstract
    http://www.pnas.org/content/111/2/823/F1.expansion.html

    Deutschsprachiger Artikel hierzu (wieder jede sekundäre Quelle fehleranfällig): http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/hirnforschung-maenner-und-frauen-sind-anders-verdrahtet-a-936865.html

    Hier noch ein kritischer Artikel zu Untersuchungen zu Geschlechterunterschieden im Gehirn: http://www.spektrum.de/news/gibt-es-geschlechterunterschiede-im-gehirn/1374600

    (Für Neuo-Nerd*s, Skeptiker*innen und Neugierige hier noch ein Artikel, der die Messmethode ganz gut erklärt: http://www.spektrum.de/news/pfadfinder-durch-die-weisse-substanz/1071715)

    Experiment zu Mitgefühl (Tania Singer):
    Original (nur Abstract): http://www.nature.com/nature/journal/v439/n7075/full/nature04271.html
    Deutschsprachiger Artikel dazu: http://www.wissenschaft.de/archiv/-/journal_content/56/12054/1029320/Schadenfreude-mit-dem-kleinen-Unterschied/

    Hier erforscht sie entsprechende Zusammenhänge weiter, um Therapien verbessern zu können: https://www.nature.com/articles/s41598-017-00745-0

    Hier noch ein Überblick zum Thema, der zugleich Hoffnung macht, dass das durch gezielte Weiterentwicklung des Menschen und insbesondere des Mannes (z.B. mit Meditationstechniken bei Erwachsenen oder Fokus auf Mitgefühlstraining und Perspektivwechsel bei der Erziehung von Jungs) besser werden kann:
    https://www.dasgehirn.info/denken/im-kopf-der-anderen/spezialisten-fuer-empathie

  9. Susanna ich LIEBE Dich! Wo hast Du jetzt meinen Artikel ausgegraben???? (Ja, diese Erkenntnisse waren noch VOR meiner “queer feministischen” und “maskulinistischen” Gehirnamputation und dem “gaslighting”……. Danke!
    Damals wusste ich noch die Antwort. Heute staune ich wieder…….; und versuche mein Mund- und Denkwerk zu zügeln. Danke!

  10. PS: Susanna: ich weiss nicht mehr, ob ich diesen Artikel geschrieben habe. Vielleicht war es eine andere kluge Frau. Aber: Genau so hätte ich ihn formuliert, weil er meiner Beobachtung und Erfahrung zu 100% entspricht.
    Falls ich nicht die Autorin war, danke ich dieser und entschuldige mich. Ich wünschte, ich wär’s gewesen.

  11. Es ist ja auch nur logisch, daß Hass ein Problem des/der Hassenden ist und nicht eins der/ des Gehassten (jeder Hass ist zunächst mal SELBSTHASS). Das wird es erst dann, wenn der Hass mit einer Ideologie “begründet” und rational verpackt wird.
    Es ist immer der Täter, der ein Problem hat. Es ist wichtig, sich das bewußt zu machen.
    Der Einsatz von Gewalt oder Übergriffe innerhalb einer gesellschaftlichen Machthierarchie bieten dem Täter/ dem Hassenden aber ein Ventil für die Verschiebung dieses Selbsthasses an: Nicht mehr er selber ist oder hat das Problem > Nein, er sucht sich ein Opfer, einen Mülleimer, in das er seinen Selbsthass (gewaltsam) hineinfüllen kann. Er outsourt also seinen Selbsthass.

  12. Männlich links

    @Yvonne @Susanna

    Ihr empört Euch über einen angeblichen Zusammenhang von Männlichkeit und Rassismus (den es gibt, aber nicht so wie dargelegt) um dann alle Übel der Welt BIOLOGISTISCH wertend zu erklären? Und dann wird diese “Erkenntnis” mal eben so auf soziale Interaktion übertragen? Und der empirische missing link zwischen isolierten neurologischen, historischen und sozialpsychologischen Theorien zu einer Metatheorie der Menschheitsgeschichte ist dann ein “weil e[s] meiner Beobachtung und Erfahrung zu 100% entspricht”? Kann ich intellektuell nicht nachvollziehen. Dass sex und gender bei einigen feministischen Ansätzen wieder in eins fallen und der Mensch als biologisch determiniert vorgestellt wird, war mir jedenfalls bisher neu. Entschuldigt bitte die harte Kritik, aber hinter das Bild vom Menschen als “Kulturwesen” sollte man/frau sicher nicht mehr zurück.

