Warum wir radikalen Feminismus brauchen

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Es ist Tag 1 nach dem Frauentag 2017 und die Bilanz fällt vernichtend aus. Allerorten wurde an Frauenkämpfe gedacht, die Frauen selbst aber waren auffällig unsichtbar. Die Frau des kanadischen Premierministers fand, der Frauentag sei eine tolle Gelegenheit, die Männer hochleben zu lassen, die taz brachte es fertig, eine komplette Titelseite zum Thema Frauentag ohne das Wort “Frauen” zu bringen, die Frankfurter Rundschau veröffentlichte heute einen Artikel, in dem es hieß “Menschsein bedeutet schwanger werden zu können. Menschsein bedeutet vergewaltigt werden zu können” und auch ansonsten blieb es wie jedes Jahr bei den üblichen Lippenbekenntnissen und Nelken zum Frauentag. Ausnahme waren einige mutige Abolitionistinnen weltweit, die es – gegen erheblichen Widerstand – schafften, die Themen Prostitutions- und Pornokritik als feministische Themen zu verteidigen und in das öffentliche Bewusstsein zu bringen. Das Feministische Netzwerk, das sich als großes Bündnis Deutschlands zum Frauentag positioniert hatte, verwehrte es ohne Erklärung der einzigen feministischen Partei DIE FRAUEN Deutschlands, Teil des Bündnisses zu werden, hatte aber bei den Vertretern der Prostitutionslobby keinerlei Schwierigkeiten, diese aufzulisten. Was ist los im Feminismus, den doch alle gerade so dringend brauchen?

Radikaler Feminismus heißt “von der Wurzel her denken” (“radix” Latein: die Wurzel). Was ist die Wurzel, der gemeinsame Nenner der Frauenunterdrückung weltweit? Männliche Hegemonie, die sich in sprachlicher Dominanz, sexueller und häuslicher Gewalt, Sexismus, Vergewaltigungskultur, schlechterer Bezahlung, Ausbeutung und Fremdbestimmung weiblicher Körper ausdrückt. Ganz gleich, welches Phänomen wir betrachten, bringt man es auf die Wurzel zurück, so bleibt der dem Patriarchat immanente Frauenhass beziehungsweise die Geringschätzung der Frau an sich, die zuletzt ein polnischer Abgeordneter im EU-Parlament so medienwirksam inszenierte. Anders, als zum Beispiel der Sozialismus behauptet, ist die Unterdrückung der Frau nicht nur ein “Nebenwiderspruch”, der verschwindet, wenn wir nur die kapitalistischen Produktionsverhältnisse überwinden, diese Unterdrückung verschwindet auch nicht, wenn man, wie es der sogenannte “liberale” oder auch “sexpositive” Feminismus tut, einfach ein bisschen Glitzer drüber streut, Vergewaltigung zum Erlebnis erklärt und Prostitution zu einem “empowernden” Beruf. Wo der sozialistische Feminismus alles auf die Verhältnisse zurückführt und diese, nach radikalfeministischem Verständnis, verkürzt bzw. falsch analysiert, wirft der liberale Feminismus alles auf die individuelle Perspektive zurück. Opfer einer Vergewaltigung wird man demnach nicht, weil Männer denken, sie hätten ein Recht zu vergewaltigen und die Gesellschaft es ihnen durchgehen lässt, sondern weil man sich so fühlt und wenn man nur aufhört, sich wie eines zu fühlen, dann ist man auch keines mehr. Prostitution ist nach dieser Lesart auch nur deshalb gewaltvoll und misogyn, weil die betroffenen Frauen nicht genug aufpassen und für den Job nicht geeignet sind, und nicht weil Freier frauenfeindliche Arschlöcher sind, für die Frauen eben nur käufliche Ficklöcher sind, mit denen sie für 20 Euro machen können, was sie wollen – staatlich legitimiert und besteuert. Radikaler Feminismus heißt, patriarchale Unterdrückung in all ihren Erscheinungsformen, den systematischen, den strukturellen, den kulturellen und den individuellen Formen zu benennen und zu bekämpfen, allen männlichen Privilegien und ihrer Legitimation den Kampf anzusagen, auch und vor allem gegen gesellschaftliche Widerstände. Privilegien, insbesondere männliche, werden nicht einfach aufgegeben. Sie werden in harten Kämpfen niedergerungen. Zu diesen Kämpfen gehört harte Arbeit, gehört die Beschäftigung mit feministischer Theorie, dazu gehört es, auf die Straße zu gehen und vor allem gehört dazu die Solidarität unter Frauen. Mit ein paar aufgeregten Tweets wird vielleicht der Anschein einer feministischen Debatte erwirkt, damit wird aber ganz sicher nicht auch nur eine einzige Frau vor einer Vergewaltigung beschützt.

