Wechselmodell für alle – wie Väterrechtler die Bundestagswahl kapern

Es ist kein Geheimnis, dass Väterrechtler besser vernetzt sind als Mütter. Der Grund liegt auf der Hand: Sie haben Ressourcen und Zeit, die Müttern fehlen. Nur so sind die Ereignisse der letzten Tage zu erklären, die auf ein völliges Versagen der Politik schließen und das Schlimmste für Mütter und Kinder befürchten lassen.

Aber der Reihe nach: Am vergangenen Donnerstag entschied die Justizministerkonferenz der Länder, den gesetzlichen Regelungsbedarf für das Wechselmodell zu prüfen. Wechselmodell bedeutet, dass Kinder getrennter Eltern nicht länger vorrangig von einem Elternteil, meistens der Mutter, betreut werden, sondern zwischen den Haushalten der Eltern wechseln. Das Wechselmodell ist so etwas wie der heilige Gral der Väterrechtsbewegung – nicht etwa, weil sie alle so schrecklich gerne Zeit mit ihren Kindern verbringen, sondern weil es bedeutet, dass sie das Leben ihrer Ex-Partnerinnen gehörig durcheinander wirbeln können und außerdem auch keinen Unterhalt mehr bezahlen müssen. Kein Wunder also, dass der Europarat 2015 mit seiner Resolution 2079 nicht nur das Wechselmodell für alle Länder Europas empfahl, sondern dieses auch gleich in eine Resolution “gegen die Diskriminierung von Vätern” packte. „Gleichberechtigte und geteilte elterliche Verantwortung: Die Rolle der Väter“ ist der Titel der Resolution. Ein Schelm, der dabei Böses denkt – um die Kinder ging es dabei wohl ja nicht, sonst würden sie im Titel erwähnt.

Das Wechselmodell funktioniert nur in Ausnahmefällen

Betroffene Mütter berichten, wie schwierig es für die Kinder ist, mit dem Wechselmodell zu leben. Die Kinder haben kein festes Zuhause mehr, werden zwischen den Eltern hin- und hergereicht und erleben ein Gefühl der Unsicherheit. Kritiker weisen sowohl auf die möglichen psychischen Folgen für die Kinder hin als auch auf die Tatsache, dass sich vor allem die Mütter das Wechselmodell gar nicht leisten können.  Andere machen darauf aufmerksam, wie viel Stress und Leid das Wechselmodell für die betroffenen Kinder bringt und wie viel es den Eltern abverlangt. Nach einer Trennung Paar- und Elternebene zu trennen – schwierig.

Einig sind sich alle Experten darin, dass das Wechselmodell nur dann funktioniert, wenn sich die Eltern gut verstehen und beide das Wechselmodell möchten und unterstützen. Für diesen Fall hat es aber noch nie einer gesetzliche Regelung bedurft, deshalb ist es umso verwunderlicher, dass sich nun, wenige Monate vor der Bundestagswahl eine Partei nach der anderen zum Wechselmodell bekennt – jüngst die SPD auf ihrem Bundesparteitag am vergangenen Wochenende. Dort wurde das Wechselmodell einstimmig beschlossen, initiiert von Väterrechtlern in der SPD, die dieses auch gleich feierten. Was das genau für betroffene Familien bedeutet, ist noch unklar, doch im Februar 2017 entschied der BGH, dass das Wechselmodell auch gegen den Willen eines Elternteils angeordnet werden kann, also Wechselmodell per Zwang. Man muss sich das bildlich vorstellen: Da trennen sich zwei Erwachsene – aus guten Gründen – und wenn einer es will, kann er den anderen dazu zwingen, sowohl in direkter räumlicher Nähe zu bleiben, als auch in ständiger Kommunikation und Austauch über das Kind zu sein, ganz gleich wie konflikthaft und schwierig diese Kommunikation ist. Das Wechselmodell erfordert sehr viel mehr Kommunikation und Abstimmung als das bei sonstigen Umgangsregelungen der Fall ist. “Wann schreibt ihr die Mathearbeit?” – “Wer backt den Kuchen für das Schulfest?” – “Wo sind deine Unterlagen, um für die Englischarbeit zu lernen?” … – die Reihe lässt sich beliebig fortführen.

