Warum Radikalfeminismus nicht “transfeindlich” ist

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Transphobie, laut Duden: “starke Ablehnung von Transsexualität; ausgeprägte Abneigung gegen transsexuelle Personen”, Radikalfeminismus, (lat. radix: Wurzel) will, wie der Name schon sagt, Frauenunterdrückung an der Wurzel packen, diese Wurzel wird im Patriarchat gesehen. Patriarchat bezeichnet eine Jahrtausende alte Gesellschaftsform, die durch die Vormachtstellung von Männern gekennzeichnet ist, und die bis heute unsere gesamtgesellschaftliche Ordnung strukturiert.

Patriarchale Strukturen basieren laut feministisch-historischer Forschung auf der Zueigenmachung und Beherrschung des weiblichen Körpers besonders im Hinblick auf die Funktion der Reproduktion und Generativität, sprich im Fokus dieser Unterdrückung steht insbesondere auch der Faktor Gebärfähigkeit.

Unterdrückung ist dementsprechend immer an den weiblichen Körper gebunden – an den Körper, der gebiert. Dies war und ist auch immer noch Kampffeld männlicher Herrschaft: der weibliche, potentiell gebärende Körper.

Dieser Machtkampf materialisiert sich in verschiedensten Belangen: Themen wie Abtreibung,
Prostitution und sexuelle Gewalt sind hierbei Kernthemen des radikalfeministischen Kampfes,
materielle Körperlichkeit im Sinne der Biologie sind im Hinblick auf diese Themen zentral und nicht verhandelbar – keine Sache von Definition, Identifikation oder Befindlichkeit, sondern empirische Realität.

Dementsprechend bezieht sich das Verständnis von Geschlecht im Radikalfeminismus auf ein
biologisches, insbes. auf den Aspekt der Reproduktionssysteme. Ich bin keine Biologin, weiß aber
soviel, dass es zweier unterschiedlicher Gameten bedarf, um neues Leben zu kreieren, die
männlichen und die weiblichen. Die Menschheit ist diesen spezifischen Gameten nach aufgeteilt,
die Hälfte ist männlich, die andere Hälfte bzw. etwas mehr sind weiblich. Die eine Hälfte der
Menschheit kann gebären, die andere Hälfte nicht. Die Anordnung von Chromosomendispositionen oder Variablität im Hormonhaushalt jeweiliger Individuen ist hierbei nicht entscheidend. Auch intersexuelle Menschen können entweder gebären, oder produzieren Sperma, sofern sie nicht unfruchtbar sind. Es gibt Menschen, die in ihrer Reproduktionsfähigkeit eingeschränkt sind, sie werden trotzdem gemäß des binären Systems eingeordnet. Diesbezüglich gibt es viel zu
kritisieren, dazu später mehr.

Es gibt also biologisch gesetzte Funktionen von Organen, nach denen sich diese Binarität richtet und die die Menschen kategorisiert. Männlich und weiblich, je nachdem ob Eizellen oder Sperma
produziert und zum Reproduktionsprozess beigesteuert werden. Das ist der Fakt, den bisher auch
keine poststrukturalistischen oder dekonstruktivistischen Ansätze in irgendeiner Form angreifen
können, oder anders gesagt: wir haben alle einen biologischen Vater und eine biologische Mutter.

Menschen, die sich als Männer bezeichnen jedoch weibliche Organe (im Sinne der Geschlechtsorgane) besitzen, sind qua radikalfeministischer Definition also weiterhin Frauen. Sie produzieren Eizellen und kein Sperma.

Und anders: Menschen, die sich selbst als Frau bezeichnen aber männliche Organe haben,
bleiben Männer. Männliche Organe können kein Kind zur Welt bringen, nicht bei Menschen.
Vergleiche mit dem Tierreich wie bspw. den Seepferdchen sind hier nicht zulässig, nichtmenschliche Tiere gliedern sich untereinander nicht in patriarchale Gesellschaften, auch wenn sie von patriarchaler Ausbeutung durch Menschen gleichsam betroffen sind.

