Wie wir uns verbünden: Vertrauen als Fundament, Diversität als Chance

Feminist Suffrage Parade in New York 1912

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Wie können sich Frauen untereinander erfolgreich verbünden? Wie müsste die Beschaffenheit eines Frauenbündnisses sein und was wurde eigentlich aus der uneingeschränkten Solidarität der Sisterhood?

Der Feminismus präsentiert sich oftmals als eine Splitterlandschaft scheinbar unüberwindlicher Gegensätze, die Geschichte vieler Projekte ist die Geschichte von Frauenfreundschaften und Verrat, über die die Projekte schließlich begraben wurden. Warum ist es so schwierig, gerade in frauenpolitischen Zusammenhängen, eine stabile und erfolgreiche Zusammenarbeit herzustellen, warum sind es oft die scheinbar persönlichen Gegensätze trotz ähnlicher oder gleicher Ziele, die dazu führen, das gute Projekte und sogar Freundschaften scheitern? Warum folgt auf die Forderung nach Solidarität so oft der Verrat?

Die Konflikte unter Frauen werden als Beweis dafür betrachtet, dass das Wesen der Frauen genuin streitsüchtig und zänkisch ist – das Patriarchat reibt sich die Hände. Die Ursache liegt in unserer männlich geprägten Wahrnehmung von Konkurrenz, der wir nur Solidarität entgegenzuhalten vermögen. Doch Frauenbünde können anders sein – wenn wir uns vom Mann als Bezugspunkt verabschieden.

Der Mann im Zentrum

Wir werden in einer Welt sozialisiert, in der der weiße, heteronormative Mann das Zentrum allen Denkens ist. Von ihm aus wird gedacht und er selbst denkt für uns Welt, ordnet sie sprachlich, in Diskursen, die wir als „Normalität“ übernehmen. Zu diesen Diskursen gehört in unterschiedlicher Form aber auch die Abwertung der Frau – als Abweichung von der Normalität, aber auch als Feindbild, das ganz unterschiedlich gezeichnet wird. Mal sind wir zu dumm, mal zu emotional, mal sind wir am besten für Hausarbeit und Mütterlichkeit geeignet, mal nur als Sexobjekte. Der Grund, warum sich so wenige Frauen gegen genau diese Zuschreibungen auflehnen, ist, dass dieses Denken ein Teil ihres eigenen geworden ist, weil sie ja nur in den männlichen Kategorien denken gelernt hat. Frauendenken in patriarchalen Strukturen bedeutet das Denken und Fortschreiben der eigenen Abwertung. Wir machen seine Sichtweise zu unserer und erleben sie nicht als eine fremde, weil sie uns von Anfang an als selbstverständlich, als „natürlich“ beigebracht wird. Wir haben verinnerlicht, dass unsere Geschlechtsgenossinnen „zickig“ sind, zu „emotional“ und dass ihnen irgendwie nicht zu trauen ist, so wie die Männer den Frauen nicht trauen. Wir haben die Angst und das Misstrauen der Männer vor den Frauen auf andere Frauen übertragen, wir lassen unser Verhältnis zu ihnen von der Denkweise des Patriarchats bestimmen. Doch das ist noch nicht alles.