Für Kinder, deren Eltern sich nach einer Trennung gut verstehen, ist das Wechselmodell eine denkbare Lösung, doch eigentlich trennt man sich ja, gerade WEIL man sich nicht mehr versteht. Die Zwangsanordnung des Wechselmodells wird dadurch noch absurder. Noch ist auch nicht klar, wie weit die SPD gehen möchte. Kommt ein Kind einer unverheirateten Mutter zur Welt, so hat diese aktuell noch automatisch das alleinige Sorgerecht, dem Vater steht Umgang zu. In Zukunft könnte es aber so sein, dass sich eine Frau mit ihrem Urlaubs-One-Night-Stand das Leben teilen muss, weil es die Politik so will. Wem nutzt das? Den Kindern? Sicher nicht. Den Müttern? Sicher auch nicht. Kurz vor der Bundestagswahl machen eben alle großen Parteien Politik für Väter.

Manipulierte Studien und das Hirngespinst PAS

Die Stimmen der Fachleute, die sich kritisch zum Wechselmodell äußern, sind eher verhalten und auch das hat seinen Grund: Seit Jahren hat es sich die Väterlobby zur Aufgabe gemacht, Studien massenhaft zu kapern und so zu falschen Ergebnissen zu führen, bestes Beispiel ist die KiMiss-Studie, die aktuell neu aufgelegt wurde, und zu der sich Väterrechtler organisiert in großen Gruppen und auch mehrfach anmeldeten, wie in den entsprechenden Facebookgruppen zu verfolgen ist. Kein Wunder, dass KiMiss zu erstaunlichen Ergebnissen kommt, nach denen nahezu jedes dritte Kind durch die Mutter dem Vater entfremdet wird. Es wundert nicht, dass die Macher der KiMiss-Studie selbst feststellen, dass es im Zusammenhang mit Entfremdung zu erheblichen Falschbeschuldigungen kommt, sie gehen von jedem 2. Fall aus.

PAS – das Parental Alienation Syndrome – ist eine Erfindung des misogynen Kinderpsychiaters Richard A. Gardner, der behauptete, Mütter würden Kinder bewusst und mit manipulativen Techniken bis hin zur Gewalt ihrem Vater entfremden, so dass diese ein schweres psychisches Trauma erlitten. Gardners Thesen wurden weder in der ICD noch weltweit rechtlich, weil sie empirisch nicht haltbar sind. Gardner empfahl, die Kinder sofort der Mutter wegzunehmen und sie in ein Heim zu geben, er behauptete auch, nur Mütter entfremdeten. Diese Behauptungen wurden im Anschluss von anderen Experten relativiert, dennoch spukt PAS weiter durch die Köpfe und findet auch immer wieder vor Gericht Anwendung, wenn es auch nicht so benannt wird. Wenn Kinder nach einer Trennung nicht zum Vater wollen, weil sie mit der Situation überfordert sind oder warum auch immer – dann wird die Mutter dafür verantwortlich gemacht. Sorgt sie nicht dafür, dass das Kind mit einem Lächeln dem Vater entgegenfliegt, gilt da als Kindeswohlgefährdung und kann im schlimmsten Fall zum Verlust des Sorgerechts führen. “Bindungsintolerant” ist die Mutter dann – sie ist angeblich so fixiert auf das Kind, dass sie es nicht erträgt, dass es eine Bindung zum Vater aufbaut, dem Mann, mit dem sie vorher verheiratet oder verpartnert war und mit dem sie das Kind bekommen hat.

