Weder Nelken noch Glückwünsche! Der Weltfrauentag als Feigenblatt für das Patriarchat

End Patriarchy

istolethetv via Flickr, [CC BY 2.0]

“Alles Gute zum Frauentag” brüllt mir mein pornoschauender Nachbar heute Morgen zu, der sonst allzu gerne behauptet, Frauen könnten nicht einparken. Dass er selbst seit Jahren keinen Führerschein mehr besitzt, sorgt nicht dafür, dass er sich sein hämisches Grinsen spart. “Nur am 08. März: Exklusives Angebot für Frauen” – mit solchen E-Mails wird mein Postfach bereits seit zwei Wochen bombardiert. Der sexistische Misthaufen der LINKEN wird es sich auch dieses Jahr nicht nehmen lassen, Nelken an arglose Frauen zu verteilen, anstatt sich um das zutiefst misogyne Verhalten seiner Mitgliedern und Abgeordnete zu kümmern. Die taz macht eine Sonderausgabe zum Frauentag – und lässt Dominas von ihrem tollen Job berichten sowie zum “Hure spielen” einladen, während die beschlossene und zutiefst lächerliche Frauenquote von 30 Prozent für viele den Untergang des Abendlandes einläutet. Mein Chef verteilte jedes Jahr am Frauentag gelbe Rosen an die weiblichen Beschäftigten, hielt es aber weder für nötig, ihnen die gleichen Gehälter wie den männlichen Mitarbeitern zu zahlen, noch sie in Führungspositionen zu berufen.

Der Frauentag dient dazu, dass alle Parteien, Gewerkschaften und Organisationen mal was für die Frauen machen. So ein bisschen Feminismus kommt einfach gut heutzutage – und immerhin, man soll es nicht glauben, dürfen Frauen auch schon selbst Geld verdienen und Auto fahren, da bietet sich eine entsprechende Marketingstrategie an. “Frauen, heute geht es nur um euch”, das ist die Message, die zugleich auch deutlich macht, dass es den Rest des Jahres eben nicht mehr um uns geht.  Auf dem Frauenkampftag 2014 wurden Feministinnen von sogenannten Sexworkern, männlichen Mitgliedern der Piratenpartei und Freiern geschubst, beschimpft und mit Farbe besprüht. Trotz mehrerer Anfragen zur Sicherheit in diesem Jahr, war die lapidare Antwort, dass es eben viele Formen von Gewalt gibt. Ganz nach dem Motto: selbst schuld, ihr RadFems.

97 Prozent der Vorstände in Europa sind Männer. Unions-Fraktionschef Volker Kauder tönte bereits im November, bei der Frauenquote werde nur umgesetzt, was im Koalitionsvertrag festgehalten wurde und das mit den gleichen Gehältern für beide Geschlechter könne Familienministerin Manuela Schwesig in diesem Jahr ganz vergessen und dann sei es auch nur für Unternehmen ab 500 Mitarbeitern denkbar. Frauen verdienen im Durchschnitt 22 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, ihre Rente ist dank Kinderpause und Teilzeitjob um 60 Prozent niedriger als die der Männer. So zementiert man Ungleichheit, es bedeutet, dass auch unsere Töchter noch für eine gerechte Bezahlungen kämpfen müssen, obwohl Frauen nach wie vor den Löwenanteil der Erziehungs- und Pflegearbeit leisten. Dafür gilt seit 2014 ein diskriminierendes Sorgerechtsgesetz, das gepaart mit einer extrem “väterfreundlichen” Ausrichtung von Jugendämtern und Richtern dafür sorgt, dass Kinder auch mit Polizeigewalt zum Vater gebracht werden, ganz gleich, ob dieser die Mutter geprügelt hat oder sonstwie terrorisiert. Beim Unterhalt hingegen oder einer gerechteren Besteuerung von Alleinerziehenden sieht man ebenso wenig Handlungsbedarf wie Richter des Verfassungsgerichtes bei einer konsequenteren Strafverfolgung von Vergewaltigern. Die Pille danach bekommen wir deutsche Frauen jetzt rezeptfrei, aber nur weil die EU sich die Union und ihre ewiggestrigen Ansichten zur Brust genommen hat. Jede dritte Frau in Deutschland hat bereits sexuelle oder häusliche Gewalt erfahren, Frauenhäuser werden aber am laufenden Band geschlossen oder sind sogar kostenpflichtig für die Opfer. Die Täter haben wenig zu befürchten.

Der Frauenanteil in Stadt- und Gemeinderäten liegt bei knapp 23 Prozent, während 97 Prozent aller Alleinerziehenden Frauen sind, von denen wiederum die Hälfte auf Hartz IV angewiesen ist. Deutschland ist das “Bordell Europas”, wo Frauen ganz legal als Ware verschachert werden dürfen, daran wird auch das neue Prostitutionsschutzgesetz wenig ändern.

Das alles ist kein Zufall. Und es ist auch nicht den Frauen, ihrer “falschen” Berufs-, Partner- oder Kleidungswahl geschuldet, sondern den mächtigen Institutionen des Patriarchats. In einer Gesellschaft, in der die wichtigen Entscheidungen immer noch von Männern getroffen werden, kann es keine Gerechtigkeit für Frauen geben. In diesem Sinne: Schiebt euch eure Glückwünsche, eure Nelken und eure Sonderangebote zum Weltfrauentag in den Allerwertesten. In einer patriarchalen Gesellschaft ist das am Weltfrauentag ein Schlag ins Gesicht jeder Frau. Sorgt lieber dafür, dass diese Welt für Frauen gerechter wird. Geht nicht zu Prostituierten, schlagt und vergewaltigt keine Frauen, schaut keine Pornos mehr, belästigt keine Frauen mehr auf der Straße und bezahlt Frauen fair. Dann brauchen wir auch keinen Weltfrauentag mehr.

 

2 Kommentare

  1. OK Preisfrage zu gegebenem Anlass des Tages:
    Ist es besser, als Frau…
    > … keiner Partei beizutreten/keine Partei zu unterstützen weil politische Gremien durch die Bank von sexistischen Altsemestern dominiert werden?
    > … einer Partei beizutreten/eine Partei zu unterstützen, die sich hauptsächlich mit Frauenrechten beschäftigt, allerdings ansonsten nicht zur persönlichen Überzeugung passt?
    > … einer Partei beizutreten/eine Partei zu unterstützen die zur eigenen Überzeugung passt und die sexistischen Altlasten in derselben aktiv anzugehen?
    Meine Entscheidung ist gefallen – und ich finde, jede Frau die mit der aktuellen politischen Gesamtsituation unzufrieden ist, sollte sich diese Frage zumindest einmal gestellt und für sich selbst beantwortet haben.

  2. JA! Super Artikel.

    Und wir müssen ohnmächtig zuschauen, wie jedes Jahr noch ein wenig schlimmer wird. Rollback und Backlash zurück in die 50er Jahre, oder gleich ins Mittelalter. (IS, Bokoharam, und andere frauenverachtende Gotteskrieger.) Bald brennen bei uns wieder die Hexen, die heute Feministinnen heissen. Ihr schlimmes Verbrechen? Die immer noch bestehenden Ungerechtigkeiten anzuprangern.

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