Es ist in letzter Zeit schwer in Mode gekommen, den Feminismus und seine Bedeutung im Zusammenhang mit der Abwehr des Rechtsrucks zu betonen. “Wir brauchen Feminismus heute mehr denn je, denn die Rechten/die AfD…” so fangen heute viele Artikel und Bündniserklärungen an. Dass die Rechten ein verheerendes Frauenbild haben und nicht nur Abtreibungen gänzlich unmöglich machen mochten, sondern eben auch die Rollenbilder von vorgestern wieder beleben möchten, ist weithin bekannt. Eher weniger bekannt ist, dass es zwischen den neuen – ich nenne sie mal vorsichtig “konservativen” Parteien – und der als ach so liberal umjubelnden Lobby für Prostitution erstaunliche personelle Überschneidungen gibt. Ist Prostitution vielleicht doch nicht ganz so zukunftsfähig, sondern gehört als patriarchales Konzept in die Mottenkiste, wenn die Konservativen es für sich entdecken? Darüber mögen die Leserinnen urteilen.
Was aber noch viel bedenklicher ist, ist der Umstand, dass Feminismus nach geltendem Diskurs aktuell nur noch eine Berechtigung hat, wenn er sich den Kampf gegen den Rechtsruck auf die Fahnen schreibt – und zwar an vorderster Stelle, während alte feministische Forderungen eben nachrangig bleiben. Die moderne, gleichberechtigte Frau, die Feministin gar, wird damit zur willfährigen Gallionsfigur einer Abwehrbewegung gegen rechts – ohne, dass Frauen dadurch konkret etwas gewinnen.

Der Feminismus ist an vielen Stellen zu einem ignoranten, akademischen Diskurs verkommen, den viele Menschen da draußen gar nicht mehr verstehen. “Ich sage zu dem Thema gar nichts mehr”, verkündete mir vor kurzem ein langjähriger, linker Weggefährte. “Ganz gleich, was ich sage, es ist falsch.” So gerne ich auch in männlichen Tränen bade, an der Stelle hat er Recht. Der Feminismus in seinem Bild nach außen ist inzwischen eine Ansammlung von Sprechver- und geboten geworden, die äußerst gewaltvoll durchgesetzt werden, während aber der Kampf gegen die ganz reale, körperliche Unterdrückung und Gewalt erstauntlich zahnlos geführt wird. Als ein radikalfeministischer Blog können wir von dieser Gewalt ein Lied singen. Und sie wird uns bezeichnenderweise eben nicht nur oder vorrangig von den Männern angetan, die wir immer wieder kritisieren, sondern in der Hauptsache von anderen Feministinnen, denen nicht passt, was wir zu sagen haben. Andersherum schreiben uns immer wieder Frauen, die ihre Abkehr vom liberalen Feminismus wie den Ausstieg aus einer Sekte beschreiben, die kontrollliert und bedrängt werden, die sich an Unis für Tweets rechtfertigen müssen oder für ein Like auf unserer Seite. Betrachtet man dann die Forderungen dieses liberalen Feminismus, dann zeigt sich, dass die Abschaffung männlicher Hegemonie irgendwie nicht so recht zum Programm gehört, sondern vielmehr ist liberaler Feminismus eine Anleitung für Frauen, wie sie sich in einer patriarchalen Gesellschaft irgendwie einrichten können, ohne am System selbst rütteln zu müssen. Alles ist nur eine Frage der Sichtweise, der Einstellung. Du fühlst dich sexuell belästigt? Dann eigne dir das Wort “Schlampe” doch einfach an und schon bist du empowert. Wer dieses “Einrichten” durch radikalfeministische Kritik stört hingegen, der bekommt die ganze Aggressivität dieser Debatte ab, eine Aggression, die im Kampf gegen männliche Privilegien eben gerade nicht gezeigt wird.