Recht auf Umgang geht vor Gewaltschutz

Das Recht des Vaters auf Umgang mit seinem Kind steht über allem. Schlägt der Vater Frau und Kinder, so dass diese in ein Frauenhaus fliehen, hat er das Recht zu erfahren, wo sie sind und Kontakt zu seinen Kindern zu haben. Das gilt auch für die Zeit nach der Trennung. Es sind mehrere Fälle bekannt, in denen ein Vater den Umgang dazu nutzte, der ehemaligen Partnerin erneut Gewalt anzutun oder sie gleich zu ermorden.

Wer erfahren möchte, was Müttern von deutschen Gerichten und auch der Politik aktuell zugemutet wird, der ist eingeladen, sich bei “Mütter im Familiengericht” oder “Phoenix-Frauen” umzusehen, wo engagierte Mütter seit Jahren gegen die Diskriminierung ankämpfen, die von Vätern vorangetrieben und von der Politik entweder in Naivität oder aber Absicht verschärft wird. Der Kampf zwischen Väterrechtlern und Müttern tobt seit Jahren und nimmt an Intensität zu. Die Gründe dafür sind vielfältig: nach einer Trennung verliert der Mann Zugriff und Kontrolle auf Frau und Kinder, über Umgangsregelungen und Sorgerechtsstreitigkeiten kann er diese Kontrolle weiter ausüben. Besonders beliebt ist es, mit Hilfe windiger Gutachter der Mutter, die vor der Trennung ganz alleine für die Kinderbetreuung zuständig war, nach der Trennung Betreuungsunfähigkeit zu unterstellen. Das Schlimme: Auch Jugendämter und Familienrichter lassen sich mehr und mehr davon vereinnahmen, so groß ist der Einfluss der Väterlobby.

Politiker reden der Väterlobby nach dem Mund

2016 setzte SPD Politikerin Nahles noch einen oben drauf und stieß an, dass Mütter für die Zeit, in denen ihr Kind beim Vater ist, weniger Hartz IV erhalten sollten, immerhin verbrauchten sie ja weniger. Durch massiven Protest und das Sammeln von Unterschriften konnten das abgebogen werden. Im Wahlprogramm der SPD findet sich nun das Vorhaben, dass es stattdessen sogar einen Umgangsmehrbedarf geben soll –  leider und bezeichnenderweise im gleichen Absatz wie die Regelung zum Wechselmodell. Väterrechtler machen kein Geheimnis daraus, dass sie den Antrag zum Wechselmodell eingebracht haben, gut getarnt mit der Forderung nach dem zu begrüßenden Umgangsmehrbedarf, und bejubeln ihn frenetisch: Das BGH-Urteil soll laut im BGB verankert werden – Wechselmodell per Zwang dank der SPD und auch das Unterhaltsrecht soll gleich mit verändert werden. Immerhin ist es doch ungerecht, dass die Papis immer zahlen und die Mamis so viel Geld zum Latte Macchiato trinken in Berlin Mitte haben, nicht? Gut, dass wir da die letzte soziale Partei Deutschlands haben, die hier für Umverteilung sorgt. Wer hat uns verraten? Genau!

Noch weiter geht die FDP. Dort ist man dafür, dass das Wechselmodell vom Gericht immer dann angeordnet wird, wenn es Streit um Sorgerecht und Umgang gibt, ein wirklich realitätsbasierter Vorschlag, der vielen Eltern und vor allem Kindern helfen wird.

Die CDU wollte sich eigentlich nicht festlegen, nach der Justizministerkonferenz ist das allerdings offen und die AfD ist dem Anschein nach von Väterrechtlern unterwandert und setzt ja ohnehin auf das “traditionelle Familienbild” – düstere Aussichten für die Bundestagswahl.

