Wie ist es für dich? Die seltene Frage nach der Perspektive

Distance by Christian Weidinger

Distance by Christian Weidinger via Flickr, [CC BY-NC-ND 2.0]

Wir wollen den feministischen Diskurs beleben und unterschiedliche Ansätze zur Diskussion stellen. Deshalb erscheinen bei uns regelmäßig Gastbeiträge, die nicht zwangsläufig die Haltung der oder aller Störenfriedas wiedergeben, aber wichtige Impulse für die feministische Debatte geben können.

Ein Beitrag von Doktor Mihi

Wir vergessen oft, dass andere Menschen die Welt nicht so wahrnehmen, wie wir. Das Ergebnis: Missverständnisse, Abneigungen, negative Urteile. Unsere Sinnesorgane sind nicht “empathisch” genug.

Bei einer Wortsammlung wie Irrsinn, Blödsinn, Wahnsinn, Stumpfsinn oder Schwachsinn liegt der Zweifel nahe, ob es die Evolution gut mit uns und der Ausstattung unserer Sinnesorgane gemeint hat. 

Viele andere Lebewesen würden uns wahrscheinlich bemitleiden, denn im Vergleich zu ihnen sind wir fast blind, taub und die Leistung von Nase und Tastsinn sind auch unterdurchschnittlich. Unsere Welt würde vielen Tieren grau, eintönig, eindimensional und informationsarm erscheinen. Our senses suck!

Dringen dann Reize durch unsere verschiedenen Öffnungen nach innen, verarbeiten und interpretieren wir diese sehr individuell. Düfte, Töne, Texte, Bilder – jede*r einzelne von uns konzentriert sich auf andere Aspekte, zieht andere Schlussfolgerungen, hat andere Assoziationen. Was wir mit Eindrücken und Reizen im Kopf veranstalten ist unvorhersehbar. Jedes Individuum konstruiert seine Wirklichkeit vollkommen subjektiv: Objektivität gibt es nicht. Jeder Mensch hat seine eigene Sichtweise auf und Vorstellung von den Dingen. Alles nur Konstruktionen, mit einem großen Spektrum von Bedeutungen. Ein Sachverhalt ist nicht ein Sachverhalt, sondern ein jeweiliges subjektives Bild von diesem Sachverhalt. Die eine Beschreibung der Welt gibt es nicht.

Wie wir unsere Umgebung, unsere Mitmenschen, Situationen, Äußerungen wahrnehmen setzt sich aus unzähligen verschiedenen sensorische Reizen, Bedeutungsebenen und unsere Persönlichkeit zusammen.

Beispielsweise schätzen wir die Steile eines Hügels, die Distanz zu einem Punkt umso größer ein, je niedriger wir unsere individuelle körperliche Leistungsfähigkeit einschätzen. Unsportliche Menschen reagieren schneller ängstlich, als solche, die in der Lage sind, schnell wegrennen zu können. Mit jeder Aussage über die Welt machen wir also auch Aussagen über uns selbst. Wir leben in der Annahme, dass wir mit andere Augenblicke gemeinsam erleben – und zwar in dem Bewusstsein, sie gemeinsam zu erleben. Und dann so etwas:

„Auch wenn ich gute Gründe dafür angeben kann,
dass meine Erfahrung der deinen nicht ganz unähnlich ist,
habe ich keinerlei Möglichkeit zu prüfen, ob sie identisch sind.“ [1]

Wir konstruieren nicht nur unanschauliche oder abstrakte Sachverhalte (Geschlecht, Nationen, Geld, Zeit), sondern sogar vermeintlich objektive materielle Räume. Diese werden ebenfalls aus der Perspektive ihrer gesellschaftlichen, sozialen, technischen Konstruiertheit durch Medien, Institutionen, gesellschaftlichen Gruppen (z.B. im Internet, in Prospekten, in Reportagen etc.) und Individuen gesehen. Es ist schwer vorzustellen, dass die Welt, die wir wahrnehmen, nicht die Welt darstellt, wie sie tatsächlich ist.

Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Welt. Wirklichen Konsens haben wir nicht einmal mit den Menschen, die uns am nächsten stehen.