  13. @Männlich links

    Bei deinem Pseudonym (mein Name hier ist übrigens mein Echter), gehe ich davon aus, dass du ein Mann bist. Die Abfolge deiner Argumente und die Art des Vorbringens lässt auf erhöhte Emotionalität während des Schreibens deiner Antwort schließen. Vorweg: Ich habe nicht viel Geduld dafür, auf Seiten wie diesen mit “angepiksten” Männern zu diskutieren, die nicht erst dreimal tief durchatmen oder drüber schlafen, bevor sie los trampeln. Impulskontrolle first.

    Du versuchst mir logische Fehler nachzuweisen. Du kennst sicherlich das im Netz allseits beliebte Spiel: Du weißt mir logische Fehlschlüsse nach und danach nehme ich deine Argumentation entsprechend auseinander, usw… Voran geht meiner ganz subjektiven Erfahrung nach meist eine “Das Gegenüber gar nicht verstehen WOLLEN-Haltung”, weil irgendwas emotional querschiest und aus der heiß aufsteigenden Emotion ein Argument wird und daraus dann noch eins und so weiter…”

    Auch nach mehrmaligem Lesen deiner Antwort an mehreren Tagen (inklusive drüber Schlafen), bleibt bei mir dieser Eindruck. Du kannst das natürlich für dich ablehnen. Bleibt dir überlassen.

    Zu Kultur und Biologie: Ich komme mir ein wenig blöd vor, hier solche Plattitüden loszulassen, wie “Kultur und Biologie gehen Hand in Hand.” Diese Dinge sind nicht wirklich trennbar. Diese Art von Analyse (“Zerdenken” im wahrsten Sinne) fußt auf einem dualistischen Ansatz, welcher letztlich eine alte philosophische Tradition fortführt, die dem Patriarchat mit zugrunde liegt (und das leider nicht erst seit Platon). Lustigerweise bestätigt eine solche Sicht die _empirische_ Beobachtung mit den Gehirnhälften und deren mangelnder Vernetzung bei Männern, aber… lassen wir das.

    Und, bevor du mir jetzt ad hominem o.ä. vorwirfst, nochmal ein ernsthafter Versuch einer Antwort, bei der ich bei weiteren emotionalen “Nichtmal-versuchen-zu-verstehen”, nicht mehr antworten werde:

    In meinem Beitrag ging es im Zentrum um um das Thema Mitgefühl.

    Yvonne schilderte, wie sie sich – wie so viele andere Frauen – das Hirn zermarterte, woher dieser unfassbare, beängstigende und weltweit evidente extreme Hass gegen Frauen in Männern herkäme.

    Dazu gibt es tausend Ideen, Gespräche und Theorien: In Büchern, feministischen Foren, Diskussionen in Frauenrunden, etc. Jede Feministin kennt diese QUÄLENDE Frage. Stell dir einfach vor, was du dir für Gedanken machen würdest, wenn Frauen Männer weltweit versklaven und ohne jeden Funken von Mitgefühl zu ihrem Eigentum, gleich einer “Sache” erklären würden, welche dem weiblichen Wohl und der weiblichen Fortpflanzung, Lustbefriedigung, Selbstaufwertung und leiblichem sowie emotionalen Wohl dienen solle. Erfüllt dein Geschlecht das in diesen weit verbreiteten Regionen der Welt, in denen ein extremes Herrschaftsmodell der Frau gegenüber dem Mann herrscht nicht, dann winken dir Mord, sexualisierte und sonstige Folter, Freiheitsentzug, gesellschaftlicher Ausschluss, etc. Das kurz als Abriss zum Ziel des PERSPEKTIVWECHSELS bei dir, damit du verstehst aus welcher Perspektive heraus ich Yvonnes Frage wahrgenommen habe und aus welcher Perspektive heraus meine Antwort verfasst wurde.