Dementsprechend geht es in radikalfeministischer, an die Wurzel gehender Politik primär um
Frauen und Frauenkörper, da dort der Ursprung ihrer Unterdrückung liegt. Alles andere sind keine Ursachen, sondern Symptome und Auswirkungen des Patriarchats.

Wenn Radikalfeministinnen Menschen mit männlichen Organen nicht einschließen, ist das nicht
feindlich sondern logisch. Männerkörper sind nicht von systematischer Oppression betroffen,
Diskriminierungserfahrungen von Transmenschen unterscheiden sich insofern von systematischer patriarchaler Unterdrückung und Machtkämpfen um weibliche Körperbelange. Wie kann auch der Kampf um Abtreibungsrechte jemanden tangieren, der keinen Uterus hat? Transfrauen können sich in dem Falle solidarisieren, sowie sich Radikalfeministinnen mit den spezifischen Anliegen von Transaktivist*innen solidarisieren können.

Allerdings zu behaupten, sich auf weibliche Körperlichkeit und Organe zu beziehen – sei es beim Thema Abtreibung oder banaler Vulva Art – sei „menschenfeindlich“ ist nichts anderes als zynisch und gleicht misogyner Unterwanderung, nach klassischer patriarchaler Art: Das zum Schweigen bringen spezifisch weiblicher Erfahrung und Lebenszusammenhänge, das Besetzenwollen von Frauenräumen, ob reale Räume wie Toiletten oder abstrakte Räume, wie Sprache und Diskurse: Das alles gab und gibt es schon seit Langem, dagegen kämpfen Frauen seit es Frauenbewegungen gibt: Gegen Frauenunterdückung, die sich auch in ihrer Unsichtbarmachung niederschlägt. Dieser Kampf erfordert andere Waffen als Sternchen, denn Radikalfeminismus schließt alle Frauen per se mit ein, da sich ihre systematische Unterdrückung an und in ihrem Körper materialisiert, nicht in ihren Persönlichkeiten oder Selbstdefinitionen. Natürlich ist das exklusiv, denn ohne weiblichen Körper gibt es auch keine spezifisch weibliche Unterdrückung, aber aus Exklusivität den Vorwurf der „starken Ablehnung“ oder „ausgeprägten Abneigung“ gegenüber anderen nicht-weiblichen Personen herleiten zu wollen entbehrt jeglicher Grundlage.

Radikalfeministinnen verurteilen jegliche Abwertung aller Geschlechtsidentitäten seitens des
Patriarchats, aber wir sehen einen gravierenden Unterschied zwischen Diskriminierung und
systematischer, struktureller Unterdrückung. Radikalfeminismus kritisiert und verurteilt demnach
auch die Verstümmelung von als intersexuell geborenen Menschen aufgrund ihrer uneindeutigen
anatomischen Disposition. Radikalfeminismus verurteilt jegliche Gewalt gegenüber allen
Menschen, die sich nicht in irgendeiner Art von normierten gesellschaftlichen Konventionen
repräsentiert sehen und deshalb misshandelt, vergewaltigt und diskriminiert werden, jeden Mord
an Transmenschen, jeden gewalttätigen Akt an Minderheiten.

Aber: Radikalfeminismus und das betone ich noch einmal, bezieht sich in Analyse und Politik
immer auf die Wurzel der Unterdrückung, das Patriarchats und interpretiert alle anderen Arten von Diskriminierung als seine Symptome. Dass es essentialisierende Vorstellungen von Geschlecht gibt, die sich in diskriminierenden Stereotypen manifestieren, die andere Menschen dazu veranlassen, sich im falschen Körper zu fühlen und gefährlichen, schmerzhaften Operationen zu unterziehen, ist keine Ursache der Biologie, sondern von patriarchal geprägter Kultur und Gesellschaft.