Gerne wird dann behauptet, auch von den Macherinnen des oben genannten Netzwerks zum Frauentag, es ginge um Solidarität und das Miteinandersprechen. Feminismus sei ein Diskurs, der von allen Frauen gestaltet werden solle, ist so ein Mantra. Das ist eine Lüge. Feminismus ist derzeit eine Meinungsdiktatur, die von einigen wenigen, in der Öffentlichkeit präsenten Feministinnen, ausgeübt wird und von den Medien bereitwillig gestützt wird. Abweichende Meinungen werden nicht nur aktiv unterdrückt – gerne auch mit rechtlichen Mitteln – sondern auch durch sprachliche Umdeutungen und Aneignungen immer wieder diskreditiert. Es ist kein Zufall, dass diejenigen, die als Feministinnen im Netz und seit neuestem auch in den Medien vertreten sind, auffällig selten konkret etwas gegen Frauenunterdrückung machen. Auf Demos sieht man sie selten, nicht auf Kundgebungen gegen sexuelle Gewalt, wie sie etwa die Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt seit mehreren Jahren konsequent vor Gerichten inszeniert, zuletzt bei Gina-Lisa Lohfink, auch nicht bei der konkreten Arbeit etwa mit Frauen, die in der Prostitution zu Grunde gehen und dringend einen Ausweg, eine Alternative brauchen, auch nicht im Kampf der alleinerziehenden Mütter gegen Armut und den Vormarsch der Väterlobby, die Mütter mit zutiefst misogynen Mitteln für die Frechheit bestrafen wollen, sich  von den Vätern ihrer Kinder zu trennen, aber auch nicht Seite an Seite mit all den Frauen, die eben kein Studium absolviert haben, für die die gegenwärtige feministische Sprache völlig unverständlich ist und die dennoch am meisten von Unterdrückung, Gewalt und Ausbeutung betroffen sind, und auch mit den migrantischen Frauen fällt die Solidarisierung schwer, weil viele von ihnen es irgendwie seltsam finden, wenn weiße Frauen ihnen erklären, wie herrlich befreiend so ein Kopftuch ist. Stattdessen werden Vorträge gehalten, Bücher geschrieben, Lesungen gehalten und Interviews gegeben, in denen sie der Gesellschaft wieder und wieder versichern: “Alles ok in Deutschland. Wir haben das mit dem Feminismus im Griff. Wir streiten hier eigentlich nur noch um ein paar Sternchen und das Binnen-I, aber ansonsten ist das Thema Gleichberechtigung größtenteils abgehakt. Ihr könnt euch wieder schlafen legen.”

Und die Medien, die offiziellen Wächter von Wahrheit und Moral, die klatschen begeistert Beifall, erleichtert, von dieser hässlichen Bürde befreit zu werden, das Frauenthema irgendwie korrekt zu behandeln. Wenn Feministinnen das sagen, dann ist doch alles ok, oder? Genau darum geht es dem liberalen Feminismus nämlich auch seit Neuestem. Es ist nicht mehr nur das Ziel, dass die Fauen sich irgendwie in ihrer unterdrückten und benachteiligten Rolle einrichten, ein bisschen besser bezahlte Care-Arbeit da, ein paar Quoten da, sondern der ganzen Gesellschaft soll es irgendwie leicht gemacht werden, in puncto Feminismus gefühlt auf der richtigen Seite zu stehen, Männer, Sexisten, Täter mit eingeschlossen. All die hässlichen Themen, all die hässlichen Wörter – Vergewaltigung, Prostitution, Frauenarmut – die soll es nicht mehr geben, Feminismus ist das neue Wohlfühlparadies bürgerlicher Selbstgerechtigkeit, denn falsch liegen bei Feminismus nach derzeitiger Lesart nur noch die Rechten. Damit der Feminismus als wichtiges Argument gegen die Rechten aufgefahren werden kann, darf er eben nicht allzu unbequem sein für alle die, die sich jetzt gegen Rechts engagieren, die Linken nicht, aber auch die Normalos, die in der Mitte, die Freier, die Tatscher, alle, die, die die AfD irgendwie scheiße finden, weil das jetzt eben Mainstream ist. Was macht es schon, dass man es da mit den feministischen Kämpfen nicht allzu genau nimmt, Rechte abwehren ist das Motto, jetzt bis mindestens zur Bundestagswahl.

Deshalb ist es auch kein Wunder, dass Stimmen wie unsere nicht etwa von Rechts mundtot gemacht werden, sondern mit aggressivsten Mitteln aus dem Feminismus selbst. Radikaler Feminismus richtet sich eben nicht in den patriarchalen Verhältnissen ein, er bleibt unbequem, radikal, und wenn ein Linker ein Sexist ist, dann hauen wir ihm das um die Ohren, ganz gleich, wie sehr er sich gegen Rechts engagiert und wenn Feministinnen was von Sexarbeit quasseln, dann kritisieren wir das als das, was es ist: neoliberaler Neusprech.

