Warum Sex nicht einfach positiv ist

Sex in progress, do not disturb

By Nevit (Own work) [CC BY-SA 3.0 or GFDL], via Wikimedia Commons

Sexpositive Feministinnen erklären, in Abgrenzung zur radikalfeministischen Perspektive, Sex zu einem Mittel der persönlichen Befreiung. Jede Kritik an mit Sex verbundenen Institutionen, wie der Pornografie oder der Prostitution, sehen sie im Zusammenhang mit einer moralisch-konservativen Haltung, die Sex tabuisieren oder reglementieren will. Das führt mitunter zu seltsamen Auswüchsen. So erklärte die Mädchenmannschaft Linda Lovelace, die Darstellerin aus dem “Kultfilm” Deep Throat zu einer “Akteurin in der Geschichte des Blowjobs”. Linda Lovelace wurde zu den Pornodrehs gezwungen, sie wurde geschlagen und erniedrigt. Das hat sie selbst später immer wieder berichtet. Sie ist also keine Akteurin, sondern ein Opfer. Wenn Sexualität aber Opfer hervorbringt, dann kann sie nicht einfach harmlos oder schlicht “positiv” sein, deshalb wird Linda Lovelace lieber zu einer “Akteurin” erklärt als als Opfer benannt. Das ist das Problem, wenn eine Haltung zum Dogma wird. Betroffene sexueller Gewalt sind nach dieser Lesart also nur “Akteure” im Drama ihrer eigenen Vergewaltigung. Das ist eine Einstellung, die im Namen von sexpositiven Feminismus die Opfer sexueller Gewalt verhöhnt, in dem die ihnen geschehene Gewalt relativiert wird.

Der sexpositive Feminismus ist eine relativ junge Strömung, der aus dem Streit im englischsprachigen Raum um Pornografie entstand und als Feminist Sex Wars bekannt wurde. Die Feminist Sex Wars liegen 30 Jahre zurück. Damals, am Ende der 2. Welle der Frauenbewegung, redeten und schrieben sich Feministinnen die Köpfe über die Frage heiß, ob Pornos als Instrument patriarchaler Unterdrückung abzulehnen sind, oder ob sie, als Bestandteil sexueller Freiheit, nicht prinzipiell als etwas positives zu betrachten sind. 1983 scheiterten Catharine MacKinnon und Andrea Dworkin mit dem Versuch, Pornographie in den USA als eine Verletzung der Menschenwürde der Frauen verbieten zu lassen. Ihre NoPorn-Kampagne ist bis heute in zahlreichen Nachfolgern lebendig – aktuell sei auf Stop Porn Culture und Gail Dines verwiesen. Catharine MacKinnon und Andrea Dworkin analysierten Pornographie als aus männlicher Sicht sexualisierte, inszenierte und gewalttätige Dominanz von Männern über Frauen, die Frauen zu einer sexuell unterworfenen Klasse macht. Pornos zielen auf heterosexuelle, weiße Männer ab, sie sind rassistisch und sexistisch und ihre “Erzählungen” finden durch pornifizierte Werbung, Musikvideos und eine Veränderung der sexuellen Wünsche von Männern Eingang in den Alltag jeder Frau. Pornographie als Produkt einer Massenindustrie beeinflusst unsere Vorstellung von Sexualität und das Geschlechterverhältnis – und die Bereitschaft, daran etwas zu ändern. Vergewaltigung und sexuelle Gewalt werden “normalisiert”. Davon abzugrenzen sind “Erotika” – also erotische Darstellung unter “gleichen”, sprich: sich ebenbürtigen Partnern.  Die radikalfeministische Kritik am Porno führte in den 80er Jahren zu heftigen Debatten – den Feminist Sex Wars. Kritik an der radikalfeministischen Sicht auf den Porno kam unter anderem von Samois, einer Gruppe von sadomasochistischen lesbischen Feministinnen, die ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung durch das Pornoverbot bedroht sahen. Tatsächlich argumentierten Gegner des Porno-Verbots, dass ein solches eine Einschränkung des Rechts auf freie Rede bedeute. In der Folge entstand der sogenannte sexpositive Feminismus, ein Feminismus, der ausdrücklich darauf abzielt, Pornos als Element männlicher Sexualität nicht abzulehnen, sondern, ebenso wie Prostitution, als Mittel sexueller Freiheit und Bereicherung zu betrachten, von dem insbesondere Frauen profitieren können. In Anlehnung an die Gender-Theorie ist in ihren Augen Sexualität immer ein gesellschaftliches Konstrukt, das uns anerzogen wird. Sex ist in ihren Augen immer etwas positives und erreicht werden kann die sexuelle Befreiung nur, wenn möglichst alle so viele sexuelle Rechte wie möglich haben.