Deshalb ist Radikalfeminismus genderkritisch: er verurteilt die starren Rollen, die Geschlechtern
durch kulturelle Normierung aufgezwungen werden, die nichts mit irgend einer Art physischer,
anatomischer Disposition zu tun haben, sondern durch Sozialisation, kulturelle Konstruktion und
patriarchale Unterdrückungsmechanismen an das jeweilige biologische Geschlecht gekoppelt
werden. Wenn wir den Faktor des Gebärenkönnens als einzige materielle Differenz zwischen den
Geschlechtern konstatieren, muss das nicht mit der Zementierung von Hierarchien einhergehen.
Wer dagegen Identifikation mit einer Geschlechtsidentität an fehlendes oder vorhandenes
biologisches Geschlecht knüpft, unterstreicht im Gegensatz zum Radikalfeminismus einen
biologistischen Essentialismus, essentialisiert demnach Geschlechterrollen, also gesellschaftliche Vorgaben.

D.h. Radikalfeminismus ist auch allen Tendenzen gegenüber kritisch, die die Kategorisierung von Mann und Frau potentiell zu verwischen suchen, denn sie berauben radikalfeministischer Kritik jeglicher materieller Grundlage. Hier möchte ich auch eindrücklich nochmal die Ebenen der Analyse und Kritik erwähnen, die Herangehensweise an Kritik bzgl. Geschlecht ist eben auch
wissenschaftstheoretisch zu unterscheiden. So geht es Radikalfeminismus im Sinne einer
Patriarchatskritik um strukturorientierte Gesellschaftsanalyse, auf historisch-materialistischer Basis. Die Herangehensweise der Gender Studies basiert primär auf u.a. interaktionistischen,
konstruktivistischen, diskursanalytischen, dekonstruktivistischen Herangehensweisen und
Fragestellungen. Zu fragen, wie und durch wen und qua welcher kultureller Prozesse Geschlecht
erst “hergestellt” wird, und dazu alle identitätsbasierten, persönlichen,individuellen Belange
einzubeziehen, ist ein anderes Thema. Verkürzt gesagt: Nicht unser Bier. Zu fragen, wie und durch welche zeitbezogenen kulturellen Prozesse Geschlechterrollen zugewiesen und durchgesetzt werden und damit zu analysieren wie und unter welchen Bedingungen “Gender” als Zwangssystem funktioniert, ist es durchaus. Nur ist offenbar gerade dieser Aspekt auf dem Boden einer radikalfeministischen Grundanalyse aus den Gender Studies gründlich verschwunden.

Im aktuellen feministischen Diskurs wird zur Zeit auch sehr gerne versucht diese Ebenen der Analyse und Kritik gegeneinander auszuspielen, aber Vorsicht: das funktioniert nicht so einfach!
Noch ein Grund mehr, weshalb sich der Vorwurf von „Transphobie“ nicht hält.
Wenn ich Malerin der abstrakten Kunst bin, wieso sollte ich gegenständliche Stillleben malen? Ich kann mir aber trotzdem ein Museum mit Malerinnen des Expressionismus, Dadaismus,
Naturalismus oder gar Realismus teilen: wir machen alle Kunst. Hier anzukommen und jeweiligen Künsten einen Mangel an Stilspezifika der eigenen Kunstrichtung zu attestieren (“Boah ey, Katharina Kandinsky malt nur bunte Farben und Formen, das ist voll diskriminierend, dass sie keine realistischen Porträts malt”) ist einfach „parasitär“, kontraproduktiv, nicht zielführend, sondern unsolidarisch. Und wenn die Künstlerinnen sich prügeln, geht auch niemand mehr freiwillig ins Museum, nur die Spanner und Kunsthasser, die sich ins Fäustchen lachen, dass sich das Problem von selbst erledigt.