Das Märchen vom Prinzen

Eine der mächtigsten Erzählungen des Patriarchats in seiner neueren Geschichte ist die des Prinzen. Jedem Mädchen wird von klein auf beigebracht, dass ihr ganzes Glück einzig und allein davon abhängt, einen Partner zu finden, einen Mann. Jeder Popsong, jeder Kinder- und jeder Kinofilm handeln von der einen, großen Liebe zu einem Mann, nur sie und sie allein kann uns glücklich machen. Wir können gesund, reich und wunderschön sein, eine tolle Familie und Freunde haben, interessante Hobbies und Berufe, ja sogar Kinder – so lange wir keinen Mann haben, sind wir nicht vollkommen, ja dürfen wir gar nicht glücklich sein. Das Konzept der Ehe, der Partnerschaft, unser Steuersystem, unser Unterhalts- und Sorgerecht, alles ist darauf ausgelegt, einzig und allein dieses Konzept zu unterstützen. Also gehen junge und alte Frauen hinaus, sie suchen ihn, den Prinzen, jenen einen, der sie mit seiner bloßen Anwesenheit glücklich macht – und finden ihn nicht, weil es ihn nicht gibt. Wir halten Betrug, Streit, sogar Gewalt aus und geben die Suche immer noch nicht auf. Dass es am Konzept des Prinzen liegt, dass wir nicht glücklich werden, darauf kommen wir nicht – nein, es muss an uns liegen, dass wir ihn nicht finden. Wer sich ehrlich andere Partnerschaften anschaut, erkennt, aus wie vielen Kompromissen sie oft bestehen, Kompromisse, die für andere nicht auszuhalten wären, wie brüchig sie sind, wie viele von ihnen schließlich enden, weil die Träume platzen. Und trotzdem geht die Suche weiter – während das Selbstwertgefühl sinkt.

Die Suche nach dem Prinzen ist nicht nur ein Motiv, sie sorgt auch dafür, dass wir andere Frauen prinzipiell als Konkurrenz ansehen – es ist sogar legitim, seine beste Freundin im Stich zu lassen, ihr den Freund auszuspannen, wenn es denn nur die romantische Liebe ist, die uns bewegt. Der Partner der anderen könnte genauso gut der eigene Prinz sein, weil es nicht um ihn als Mensch, sondern als Mann, als Symbol geht. Wer in dieser Gesellschaft nicht von einem Mann begehrt wird, der ist nichts. Dieses Gefühl der Unvollkommenheit ist mächtig in unserem Inneren – und wir glauben, es nur mit der Liebe eines Mannes stopfen zu können. Es geht um das innere Überleben. All die Widersprüche, Begrenzungen, Demütigungen, auf die wir so tagtäglich stoßen, erleben wir nicht als ein System, das es zu beenden gilt, sondern wir wollen sie abfangen, sie neutralisieren durch „persönliches Glück“ in Form der romantischen Liebe. Und das ist perfide: Statt also einen berechtigten Wutanfall über das geringere Gehalt zu bekommen, die alltäglichen sexuellen Belästigungen im öffentlichen Raum, die Doppelbelastung, all jene Dinge, die uns allen jeden Tag begegnen und sich dagegen zu erheben, suchen wir lieber den Prinzen, der unseren Körper für kurze Zeit mit einem Glücksrausch versorgt und das Unaushaltbare erträglich macht. Wenn das Glück dann endet, endet nicht nur die Beziehung, sondern auch jener Schutzwall vor den Zumutungen der patriarchalen Welt.

Selbsthass und Verdrängung

Frauen kämpfen jeden Tag darum, den Irrsinn, dem sie ausgesetzt sind, irgendwie psychisch zu überleben, ihre innere Integrität zu bewahren. Bei vielen, den allermeisten funktioniert das über Verdrängung. Sie erteilen dem Feminismus eine Absage, weil es schlicht zu wehtun würde, zu unerträglich wäre, sich einzugestehen, in was für einem Schlamassel wir stecken. Es ist mit dem Patriarchat wie mit dem Kapitalismus – viele denken, sich irgendwie darin einrichten zu können, damit klar kommen zu können, sich eine Nische einzurichten, in der die Spielregeln nicht gelten. Aber diese Nische ist eine Illusion. Die Absage an den Feminismus ist nur die Wut darüber, diese Illusion nicht aufrecht erhalten zu können, sie ist im schlimmsten Fall ein Ausdruck von Selbsthass und der vollständigen Kapitulation vor den Umständen. Nicht selten ist es aber auch eine Absage an den Feminismus als Ideologie, zu der ihn der Antifeminismus gemacht hat – und zu dem wir ihn oftmals preisgeben. Eine Ideologie, in der es angeblich nur Dogmen gibt und die den Feminismus zu einer Ansammlung von exklusiven Zirkeln macht, von denen jeder für sich beansprucht, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein. Die eigene Wahrheit ist eine Absage an die Wahrheiten der anderen, ein absolutes Ausschlusskriterium, das sogar vorsichtigen Austausch oft unmöglich macht. Denn: Wer im Besitz der Wahrheit, der Deutungshoheit ist, der hat die Macht. Weil aber Frauen so ungerne zugeben, dass auch sie Macht gut finden, nur eben nicht in der Weise, die Männer ausgeprägt haben, kämpfen wir nicht um Macht, sondern um die Wahrheit und im Namen derselben findet ein schreckliches Hauen und Stechen statt, das umso schrecklicher ist, weil es eben ideologisch überhöht ist. Wir stehen uns unter der gleichen Fahne feindlich gegenüber. Aus ehemaligen Weggefährtinnen werden Gegnerinnen. Allianzen brechen auf, Projekte versanden. Und warum das alles?