Es wundert wenig, dass sexpositive Feministinnen vor allem von Männern Zustimmung bekommen, sehen sie doch in ihnen veritable Kämpferinnen für Männerrechte. Und genau hier liegt das Problem: Sex ist in unserer Gesellschaft nicht einfach nur positiv. Er ist auch das Mittel für Gewalt, für Ausbeutung, für Erniedrigung und Sexismus. Das wird an vielen Stellen deutlich. Männer werden zu ihrer Sexualität ermutigt, sie werden als “Predator”, als Jäger gesehen, Frauen hingegen mehr als das zu jagende Freiwild. Die Techniken der Pick-Up-Artists, die sich großer Beliebtheit erfreuen, zeigen dieses Muster im Flirtverhalten. Männer kaufen sich Sex in Form von Prostitution – und finden in jeder Stadt viele Gelegenheiten dazu, für die sie nur wenig bezahlen müssen. Wie es der Prostituierten als Partnerin bei diesem Sex geht, spielt keine Rolle und wird sogar explizit ausgeklammert. Frauen werden als ständig verfügbare, passive Sexobjekte überall präsentiert: In der Werbung, in übergroßen Plakaten in Städten, in Musikvideos, im Fernsehen, im Kino. Sie räkeln sich halbnackt oder ganz nackt mit leicht geöffneten Lippen. Im Pornos sind Frauen im besten Falle “3-Loch-Stuten”, denen man es so hart wie nur möglich besorgen muss. Ein gestöhntes “Nein” ist das Signal zum Weitermachen.

So wird die Unterwerfung von Frauen “sexy” gemacht, so “sexy”, dass Frauen sich selbst freiwillig so inszenieren, und nicht nur Frauen: auch immer jüngere Mädchen. Die Bekleidungsindustrie gibt den Takt vor: Da steht dann schon auf T-Shirts von 8jährigen “Bitch” oder “Love you”. Vergewaltigungen, sexuelle Belästigung und Nötigung sind Verbrechen, die von Männern an Frauen verübt werden. Weigert sich eine Frau, sexuell verfügbar zu sein, kommt es zu weiteren Gewalttaten bis zum Mord – das wird bei uns dann gerne als “Beziehungs-” oder “Familiendrama” verharmlost. Die meisten Morde an Frauen und Vergewaltigungen werden von Partnern oder Ex-Partnern begangen. Der Wunsch nach sexueller Verfügbarkeit weitet sich immer mehr auf die Kinder aus, auch diese werden sexualisiert, computeranimiert ganz legal zu Darstellern in Pornos oder in gigantischen, internationalen Netzwerken für Kinderpornografie und pädophile Gewalt benutzt. Pornos zeigen explizite Gewalt an Frauen, Erniedrigung wird zu etwas Lustvollem – und das keineswegs, so wie imme behauptet wird, nur im BDSM-Bereich. Tatsächlich zeigen 80 Prozent aller Pornos verbale oder körperliche Gewalt gegen Frauen – in unterschiedlichen Abstufungen – von der brutalen Massenvergewaltigung einer Frau bis zum gewalttätigen “Gagging”, bei dem eine Frau beim Oralverkehr mit dem Penis im Rachen gewürgt wird. Während Männer als “tolle Hengste” gelten, wenn sie mit möglichst vielen Frauen schlafen, werden Frauen bei zu vielen Sexpartnern zu “Schlampen” – eine Entwicklung, die sich, trotz vermeintlicher Befreiung durch Porno und Co. sogar noch verschärft – der Revenge-Porno ist inzwischen eine etablierte Form, um sich an der Ex-Partnerin zu rächen. Dabei werden die in der Beziehung gedrehten Pornos im Internet öffentlich gemacht oder durch Sexting erhaltene Nacktfotos mit Namen und Adresse ins Internet gestellt. Die Täter müssen wenig fürchten, für die Frauen beginnt ein Albtraum aus Cybermobbing und Beschimpfungen.

Gleichzeitig ist Sex für Frauen noch immer genauso mies wie vor 50 Jahren. Zum Orgasmus mit ihrem Partner kommt noch nicht einmal die Hälfte. Dank dem Porno fühlen sich immer mehr Frauen von ihren Partnern unter Druck gesetzt, die im Porno gezeigten Szenen nachzuspielen. Mit ihrer eigenen Lust hat das wenig zu tun – es geht darum, den Partner zufrieden zu stellen – überhaupt eine der wichtigsten Aufgaben von Frauen im Patriarchat. Gezeigt hat das zum Beispiel die Aktion “SchniBlo” auf Facebook. Im Zusammenhang mit dem Valentinstag am 14. Februar und dem Frauentag am 8. März forderten Männer von ihren Partnerinnen eine Schnitzel und einen Blowjob. Als Dankeschön dafür, dass es sie gibt.