Zurück zur Kunst des Feminismus:
Wenn ich also sage, dass ich einen Menschen in Frauenkleidern, der männliche
Geschlechtsorgane hat, nicht in meine Politik mit einbeziehe, meine ich nicht, dass ich den
Menschen hasse und verurteile, weil er sich wie auch immer bezeichnet, identifiziert oder fühlt,
sondern ich meine: ich schließe nur Menschen mit weiblichen Organen ein, da sich hier die Wurzel patriarchaler Unterdrückung bis heute manifestiert, gemäß meiner feministischen Überzeugung.
Und Menschen, die keinen Uterus haben, über den sie nicht selbst entscheiden können;
Menschen, die keine Klitoris haben, die ihnen mit Rasierklingen aus Gründen einer sog. kulturellen Praktik abgetrennt wird; Menschen die aufgrund ihres Körpers nicht als Sklavinnen für männliche Dienste verschachert werden und Menschen die nicht aus systematischen Gründen vergewaltigt werden – Menschen mit männlichen Geschlechtsteilen, ergo Männer (egal wie sie sich fühlen oder geben) kann ich in meine radikalfeministischen Kämpfe nicht miteinbeziehen, weil sie aufgrund ihrer spezifischen biologischen und somit sozialen Situation eine strukturelle Unterdrückung niemals erfahren.

Ich kann mich, wie bereits erwähnt, mit ihnen solidarisieren und sie unterstützen, und ich solidarisiere mich mit jeder*/jedem* Einzelnen, der unter der täglichen patriarchalen Unterdrückung leidet, sei es aufgrund von Klasse, Rasse, Aussehen, Gefühlen, oder anderen Umständen. Ich solidarisiere mich mit allen Opfern des Patriarchats, aber ich kann als Radikalfeministin nur die Wurzel und den Ursprung allen Übels bekämpfen, und der liegt beim Machtkampf um den weiblichen Körper.

Man kann Radikalfeminismus eine gewisse Unflexibilität zum Vorwurf machen, gemäß der fixen Grenzen, die er zu ziehen scheint. Man kann dieses Phänomen aber auch als Vorteil sehen, als Struktur, die klare Ziele festlegt und klare Strategien fährt um patriarchaler Unterdrückung endlich ein Ende zu setzen, und nicht mitmacht in einer postmodern-neoliberalen Zeit der Beliebigkeit, in der alle alles sein können nur um der grenzenlosen Möglichkeiten Willen, sich aber der globalen Dimension ihres Handelns nicht mehr bewusst sind, weil es in unserer traurigen, vereinzelten Welt nur noch um Individuelles geht, um Gefühle, Befindlichkeiten, Identifizierung, Ichbezogenheit.
In Relation zu den Verbrechen, die noch immer aufgrund von Geschlechtszugehörigkeit tagtäglich an einer Hälfte der Menschheit begangen werden, scheinen Kämpfe um Sterne und Vaginabildchen banal. Radikalfeministinnen sprechen dennoch niemandem die Relevanz ihrer Kämpfe ab, aber Radikalfeminismus will den Fokus feministischer Kämpfe trotz der zahlreichen wichtigen und unwichtigen anderen Kämpfe nicht verschieben: Von der Wurzel aller Unterdrückung, dem Patriarchat.

Von Katharina Maunz

20 Kommentare

  1. Silvio Reindl

    Wow! Das nenn ich ich mal einen verdammt guten Text zum Thema.
    Bedeutet ja, das die Solidarisierung nur soweit geht bis zur Einschränkung der Schwerpunkte. Das ist fair und einfach zu verstehen.
    An erster Stelle stehen die Belange der Frauen…dort wird eine rote Linie gezogen und gesagt…bis hierhin und nicht weiter. Bestehen darüber hinaus noch Gemeinsamkeiten, wird der Kampf unterstützt. Das bedeutet letztendlich auch das jede eigene Bestrebung dementsprechend erst mal geprüft werden muss, ob und inwieweit sie in bestehende oder zu erkämpfende Rechte eingreift und diese ev. einschränkt.
    Da haben die Trans*aktivistinnen ja n ganzes Stück Arbeit vor sich.