    Würdest du dich unter diesen Bedingungen nicht auch fragen: Was zum Teufel ist da los? Warum hassen Frauen uns Männer weltweit so sehr, dass sie uns überall töten und foltern ohne den geringsten Funken von Mitgefühl? Teils vor den Augen ihrer eigenen Kinder, deren Väter, ihre Ehemänner und ganz besonders oft – Exmänner – verprügeln, bedrohen, sexualisiert foltern oder gar töten?

    Stell dir vor, das wäre DEINE Lebenswelt seit du denken kannst.

    Die zentrale Frage in MEINER Antwortsuche wahr irgendwann konzentriert auf das Thema Mitgefühl. Ich habe früh beobachtet, dass Männer untereinander zu extremen Mitteln griffen, um ihr Gegenüber “unterzuordnen”. Die Zugehörigkeit zum “Mannsein” definierte sich über die Konstruktion des “Anderen” und wie man sich von diesem “Anderen”, namentlich der Frauen und Mädchen, als Mann und Junge zu unterscheiden hatte, um ein echter Kerl zu sein. Ich beobachtete, wie viele junge Männer darunter litten, diesem Druck ausgesetzt zu sein und irgendwann selbst zu solchen Mitteln griffen, um sich geflissentlich vom “Weiblichen” abzugrenzen.

    Dieses “Othering” – so lernte ich fleißig im Studium – bewirkt, dass Mitgefühl abschalt- und abspaltbar wird. Dies, so dachte, ich… sei des Rätsels Lösung. Hier sind wir bei der soziologisch-konstruktivistischen Betrachtungsweise und damit letztlich auch beim radikalen Feminismus (bei dem ich mit so gut wie allem d’accord gehe, außer – inzwischen – bei der Ablehnung von biologischen Interaktionsbezügen zur sozialen Konstruktion 😉 ).

    Mit der Zeit kam im Studium Neurobiologie sowie Endokrinologie dazu. Meinen Schwerpunkt legte ich dabei auf Geschlechterunterschiede. Ich musste – unter einiger Gegenwehr – lernen, DASS es biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt und diese sich SELBSTVERSTÄNDLICH nicht isoliert von psychischen Prozessen entfalten. Körper und Geist sind eins. Es gibt keine Trennung. Jegliche Trennung ist vom Menschen konstruiert. Geistige Prozesse sind biologische Prozesse, jeder einzelne Gedanke in unseren Gehirnen fußt auf einer physiologischen Reaktionskette.

    Besonderes Interesse weckte irgendwann der Fakt, dass Kultur und Biologie sich gegenseitig “weben”, indem Genetik nicht festgeschrieben ist, sondern durch die Lebensumgebung ständig angepasst und verändert wird, teils direkt wichtige Lebenserfahrungen von einer Generation zur Nächstfolgenden (!) regelrecht _vererbt_ werden (Epigenetik). Das bezieht sich auf Neurotransmitter-Prozesse, die Angst und Stress steuern ebenso wie auf das “Wiedererkennen” eines lebensbedrohlichen Reizes, den man das erste Mal in seinem Leben sieht und der nicht objektiv tatsächlich für irgendwen lebensbedrohlich ist (beispielsweise ein Geruch, ein Nahrungsmittel, eine Flüssigkeit, etc.). Bei tierexperimentellen Studien wurde der Nachweis erbracht, dass getrennt von ihren Eltern aufgewachsene Rattenkinder in Panik geraten, wenn sie eine Flüssigkeit in ihrem Käfig wahrnehmen, auf die ihre “Großeltern”, die sie nie kennenlernten, auf Angst konditioniert wurden.

    Wie also, willst du Biologie und Kultur trennen? Wir werden alle nie beantworten können, was Henne und was Ei war und ist, weil wir die Anfänge von irgendwas nicht wissenschaftlich untersuchen und schon gar nicht variieren und dann nochmal untersuchen können.

    Wir versuchen uns lediglich aktuelle Zusammenhänge zu erschließen und… wenn du genau gelesen hast, versuche ich das mit einem positiven Veränderungsmöglichen-Blick zu verbinden.