Sexistische Sprüche und Ansichten gehören nach wie vor zum Alltag – ob nun in ihrer drastisch-plumpen Form, wie in dem vor kurzen veröffentlichten “Catcall”-Video aus New York, oder in der subtilen, weil vermeintlich intellektuellen Art von Feuilletonisten, Arbeitgebern und auf Twitter. Gamergate zeigte vor kurzem, wie sexistisch die doch so hippe und fortschrittliche Gamer-Community ist – und wie Emma Watson erhielten die Frauen, die dem widersprachen, Drohungen.
Die Attraktivität von Frauen wird danach bemessen, wie “sexy” sie sind – also, wo sie in der Bewertung durch Männer stehen. Heterosexuelle Penetrationssex birgt für Frauen laut aktuellen Umfragen nicht nur wenig Lustgewinn, sondern auch die Gefahr einer ungewollten Schwangerschaft. In Deutschland kann sie die Pille danach nur auf Rezept erhalten, Abtreibungen sind noch immer strafbar, hormonelle Verhütungsmittel teuer und die Pflichten der Väter minimal. Im Zweifel bleibt sie die Angeschmierte, egal was sie bei einer ungewollten Schwangerschaft unternimmt.

Sexualität im Patriarchat handelt, wer könnte anderes erwarten, vor allem von männlicher Sexualität oder korrekter: von männlich geprägter heterosexueller Sexualität und ist für die überwältigende Mehrheit von Menschen nach wie vor mit Gewalt, Erniedrigung Reglementierungen, Gefahren und vor allem mit Beschämung verbunden. Erfolge für die Sexualität von Frauen sind wenige zu verzeichnen – wir sind noch immer “Schlampen”, “Fickstücke” und im Zweifelsfalle Opfer. Wir haben zur Verfügung zu stehen, was wir fühlen, interessiert wenig. Dabei ist Sex mit Bereichen in unserem Inneren verknüpft, die für Sprache oder eine Debatte unerreichbar sind – oder wie Catharine MacKinnon es formulierte: “Versuchen Sie doch mal, mit einem Orgasmus zu diskutieren.” Sexualität richtet sich nicht nach unseren Werturteilen, nicht nachdem, was wir gut finden oder nicht, mit einigem, was unsere Sexualität betrifft, kommen wir schon auf die Welt, zum Beispiel, welches Geschlecht wir als Sexpartner bevorzugen, andere Vorlieben entwickeln sich durch Prägung und Zufall. Genauso kann unsere Sexualität durch Gewalt und Beschämung einen irreparablen Schaden erhalten, von dem wir uns unser Leben lang nicht mehr befreien können. Es ist müßig, so zu tun, als müssten wir Sex nur für uns selbst umdeuten und schon wären alle negativen Begleitumstände verschwunden. So könnte man sich ja auch Vergewaltigung schön reden – indem man sie als sexuellen Akt mit empowerndem Potenzial umdefiniert.

Sexualität als Bedürfnis wird in dieser Gesellschaft unter geschriebene und ungeschriebene Gesetze gestellt, die jeden von uns beeinflussen, es sind diese aber Gesetze, die einzig und allein den Mann als Ausgangspunkt haben. Unsere gesamte Gesellschaft dreht sich um den Sex des Mannes. Die gewalttätigen und erniedrigenden Aspekte, die diese Art von Sex für Frauen bedeutet, verschwinden nicht einfach, in dem man Sex per se zu etwas positivem erklärt und Frauen ermuntert, das Spiel doch einfach mitzuspielen. Ein Blow-Job-Kurs im Puff wird dabei als “empowernd” betrachtet – als stärkend für die Frauen. Wie ein Blowjob eine Frau stärken kann, bleibt dabei offen. Frauen sollen die sexistischen Zuschreibungen auf sich selbst anwenden und so ihre Bedeutung umdrehen – wer also twerkt, ist sexy und damit stark. Dass die sexistischen Zuschreibungen nur bestätigt werden, wenn eine Frau sich freiwillig und mit Begeisterung in solche Zusammenhänge stürzt, wird bewusst ignoriert und verneint – denn im sexpositiven Feminismus ist Sex eben das, was man selbst draus macht, ganz nach dem Motto: “Selber schuld, wenn du dir den Schuh anziehst”. Dabei werden sexuelle Gewalt, Sexismus und Unterwerfung einfach ausgeklammert, auch eine Prostituierte ist aus dieser Sichtweise immer noch selbstbestimmt, selbst wenn sie sich unter elenden Bedingungen am Straßenstrich prostituiert, eine Akteurin der Sexualität – obwohl es doch nur um den Sex der Männer und deren Geld geht.