  2. Gabypsilon

    Dazu fällt mir folgende Begebenheit ein. Eine Freundin von mir wurde vor zwei Jahren Opfer einer Gewalttat am hellichten Tag. Als sie in einer europäischen Metropole die Ampelkreuzung überqueren wollte, wurde sie unvermittelt von einem ihr entgegen kommenden Mann zusammengeschlagen. Schwer traumatisiert kehrte sie nach Deutschland zurück und zog in eine Großstadt in Hessen. Auf der Suche nach Anbindung in einem geschützten Raum für Frauen, meldete sie sich für einen Yoga Kurs im dortigen autonomen Frauen- und Lesbenzentrum an. Der Kurs begann, die Atmosphäre unter den teilnehmenden Frauen war freundlich und entspannt. Plötzlich, während einer Asana, ging die Tür auf und eine Transfrau tänzelte in den Raum. Da neben einer Freundin noch ein Platz unbesetzt war, legte er sich neben sie. Sie berichtete mir, dass sie die Gegenwart und das Atmen eines Mannes neben sich nicht ertragen konnte und den Raum verlassen hat. Die Diskussion im Frauen- und Lesbenzentrum, ob nun Transfrauen Zutritt haben sollen oder nicht, läuft wohl schon eine lange Zeit und flammt immer wieder auf. Sie mögen sich nicht positionieren und eine Entscheidung treffen. Soviel zu geschützten Räumen für Frauen, die uns ohnehin mehr und mehr verloren gehen.

  3. Gabypsilon

    Korrektur:”Da neben meiner Freundin noch ein Platz unbesetzt war…….”

  4. Silvio, JA!…. und es gibt auch kluge Männer! (Wenige,aber es gibt sie!) Danke!

  5. Genau das ist die Unterscheidung zum “Individual-Fun-Feminismus”!
    Geht mal auf die Seite von FiPaz.at. Die meinen es ernst. Sie haben auch eine gute online-Zeitung, Bumerang. Letztlich geht es um die Vernichtung von uns Allen, wenn wir diesen männlichen Grössenwahn, das Säbelrasseln und die globale Ausbeutung von Frau, Tier und Natur nicht abstellen können. Da geht es dann nicht mehr um political correctness oder Schönheitsoperationen, oder Gleicher Lohn für ALLE. Es geht um unser Überleben. Und Ja, es hat mit dem System zu tun, der Gewalt, dem gewalttätigen System; und NICHT mit dem einzelnen Mann. (Herr Hinz und Kunz, obwohl,…………….na ja, ein andermal

  6. Sorry, habe den Kommentar unter den falschen Artikel gesetzt. Aber, vermutlich passt er auch hier, im weitesten Sinn. Die website die ich meinte heisst Archemama. Es geht darum, wie mit dem Leben umgegangen wird. Dem Leben, der Natur, den Tieren und natürlich den Menschen. Da haben solche Nebenerscheinungen wie transphobie einfach keinen Platz. Es gibt Wichtigere, VIEL Wichtigeres!

  7. Sehr treffender Artikel. Aber selbstverständlich werden sie es weiterhin als “transphob” titulieren, egal ob sie den Punkt begriffen haben oder nicht, genauso wie Kritik an weiblicher Verschleierung stets “islamophob” ist. Mit einem solchen Hammer kann man alle Argumente plattmachen und sich auch noch als Opfer gerieren, wenngleich man zT auch Täter ist, zB wenn man in Frauenräume eindringt oder Diskussionen über weibliche Körper erstickt.

  8. Danke für den interessanten Artikel. Was mir an dieser Position noch nicht klargeworden ist, ist folgendes: Transfrauen, die von ihrer Umwelt als Frauen wahrgenommen werden, teilen doch sehr viele Erfahrungen mit Sexismus und Misogynie mit biologischen Frauen in ihrem Alltag, auch wenn sie eine andere Lebensgeschichte und einen anderen Körper haben. Und das Patriarchat richtet sich ja nicht nur gegen Frauen, sondern z.B. auch gegen homosexuelle Männer (wie es in dem Artikel ja auch ähnlich erwähnt wird). Warum wird also nur der – zweifelsohne vorhandene und wichtige – Unterschied, die Gebärfähigkeit, betont, nicht auch die Gemeinsamkeiten? Beziehungsweise warum fallen diese Gemeinsamkeiten so wenig ins Gewicht? Und braucht es nicht auch systematisch politische Allianzen, die über Verständnisbekundungen hinausgehen?

