Radikal- vs. Liberal-/Queerfeminismus, oder: Wer exkludiert hier eigentlich wen?

CCO Public Domain, Pixabay

Weil mein auf Facebook gepostetes Fazit zu einer aktuellen Auseinandersetzung sehr lang geworden ist, veröffentliche es nachfolgend der besseren Lesbarkeit wegen an dieser Stelle. Anlass siehe Link – mein Text hier

Achtung es folgt eine Texttapete…  (bereits sorry dafür)

Ich will gar nicht mehr so viel meiner kostbaren Zeit auf diese Diskussion verschwenden, denn diese Art von Auseinandersetzung bringt am Ende keinem was – und am wenigsten noch kommen wir irgendeinem feministischen Ziel damit auch nur einen mm näher. Ich möchte dennoch (hoffentlich für mich abschließend) ein Fazit daraus ziehen (das die „Gegenseite“ sicher nicht teilt, aber das muss sie ja auch nicht)

Erst nochmal ein paar Bemerkungen zum Inhalt (politisch), und zwar ein paar Dinge, die durchaus nochmal gerade zu rücken sind.

Es wird in der Einleitung und im Text mit politischen Kampfbegriffen hantiert

Zum einen ist die Rede davon ich sei „gegen Sexarbeit“ (soweit korrekt, gegen den euphemisierenden Begiff, wie auch gegen die Institution der Prostitution als solche) und unser Blog sei bekannt für seine „Swerf Inhalte“. Dabei handelt es sich um einen misogyn gegen (Radikal-)Feministinnen verwendeten politischen Kampfbegriff. Und ich weiß nicht, ob den Verfasserinnen und den Kommentierenden nicht auffällt, dass

  1. die Tatsache, dass eine frühere Prostituierte eine Störenfrieda ist
  2. die Tatsache, dass mehrere Frauen aus der Prostitution mir ihre Solidarität ausgedrückt haben
  3. die Tatsache, dass aktive und ehemalige prostituierte Frauen die Speerspitze der abolitionistischen Bewegung sind

diese Behauptung eindeutig wiederlegen.

Ihnen könnte auch auffallen, dass sie selbst Stimmen jener Gruppen in ihren Debatten marginalisieren (oder wann hat jemand von den Kommentieren mal dem Netzwerk Ella Beachtung geschenkt, oder international den Indigenous Women against the Sex Industry oder anderen PoC-Gruppen (die im Übrigen sehr deutlich die Intersektion von Geschlecht und Ehtnie thematisieren) – und sie nur sehr selektiv jenen Beachtung schenken, die sich selbst als „Sexarbeiterinnen“ verstehen (lassen wir mal hier unter den Tisch fallen, dass viele darunte auch jene verstehen, die an der Prostitution anderer verdienen. Geschenkt).

Während wir uns in zahlreichen Texten solidarisch auch mit jenen prostituierten Frauen zeigen, die nicht unsere Analyse von Prostitution / Sexarbeit teilen, schließen jene, die mit Vokabeln wie „Swerf“ um sich werfen, jene Personen die sich durch eine abweichende Meinung hervorgetan haben, ganz bewusst und ausdrücklich aus der Debatte aus. Kontroverse Veranstaltungen oder Veranstaltungen mit Prostitutionsüberlebenden (von mir aus PoC-Survivorn) habe ich im autonomen AlleFrauen- Programm leider noch nie gesehen. Dann sollte man vielleicht nicht im Organisationsnamen suggerieren „AlleFrauen“ zu vertreten, denn das tut das Referat offensichtlich ja nicht.

Kommen wir zum zweiten Kampfbegriff „Terf“ und auch der Aussage ich sei „immer wieder aufgefallen durch transexkludierende und -feindliche Aussagen.“

Wie bereits richtig von Kommentatorinnen dargestellt wurde, schließt der Radikalfeminismus Transpersonen nicht aus, weder theoretisch noch praktisch. Es gibt schlicht einen Dissens im Verständnis über sex und gender.

