Wenn man anfängt, bisherige externe männlicher Gewalt zu zählen….

Dicentra Spectabilis

By Wuzur (Own work) [GFDL or CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen bei uns regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der oder aller Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

In seinem Buch „The Macho Paradox“ stellt Jackson Katz eine Einführungsfrage vor, die er bei Veranstaltungen in gemischten Gruppen stellt. Er fragt zuerst Männer, was sie tun, im alltäglichen Leben, um sich vor sexueller Gewalt zu schützen. Danach stellt er diese Frage den Frauen. Wie wir uns vorstellen können, benennen Frauen unzählige mehr Sicherheitsmaßnahmen und Vorkehrungen als Männer, falls diese überhaupt etwas benennen.

Dieser Kontrast soll Männer zum Nachdenken anregen. Allerdings regte es auch mich zum Nachdenken an. Ich überlegte vor allem, inwiefern ich von Gewalt durch Männer, externe Gewalt, im Laufe meines Lebens schon betroffen war. Und ich merkte schon nach sehr kurzer Zeit, dass ich eine Liste machen musste, und das mir immer mehr und mehr einfiel.  Es waren keine hervorstechenden Einzelfälle, nein, sondern genügend für eine Liste. Es fehlen verbale Übergriffe und verbale Belästigungen; zu viele.

Ich gebe hier eine kurze Zusammenfassung, und ob diese Aufzählung vollständig ist, ist auch unsicher:

1) drei Mal Masturbation in der Öffentlichkeit. Am ekelhaftesten, bei weitem, war die Masturbation in einer Telefonzelle. Wer sich noch an die alten, gelben Telefonzellen erinnern kann, und an den miefigen Geruch, hat jetzt vielleicht eine Antwort auf die Frage, woher der Geruch stammte….Wer weiß wie viele Männer diesem Hobby nachgingen. Telefonate in diesen Zellen waren für mich danach nie mehr dasselbe.

2) Zwei Mal Anfassen im Schwimmbad durch alte Männer (junge hätten auch keinen Unterschied gemacht, aber etwas ekliger war es schon)

3) vier Mal zwischen die Beine greifen und hiervon waren zwei der Täter unter 14 Jahren und ich weit über 18. Ich ging immer davon aus, dass ihnen Ihre Straffreiheit bewusst war, und sie mich angezeigt hätten, wenn ich sie geschlagen hätte. Kein Mensch hätte mir geglaubt, dass ich kleine Jungen wegen sexueller Belästigung geschlagen hätte, und ja, ich hätte mich spontan gerne  gewehrt. Ein anderes Mal war ich mit Kinderwagen unterwegs und wurde verfolgt.  Flucht war kaum möglich. Frauen mit Kinderwagen sind tatsächlich perfekte Opfer, denn  wie wollen sie denn mit dem Wagen schnell genug rennen?

4)   fünf beinahe Vergewaltigungen, die nur mit purem Glück und Schimpfwörtern abgewandt  werden konnten.

5)   Festhalten und einsperren in einem Raum von einer Jungengruppe. Zwei der Gruppe waren die Brüder einer Freundin. Ich war 6 Jahre alt. Sie wollten, dass wir uns auszogen. Wir konnten nach mehreren Stunden gehen, und ich hatte das Gefühl, einer grauenhaften Straftat entronnen zu sein. Jahre später habe ich mich erst gefragt, was in dieser angesehenen  Bäckersfamilie wohl sonst noch so los war und wieso dieses Mädchen es in der ersten  Klasse nicht schaffte, lesen zu lernen. Wir haben uns nicht ausgezogen, aber diese Jungen  mussten ja diese Idee irgendwo her haben, schon damals, ohne täglich Pornos zu sehen.