    Würde ich also biologistisch im Sinne von DETERMINISTISCH argumentieren, so wie du es verstanden zu haben scheinst, würde ich sicherlich nicht an positive Veränderungsmöglichkeiten durch VERHALTENS-Modifikationen glauben, richtig? Das bedeutet: Ich glaube an Lernprozesse. Das ist so ziemlich das Gegenteil von biologistischem Determinismus.

    Was ich hergeleitet habe, kannst du gern prüfen. Ich habe vielen Männern diese Theorie vorgestellt und viele reagierten zunächst zurückweisend und empört. Je länger jene Männer, die ich näher kenne, sich damit beschäftigen und es in ihrem eigenen Leben überprüften, desto mehr Zustimmung und Offenheit erntete ich damit und tatsächlich beobachte ich an diesen Männern auch plötzlich eine Wachsamkeit gegenüber ihrem eigenen “Nicht-Perspektivwechseln” und “Nicht-Mitfühlen”, wenn sie sich angegriffen oder mit jemandem nicht verbunden fühlen. Sie alle entdeckten das Beschriebene bei sich selbst.

    Das ist in meinen Augen tatsächlich die größte Hürde, die ich in meinem optimistischen Glauben an Lernprozesse in Sachen Mitgefühl und Mann sehe. Der Blick in den Spiegel, ist an der Stelle sicherlich manchmal erschreckender als gedacht, jedoch notwendig. Dringend notwendig. Bei JEDEM EINZELNEN Mann auf diesem Planeten.

    Und spätestens jetzt, werden mich einige Frauen hier sicherlich für eine abgehobene Träumerin halten, zu glauben, dass das geschehen könne ;).

  14. Männlich links

    Hallo @Susanna,
    zunächst einmal vielen Dank für die umfassende Replik. Zwei Punkte vorweg:
    1. Sich in einem feministischen Forum als politisch anschlussfähiger Mann zu “outen”, finde ich zunächst einmal wichtig, da hier und anderswo sicher auch männliche Trolle mit anderen Absichten unterwegs sind.
    2. Emotional besonders angefasst bin ich nicht, diesbezüglich bin ich gerade hinsichtlich der AfD ausgelastet.

    Dann kommen wir beide offenbar aus ganz unterschiedlichen Disziplinen. Ich als Historiker möchte gesellschaftliche Phänomene, in diesem Fall die Geschlechterverhältnisse, nicht genetisch oder neurologisch erklären – ob die genannten “Defekte” dann verhaltenstherapeutisch eingehegt werden könnten, spielt dann m.E. auch keine große Rolle. Und ich halte es ebenfalls für ein methodisches Problem, überhistorische Theorien wie das allumfassende “Patriarchat” zu entwerfen und nahezu jedes gesellschaftliche und sogar individuelles Phänomen oder Verhalten aus dieser Struktur abzuleiten. Nun geht es mir auch gar nicht um wissenschaftsphilosophische Debatten, die man in einem Rahmen wie diesem ja auch nicht führen kann. Mich beunruhigt viel mehr, dass sich in den letzten Jahren immer mehr essentialistische Debatten in emanzipatorische Diskurse eingenistet haben, critical whiteness und cultural appropriation sind Beispiele aus einer anderen Ecke. Du konntest Deine Gedanken hier ja auch nur stichwortartig ausführen, deswegen mag ich Dich durchaus missverstanden haben. Aber ich nehme Deine Ausführungen so wahr, dass es bei Deiner Theorie letztlich nur die abstrakte Kategorie “Mann” – biologisch auf hemmungslose Gewalt programmiert – einerseits gibt, andererseits nur den individuellen Mann als “Patienten”. Das hört sich für mich nach “there is no society” an. Debatten über die biologische Minderwertigkeit von Frauen wirst Du besser kennen als ich, diese Diskurse einfach nur um 180 Grad zu drehen und mit einem nett gemeinten Erziehungsgedanken zu garnieren ist mir letztlich inhaltlich zu wenig und politisch kaum brauchbar. Und ich dachte halt, wir wären in der Diskussion schon etwas weiter als sich um die Frage zu streiten, wie wir biologische Geschlechter an sich werten. Unabhängig davon, dass dies in anderen Kontexten natürlich immer noch statt findet, aber einen nicht geringen gesellschaftlichen Fortschritt seit den 70er Jahren möchte ich schon erkennen – sonst bliebe ja nur Fatalismus.

