We Were Feminists Once: Wie Feminismus zu einer Marke verkam

Das Buch “We Were Feminists Once: From Riot Grrrl to CoverGirl®, the Buying and Selling of a Political Movement” von Andi Zeisler, einer der Macherinnen hinter Bitch Media, liegt seit Monaten auf meinem “Must read” Stapel und nun habe ich so lange gewartet, dass es die deutsche Übersetzung unter dem Titel “Wir waren doch einmal Feministinnen” beim Rotpunktverlag gibt. Umso wichtiger, es endlich zu lesen und zu rezensieren. Denn: Das Buch ist wichtig.

Feminismus, so die Analyse der Autorin, ist in vielen Fällen zu einer Marke geworden, inhaltsleer und ohne gesellschaftliche Wirkung. Alles Mögliche gilt als feministisch, Unterhosen, Push-Up BHs, Zigaretten, Mode, Make-Up, Beyonce, Filme. Das Label “feministisch” hilft dabei, die Sachen an die Frau zu bringen. “Marketplace feminism” nennt Zeisler das und sie zeigt auf, dass dieser eng mit Entwicklungen innerhalb des Feminismus verbunden ist. Der sogenannte “3rd Wave”-Feminismus seit Anfang der 90er Jahre erklärte, dass alles eine Frage der “Choice”, der Entscheidung für etwas ist. Feminismus ist demnach nicht mehr, als die freiwillige Entscheidung für Dinge, die sich ohnehin nicht ändern lassen, die Entscheidung, nicht der Inhalt oder die Folgen, gelten als feministisch. Wenn aber die “Choice” das entscheidende Moment für Feminismus ist, dann passt sie hervorragend zum Konsum, zur Kaufentscheidung und das Label “Feminismus” kann auf so ziemlich alles gepackt werden, was Frauen betrifft. In diesem Sinne ist das Buch eine ziemlich erfrischende Abrechnung mit dem Spaßfeminismus oder “liberalen Feminismus”, obwohl sich Zeisler selbst als 3rd Wave Feministin versteht und den ein oder anderen Seitenhieb auf radikale Feministinnen (die, die ihre Kritik an der Gesellschaft und nicht der invididuellen Entscheidung ausrichten) verkneifen kann.

Klug und mit großem Wortwitz zeigt sie auf, wie durch “Empowertisment” der Sexismus durch die Hintertür wieder Einzug hält, statt Rechte werden Entscheidungen gefeiert und sogar eine Sarah Palin kann sich feministisch nennen. Empowerment, so Zeisler, macht die Verhältnisse erträglich, ohne sie verändern zu müssen. Ihr Fokus liegt dabei vor allem auf der Popkultur, der Musik, der Werbung und dem Kino. Ein Film erklärt sie, ist nicht deshalb feministisch, weil er so gelesen wird, sondern nur, wenn er tatsächlich feministische Fragen behandelt. Trotz aller gegenteiliger Beteuerungen werden in Hollywood immer weniger Filme von Frauen und für Frauen gemacht, und wenn dann, dann wird das “Frauenperspektive” genannt, so als sei die Perspektive von Frauen keine universalgültige, sondern eine Nische. Oder käme jemand je auf die Idee, bei einem Blockbuster von “Männerperspektive” zu sprechen? Zeisler führt weiter aus, dass es dem Feminismus wenig nützt, wenn ihn einzelne Stars für sich beanspruchen, um ihre Musik oder andere Produkte zu verkaufen, weil die inhaltlichen Aspekte so nicht transportiert werden können.

“Defining ‘feminist’ as ‘a woman who lives the life she chooses’ is great if you already have choices. But it does nothing for the vast majority on the outside of the conference hall waiting in the vain for that empowerment to trickle down.”

Am Beispiel der Rrriot Girl Bewegung in den 90er Jahren, die von der Musikindustrie unter dem Stichwort “Girl Power” gekapert wurde (Spice Girls!) zeigt sie, wie feministischer Aktivismus von kapitalistischen Strategien unterwandert wird und sie zeigt sich nicht zimperlich mit den Feministinnen selbst. Fragen wie “Can a feminist wear High Heels?” spielen den marktwirtschaftlichen Interessen direkt in die Hände, die Frage selbst hat mit Feminismus wenig zu tun, denn: Feministinnen können tragen, was sie wollen und die richtige Frage wäre, warum High Heels überhaupt kritisch betrachtet werden sollten. Dass seit Neuestem auch alte und dicke Frauen als “schön” gelten und entsprechend vermarktet bzw. von der Werbung bespielt werden, zeigt sehr deutlich, wie der “Marketplace Feminismus” als inhaltsleere Kritik daherkommt, die jede gesellschaftliche Wirkung verfehlt. Ein T-Shirt zu tragen ist noch kein Aktivismus.

Und so endet Andi Zeisler mit einem sehr eindringlichen Aufruf: Der “Feel-Good-Feminism” muss aufhören, wir müssen uns selbst und unsere Anliegen wieder ernst nehmen – Aktivismus statt Feminismus als Marketing.

Das Buch ist hervorragend geschrieben, es ist eine Tour de Force durch Fernsehserien, Kino, Bücher und Artikel und beleuchtet viele Aspekte des Sexismus in der Medienbranche, der sich zwar je nach Jahrzehnt anders äußert, aber nicht abnimmt. Zeisler schreibt mit Witz und Flair, mit Wut und Engagement und deshalb ist jede Seite ein Genuss zu lesen – sicher auch in der ganz frisch erschienen deutschen Übersetzung. Viel Spaß dabei!

2 Kommentare

  1. Nicht nur der Feminismus, ALLES ist zu einer Marke geworden.
    Inhaltsleerer Lifestyle!
    Politik, Ernährung, Sport, Arbeit, (jobs) Wohnen, Sex, Frau-sein, Mann-sein, Mutter-sein, = mainstream! Alles eine Marke, eine Ware, ein Konsumgut, ein Lifestyle, und mit winzigen Abweichungen, dank politischer Korrektheit, = gleich….. öde.
    Gähhhhn!

  2. Hoffen wir, dass die Libertinage das Buch ließt und nicht gleich ungelesen zerreißt. Doch vermutlich fühlen sie sich gleich wieder in ihrer individuellen Choice beschnitten und was kümmert es ihnen eigentlich, ist hier im Artikel doch zurecht beschrieben, dass es denen nicht mehr um Inhalte und Konsequenzen geht, insbesondere dann nicht, wenn es sich um gesellschaftliche handelt.

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