Feminismus in seiner derzeitigen Form ist nur so lange solidarisch, wie man sich in den neuen Bequemlichkeitstrend einreiht. Schert man aus, protestiert man, gar noch unter Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, folgt die Bestrafung auf dem Fuße. Vor Falschbehauptungen wird nicht zurück geschreckt, da wird alles an Netzwerken aufgefahren, was es zu bieten gibt. Feminismus als Bewegung hat heute, ebenso wie vor 40 Jahren, immer noch das Problem, das Jo Freeman einmal  “Die Tyrannei der unstrukturierten Gruppe” nannte. Feminismus formiert sich eben nicht in einer Partei oder einem einzigen Bündnis, er ist seinem Wesen nach schon pluralistisch, weil Frauen ihrer Identität nach eben nicht nur Frauen sind, sondern auch arm, reich, weiß, schwarz, muslimisch, atheistisch, alt, jung, Mütter, Lesben, und all diese Stimmen haben ihre Berechtigung und ihre eigenen Kämpfe im Feminismus. Problematisch wird es dann wenn – auch in Rekurs auf den taz Titel “Wir sind viele” – eine Strömung des Feminismus eine andere dominiert und aktiv zu unterdrücken versucht. Hier geht es nicht mehr um Diskurs, um Miteinandersprechen, um Solidarität, sondern um Gewalt, eine Gewalt, die in ihrer Form innerhalb des Feminismus nahezu beispiellos ist, rudimentär aber an den Kampf der proletarischen Frauenbewegung mit der bürgerlichen erinnert. Liberaler Feminismus ist seinem Wesen nach zutiefst bürgerlich, proletarische Stimmen oder auch nur ein Gefühl für die Lebenswelten nichtprivilegierter Frauen existiert nicht. Nichtprivilegierte Frauen, wie die vielen Frauen aus Rumänien und Bulgarien, die in deutschen Bordellen anschaffen müssen und dabei zu Grunde gehen, nichtprivilegierte Frauen, die lieber bei ihrem prügelnden Partner bleiben, als in die Hartz IV Verzweiflung zu rutschen, die keine Stimme, keine Lobby haben und doch wie keine anderen feministischer Solidarität bedürfen, finden sich in den Tweets und Blogbeiträgen nicht. Radikaler Feminismus lehnt Bürgerlichkeit als Teil patriarchaler Gesellschaftsordnung ab, er solidarisiert sich mit allen Frauen und ihren Lebenswelten, er schließt niemanden aus, nur weil sie nicht die richtigen akademischen Buzzwords kennt oder zu emotional argumentiert. Feminismus ist emotional, denn er betrifft unser Leben, unsere Erfahrungen direkt. Deshalb ist das Konzept des Conscious Raising auch ein zentraler Aspekt radikalfeministischer Arbeit. Wir müssen das nichtpatriarchale Denken erst lernen, erst erkennen, wo und wie wir alle auf unserem Lebensweg von patriarchalen Privilegien verletzt und benachteiligt wurden, um gegen sie kämpfen zu können und sie auch im Kampf unserer Schwestern zu erkennen. Vielleicht liegt es daran, dass liberaler Feminismus ein Feminismus der privielgierten Frauen ist, vielleicht wissen sie einfach nicht genug über das, wogegen Frauen jeden Tag kämpfen, von der Not, Kinder alleine groß ziehen zu müssen, von der Diskriminierung, von dem Sexismus, dem Frauen ausgesetzt sind, die kellnern oder Sekretärinnen sind oder übergriffige Opis pflegen und dabei noch beschissen bezahlt werden, vielleicht wissen sie nicht, wie es ist, wenn du Vergewaltigungsopfer bist und dir keiner glaubt, wie es ist, als psychisch Kranke in einer Einrichtung zu landen und vom Personal vergewaltigt zu werden, vielleicht wissen sie nicht, was es heißt, mit 17 in der Prostitution zu landen und statt Hilfe nur die Aufforderung zu bekommen, brav Steuern zu zahlen. Aber wenn sie es nicht wissen, dann dürfen sie eben auch nicht allein bestimmen, was Feminismus ist und wer ihn gestaltet.

Die Zahl der Frauen, die keine Lust mehr haben, Glitzer auf Scheiße zu streuen und ansonsten über Diäten zu reden, die nicht über Sternchen streiten, sondern dem Patriarchat in den Arsch treten wollen, und zwar nicht nur in kuschelliger Seifenblasen-Schneeflocken-Atmosphäre irgendwo im Netz, sondern da draußen auf den Straßen, miteinander, die wächst. Und immer mehr von ihnen sind abgestoßen von den Mitteln, mit denen der liberale Feminismus versucht, Frauen mundtot und unsichtbar zu machen.