  15. Renate Schmidtsdorff-Aicher

    Die Aktion ist so notwendig und so gut gemacht und hervorragend dokumentiert, ich kann nur DANKE sagen.
    Zu den Kommentierungen:
    @Die Fee Deine Empfindung der Grausamkeiten sind auch meine; möchte aber gar nicht entscheiden ob die Freier schlimmer sind oder die Rolle mancher (zu vieler!) Hochschulen. Bei letzteren empört mich die Beobachtung, dass es hauptsächlich Frauen sind, welche da besonders in Erscheinung treten. Das INTERESSE DAHINTER ist freilich patriarchalisch. Die Herren lassen Frauen auf den Leim gehen und finden UNverständlicherweise genügend. Gehirnwäsche? Bei Frauen, die selber denken können?
    Yvonnes quälende Fragen sind auch meine und ihre Fassungslosigkeit. Mit ihr gehe ich soweit d’accord auch ohne ihre Artikel zu kennen.
    @Männlich links Dich ärgert diese Rolle mancher Institute ebenso. Du sagst richtig, man muss nicht FeministIn sein, um Prostitution als menschenfeindliche Ausbeutung zu erkennen (nicht nur betrachten). Deswegen sehe ich dich als einen Mann ‘guten Willens’, wobei etliche Feministinnen an die Existenz solcher Männer nicht (mehr?) glauben – sie haben ihre Gründe. Ich sehe hier in der Diskussion bislang keinen Beitrag, wo Sex = Gender gesetzt wird.
    Im Feminismus gilt Sex =!= Gender (=!= ungleich). Und der Mensch ist ein Kulturwesen, das gehört zu unserer Natur, wir wissen das inzwischen. Aber es gibt biologische Tatsachen, an denen wir nicht vorbei kommen, und die über mehr/weniger Muskulatur hinausgehen, auch solche, die Männern weniger gefallen mögen. Das hat Susanna, die es studiert, dargelegt und dich dran erinnert. Das hat nichts mit Biologismus zu tun.
    @Susanna Ja, wir sehen uns oft mit der Haltung des Nicht-verstehen-wollens konfrontiert. Dennoch glaube ich es beim Diskutanten Männlich links nicht so zu sehen. Deine Idee des Perspektivwechsels erscheint mir besonders wertvoll. Du bist keine abgehobene Träumerin, auch wenn nicht jeder diesen Perspektivwechsel vollzieht; das wird leider ein Traum bleiben.

    Die Diskussion hier gilt doch dem Übel der Prostitution, und darum muss klar werden:

    ES IST DER FREIER / SEXKÄUFER / KUNDE, welcher Not über Frauen und Kinder bringt und SCHANDE über die Männlichkeit.

    Ich frage mich, warum die Männer guten Willens sich das gefallen lassen und fast keiner dagegen aufsteht und mit uns zusammen das Übel bekämpft. Es ist doch Männersache, nur weils keiner macht, müssen halt wir Feministinnen ran. Es ist notWENDIG,

    Auch in Deutschland müssen die Freier / Sexkäufer bestraft werden.

    Stattdessen gibt es hier sogar kommunale Kinderkrippen/-gärten inmitten von Nachbarschaften bestehend aus acht Etablissements, wo ‘happy girls’ feilgeboten werden. Wie fies ist das denn?

  16. Gabypsilon

    @Renate Schmidtsdorff-Aicher: Ein wichtiger Absatz, den Du geschrieben hast:”ES IST DER FREIER / SEXKÄUFER / KUNDE, welcher Not über Frauen und Kinder bringt und SCHANDE über die Männlichkeit.” Ergänzen möchte ich ihn noch mit / VERGEWALTIGER. Frauen, die mit einem Mann ihr Leben teilen, möchten es bekanntlich gar nicht -so genau- wissen, ob ihr Märchenprinz und Vater ihrer Kinder ein Vergewaltiger prostituierter Frauen ist. Es sind immer andere, aber nie der eigene oder der der Freundin, Schwester, Nachbarin, eigenen Mutter und deshalb wünsche ich mir verstärkt den Fokus auf die Verursacher.