Und hier zeigt sich eine Parallele zu der „Swerf“-Logik: Wenn in den Kommentaren dann davon die Rede ist, jene genderkritischen Transpersonen, die sich als gender- oder radikalfeministisch verstehen oder die, die Auffassung von Radikalfeministinnen zu sex und gender teilen, seien nur „token“ oder „instrumentalisiert“ (nach meinem Geschmack ziemlich unverschämt und abwertend), dann werden auch deren Stimmen – weil sie nicht gefallen – als irrelevant abgetan oder marginalisiert. Ihnen wird, um mal Libfem-Terminologie zu verwenden, die eigene „agency“ abgesprochen und sie werden als „passiv“ und nicht als aktive Akteurinnen und Akteure wahrgenommen.

Erneut die Frage: Wer schließt hier wen aus und welchen Platz haben beispielsweise genderkritische Transmänner (nach deren Verständnis Frau (xx), gender: Mann) beim „AlleFrauen“-Referat? Wird hier etwa wer exkludiert?

Dann wird behauptet ich hätte die Rassismus-Erfahrungen von PoC-Frauen negiert. Wer meinen Text aufmerksam liest, wird mehrere (!) Stellen finden wo ich dies explizit nicht tue. Ich  vertrete nur die Auffassung (die man nicht teilen muss), dass die Geschlechtskategorie einen Menschen stärker diskriminiert als die Ethnizitäts-Kategorie. Ja, ich nehme ausgehend von feministischer Analyse (die ich anhand von Gerichtsurteilen nach Catharine MacKinnon begründe) eine Hierarchisierung von Unterdrückungsmechanismen vor. Es ist anderen unbenommen dieser Auffassung zu widersprechen und eine andere Position einzunehmen.

Und damit kommen wir zur Stil-Frage

Ich möchte vorweg schicken, dass ich Hengameh Yaghoobifarah  (damit ich mich nicht wieder des „misgenderns“ schuldig mache, nachfolgend: HY) als nicht unsympathisch empfunden habe. Ich hätte HY im Vorfeld „krawalliger“ erwartet und ich fand es positiv überraschend und meine Vorurteile nicht bestätigend, wie respektvoll HY auch mit meinen kritischen (aber sachlichen) Nachfragen / Bemerkungen umgegangen ist.

Ich habe ein inhaltliches Problem mit den Aussagen von HY, die ich in meinem sachlich-konstruktiv geschriebenen Text erläutert habe, aber ich habe kein Problem mit ihr als Person. Mein Diskussionsstil ist dafür bekannt, dass er auf „ad hominem“ verzichtet und mir geht es um Inhalte, um Strukturen, nicht jedoch um Personen.

Ich glaube man kann bereits jetzt feststellen, dass die Art und Weise wie hier Kritik an mir geübt wurde völlig nach hinten losgegangen ist: Selbst im eigenen „Revier“ gibt es kaum UnterstützerInnen des Referats, jedoch zahlreiche KritikerInnen – zum Teil an Inhalt und Stil, teilweise auch nur am Stil. Das im Übrigen völlig ohne, dass ich irgendjemanden um Support gebeten oder dazu aufgefordert hätte. Mein Postfach ist darüber hinaus ebenfalls voll mit solidarischen Zuschriften, auch von Menschen, von denen ich es nicht erwartet hätte.

Und ich muss sagen: Es stimmt mich sehr froh! All die Einschüchterungsversuche, die bereits bedrohten und zerstörten Existenzen von Mit-Aktivistinnen, der Hass und die verbale und physische Gewalt gegen Radfems, all das haben nicht verhindern können, dass immer mehr Frauen ihre Stimme erheben. Wenngleich ihr auch Statements wie das von Sonia nachdenklich zur Kenntnis nehmen solltet, dass Frauen sich durch euren Stil nicht trauen überhaupt noch was zu sagen. Wenn das Verbreiten von Angst mal nicht exkludierend ist…

Und hier unterscheiden wir uns vermutlich grundsätzlich:

Ich werde immer dafür eintreten, dass Frauen – egal welche Positionen sie vertreten – diese auch äußern dürfen. Ich werde immer alle Frauen – egal ob sie mir sympathisch sind oder nicht – in meine Analyse mit einbeziehen. Ich werde keine Macht oder irgendeine Form von Gewalt gegen sie ausüben.  

Jetzt hinterfragt bitte erneut, wer hier wen exkludiert und wer nicht.

Zur Benennung meiner ehemaligen (!) Fraktion, meines ehemaligen (!) Mandates und meines Arbeitgebers, was hier als so unproblematisch und selbstverständlich angesehen wird, ist einfach nur unverschämt, denn es ist, wie von vielen hier richtig analysiert, ein Versuch mich zum Schweigen zu bringen.

