Wie kann man so scheiße zynisch sein, Frau Doktor? Eine Polemik

Aktuell befindet sich nicht nur Griechenlands Ökonomie in einer tiefen Krise, sondern auch in anderen 3. Welt Ländern leben Millionen von Menschen von weniger als 1 Euro am Tag. Hunger ist ihr ständiger Begleiter. Für viele Menschen, die keine soziale Absicherung mehr haben und in großer Armut leben, ist die Möglichkeit, ihre Organe zu verkaufen, daher eine Möglichkeit, sich und ihre Familien aufgrund des Versagens der sozialen Strukturen vor der Armut zu bewahren. Der Organhandel in diesen Ländern boomt. Nicht nur Griechenland diskutiert daher nach deutschem Vorbild ein Verbot des Organhandels. Doch eine gesetzliche Verschärfung, gar ein Verbot des Organhandels würde vor allen den Organverkäufern schaden. Auch wenn nur die Organverkäufer bestraft werden, würde eine Illegalisierung zwangsläufig auch die betroffenen Menschen treffen, die ihre Organe verkaufen, sie hätten es schwerer, die Organentnahme unter gesundheitlich weniger risikoreichen Umständen vornehmen zu lassen und Zugang zu einer entsprechenden Nachsorge zu haben.

Vor allem aber hätten sie es schwerer, Kunden für ihre Organe zu finden. Beim Organhandel handelt es sich schließlich in erster Linie um ein ökonomisches Phänomen: Menschen bieten ihre Organe an, weil sie es für eine Möglichkeit ist, Geld zu verdienen. Sie wählen diese Tätigkeit, weil es angesichts ihrer konkreten Lebenssituation die am wenigsten schlechteste ist – weil sie zum Beispiel kaum andere Möglichkeiten haben, für sich oder ihre Kinder an Geld zu kommen. Man kann ruhig davon ausgehen, dass sie sehr wohl in der Lage sind, ihre Situation und ihre Optionen realistisch einzuschätzen.

Dass die meisten Organverkäufer den Verkauf ihrer Organe in diesem Sinne „freiwillig“ tun, kann jedoch andererseits kein Argument dafür sein, das Phänomen des Organhandels als völlig okay einzustufen. Auch wer ein gesetzliches Verbot ablehnt, muss deshalb noch nicht Organhandel gut oder normal finden. Leider sind an dieser Stelle neoliberale Begründungsmuster inzwischen weit in linke und sozialkritische Denkweisen vorgedrungen: Hauptsache freiwillig, dann ist alles erlaubt, so scheinen viele zu glauben. Aber natürlich ist nicht alles, was freiwillig geschieht, auch okay.

Sicher ist es prinzipiell möglich, eigene Organe und deren Verkauf als Dienstleistung zu verstehen. Das Modell „Organhandel als Dienstleistung“ reproduziert jedoch eine traditionell kapitalistische Vorstellung, nämlich dass alles, was zwischen zwei Menschen geschieht, prinzipiell käuflich ist und einen käuflichen Wert hat. Diese Auffassung ist seit etwa 500 Jahren in unser Gesellschaft vorherrschend und erst mit Aufkommen des Marxismus vor rund 160 Jahren hinterfragt worden.

Aber wenn die Bereitstellung eines Organs zur Rettung des Lebens eines anderen „freiwillig“ im Rahmen eines geregelten Konsumverhältnisses geschieht, dann scheint plötzlich wieder alles paletti zu sein? Dass „Consent“, also die formale Zustimmung aller Beteiligten eine ausreichende Legitimation für die Entnahme eines Organs ist, damit ein anderer, reicherer Mensch, die Möglichkeit hat, damit weiterzuleben, scheint zum Common Sense zu werden. Der ärmere Mensch hat immerhin seine Zustimmung gegeben und muss ja selbst keine Lust auf ein eigenes, gesundes Leben haben, solange er dafür bezahlt worden ist.

Dass Reiche ein natürliches Recht auf die Ausbeutung, insbesondere die körperliche Ausbeutung ärmere Menschen haben, glauben viele. Reiche haben Privilegien, „eure Armut kotzt mich an“ habe ich in der Debatte mehrfach gehört. Wenn sie Arme nicht mehr wie früher zur Sklavenarbeit zwingen dürfen, dann muss eben der Markt einspringen. Manche sehen im Organhandel sogar eine Spezialform von „Care“, vergleichen sie also mit der Fürsorge für kranke oder pflegebedürftige Menschen, die ja bereits von vielen Menschen aus ärmeren Ländern übernommen wird. Aber ist der Wunsch nach Überleben mit einem fremden Organ wirklich vergleichbar mit dem Bedürfnis nach Nahrung und Körperpflege?

Ich finde es nicht. Zumal es allzu oft auch gar nicht der Wunsch nach einer generellen Form der Ausbeutung ist, sondern der spezielle Anspruch auf ein gesundes Organ eines armen Menschen. Eine Pro-Organhandel-Aktivistin sagte mir mal, es sei doch kein Wunder, dass Reiche den privaten Organhandel suchten, angesichts der strengen Auflagen der staatlichen Organvergabe. Da ist der Weg in den privaten Organmarkt ja wohl bestes Wohlstandsrecht! Wofür arbeiten wir denn schließlich alle und zahlen Steuern? Wofür gibt es die Dritte Welt denn überhaupt, wenn nicht dafür, uns mit fehlenden Ressourcen, im Zweifel eben Organen zu versorgen?

Organhandel ist letzten Endes die institutionalisierte Idee vom Recht auf kapitalistischen Egoismus. Seine Existenz garantiert, das Reiche ihr Recht auf Überleben auf Kosten der Gesundheit Ärmerer in Anspruch nehmen können, ohne sich Gedanken über das Überleben des Spenders machen zu müssen – denn sie bezahlen ihn immerhin dafür. Organhandel bestärkt so die Idee einer Gesellschaft, in der alles käuflich ist und der Reiche am Ende immer gewinnt.

Die Frage nach der Käuflichkeit als Voraussetzung für Organhandel gehört deshalb aus meiner Sicht ins Zentrum der Debatte. Warum haben Menschen überhaupt den Anspruch, Organe anderer Menschen zu kaufen, obwohl sie wissen, dass diese nach der Organentnahme krank werden oder sterben und ihre Organe nur verkaufen, weil ihnen der ökonomische Zwang keine andere Wahl lässt? Wie wirkt sich diese Geringschätzung menschlichen Lebens auf das Verhältnis der Menschlichkeit untereinander aus?

Das ist der „StreitWert“, um den es hier geht. Darüber sollten wir streiten – und nicht über die Verschärfung von Gesetzen.

Für alle, die daran Zweifel haben sollten: Dies hier ist eine Polemik und eine Erwiderung auf einen Artikel, der vor einigen Tagen zum “Streitwert” von Prostitution erschien.

0 Kommentare

  1. Eines fehlt meiner Ansicht noch. Wäre der Lebensstil der reichen Menschen gesünder, dann bräuchten sie nicht irgendwann ein neues Organ, weil das eigene unter der Belastung versagt hat. Das sollte in meinen Augen berücksichtigt werden. Natürlich ist das mit Vorsicht zu geniessen. Nicht dass es irgendwann heißt Krankheit sei immer selbst verschuldet (der Meinung bin ich nicht). Aber wenn man sich den Lebensstil mancher ansieht, ist es kein Wunder, dass dann irgendwann etwas versagt.

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