  9. Ich kann mir vorstellen, dass es im Alltag Gemeinsamkeiten im individuellen Erleben gibt, z.B. wird nicht jeder Mann, der einen weiblich aussehenden Menschen diskriminiert, vorher nachgucken, ob die Vagina echt ist oder nicht. Aber hier geht es meiner Meinung nach um eine grundsätzliche Analyse dessen, ob Transgenderfrauen und Frauen als gleich zu betrachten sind.

  10. Gabypsilon

    @Max: Wie kommst Du zu der Annahme, dass Transfrauen von der Umwelt als Frauen wahrgenommen werden? Wie definierst Du “Umwelt”? Ich nehme Transfrauen als das wahr, was sie sind. Als Männer, die sich mit stereotypen weiblichen Attributen ausstatten und meistens auch noch versuchen, “typisch” weibliches Verhalten zu kopieren, lediglich eine Gebärmutter können sie sich nicht aneignen. Sie sind und bleiben biologische Männer.

  11. Transfrauen sind Transfrauen und eben keine Frauen. Punkt! Sie haben Identitätsprobleme und versuchen sie auf die “falsche” Art zu lösen. Oft versuchen sie auch non die “besseren” oder wenigstens “schöneren” Frauen zu sein und den Frauen zu sagen und zeigen wie “Frausein” eigentlich geht. Eben, TYPISCH männlich! Das ist wie bei den neuen Vätern, die den Müttern zeigen was die “bessere” Mutter ist. ER nämlich. Dabei brauchten wir in der Tat “weiblichere” einfühlsamere und fürsorglichere Männer und Väter. Aber dies lässt sich nicht mit Operationen, Stöckelschuhen, langen Nägeln und Perücken oder 2 Mal baby wickeln pro Woche bewerkstelligen. Es gibt in der Tat “neue” einfühlsamere und gute Männer. Die brauchen aber keine Perücken. Und es sind auch keine Transfrauen.

  12. Meines Erachtens haben nicht sehr viele Transfrauen die körperliche bzw. phänotypische Grundvoraussetzung, um als Frauen betrachtet zu werden. Was ihnen an Diskriminierung widerfährt ist primär Hass wegen ihrer Transidentität. Außerdem kommt hinzu,dass der weit überwiegende Teil von ihnen männlich sozialisiert wurde, was sich auch sehr gut an der Vehemenz beobachten lässt, mir der sie um den ihnen vermeintlich zustehenden Platz als Frau kämpfen. So viel Selbstbewusstsein würde den meisten Frauen außerordentlich gut tun… wenn der Kampf der Transfrauen aber dahin übergeht, dass der biologische Körper für die Diskriminierung völlig irrelevant ist, es keine Strukturen sondern primär individuelle Erfahrungen sind, und es erforderlich ist, dass Transfrauen ihre Kämpfe als feministische Kämpfe darstellen und damit vom Wesentlichen ablenken, so hört bei mir die Toleranz auf. Eine Person, die sich weigert zu verstehen, warum ich ihren männlichen Körper nicht in Frauenräumen haben will, ist für mich untragbar und inakzeptabel. Wenn es dann weitergeht in die Richtung, dass es “Frauen” mit Hodensäcken oder ähnlichem gibt, dass ich als Frau “cis privilege” habe, dann möchte ich nur noch lachen und heulen. Der dritte Welle Feminismus ist m.E. ein wesentlicher Rückschritt für die Ziele und Kämpfe von Frauen.