  17. Männlich links

    Liebe Renate,
    vielen Dank für Deinen zusammenfassenden und guten, abgewogenen Beitrag. Aber lass’ mich doch ein paar kurze und kritische Einwände formulieren:
    “Deswegen sehe ich dich als einen Mann ‚guten Willens‘, wobei etliche Feministinnen an die Existenz solcher Männer nicht (mehr?) glauben – sie haben ihre Gründe. Ich sehe hier in der Diskussion bislang keinen Beitrag, wo Sex = Gender gesetzt wird.”
    Mein “Wille” oder Wollen ist egal, es geht um ein universelles Gleichheitspostulat. Was die “Existenz solcher Männer” – zu denen ich mich gar nicht zählen möchte – anbelangt: Hat es denn in den letzten Jahrzehnten keinen Fortschritt gegeben? Ich habe den Eindruck, dass ich als “Mann guten Willens”, wie Du schreibst, mittlerweile auch bei meinem eigenen Geschlecht der Mehrheit angehöre – in den 80er war das noch etwas anders. Und: Wenn ich als Mann auf meinen Hirnlappen reduziert werde, dann ist das schon Sex = Gender.
    Ansonsten aber hattest Du vielleicht vollkommen Recht: Egal, wo wir hier oder da kleinkarierte Differenzen haben, die natürlich auch beackert werden wollen, gibt es eben auch gemeinsame “Werte”: Menschen sind keine Ware und Körper kein Konsumgegenstand.

  18. Zu dem was ich hier über den Vortrag von Frau Jenny Künkel lese, fallen mir eigentlich nur Attribute wie ignorant, kalt, unmenschlich oder zusammengefasst zutiefst misogyn ein. Erschreckend.

  19. @Gabypsilon hast ja recht. Aber ‘Vergew…’ ist ein zu großes Wort, als dass ich ihn auf meinen Kampfspuckies gegen die Prostitution von 4 cm x 6 cm unterbrächte. Dort steht aus selbigem Grund nur entweder Freier oder Sexkäufer. Es gibt nämlich Frauen, denen entweder der eine Ausdruck nicht zusagt oder der andere nicht. So verwende ich die alternierend. Im übrigen ärgert mich der Ausdruck “Kinderschänder” wahnsinnig. Wenn du genug Geld erübrigen möchtest, dann gestalte doch einen größeren Aufkleber etwa “Sexkäufer und andere Vergewaltiger bringen…..”, quer auf ein A4-Blatt, etwa 3 v 4 (v = oder) untereinander. Beim Staples gibts geeignete Blankoaufkleber-Blätter, kopier dein Blatt auf paar Sätze solcher Blankoblätter. Kannst dir auch andere Sprüche einfallen lassen. Verschenk die Blätter an Leute, die’s gut finden; sie werden es dann schon wo hin kleben = Bewusstseinsarbeit gegen Männergewalt.
    Das Märchenprinzsyndrom, das du beschrieben hast, führt bei zu vielen Frauen zu einer Unsolidarität mit denen, die anschaffen müssen. Lieber zeigen sie auf die mit Fingern, als dass sie ihre Märchenprinzen hinterfragen möchten. So tragen sie mit bei zur Betonierung des Übels der Prostitution und der Männergewalt.
    @Männlich links Das Verhältnis in Männerkreisen ‘guten/nicht g. Willens’ sieht betrüblich aus: Bei einer Interview-Aktion des Deutschen Jugendinstituts in den Neunzigern, von der DFG mit 30.000 DM finanziert, wo Männer anonym bleiben dürfend befragt wurden, kam heraus, dass von je dreien einer “selbstverständlich” vergewaltigen würde, sobald die soziale Kontrolle nicht gegeben wäre. (Zum Vergleich, Professor Rüdiger Lautmanns Machwerk “Die Lust am Kind” finanzierte die DFG mit 300.000 DM.) Ich denke nicht dass es in den Achzigern oder in der Fuffies schlimmer war, ich sehe da im Gegensatz zu dir keine Entwicklung. Mit dem einen Drittel Männern mag ich nichts zu tun haben. Die anderen zwei Drittel ärgern mich, weil sie ‘s Maul nicht aufkriegen, um dem unsäglichen Drittel zu sagen, was geht und was nicht geht. Das zu tun ist nämlich Männersache. Weil’s die nicht auf die Reihe bringen, braucht’s Frauen, die sich trauen, es zum Thema zu machen. Pipifax dann rumzustreiten ob wer wen auf ‘n Hirnlappen oder was sonst reduziert, alles Nebenschauplätze, bloß um nicht wirklich hinzugehen, DENEN es klar zu machen.