Seit dem Beginn der Frauenbwegung brauchen wir den radikalen Feminismus. Radikaler Feminismus hat erreicht, dass wir wählen können, er hat erreicht, dass sexuelle Gewalt zumindest auf dem Papier ein Verbrechen ist, dass Abtreibungen nicht vollständig unmöglich sind, jeder Sieg des Feminismus wurde von radikalen Vordenkerinnen und radikalen Aktivistinnen erstritten, jene, die es ablehnten, sich irgendwie im Patriarchat einzurichten, die für ein feministisches Bewusstsein kämpften und kämpfen. Aber genau dieses feministische Bewusstsein wird uns gerade genommen. Die Wut, die offenen, erkennbaren Verletzungen, die der hässlichen Fratze des Patriarchats keine Chance lassen, sich hinter postmodernem Zynismus zu verbergen, weil es hier um echte Frauen, um echte Frauenkörper, um echte Frauenseelen geht, sie soll verborgen werden, unter einem gesellschaftskonformen, angenehmen Feminismus, dem sich jeder anschließen und in dem sich jeder wohlfühlen kann, insbesondere Männer. Sie sollen nicht länger dazu verpflichtet werden, ihre Privilegien zu reflektieren, Verantwortung zu übernehmen, nein, sie sollen “eingeladen” und “eingebunden” werden, immerhin gibt es gerade einen wichtigeren gesellschaftlichen Kampf zu fechten als diese lästigen Frauenrechte: Den gegen Rechts, obwohl dieses “Rechts” doch an vielen Stellen nur eine andere Schattierung bürgerlicher Selbstgerechtigkeit ist und in seinen Methoden der sprachlichen Umdeutungen von Ungeheuerlichkeiten von dem Agieren der liberalen Feministinnen nicht weit entfernt ist. Die Ziele mögen andere sein, die Mittel sind erstaunlich ähnlich.

Wir brauchen radikalen Feminismus aktuell so dringend wie eh und je, unversöhnlich in seiner Kritik, radikal in seinen Forderungen. Wenn wir nur ein Stück vom Kuchen fordern, werden sie uns Krümel geben, wenn wir aber einen neuen Kuchen wollen, dann wird es umso schwerer, wenn wir nicht nur gegen patriarchale Hegemonie, sondern auch gegen die hierarchischen Strukturen im Feminismus selbst kämpfen müssen. Ich habe in den vergangenen Tagen viele Texte zum Thema Sisterhood gelesen. Feminismus war immer von Debatten geprägt. Was wir gerade erleben, ist der Versuch, feministische Debatten zu homogenisieren, um sie gesellschaftskonform zu machen. Feminismus wird zum Lifestyle, zu einer Hipsterversion von sich selbst. Nicht mehr politisch, aber irgendwie schick. Wir dürfen nicht vergessen, wofür wir kämpfen: für unsere Freiheit. Weichen wir auch nur ein Stück, dann werden die patriarchalen Ghouls aller coleur aus ihren Löchern kommen, über unsere Körper bestimmen und über unsere Gedanken. Kämpfen wir nicht weiter, dann werden wir nichts erreichen. Wir müssen unbequem bleiben im patriarchalen Alltag, denn nur dann werden wir etwas ändern. Feminismus, der sich selbst ernst nimmt, muss auch der unbequemen Kritik Raum geben, selbst, wenn nicht alle Feministinnen sie teilen . Andernfalls wird er zu einer blutleeren Hülle, die ihr Fähnchen nach dem Wind dreht und von jedem vereinnahmt werden kann, der das möchte, einer Bundestagswahl, dem Kampf gegen Rechts oder was auch immer. Mit solchen Positionen verkauft man vielleicht keine Bücher, man bekommt auch keine Artikel in großen Zeitschriften, aber man rettet vielleicht die ein oder andere Frau der Zukunft vor der Allgegenwärtigkeit des Machismo, die viele Frauen irgendwie als gegeben hinnehmen. Die Frauen, die in Lateinamerika gerade gegen Femicidio, die Ermordung von unzähligen Frauen durch Männer protestieren, haben keine Zeit, sich über Begrifflichkeiten zu streiten. Sie gehen auf die Straße, laut, sichtbar, solidarisch und sie verändern etwas, für sich und ihre Töchter, sie richten sich nicht feige ein im Patriarchat, wie es der Feminismus in Deutschland gerade vormacht.
Der feministische Kampf gegen das Patriarchat ist hart. Und wenn er nicht hart ist, dann machst du etwas falsch.

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