  13. Mir fehlt der Hinweis auf das neue Buch “Female Erasure” zum Thema.
    http://www.femaleerasure.com/#!

    ABOUT THE BOOK
    This anthology bears witness and exposes the current trend of gender identity politics as a continuation of female erasure and silencing as old as patriarchy itself. Forty-eight voices celebrate female embodiment while exploring deeper issues of misogyny, violence, and sexism disguised today as progressive politics.

    These perspectives comes at a time when gender identity politics and profits from an emerging medical transgenderism industry for children, teens, and adults inhibit our ability to have meaningful discussions about sex, gender, changing laws that have provided sex-based protections for women and girls, and the re-framing of language referring to females as a distinct biological class.

    Through researched articles, essays, first-hand experience, story telling, and verse, these voices ignite the national conversation about the politics of gender identity as a backlash to feminist goals of liberation from gender stereotypes, oppression and sexual violence.

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  14. Das “männlich” Vorgehen und das Wegwischen aller Gegenargumente von Bio-Frauen ist dermassen “männlich”, dass sich weiteres Argumentieren mit Transfrauen “was eine richtige Frau” ist und was nicht, völlig erübrigt.
    Man argumentiert auch nicht mit Debilen über Quantenphysik. Amen!

  15. Ein wichtiges Thema, das entschlossen und überzeugend vorgetragen wird. Ich mache die Grenzziehung zwischen Frauen und Transfrauen an einer weiblichen LEBENSGESCHICHTE fest, für die der biologische Körper die Ausgangsbasis bildet.
    Ich empfinde es als komplette Verar***ung, wenn mir jemand weismachen will, bei einer Transfrau handele es sich um eine “Frau” mit Hodensack. Das ist Augenwischerei und dient nur dazu, gesellschaftliche Machtstrukturen zu verschleiern. Netter Versuch!
    Es ist aber ein Backlash und ein Ablenkungsmanöver zugleich. Wieder mal versuchen Männer, den den Frauen gebührenden Raum zu okkupieren und sich ins Zentrum weiblicher Aufmerksamkeit zu katapultieren. Wir haben echt Besseres und Wichtigeres zu tun.
    Ich möchte auch keiner Transfrau auf der Toilette begegnen. Bei einer solch durchlässigen Geschlechtergrenze besteht nämlich die Gefahr, daß Männer mal eben für 5 Minuten ihre “weibliche Identität” entdecken, um in Frauentoiletten auch ganz handgreiflich Grenzen zu überschreiten. Dieses RISIKO bin ich NICHT bereit, mitzutragen. Besser, es sind dann eben mal eine Handvoll Transfrauen gekränkt als daß auch nur ein einziges Mädchen oder eine Frau (sexuelle) Übergriffe erleben muß. Frau muß Prioritäten setzen, und ich finde unsere Anliegen und Rechte als Frauen derart viel wichtiger, daß ich von einer Transfrau nicht nur erwarte, daß sie das hinnimmt und akzeptiert. Nein, von einer FRAU erwarte ich dafür überdies Verständnis und Empathie.

  16. Kira
    >Ich möchte auch keiner Transfrau auf der Toilette begegnen. Bei einer solch durchlässigen Geschlechtergrenze besteht nämlich die Gefahr, daß Männer mal eben für 5 Minuten ihre „weibliche Identität“ entdecken, um in Frauentoiletten auch ganz handgreiflich Grenzen zu überschreiten. Dieses RISIKO bin ich NICHT bereit, mitzutragen. Besser, es sind dann eben mal eine Handvoll Transfrauen gekränkt als daß auch nur ein einziges Mädchen oder eine Frau (sexuelle) Übergriffe erleben muß. Frau muß Prioritäten setzen, und ich finde unsere Anliegen und Rechte als Frauen derart viel wichtiger, daß ich von einer Transfrau nicht nur erwarte, daß sie das hinnimmt und akzeptiert. Nein, von einer FRAU erwarte ich dafür überdies Verständnis und Empathie.<
    Das sehe ich genauso! Aber sehr viele Frauen scheinen das anders zu sehen, wenn man der Popularität des Liberalfeminismus glauben kann. Wieder haben es Männer geschafft, die Bewegung zu sabotieren. Meines Erachtens mit einem der wirkungsvollsten möglichen Mittel, denn welche Frau möchte schon als böse Diskriminiererin von Minderheiten da stehen?! Der libfem scheint das als primäres Ziel zu haben, neben der Propagierung von "sexwork". Dazu ist er ja locker und cool und liberal und wer will dem schon was entgegensetzen? Nur, dass es bei ihm nicht mehr um die Befreiung aller Frauen geht, sondern um die Verschleierung jeglicher struktureller Unterdrückung und Darstellung jeglicher Erfahrung als individuell. Und das unter diesem Deckmantel. Ziemlich intelligent…