Konkurrenz ist der Motor des Kapitalismus

Frauen wird systematisch beigebracht, der jeweils anderen zu misstrauen, sie als Konkurrenz in der verzweifelten Jagd nach dem eigenen Lebensglück zu betrachten. Konkurrenz zieht sich wie ein roter Faden durch die Spurensuche nach der fehlenden Frauensolidarität. Patriarchat und Kapitalismus gehen Hand in Hand – und was sie am Leben erhält ist, dass wir uns alle als Konkurrenten um Essen, Jobs, Geld, Wohnungen, Ausbildungsplätze gegenüberstehen. Im Kapitalismus ist alles, was einer mehr hat, das, was ein anderer zu wenig hat. Männer werden zu Konkurrenten erzogen, bei ihnen werden Eigenschaften bewusst geprägt, die sie für diesen Konkurrenzkampf aufstellen. Nun nehmen Frauen auch an diesem Konkurrenzkampf teil – aber mit deutlich schlechteren Startbedingungen – denn zum einen sind sie schlichtweg keine Männer – und damit im Patriarchat schon von Grund auf weniger als ein Mann – zum anderen werden ihnen keine Erfolgseigenschaften eingebläut, sondern lauter Sachen, die eher hinderlich sind in einer Ellenbogengesellschaft. „Frauen sind eben mitfühlender“, heißt es dann. Trotzdem müssen sie in diesem Konkurrenzkampf bestehen – und das funktioniert oft nur, wenn sie schwierige Bündnisse mit Männern eingehen und sich vom Rest ihres Geschlechts lossagen. „Ich bin nicht so wie die“, heißt es dann. „Mir machen sexistische Sprüche und harter Konkurrenzkampf nichts aus.“ Sie arbeiten härter, besser, um ihr „weniger“ auszugleichen und sehen dabei nicht, dass ihr „weniger“ nur ein Trick des Patriarchats ist, um Männer auf- und Frauen abzuwerten.
Auf diese Weise hoffen Frauen, in der Männergesellschaft Anerkennung zu bekommen – und für den Verrat an den eigenen Schwestern werden sie sicherlich gelobt – doch bis in den inneren Zirkel schaffen sie es trotzdem nicht. Aus diesem Grund nimmt die Anzahl von Frauen in deutschen Vorständen ab, statt zu. Trotzdem sind viele Frauen begeistert dabei, sich im Kapitalismus als besonders „verwertbar“ zu präsentieren. Ihr „weniger“ endgültig ausgleichen kann dennoch keine von ihnen, denn es ist eines der Gesetze, die das Patriarchat am Leben erhält. Wer sein Gegenteil beweisen will, hat es schon anerkannt.

