Wenn nicht ich, wer dann? Wenn nicht jetzt, wann? Emma Watson.

Emma Watson (2012)

By David Shankbone (Emma Watson) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

Emma Watson hielt gestern vor der UN eine Rede anlässlich der Kampagne HeForShe. Wir haben sie für euch übersetzt, denn wir haben uns über diese Rede – weitgehend – gefreut. Wir haben redaktionsintern allerdings einige Kritikpunkte diskutiert, die wir der Rede – gerne zur weiteren Diskussion – voranstellen möchten.

Dass die (öffentliche) politische Positionierung von (prominenten) Frauen immer wieder, so auch bei Emma Watson, zu massiven sexistischen, misogynen und invasiven Attacken führen muss: Wir haben es mit sehr viel Wut zur Kenntnis genommen, überrascht hat es uns allerdings nicht.

Nun zu den Kritikpunkten, die ausdrücklich nicht in der Absicht stehen, Emma Watsons Engagement zu diskreditieren oder gering zu schätzen. Ihre Rede bewegt(e).

Der Kampagnenname HeForShe

Das Problem steckt im Namen: Er für sie. Männer sollen sich gegen Unterdrückung von Frauen aussprechen. Prinzipiell ist das eine gute Sache, aber es bringt der Sache der Frauenbewegung wenig, wenn einige Männer großmütig auf Diskriminierungen durch andere Männer hinweisen und sich damit als bessere Menschen, konkreter: Männer fühlen.

Jeder Mann, ob er will oder nicht, profitiert von den Privilegien des Patriarchats. Männer müssen sich diese eingestehen und bereit sein, diese aufzugeben. Und das auch – im wahrsten Sinne des Wortes – glaubhaft machen. Es reicht eben nicht, ein bisschen „feministisch“ zu sein und davon nichts mehr wissen zu wollen, wenn es konkret um den Abbau von Privilegien und Macht geht. Genau das erleben Frauen resp. Feministinnen viel zu oft. Feminismus ist nicht mal gerade so eine Masche, eine temporäre Laune oder ein Coolness-Accessoire: leer und nichtsbedeutend.

Männer benötigen keine erneute Profilierungsmöglichkeit, diesmal als Verteidiger des Feminismus. Männer bekommen dadurch eine Bühne. Was ist mit den Frauen? Warum werden nicht Frauen vorgestellt, die Großes oder Besonderes geleistet haben?

Feminismus oder Männerrechte?

Dass Männer sich aus ihren Geschlechterstereotypen befreien wollen, ist lobenswert. Mit Sicherheit macht es auch das Leben von Frauen leichter. Trotzdem: Wenn es um Männerrechte geht, dann geht es um Männerrechte. Der Feminismus steht diesen Männern nicht im Weg. Wenn Frauen Männer dabei unterstützen, ist das nicht Feminismus sondern „Frauen kümmern sich um Männer“. Es geht hier um – wichtige – Männerrechte und um solche, die nicht auf Kosten der Frauen gehen. Aber es geht um Männerrechte. Das ist gut oder schlecht, aber nicht in erster Linie Feminismus.

Die unsichtbaren Feministinnen von früher

Emma Watson nimmt in ihrer Rede keinerlei Bezug auf die Arbeiten der „alten“ Feministinnen. Besonders in den 70er- und 80er-Jahren (und sogar noch in den 90ern) spielte die Befreiung der Männer aus der „Mackerrolle“ eine große Rolle und insbesondere die Sozialisation von Jungen wurde kritisch hinterfragt.  Das alles wurde also schon einmal gesagt.

Das – das Schweigen darüber – wäre an sich nicht so problematisch, wenn nicht dadurch die „alten“ Feministinnen und ihre Errungenschaften unsichtbar gemacht würden und es dadurch so scheint, als existierten alle diese bereits geschriebenen Bücher dazu nicht. Dieses Abschneiden von Geschichte und die damit verbundene Abwertung, Auslöschung der Frauen vor „uns“ schmerzt, auch hinsichtlich der Tatsache, dass wir aus Fehlern, aus Fehlentwicklungen nichts lernen können, wenn es so scheint, dass diese Gedanken zum allerersten Mal das Licht der Welt erblicken.

Die Sichtbarmachung könnte als Einladung zu einem feministisch-intergenerativen Dialog fungieren, in dem wir heute mit dem Wissen von früher uns beispielsweise fragen könnten:

Warum konnte sich die ursprüngliche Männerrechtsbewegung, die sich mit genau diesen Themen befasste, nicht durchsetzen? Sind die Bedingungen jetzt anders, so dass sie es jetzt können? Oder wird der allgemeine Backlash, der sich gegen Frauen richtet, es eher schwerer machen? Wo waren damals die Knackpunkte? Was ist, platt formuliert, schief gelaufen und was können wir mit dem Wissen und der Erfahrung, die wir haben, anders und besser machen?