  17. Um die Transaktivisten müsste man sich gar nicht groß kümmern, wenn sie nicht von “Feministinnen” in die feministische Bewegung aufgenommen worden wären.
    Diese Feministinnen versuchen sich als Teil einer liberalen, linken, antirassistischen Strömung so einzuordnen, dass es hip ist und den anderen nicht weh tut. “Wir finden euch gut, dann findet ihr uns auch gut” oder so ähnlich. … Wenn einen dann auch noch andere Männer bestärken – und wenn es Transfrauen sind – und wenn einem Linksmänner applaudieren, dann fühlt man sich wahrscheinlich auf der “richtigen” Seite.
    Diese Ansichten können ja durchaus bereichernd sein – nach dem Motto, jeder an seiner Front und nach seinen Möglichkeiten -, wenn sie nicht den Anspruch hätten, das einzig Wahre zu sein, und wenn die Vertreterinnen nicht so penetrant auf Andersdenkenden herumhacken würden. Die Argumente, z.B. Radikalfeministinnen seien rechts, weiß/privilegiert/…, komische Moralvorstellungen usw., erinnern dabei fatal an die früheren Argumente von Männern gegen Feminismus. Es nervt, dass man das jetzt auch noch von so genannten Feministinnen hören muss.

  18. @ vuk und M:
    “Welche Frau möchte schon als böse Diskriminiererin von Minderheiten dastehen?” Da wird sogar mit moralischer Erpressung gearbeitet. Etwas, womit sich Frauen traditionell schon immer gut auskannten.
    Was ist denn bei der ganzen lustigen Beliebigkeit der liberalen “Feministinnen” noch feministisch, wenn alles so schön bunt und grenzenlos ist? Für mich hört sich das nach Neoliberalismus hoch acht an, nach FDP “light”. Das kann ich nicht ernst nehmen. Es ist ein ziemlich durchsichtiger Versuch, feministische Substanz aufzulösen und einzuschmelzen in ein übles Gebräu aus neoliberaler Schwammigkeit und beliebiger Austauschbarkeit.
    Tatsächlich ist darin die Absicht erkennbar, den Feminismus durch Schwächung des Profils, durch Unschärfe zu liquidieren. Wer nach allen Seiten hin offen ist, ist nicht ganz dicht!

  19. Ich lese gerade das Buch “Beißreflexe”, eine Kritik des queeren Aktionismus als Sammelband verschiedener Beiträge vorrangig aus Berliner und homosexueller Sicht. Es ist empfehlenswert, gut geschrieben (erstaunlich gut theoretisch fundiert und trotzdem verständlich, mit einigen Betroffenenberichten, aber nicht nur). Das Buch setzt sich vorrangig mit den “Theorieansätzen” des queeren Aktionismus auseinander bzw. es nimmt sie auseinander. Was mir an dem Buch fehlt, ist eine radikalfeministische Stimme, die genau die Ansätze darstellt, die hier im Beitrag angerissen werden. Falls mal jemand einen Sammelband dazu machen möchte – ich habe keine Berührungspunkte zu dieser Szene, könnte aber einen Beitrag zu Transidentität in Auseinandersetzung mit Psychotherapie und Psychiatrie beisteuern.

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