Das Problem mit der Gleichheit

Das Problem der Konkurrenz ist allerdings mit dem einfachen Ruf nach Solidarität im Feminismus nicht zu lösen. In der 2. Welle des Feminismus entstand die Idee der „Sisterhood“, der uneingeschränkten Solidarität unter Frauen im Kampf gegen das Patriarchat. Das Problem mit der Solidarität ist, dass sie uns zu Leidensschwestern macht, nicht zu Kampfgefährtinnen. Sisterhood geht je nach Definition sogar davon aus, dass es Eigenschaften gibt, die allen Frauen einig sind. Das wiederum beinhaltet die sexistische Zuschreibung, dass unsere Persönlichkeit durch unser Geschlecht bestimmt wird.

Die beiden Autorinnen Sidney Abott und Barbara Love rückten den Begriff der Solidarität in einen anderen, wirkungsvolleren Zusammenhang:

Das Konzept weiblicher Solidarität ist der Schlüssel für eine geschlossene, organisierte und beharrliche Arbeit an der Neuordnung der Gesellschaft. Aber emotionale Emotionalität – das Bewusstsein gemeinsamen Leidens – allein genügt nicht, denn sie beruht auf der Erkenntnis gemeinsamer Ohnmacht, was die Ohnmacht der Frau noch verstärken könnte.

Sisterhood bedeutet, dass alle Frauen durch eine gemeinsame Erfahrung definiert werden, und zwar nur durch sie: Die Unterdrückung durch das Patriarchat. Auch im Kampf gegen die hegemoniale Männlichkeit werden Frauen nur durch den Umstand definiert, dass sie Frauen sind. Uns Frauen steht nur die Sprache der Männer zur Verfügung, um uns zu definieren, mehr noch, wir haben nur die Bezugspunkte der Männer, um uns zu definieren. Das Patriarchat, seine Arbeitsteilung und sein Wertediskurs haben erfolgreich verhindert, dass wir eine eigene Transzendenz entwickeln. Um uns dagegen zu wehren, erklärt das Konzept der Sisterhood, dass Frauen in ihrer Abwertung durch den Mann alle gleich sind – und leitet daraus den Anspruch der Solidarität ab. Auf diese Weise wird auch die Frauenbewegung nur durch ihre gemeinsame Erfahrung der männlichen Unterdrückung definiert. Doch damit bleibt sie im Anfangswiderspruch verhaftet, anstatt ihn zu überwinden. In Abgrenzung zum männlichen Verständnis entwickelte die 2. Welle des Feminismus die Selbsterfahrungsgruppen, in denen Frauen sprechen konnten, gehört wurden. Die persönliche Erfahrung bekam endlich die Relevanz, die ihr das Patriarchat so lange verwehrt hatte. Dieses Erbe ist dem Feminismus bis heute erhalten geblieben – gerade weil wir uns nicht wie Männer verhalten wollen, die keinen Raum für Persönliches, für Gefühle lassen, geben wir dem Gefühl, dem Persönlichen jeden Raum, den es braucht. Genau das führt dazu, dass das Persönliche im Zweifelsfall mehr wiegt als die gemeinsamen Ziele – und wichtige Projekte dem Untergang geweiht sind. Solidarität wird zu einer Art Ideologie, die keine Abweichung duldet – und findet sie dennoch statt, ist sie gleichbedeutend mit Verrat. Sehr unterschiedliche Frauen hatten sich gleich zu fühlen – oder sprachen für andere. Es ist daher nicht verwunderlich, dass es die Women of Colour waren, die das Konzept der Sisterhood kritisierten – weil sie darin einen exklusiven Bund weißer Mittelklasse-Feministinnen erkannten. Solidarität als einzige Waffe gegen hegemoniale Männlichkeit taugt nichts, wenn sich hinter diesem Schirm der Solidarität kein eigenes, neues Bezugssystem entwickelt.