Und was wurde hiervon wohl angezeigt? Nichts. Es ist nichts passiert und die Täter wären auch nie gefunden worden. Vor allem aber wusste ich, wie es auch die meisten anderen Frauen wissen, dass es niemanden interessiert, nicht wirklich. Ich hatte immer Glück, mehr oder weniger, im Vergleich zu dem, was hätte sein können, und was andere erleben mussten. Aber gerade deshalb ist es auch erschreckend, denn ich habe dies alles tatsächlich vergessen und verdrängt, so als wenn es nie gewesen war. Es ist eine Liste von Dingen, die ich hingenommen habe, da ich sie hinnehmen musste, aber auch alleine das sagt uns etwas. Es sagt uns, unter anderem, was wir als junge Mädchen lernen, und schon sehr jung lernen. Wir können uns nicht frei bewegen und müssen immer und überall auf Gefahren achten. Auch davon gekommen zu sein, wie ich, im Großen und Ganzen, führt zur Idee, es könnte aber etwas passieren und führt zu vorsichtigem Verhalten. Wie kann ich als Frau Männern selbstbewusst gegenüber treten, wenn ich darauf achten muss, dass mir keine kleinen Jungen schon zwischen die Beine greifen könnten? Ich muss mich eher auf den Schutz meiner Geschlechtsteile konzentrieren, überspitzt gesagt. Schon bei der Kampagne Alltagssexismus fiel mir einiges ein, aber diese ganze Liste machte mir einiges bewusster. Sexuelle Übergriffe durchdringen unser Leben von klein auf.

Und wie schränkt das Alles unser Leben ein? Auch hier machte ich eine Liste. Eigentlich dachte ich auch, ich fühle mich sicher und ergreife keine Maßnahmen. Aber eher nicht anscheinend, denn es gibt schon Einiges. Hierzu zählen: geheime Telefonnummer, Anschaffung eines Schäferhundes, Handy in der Hand auf einsameren Straßen, darauf achten, dass niemand hinter mir mit ins Haus geht und beim Aufschließen der Tür nochmalige Kontrolle der Umgebung, keine Kopfhörer auf der Straße, und was-weiß-ich-noch-alles. Aber wir sehen Dinge dieser Art als normal an und als nichts Besonderes. Das ist das Schlimme. Und als Folge sage ich, und traue mich zu sagen: yes all men. Denn ich muss als Frau, durch Erfahrungen, davon ausgehen, dass etwas passieren könnte.

Und ich kann erwarten, eigentlich, dass Männer sich selbst gegen dieses Ausmaß an Gewalt engagieren. Ich habe hier noch nicht Mal Prostitution, Pornografie, oder verbale Gewalt hinzugezählt und auch hier könnte man(n) sich engagieren, wenn man(n) denn nicht findet, dass es sich sehr angenehm als Mann lebt mit diesem Allem. Wenn Männer sich nicht engagieren, und dies nicht getan haben, dann kann ich sagen, dass ich mittlerweile auf ihre Anwesenheit verzichten möchte in politischen-feministischen Zusammenhängen. Sowohl bei Veranstaltungen wie One-Billion-Rising, 8 März oder was-auch-immer. Ich habe, wie auch andere Frauen, das Recht darauf keine Männer einbeziehen zu wollen. Meine Lebenserfahrung als Frau reicht und ich kann es jetzt auch deutlich sagen. Ich muss nicht mehr mühselig meinen guten Willen zeigen und unbedingt Männer einbeziehen wollen. Ich erinnere mich nämlich nicht daran, dass sich irgendwelche Männer jemals wirklich (im politischen Sinn) für die Dinge, die ich schilderte, interessiert haben oder sich für eine Änderung der Zustände eingesetzt haben. Ausnahmen bestätigen die Regel und ich nehme mir jetzt in aller Deutlichkeit heraus zu sagen: keine Männer, außer sie haben sich schon länger und unabhängig von Frauen oder Ruhm (Narzissmus) für Feminismus eingesetzt. Wir mussten uns als Frauen und Feministinnen auch überwinden und kämpfen, und wir sind nicht die Mütter von irgendwelchen Männern, und es ist somit nicht unsere Aufgabe, Männer zu erziehen, oder sonst irgendetwas zu tun, damit sich diese für die Gewalt gegen uns interessieren. BinNichtdeineMutter….

Susanne Martin

Für weitere Informationen zu männlichem Engagement: The Macho Paradox, Jackson Katz, Sourcebooks,Inc.

 

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