Das Bekenntnis “sexpositv” lässt anklingen, dass die GegnerInnen der Pornografie und Prostitution sexfeindlich seien und stellt sie in eine Reihe mit biederen Moralisten. Mit Moral hat die Kritik an Porno und Prostitution wenig zu tun. Tatsächlich sind die KritikerInnen von Pornos und Prostitution die wahren Kämpferinnen für eine befreite Sexualität – sie wollen sie nämlich von der ewigen Dominanz der Männer befreien und die gesellschaftlichen Institutionen beseitigen, die diese noch zementieren. Wenn wir frei sein wollen und freien und lustvollen Sex haben wollen, dann darf uns die männliche Lustvorstellung der allzeit verfügbaren und zur Unterwerfung bereiten Frau nicht mehr von jedem Bushaltestellenplakat entgegenschreien, dann darf es in manchen Städten nicht mehr Puffs als Frisöre geben und der Porno darf nicht mehr länger mit dem Feigenblatt der Kunst oder der sexuelle Befreiung geschützt werden. Pornos sind keine “Inszenierung”, in der nur so getan wird, als ob – was dort geschieht, geschieht den Darstellerinnen wirklich, es sind ihre Körper und Körperöffnungen, die diese Gewalt erfahren, es sind ihre Seelen, die diese Beschimpfungen aushalten müssen. In der Prostitution ist die Entjungferung durch einen Freier für einen immer größeren Teil junger Mädchen aus Bulgarien und Rumänien inzwischen normal – sie kennen gar keinen anderen Sex als den mit Freiern. Für wen ist das nun positiv? Nur für die Freier und die Zuhälter, die daran verdienen – ganz sicher nicht für die Frauen. Durch die Abschaffung der männlichen, heterosexuellen Hegemonie im Diskurs um Sexualität gewinnen nicht nur die Frauen, sondern alle Menschen, die sich nicht als heterosexueller Mann definieren. Vielfalt und Freiheit sind erst möglich, wenn die männliche Sichtweise ihre Dominanz in diesem Diskurs verliert – und sie nicht mehr länger durch Pornos verstärkt wird. Sexpositiver Feminismus im Patriarchat ist ein Widerspruch in sich. Sex im Patriarchat ist nicht einfach positiv, nichts, was man nur bejahen muss und schon läuft es. Wer etwas anderes behauptet, negiert die Erfahrungen und die Lebenswirklichkeit von vielen Frauen und die schrecklichen Konsequenzen, die die ins Absurde überhöhte männliche Sexualität für unser Leben haben kann und hat. Die Geschichte um Linda Lovelace und die Haltung der Mädchenmannschaft sind symptomatisch dafür.

4 Kommentare

  1. Gottfried

    Die Frau hat vollkommen recht.Eine emanzipierte Sexualität kann nur unter Berücksichtigung beider Partner stattfinden. Die führt dann eben auch zu einem gemeinsamen Lusterlebnis. Schade nur das so viele Frauen auf Grund Ihrer Erfahrung und Ihrer Erziehung weit davon entfernt sind Ihre Bedürfnisse zu äußern.

  2. … und leider sehr wenig Männer wirklich zuhören, was das angeht…

  3. In vielen Aspekten muss ich Ihnen leider zustimmen, aber trotzdem finde ich den Artikel etwas einseitig. Es wäre schön gewesen, wenn auch ein positiver Satz gefallen wäre. Ich denke nicht jede Frau verbindet Sex mit Gewalt und Erniedrigung.

  4. Reden und zuhören. Es ist erstaunlich, was das mit Frauen und Männern und Menschen im Allgemeinen macht. Der Zorn im Artikel ist nicht unbegründet, weil vor dem Sehen und Zeigen immer so eine dicke Schicht Angst, Wut, Verletzung und Beharren auf dem Bekannten steht. Aber auch berechtigter Zorn hilft kein Schrittchen weiter, wenn danach nicht ein Zeichen von Würdigung und eine Einladung zur Begegnung steht.

    Auf irgendeine Weise sind, glaube ich, auch die Männer, die diese Muster bedienen und festigen, Opfer. Sie fühlen (viel!) weniger von dem Schmerz, verlieren aber mehr von ihrer Menschlichkeit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.