Nun aber zu der Übersetzung.

Die Rede:

Heute starten wir die Kampagne HeForShe. Ich wende mich an euch, weil wir eure Hilfe benötigen. Wir wollen Geschlechter-Ungleichheit beenden. Und um das zu schaffen, müssen wir jeden einbeziehen. Wir wollen versuchen, so viele Männer und Jungs wie möglich wachzurütteln, damit sie Botschafter des Wandels werden. Und wir wollen nicht nur darüber reden. Wir möchten es versuchen und sicherstellen, dass das greifbar ist. Ich wurde vor 6 Monaten zur Sonderbotschafterin der UN Women ernannt.

Je mehr ich über Feminismus sprach, desto mehr wurde mir klar, dass Kämpfen für Frauenrechte zu oft mit Männer-Hass gleichgesetzt wird. Wenn es etwas gibt, was ich mit Sicherheit weiß, dann dies: Dies muss aufhören. Für das Protokoll: Feminismus ist qua Definition die Überzeugung, dass Männer und Frauen gleiche Rechte und Möglichkeiten haben sollten. Er ist die Theorie politischer, ökonomischer und sozialer Gleichheit der Geschlechter. Ich habe vor langer Zeit begonnen, gender/geschlechts-basierte Annahmen zu hinterfragen.

Als ich 8 war, war ich verwirrt, weil ich als herrschsüchtig bezeichnet wurde, weil ich bei den Stücken Regie führen wollte, die wir für unsere Eltern aufführen wollten. Aber die Jungs wurden das nicht. Mit 14 ging es los, dass ich von gewissen Medien sexualisiert wurde. Mit 15 fingen meine Freundinnen an, aus zahlreichen Sport-Teams auszuscheiden, weil sie nicht maskulin erscheinen wollten. Mit 18 waren meine männlichen Freunde nicht in der Lage, ihre Gefühle auszudrücken.

Ich entschied, dass ich Feministin bin. Das erschien mir unkompliziert. Aber meine jüngsten Recherchen haben mir gezeigt, dass Feminismus ein unbeliebtes Wort geworden ist. Frauen entscheiden sich dafür, sich nicht als Feministinnen zu bezeichnen. Offenbar gehöre ich zu der Gruppe Frauen, deren Ausdruck als zu stark, zu aggressiv, vereinsamend und gegen Männer, sogar als unattraktiv gesehen wird.

Warum wurde dieses Wort ein so unbequemes? Ich komme aus Großbritannien. Und ich denke, es ist richtig, dass ich genau so bezahlt werde wie meine männlichen Kollegen. Ich denke, es ist richtig, dass ich in der Lage sein sollte, Entscheidungen über meinen eigenen Körper zu treffen. Ich denke, es ist richtig, dass Frauen in meinem Namen in die Politik und Entscheidungen einbezogen werden, die mein Leben betreffen. Ich denke, es ist richtig, dass mir in sozialer Hinsicht der gleiche Respekt wie Männern entgegen gebracht wird.

Traurigerweise muss ich sagen, dass es kein einziges Land in der Welt gibt, in dem alle Frauen erwarten können, diese Rechte zu erhalten. Kein Land in dieser Welt kann bisher sagen, dass es Geschlechter-Gerechtigkeit erreicht hat. Diese Rechte sind als [allgemeine] Menschenrechte anerkannt, aber ich gehöre zu denen, die Glück hatten.

Mein Leben ist ein reines Privileg, weil meine Eltern mich nicht weniger geliebt haben, weil ich als Tochter geboren wurde. Meine Schule hat mich nicht ausgebremst, weil ich ein Mädchen war. Meine MentorInnen sind nicht davon ausgegangen, dass ich weniger erreichen würde, weil ich irgendwann ein Kind gebären könnte. Diese Einflüsse waren die BotschafterInnen der Geschlechtergerechtigkeit, die mich zu der gemacht haben, die ich heute bin. Sie wissen es vielleicht nicht, aber sie sind die zufälligen, unabsichtlichen FeministInnen, die die heutige Welt verändern. Wir brauchen mehr von ihnen.

Und wenn ihr immer noch dieses Wort hasst: Es ist nicht das Wort, das wichtig ist. Es ist der Gedanke und der Ehrgeiz dahinter, weil nicht alle Frauen die gleichen Rechte bekommen haben wie ich. Tatsächlich haben das, statistisch betrachtet, sehr wenige.

1997 hielt Hilary Clinton in Peking eine berühmte Rede über Frauenrechte. Traurigerweise treffen viele der Dinge, die sie ändern wollte, heutzutage immer noch zu. Was mich aber am meisten getroffen hat, war, dass gerade mal 30% des Publikums männlich war. Wie können wir Veränderungen in der Welt bewirken, wenn nur die Hälfte von ihr eingeladen wird oder sich willkommen fühlt, am Gespräch dazu teilzunehmen?