Es ist bezeichnend, dass damit gleich vier große bzw. größere Parteien aktiv für das Wechselmodell eintreten, während die einzige Partei, die sich dezidiert für Mütterrechte einsetzt, die Feministische Partei DIE FRAUEN ist. Warum bekommt das Wechselmodell für die Parteien eine solche Relevanz? Warum werden nicht andere, viel dringendere familienpolitische Themen angepackt, wie die Besteuerung Alleinerziehender oder unverheirateter Eltern? Die SPD spricht zwar von Steuersenkungen für Familien – was sie darunter versteht, ist aber offen. Die CSU will immerhin die Erhöhung der Mütterrente und Erhöhung der Steuerfreibeträge für alle Eltern – die CDU mag aber nicht mitmachen, die FDP ist ohnehin für Steuerentlastungen für alle. Der Eindruck bleibt, dass die Politiker ganz unterschiedlicher Parteien von den Lobbyvertretern der Väterrechtler massiv beeinflusst wurden und deshalb das Thema “Wechselmodell” als wichtig auf die Agenda genommen haben, die Sorgen der Mütter hingegen blieben ungehört.

Das Recht des Vaters steht über allem

Es ist weiter bezeichnend, dass mit den betroffenen Müttern, von denen einige bereits im Wechselmodell leben, das, aus Angst vor dem Verlust des Sorgerechts, erzwungen wurde, niemand gesprochen hat und diese Vorhaben von der Politik auch noch  als “modern” und “zeitgemäß” bejubelt werden. Eine großangelegte, bundesweite Untersuchung zum Thema Kindeswohl und Wechselmodell läuft, Ergebnisse liegen noch nicht vor, aber die beteiligten Experten äußern sich eher zurückhaltend. Warum preschen also alle Parteien vor und plädieren für das Wechselmodell, für dessen Erfolg es keine empirische Basis für Deutschland dafür gibt?

20 Prozent der Eltern in Deutschland sind alleinerziehend, 90 Prozent davon Frauen. Die Hälfte lebt von Hartz IV, das bedeutet, ihre Kinder wachsen in Armut und Diskriminierung auf, die Frauen sind später von Altersarmut bedroht. Die psychische Belastung und die Hilflosigkeit durch das parteiliche Vorgehen von Jugendämtern und Familiengerichten ist kaum vorstellbar. Ich erlebe immer wieder, wenn ich mit anderen darüber spreche, dass sie mir nicht glauben, bis ich ihnen die endlosen Beispiele zeigen. Deutschland wird immer mehr zum Land der Väter und für Väter, und die historische Chance, in dieser Bundestagswahl endlich etwas für Alleinerziehende und ihre Kinder zu tun, wird vertan. Auch die Förderung von geteilter Betreuung schon lange vor der Trennung wäre ein wichtiges Thema gewesen, Stichwort Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Vor kurzem machte der Spiegel einen Test. 20.000 Anfragen für Mietwohnungen wurden verschickt, herauskam, dass Menschen mit ausländischem Nachnamen benachteiligt werden. Ich wünsche mir eine soche Untersuchung für alleinerziehende Mütter mit zwei Kindern. Ob dann jemand von Diskriminierung spricht? Ob die Politik dann aufwacht? Oder erst dann, wenn sie feststellt, dass die Bereitschaft, in diesem Land als Frau Kinder zu bekommen, dramatisch nachgelassen hat? Wir werden sehen. Parteien, die für das Wechselmodell sind, sind für Frauen und Mütter nicht mehr wählbar. Sie treten Kindeswohl, Gewaltschutz und Frauenrechte mit Füßen und katapultieren uns damit in das patriarchale Mittelalter. Ich hoffe sehr, dass die Verantwortlichen auch die Stimmen der betroffenen Mütter hören und in ihre Entscheidungen miteinbeziehen, da diese weitreichende Folgen für so viele Familien haben. Väterrechtler bringen vielleicht Wählerstimmen – glückliche Kinder und damit die Wähler von morgen aber nicht.

 

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