Und wisst ihr was: Es war der einzige Grund, warum ich überhaupt nur eine Minute meiner Zeit auf eure „Replik“ geopfert habe. Ansonsten wäre mir das Pamphlet, welches eh nur in einer kleinen Bubble zur Kenntnis genommen werden wird, ziemlich schnuppe gewesen.

Und ich glaube genau damit habt ihr euch das verdiente Eigentor kassiert. Gut so! Vielleicht lernt ihr etwas daraus

Zum Schluss noch eine persönliche Bemerkung: Wer mich auch nur ein bisschen kennt, weiß, dass sowohl mein privates Umfeld  als auch mein aktivistischer Zirkel diverser sind als viele Queerfem-/Libfemstrukturen sich das durch ihre ach so inklusive Sprache auch nur erträumen können.

Ich weiß, dass “meine besten Freunde sind Ausländer” kein Argument ist, aber von der Diversität meines Freundeskreises (unzählige PoC, ehemalige und aktive Prostituierte, Lesben und Schwule, Menschen mit Behinderungen, Transpersonen, Menschen aus armen Elternhäusern …) träumen die ach so inklusiv bemühten Libfem- / Queer-Strukturen wohl noch lange. Vielleicht solltet ihr euch fragen ob Empathie und Authenzität nicht anziehender auf Menschen wirken als eine nur verbal zur Schau getragene Offenheit.

Wenn irgendetwas in dieser Debatte von meinen Funktionen oder Tätigkeiten in dieser Debatte relevant gewesen wäre zu erwähnen, dann vielleicht meine Tätigkeit als Sprecherin des Wiesbadener Bündnis gegen Rechts, wo ich  jahrelang meinen Kopf hingehalten habe und mit Namen und Gesicht in der Öffentlichkeit stand, während viele andere (was ich verstehen kann) in der Anonymität bleiben wollten. Eine Tätigkeit, die mir übrigens Nazidrohungen eingebracht hat.

Man hätte auch die Gründung eines Sozialberatungsvereins und die jahrelange Tätigkeit in der Sozialberatung erwähnen können. Eine Tätigkeit bei der es mir gelungen ist, durch meine Empathie und mein Verständnis für ihre Lebenssituation selbst ethnisch marginalisierte Gruppen wie türkische Bulgarinnen und rumänische Romnija zu erreichen. Gruppen, die normal keinerlei Vertrauen in Organisationen der Mehrheitsgesellschaft haben. Man hätte meine Unterstützung dieses Personenkreises erwähnen können in Bezug auf Erkämpfen von Existenzsicherung, Wohnraum, Bildung und Ausstieg aus der Prostitution.

Wo wir beim nächsten Thema wären: Man hätte auch die nunmehr 7 Jahre Kampf Seite an Seite mit prostituierten Frauen anführen können. Dazu hab ich bereits oben genug gesagt.

Statt jetzt also ein halbes Jahr darauf zu verwenden diese inhaltlich schlechte „Replik“ zu schreiben, hätten die Verfasserinnen meiner bescheidenen Meinung nach lieber das getan, was ich alltäglich tue: An Lösungen und Konzepten tüfteln, wie man den Kampf gegen „sex-based violence and discrimination“ in Einklang bringen kann mit dem Kampf gegen „gender-based violence and discrimination“. Denn ich streite niemandes Gender- oder Körperdysphorie ab, ich ordne sie nur anders ein. Im Übrigen im Einklang mit einer zunehmenden Anzahl von besorgten Psychologinnen und Psychologen (aber das nur nebenbei bemerkt).

Und genau in diesem Sinne mache ich jetzt weiter und wünsche allseits noch eine bereichernde Debatte, denn:

“Feminismus ist die politische Praxis des Kampfes gegen die männliche Vorherrschaft für Frauen als soziale Klasse, inklusive aller Frauen, die du nicht magst, inklusive aller Frauen, die du nicht um dich haben willst, inklusive aller Frauen, die mal deine besten Freundinnen waren und mit denen du nichts mehr zu tun haben willst. Es ist egal wer die individuellen Frauen sind.” – Andrea Dworkin (Ex-Prostituierte, Jüdin, R.I.P!)

3 Kommentare

  1. Karin Schnitzlein-Liebhäuser

    Ein wunderbarer, wahrer Artikel! Respekt!

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