Männer, ich möchte diese Möglichkeit nutzen, um eure offizielle Einladung zu erweitern. Geschlechtergerechtigkeit ist auch eure Sache. Denn bis heute sehe ich, wie die Rolle meines Vaters als Eltern(teil) gesellschaftlich weniger anerkannt ist. Obwohl ich seine Anwesenheit als Kind genau so gebraucht habe wie die meiner Mutter. Ich habe junge Männer gesehen, die an psychischen Krankheiten leiden, die sich keine Hilfe suchen konnten aus Angst, sie wären dadurch weniger Mann. Tatsächlich ist Suizid in Großbritannien die häufigste Todesursache von Männern zwischen 20 und 49 und übertreffen damit Verkehrsunfälle, Krebs und Herzinfarkte. Ich habe Männer erlebt, die durch eine verzerrte Vorstellung davon, was männlichen Erfolg ausmacht, zerbrechlich und unsicher waren. Auch Männer genießen nicht die Vorteile der Gleichberechtigung.

Wir sprechen nicht oft davon, wie Männer durch Geschlechts-Stereotypen gefangen sind, aber ich kann sehen, dass sie es sind. Und dass sich, wenn sie frei [davon] sind, die Dinge automatisch für Frauen ändern werden. Wenn Männer nicht mehr aggressiv sein müssen, um akzeptiert zu werden, dann werden sich Frauen nicht mehr gezwungen fühlen, unterwürfig zu sein. Wenn Männer nicht mehr kontrollieren müssen, dann müssen Frauen nicht mehr kontrolliert werden.

Sowohl Männer als auch Frauen sollten nicht zögern, sensibel sein. Sowohl Männer als auch Frauen sollten nicht zögern, stark zu sein. Es wird Zeit, dass wir alle Geschlecht als ein Spektrum betrachten anstatt als zwei Gruppen gegensätzlicher Wertvorstellungen. Wir sollten aufhören, uns gegenseitig durch das zu definieren, was wir nicht sind und damit anfangen, uns darüber zu definieren, wer wir sind. Wir können alle freier sein und darum geht es bei HeForShe. Es geht um Freiheit. Ich möchte, dass Männer diese Fahne weitertragen, damit ihre Töchter, Schwestern und Mütter frei von Vorurteilen sein können, aber auch damit ihre Söhne das Recht haben, verletzlich und menschlich zu sein, damit sie die Teile ihres Selbst, die sie aufgegeben haben, zurückerobern und damit sie dadurch wahrhaftiger und vollständiger sie selbst sind.

Ihr denkt jetzt vielleicht: Wer ist dieses Harry Potter-Mädchen? Was macht sie da, wenn sie vor der UN spricht? Das ist eine wirklich gute Frage und ich habe mich das auch gefragt. Alles, was ich weiß, ist, dass mir dieses Problem wichtig ist und dass ich es besser machen möchte. Und weil ich gesehen habe, was ich sah und die Möglichkeit bekommen habe, glaube ich, dass es in meiner Verantwortung liegt, etwas [dazu] zu sagen. Der Politiker Edmund Burke sagte, dass alles, was das Böse zum Triumph brauche, darin liege, dass gute Menschen nicht tun.

Bei meiner Nervosität vor dieser Rede und in meinen Momenten des Zweifelns habe ich mir nachdrücklich gesagt: Wenn nicht ich, wer dann? Wenn nicht jetzt, wann? Wenn du ähnliche Zweifel hegst, wenn dir Möglichkeiten geboten werden, dann hoffe ich, dass dir diese Worte hilfreich sind. Denn die Realität ist, dass wenn wir nichts tun, es 75 Jahre oder vielleicht auch 100 Jahre dauern wird, bis Frauen erwarten können, für die gleiche Arbeit genauso bezahlt zu werden wie Männer. Dann werden in den nächsten 16 Jahren 15,5 Millionen Mädchen als Kinder verheiratet. Und bei der derzeitigen Entwicklung, wird es nicht vor 2086 geschafft sein, dass alle Mädchen aus den ländlichen Gebieten in Afrika eine höhere Schulbildung genießen.

Wenn du an Gleichberechtigung glaubst, dann bist du vielleicht einer dieser zufälligen, unabsichtlichen FeministInnen, von denen ich vorher sprach und dafür möchte ich dir applaudieren. Wir streiten über einen gemeinsamen Begriff, aber es gibt eine gute Nachricht: Wir haben eine gemeinsame Bewegung. Sie heißt HeforShe. Ich lade euch ein, vorzutreten, sichtbar zu sein und euch zu fragen: Wenn nicht ich, wer dann? Wenn nicht jetzt, wann? Vielen vielen Dank.

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