Die Solidarität, die als Ersatz für fehlende Regeln im Austausch zwischen Frauen dient, ist ein armseliger Schutz gegen die Verachtung des weiblichen Geschlechts durch die Gesellschaft. [1]

Wenn nämlich der einzige Bezugspunkt die gemeinsame Unterdrückungserfahrung durch Männer ist, dann bleiben wir dem Patriarchat verhaftet. Die Idee des Persönlichen und der exklusiven Solidarität leugnet außerdem, dass es auch unter Frauen Machtstreben gibt. Machtstreben ist stark männlich konnotiert – und wird unter Frauen überhaupt nicht gerne gesehen, insbesondere nicht im Feminismus. Dass die Macht und der Einfluss einer Einzelnen aber bedeuten, dass sich Macht und Einfluss aller erhöhen, wird ignoriert. Das Konzept der uneingeschränkten Solidarität bedeutet, dass, weil keine Einzelne Erfolg haben kann, Einfluss, Macht, es auch die Gruppe nicht bekommt. Selbst wenn die Machtdifferenz innerhalb des gemeinsamen Ziels auftritt, so wird sie kritisiert und im Zweifelsfall das gemeinsame Ziel aufgegeben. Wir wollen solidarisch sein und vertrauen uns nicht. Solidarität wird zum Zwangssystem gegen das tief eingepflanzte Misstrauen und kann doch die Brüche nicht überdecken. Wir wollen nicht darauf vertrauen, dass der Erfolg der einen, ihre Bestätigung und Aufwertung, auch uns zum Vorteil gereicht. Dabei wäre das so einfach.

Wohin du auch gehst, nimm eine Frau mit

schrieb Gloria Steinem, eine Handlungsmaxime, die jede von uns im Herzen tragen kann, ohne die jeweils andere ändern zu wollen.

Absolute Solidarität ist so ein hoher Anspruch, dass daran nur gescheitert werden kann. Und er ist widersprüchlich. Wem gehört nun die Solidarität? Der einen, die gerade erfolgreich etwas umsetzt, oder der anderen, die nicht voran kommt? Beide werden sich im Zweifelsfalle enttäuscht äußern. Solidarität legt es darauf an, die Unterschiede zwischen uns, die durch Alter, Herkunft, Lebenserfahrung entstehen, einfach zu verwischen – und beraubt uns so wichtiger Ressourcen für unser eigenes Diskurssystem.

Bezugspunkte außerhalb der hegemonialen Männlichkeit

Es ist entscheidend, dass wir uns ein Bezugssystem außerhalb von männlichen Diskursen schaffen, eines, in dem uns Frauen als Vorbilder und Mentorinnen dienen, in denen zum Beispiel die eigene Mutter keine Gehilfin des Patriarchats, sondern unsere Lehrerin ist. Berühmte Schriftstellerinnen wie Jane Austen oder Emily Dickinson erschufen ihr Werk nur aus Bezugspunkten zu anderen Frauen, anderen Schriftstellerinnen. Das bedeutet aber noch nicht, dass sie versuchten, ihnen gleich zu sein, oder gar „solidarisch“.

Weiter noch: Während der 2. Welle des Feminismus wurden wir zwar vom Zwang des Kinderkriegens befreit – doch diese Freiheit nutzen wir heute nur noch dazu, uns mit gleicher Begeisterung wie die Männer in den kapitalistischen Konkurrenzkampf zu stürzen. Wir erklären uns solidarisch im Kampf um gleichen Lohn und Frauenquoten, ganz gleich, ob wir an diesem Konkurrenzkampf überhaupt teilnehmen wollen, wir stellen ihn noch nicht einmal in Frage. Wir wollen im System Mann besser dastehen, anstatt uns ein eigenes System zu schaffen. Unser Bezugssystem war und ist der Mann.

