Warum der Schokomann aus Sachsen-Anhalt nur geringfügig Grund zur Aufregung ist

"Sexismus bekämpfen" - Graffiti

by Kecko via Flickr, [CC BY 2.0]

Was für ein Fest für all die Männer, die schon immer reflexhaft “Männer sind auch von Sexismus betroffen” brüllen, sobald das Thema darauf kommt: Das “Land der Frühausteher” Sachsen-Anhalt hat eine neue Werbekampagne gestartet, die unter anderem einen durchtrainierten Schokomann in Unterhosen abbildet, um auf eine Fabrik hinzuweisen, die Maschinen für die Süßwarenherstellung in alle Welt exportiert. Die Empörung auf den sozialen Netzwerken ist groß, die PR-Kampagne hat ihren Zweck, Aufmerksamkeit zu erregen, erfüllt. Zunächst: Ja, der Mann hat keinen Kopf und keine Beine, er ist nackt und sein Intimbereich steht trotz Unterhose im Zentrum des Fotos. Aber: Das ist noch lange kein Grund, nun gleich Arbeitskreise gegen männerfeindlichen Sexismus ins Leben zu rufen. Damit Sexismus funktionieren kann, braucht es ein Machtgefälle – und das ist nach wie vor das Patriarchat, also die “Väter”- oder Männerherrschaft. Sexismus bedeutet, dass einem Menschen aufgrund seines Geschlechts bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden oder sie auf bestimmte soziale Rollen und Funktionen reduziert wird, die auf ihre individuelle Persönlichkeit keine Rücksicht nehmen – “Frauen lieben Schuhe” (Schrei doch mal wie in der Werbung!) oder “Frauen mögen es rau” (Generelle Erzählung aller Pornos), das ist Sexismus. Da Frauen in dieser Gesellschaft weder die Deutungshoheit über ihr eigenes Geschlecht haben, noch darüber hinaus in der Machtposition sind, dem männlichen Geschlecht irgendwelche Zuschreibungen zu machen, ist die Nummer mit dem männerfeindlichen Sexismus ein Windei. Vielmehr ist es, wenn Frauen versuchen “sexistisch” gegenüber Männern zu sein, ein Nachahmen der für Männer erfolgreiche Verhaltensformen, um in den Genuss ähnlicher Privilegien oder Freiheiten zu kommen. Frauen imitieren das Verhalten von Männern, das im Patriarchat als das erfolgreichere gilt, um davon zu profitieren. Doch da beisst sich die Schlange in den Schwanz: Patriarchat funktioniert nur für Männer, wenn Frauen es imitieren, können sie nur verlieren. Die Imitation des von und für Männer geschaffenen Sexismus ist ein weiteres Symbol der Unterwerfung unter die patriarchale Logik – wenn Frauen Männern hinterherpfeifen,  fällt das ausschließlich auf die Frauen zurück – sie gelten dann als “notgeil” und “schamlos” – die Männer fühlen sich ganz sicher nicht als Opfer einer nicht von ihnen selbstbestimmten Sexualität. Sexismus andersrum funktioniert also nicht.


Sexismus speist sich aus der immergleichen, millionenfach wiederholten und überall sichtbaren Erzählung: Frauenkörper in ständiger Verfügbarkeit für Männer – in der Werbung, im Fernsehen, der Prostitution, dem Porno, per Gesetz, der Machtdiskurs wird so fort- und festgeschrieben. Mädchen wachsen bereits mit dieser Erzählung auf, so dass es schwer fällt, ihn überhaupt in Frage zu stellen. “Bin ich sexy?” ist eine Frage, die sich heute schon Achtjährige stellen. Das Schokomännchen von Sachsen-Anhalt läuft allerdings nicht ohne Machtdiskurs oder steht im Widerspruch zu ihm- im Gegenteil: Es ist Ausdruck patriarchaler Geschlechterordnung par excellence: Der muskulöse Männerkörper ist kein Zufall – posiert er doch nicht in der typischen Unterwerfungspose, in der nackte Frauen normalerweise dargestellt werden, sondern in unübersehbarer körperlicher Präsenz und Selbstsicherheit. Frauen werden ja gerne mal auf allen Vieren abgebildet, den Mund leicht geöffnet, als warteten sie nur auf den Cumshot. Die Überschrift “Leidenschaft” macht das noch einmal deutlich: Bei Frauen hätte da “Verführung” gestanden – “Leidenschaft” ist hier nur ein Codewort für männliches Dominanzgebahren und die Zuschreibung von Aktivität, verknüpft mit dem Wort “Erfolg in seiner süßesten Form” – na, wer würde bei nackten Frauenkörpern schon auf das Wort “Erfolg” kommen? Meistens steht da dann so etwas wie “Genuss” – immerhin sind Frauenkörper im Patriarchat zum Genießen da – für Männer, versteht sich. Das Schokomännchen ist also kein Zeichen für die beginnende sexuelle Unterdrückung von Männern – im Gegenteil!

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