  20. @Renate: Als Kritik solltest Du es eigentlich nicht auffassen, dass ich den Begriff “VERGEWALTIGER” für mich ergänzt habe….In mein z.T. selbst gestaltetes Sortiment an Aufklebern passen noch Neuzugänge. Ich werde bei Staples mal vorbeischauen. Danke für die Anregung, ich habe gerne Abwechslung, auch um Spaß bei dem zu haben, was ich tue.
    Runter wie Öl geht mir die folgenden Sätze aus dem nachfolgenden Kommentar von Dir:”Mit dem einen Drittel Männern mag ich nichts zu tun haben. Die anderen zwei Drittel ärgern mich, weil sie ’s Maul nicht aufkriegen, um dem unsäglichen Drittel zu sagen, was geht und was nicht geht. Das zu tun ist nämlich Männersache.”

  21. Liebe Renate,

    das möchte ich voll und ganz unterstützen. Auch mich ärgert das unablässig:

    “Mit dem einen Drittel Männern mag ich nichts zu tun haben. Die anderen zwei Drittel ärgern mich, weil sie ’s Maul nicht aufkriegen, um dem unsäglichen Drittel zu sagen, was geht und was nicht geht. Das zu tun ist nämlich Männersache.”

    Es reicht eben nicht, als Mann nicht zu vergewaltigen, zu foltern, Frauenkörper zu kaufen, etc.

    Der liberale Mann ist immer wieder stolz darauf, dass er ja nicht so ist.

    Zugleich würde kein linker Mann je auf die Idee kommen, stolz drauf zu sein, dass er keine Asylbewerber-Heime anzündet.

    Er würde nie auf die Idee kommen, dass es reicht, nur kein Rassist zu sein.

    Er kämpft aktiv. Setzt sich ein, macht es zu einer zeitweisen oder generellen Lebensaufgabe, für Menschlichkeit und Mitgefühl gegenüber Fremden zu kämpfen.

    Renate, du hast vollkommen Recht: Es gibt nichts was vordringlicher Männersache wäre, als männerspezifische Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu bekämpfen.

    Männer in Schulen, über Prostitution und Pornografie als Gewalt aufklärend. Männer in Rotlichtbezirken mit intelligenten Aktionen gegen Sexkauf.

    Männer, die junge Männer bei jeder Gelegenheit an die Hand nehmen und ihnen Respekt vor Frauen beibringen, etc.

    Nur wo Männer zumindest _auch_ andere Männer unterdrücken, werden Männer zu deren Schutz aktiv, werden politisch, kämpfen für “Gerechtigkeit”.

    Den ersten aller Rassismen bekämpft kaum ein Mann aktiv. Dafür gibt’s weder Verständnis noch männerbündische Anerkennung, noch Unterstützung von anderen Männern. Das heißt, man kann da keine “gute Armee” gründen, wie beim Kampf gegen Rassismus z.b. in der Antifa/Antira (der ich als Jugendliche angehörte und deshalb einige Innenansichten habe).

    Wer als Mann für Frauenrechte kämpft, kann keinen Blumentopf bei anderen Männern gewinnen, bzw. läuft im Gegenteil sogar Gefahr aus der Gemeinschaft der Männer irgendwie rauszufliegen.

    Die meisten “Feministen” reden nur. Sie tun nix außer “Ich mach sowas nicht.” und denken ernsthaft, das reicht.