„Als lebende Systeme existieren wir in vollständiger Einsamkeit innerhalb der Grenzen unserer individuellen Autopoiëse.
Nur dadurch, dass wir mit anderen durch konsensuelle Bereiche Welten schaffen,
schaffen wir uns eine Existenz, die diese unsere fundamentale Einsamkeit übersteigt,
ohne sie jedoch aufheben zu können.“[2]

Andere besser kennenzulernen hilft nur bedingt; denn auch die Erinnerung an Personen ist egozentrisch verzerrt. Angenommen, zwei Menschen mögen Sonnenblumenkerne,  aber nur eine*r liebt Datteln dann werden sich diese zwei Menschen später sicher daran erinnern, dass beide Sonnenblumenkerne mögen, aber vermutlich vergessen, dass nur eine*r Datteln mag. Wir projizieren also viel mehr Ähnlichkeiten in unsere Mitmenschen, als eigentlich bestehen. Wir lernen unsere Mitmenschen nicht nur kennen, wir erfinden sie auch. Wir sind Spiegelungen unserer Mitmenschen, und diese wiederum sind Spiegelungen unserereiner.[2]

Nur eine Illusion!

Aber den Konstruktivismus mal beiseite. Gehen wir noch einen Schritt weiter: Was wenn die ganze Welt nicht nur konstruiert, sondern gar eine Illusion ist – Matrix-Style. Wenn unser Leben nichts ist, als eine Orgie in unserem Kopf. Was wenn wir zwischen unterschiedlichen (Ir-)Realitäten hin- und herwechseln, je nach Traumphase. Wenn wir kein konstantes Leben führen, nur Traum nach Traum.  Wenn Träume nicht mehr länger nur Merkmal der menschlichen Existenz, sondern einzig alleiniger Ausdruck jener wären.

Sobald wir vermögen, diese Welt als Illusion und Trugbild zu betrachten,
können wir alles, was uns widerfährt, als Traum betrachten,
als etwas, das vorgab zu sein, weil wir schliefen.
Dann werden wir scharfsinning und zutiefst gleichgültig gegen alle Unbill und alles Unglück des Lebens.
Dann sind jene, die starben, um die Ecke gebogen, und deshalb sehen wir sie nicht mehr;
dann gehen jene, die leiden, an uns vorüber wie ein Albtraum, wenn wir fühlen, oder wie ein unangenehmer Tagtraum, wenn wir denken.
Und unser eigenes Leid wird nicht mehr sein als dieses Nichts.
“ [3]

Konsequenzen dieser Scheinwelt sind also Scharfsinn, Tiefsinn, Trübsinn, Sinnlosigkeit und Leichtsinn. Die Kehrseite der Scheinwelt (Größen-) Wahnsinn. Die Erkenntnis, dass alles nur Trugbild und Illusion sein könnte, kostet viele den Verstand.

“It’s just a story though
Is it a story though?
I can’t tell if it happened cause it felt impossible
Don’t know whether it was real or a dream
Imagination playing tricks on me
[…]
What’s the difference if it’s real or a dream?
Imagination playing tricks on me
What’s the difference in my love or scheme?
The difference in what you say what you mean?
What you mean you don’t really know?
I’m losing touch with the physical
I’m showing up in the future like I’ve been here before”
(Made in Heights – Murakami)

Und wenn die Alltagswirklichkeit zusätzlich auf den Kopf gestellt wird. Wenn wir eines schönen Morgens aus einem Traum in einen Traum als Ungeziefer erwachen, wie das Kafkas Gregor Samsa in Die Verwandlung passiert ist.

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte,
fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.

Das Leben des Protagonisten wird sich nach diesem Schreckens-Morgen zu einer immer finstereren Katastrophe degradiert. Kafka, der kleine Pessimisten-Papst.

Sind wir nichts als egozentrische, überpauschalisierende, zu viel interpretierende, nicht richtig zuhörende, verzerrende Einzelgänger*innen auf dieser Welt?

Ja! Es gibt so vieles, das wir nie wissen werden, so viel, das andere von uns nie erfahren werden. Und selbst wenn wir es ihnen erzählten (was immerhin ein Fortschritt wäre), wüssten sie nicht, wie es sich anfühlt. Sie sind nun mal nicht wir. Hier gerät die Sprache an ihre Grenze. Und damit auch ein Stück unseres Intellekts.

Mensch hüte sich also vor dem Urteil über die Gefühle und Lebenssituationen anderer. Stattdessen könnten wir jeden Menschen als ein mysteriöses fremdes Universum betrachten, das wir niemals bis in seine Tiefen erkennen können und das deshalb immer spannend bleiben wird.

 

 

[1] Ernst von Glasersfeld, 2005. Zwischen den Sprachen. Eine persönliche Geschichte des Radikalen Konstruktivismus.
[2] Humberto Romesín Maturana, 1987. Kognition. In: Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, hrsg. von Siegfried J. Schmidt.
[3] Fernando Pessoa. 2003. Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares.

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