In dem Buch „Wie weibliche Freiheit entsteht“, das von Frauen des Mailänder Buchladens geschrieben und inzwischen in der fünften Auflage erschienen ist, stellen die Frauen auf Grundlage ihrer eigenen Erfahrung ein Konzept vor, dass nur auf den ersten Blick wie ein Gegensatz zu Sisterhood erscheint: „Affidamento“, was auf Deutsch so viel bedeutet wie „sich anvertrauen“. Dieses sich anvertrauen – der Mutter, einem Vorbild, einer anderen Frau, heißt, die Unterschiede stehen zu lassen, ein Bündnis zu schließen, das seine Wirkung erst ob dieser Unterschiede überhaupt entfaltet. Wer für eine andere Frau eintritt, tritt damit für sich selbst ein. [2] So werden eine Vielzahl von Bezugspunkten im System weiblicher Transzendenz geschaffen, die über sich selbst hinaus wirken. Zu lernen, uns gegenseitig zu vertrauen, ist wichtiger als gegenseitige Solidarität als Leidensgenossinnen. Diese war und ist ein wichtiger Schritt im Erkennen der männlichen Unterdrückung, im Schmerz, der entsteht, wenn die Erkenntnis ob der sichtbaren und unsichtbaren Gewalt durchschlägt. Wenn wir die männliche Unterdrückung aber überwinden wollen, dann müssen wir von dort aus weiterdenken, wir müssen dem Patriarchat unser eigenes „Anderes“ entgegensetzen, dass nicht nur ein Negativbild männlicher Denk- und Verhaltensweisen ist, sondern aus sich selbst heraus besteht. Solidarität ist der Ausdruck des gegenseitigen Hörens, der Wahrnehmung der Geschichte der anderen und ihrer persönlichen Hintergründe. Als Handlungsmotiv taugt sie nur wenig. Wir sind unterschiedlich, wir haben unterschiedliche Stärken und kommen aus unterschiedlichen Hintergründen. Genau das ist eine Stärke. Wenn wir diese erfolgreich einbringen wollen, müssen wir uns gegenseitig vertrauensvoll unterstützen.  Es muss Raum geben für das Persönliche ohne dass es zur Bedrohung für die anderen wird. Wir müssen ein Netz weben, das stark genug ist, der Differenz untereinander darin Platz zu geben und das dadurch an Qualität und Quantität gewinnt. Wir müssen ein vielfältiges Angebot weiblicher Identität schaffen, das unabhängig von männlichen Deutungen ist – damit unsere Töchter daraus wählen können. Im System Mann bleibt unsere einzige Waffe die Solidarität. Im System Frau ist Vertrauen das Fundament und der Kitt – und war es, wie uns die Matriarchatsforschung zeigt, schon immer. Aufweichung müssen wir nur dann fürchten, wenn wir der Tragfähigkeit unserer Erkenntnisse nicht vertrauen. Wenn wir aber wollen, dass unsere Gedanken da hinaus in die Welt gehen, Wurzeln schlagen, sich vermehren, wachsen und so eine Vielfalt an weiblichen Gedankenkindern entsteht, dann müssen wir sie freigeben, sie loslassen, unser Wächtertum über die absolute Wahrheit aufgeben und zulassen, dass andere daraus ihre eigene Wahrheit bauen und mit ihnen in Austausch treten. Wenn wir uns dem verwehren, bleibt uns nur der vom Patriarchat angebotene Platz in der Welt. Und wie der aussieht, haben wir zur Genüge erfahren.

[1] Libreria delle donne die Milano. Wie weibliche Freiheit entsteht, S. 163
[2] Wie weibliche Freiheit entsteht, S. 131

Libreria delle donne die Milano. Wie weibliche Freiheit entsteht. Orlanda 2001

6 Kommentare

  1. Das Patriarchat hat ja als Erstes dafür geschaut, dass Frauen auseinander dividiert und vereinzelt werden. A. Alibi hat das despektierlich “Jedem Hahn seine Henne, (Ehe)” genannt: Durch die tausend täglichen kleinen und grossen Ungerechtigkeiten, im öffentlichen Raum, bei der Arbeit, ja, überall, denkt halt die Frau, dass sie lieber von EINEM Mann gedemütigt wird, als von allen zur “bitch”, resp. “Schlampe” erklärt wird. IMMER NOCH! Das ist die erste Waffe des Patriarchats, aber beileibe nicht die Letzte. Sie haben es mit den Frauen wie bei den Sklaven gemacht. Gegeneinander ausspielen.