    Das regt mich tatsächlich auch schon immer auf. Da hast du vollkommen Recht.

  22. Liebe Susanna und Renate, danke dass Ihr wieder etwas Licht ins Dunkel gelassen habt. Die schlimmsten Gewaltorgien an Frauen und Mädchen, aber auch einigen Männern, wie grauenhafte Folter, Vergewaltigungen bis zum Tod, Verstümmelungen, Versklavungen, Mord und Totschlag, 98% von Männern ausgeführt darf einfach nicht BENANNT werden. Das scheint überall Konsens zu sein. Wenn man dies anspricht, wird man SOFORT mundtot gemacht, oder auf einen ungefährlichen Nebenschauplatz abgeschoben, oder, besonders perfide, mit dem Satz: “…aber Frauen sind auch nicht besser….blablabla….” eines angeblich “Besseren” belehrt. Ja, das andere tolle Argument ist dann Nicht alle Männer sind so, oder eben, MEIN Mann ist nicht so…. alles Augenwischer- und Ablenkt- Argumente.
    Und an der weltweit verbreiteten Gewalttätigkeit des Mannes ändert sich wieder einmal einfach NICHTS, da irgendwie kein Handlungsbedarf gesehen wird. Warum auch? Hauptsache der eigene Freund/ Mann ist nicht so. Ende gut, Nichts gut! Ich mag gar nicht mehr diskutieren, da alles schon 1000 Mal gesagt wurde und ja auch Männer Augen im Kopf haben (sollten).

  23. Männlich links

    “Wer als Mann für Frauenrechte kämpft, kann keinen Blumentopf bei anderen Männern gewinnen, bzw. läuft im Gegenteil sogar Gefahr aus der Gemeinschaft der Männer irgendwie rauszufliegen.”

    Diese Einstellung grenzt an Paranoia. Und mit all diesem Unfug diskreditierst Du alle Männer – und ich glaube es ist die Mehrheit – die aufgeschlossen sind. Dieses beschissene Freund-Feind-Denken macht alles kaputt. Ich kann und muss nämlich in meinem Umfeld keine Blumentöpfe gewinnen, sondern kann unter Demokraten diskutieren ohne rauszufliegen. Dein “Feminismus”, pardon, ist analytisch banal und politisch kontraproduktiv. Eine Sekte halt.

  24. Die „Mehrheit der Männer“ steht dem Kampf für Frauenrechte positiv gegenüber, wer anderes behauptet, leidet unter Paranoia und ist Mitglied einer Sekte?
    Betrachten wir Deutschland. Deutsche Männer liegen an der Weltspitze beim Pornokonsum und tummeln sich vergewaltigend im größten Bordell Europas. Der deutsche Mann klopft sich am Stammtisch bei vulgären Witzen über Frauen kollektiv auf die Schenkel, gleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit befürwortet er gerade noch. Der deutsche Mann kann dort, wo es obsolet ist, das große Wort in Sachen Frauenrechte führen und trotzdem nach Feierabend am Straßenstrich einen wegstecken. Alles Ausnahmen?
    Was sind Mehrheiten? Der große Teil der deutschen Bevölkerung ist gegen Massentierhaltung und stöhnt auf vor Entsetzten über neue, alte Reportagen und Bildern von gequälten Tieren. Trotzdem schränken sie ihren Fleischkonsum nicht ein oder verzichten ganz darauf.
    Der Blick mag getrübt sein, wenn ich mich in bestimmten politischen Kreisen bewege und mit vermeintlich Gleichgesinnten demokratisch diskutiere. Ich messe auch Männer an ihren Taten und nicht an ihren Worten. Erkämpfte Frauenrechte sind brüchig, siehe Stärkung der Väterrechte, um nur ein Beispiel zu nennen. Aber das ist das Los der Sektenzugehörigkeit

  25. Liebe Yvonne, ich glaube mal, dass Du in der Sekte, die ja nicht meine ist, schon längst einen Platz hast. Und wir müssen keine Sorge tragen, dass sie wegen Überfüllung keine weiteren Frauen aufnehmen kann 🙂

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