  2. PS: Ach ja, 2. Waffe: Sie hören NIE zu, aber wissen alles BESSER. Anschliessend verdrehen sie es und sagen Frau würde sich wahlweise unklar oder zu emotional ausdrücken. M.a.W: wenn man überlegt, ruhig und sachlich spricht, wird man einfach übergangen. Brüllt man nach dem 10. Mal, ist man, resp. Frau hysterisch. Ja, es stimmt auch nicht ganz, dass sie nicht zuhören. Sie hören einfach NUR was sie hören wollen. Das andere wird ausgeblendet. Ohrenpfropfen und durch!—-Wieder auf die eigene Schiene.

  3. Hmm, da ich in der DDR sozialisiert wurde, kenne ich das sisterhood-Konzept nicht so gut. “Affidamento” klingt toll und danach, etwas Neues erschaffen zu können. Ich habe da aber persönliche Bedenken. Meiner Meinung nach ist der Zusammenhalt unter Frauen auch deshalb so schwierig, weil ein Verrat unter Frauen wesentlich schwerer wiegt und deshalb emotionaler aufgenommen wird. Nach dem Motto: bei den Männern ist man es ja gewöhnt, aber von dir hätte ich das nicht erwartet. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Verrat der Mutter als primäre Bezugsperson und weibliches Vorbild tiefe Spuren hinterlassen kann. Zumindest mir geht es so, schlimme Dinge durch die Mutter waren schlimmer als die durch den Vater. Daher habe ich einen gewissen Abstand zu einem Konzept wie Affidamento. Es fühlt sich nach einer Verbundenheit an, die schnell emotional werden kann. Ich persönlich versuche es bisher immer mit einer “Frauensolidarität”, wobei ich Solidarität im “guten alten” sozialdemokratischen Stil interpretiert habe. D.h. ich versuche, Partei für andere Frauen zu ergreifen und sie zu unterstützen, wenn ich denke, dass sie strukturell benachteiligt werden, und ich mache diese Benachteiligungen und meine Meinung und Unterstützung öffentlich. Dabei muss ich der jeweiligen Frau nicht unbedingt nah kommen, sie kann auch ganz anders sein als ich, und ich muss nicht unbedingt eine extrem persönliche Beziehung zu ihr aufbauen, wenn ich sie nicht mag. Das schützt mich und ich kann trotzdem ein bisschen was versuchen. Klingt jetzt vielleicht nicht grad spektakulär und ist auch nichts frauenbezogen-neues, aber besser als nichts, gerade wenn man vertrauens-geschädigt ist.

  4. Anne Süss

    Das ist mir alles zu schwammig. Wie soll denn so ein “anderes” Konzept aussehen?
    Ich stimme der Autorin insoweit zu dass die Strategie “einer führt und alle folgen” sehr undemokratisch (und daher sehr unweiblich) aber äußerst erfolgreich ist. Die Geschichte und Gegenwart der Diktaturen, allesamt männlich, zeigt dass auch die verrücktesten Vorstellungen von wenigen “Entscheiden” gelenkt und durchgesetzt werden können und das Schicksal von Millionen beeinflussen.
    Daher müssen sich auch Feministinnen vom Konzept des “kleinsten gemeinsamen Nenners” verabschieden und akzeptieren dass wir “Gesichter” und “Ideen” brauchen und Frauen in den entscheidenden Positionen in Politik, Justiz und Wirtschaft besetzen müssen (Frauenquote) die die Geschicke für ihr Geschlecht positiv beeinflussen.
    Frau kann beim Poker nicht sagen “Ich spiele nicht mit weil das Spiel doof ist.” Sie muss mitspielen und nach und nach die Spieler k.o. setzen um dann die Bank zu sprengen und das Casino zu kaufen – um daraus ein Mutter-Kind-Heim zu machen.

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